Mat grinste die Frau an, als sie niederkniete, um seine Pfeife zu entzünden. Der Blick aus grünen Augen, der ihn von unter ihrer Kapuze her traf, war alles andere als demütig und ließ sein Grinsen augenblicklich verschwinden. Unwirsch rollte er sich herum auf den Bauch. Ein dünner, blauer Rauchfaden erhob sich aus seinem Pfeifenkopf. Es war zu schade, daß er den Ausdruck der Befriedigung auf ihrem Gesicht nicht mehr sehen konnte, allerdings auch nicht, wie er unter einem Erröten wieder verschwand, nachdem Amys ihr einen scharfen Blick zugeworfen hatte. Die junge Frau mit ihren grünen Augen hastete hinaus. Sie wirkte dabei unglaublich beschämt. Und Aviendha, der es so widerstrebte, den Speer aufzugeben, und die sich immer noch als Speerschwester aller Töchter des Speers ansah, gleich, welchen Clans...? Sie blickte der Gai'schain so mißbilligend nach, wie es Frau al'Vere getan hätte, wenn ihr jemand auf den frisch geputzten Boden gespuckt hätte. Ein seltsames Volk. Egwene war die einzige, in deren Blick Rand wenigstens noch etwas Mitgefühl wahrnehmen konnte.
»Die Goshien und die Shaarad«, murmelte er in seinen Wein hinein. Rhuarc hatte ihm gesagt, jeder Clanhäuptling werde ein paar Krieger in die Goldene Schale mitbringen —als Ehrenwache — und jeder Septimenhäuptling ebenfalls. Alles zusammen bedeutete das, daß vielleicht tausend Krieger aus jedem Clan kommen würden. Zwölf Clans. Zwölftausend Männer und Frauen würden also schließlich dort eintreffen, alle in ihren eigenartigen Ehrbegriffen befangen und bereit, den Tanz der Speere zu tanzen, sobald auch nur eine Katze niesen mußte. Vielleicht mehr, wegen des Jahrmarkts. Er blickte auf. »Sie haben doch eine Fehde miteinander, nicht wahr?« Rhuarc und Lan nickten gleichzeitig. »Ich weiß, Ihr habt gesagt, daß so etwas Ähnliches wie der Friede von Rhuidean auch dort zutrifft, Rhuarc, aber ich habe auch gesehen, inwieweit dieser Friede Couladin und die Shaido zurückgehalten hat. Vielleicht sollte ich sofort dorthin aufbrechen. Falls die Goshien und die Shaarad zu kämpfen anfangen... So etwas könnte Wellen schlagen. Ich will, daß alle Aiel hinter mir stehen, Rhuarc.« »Die Goshien sind keine Shaido«, sagte Melaine in scharfem Ton, wobei sie ihre rotgoldene Mähne wie eine Löwin schüttelte.
»Und die Shaarad auch nicht.« Bains schrille Stimme war dünner als die der jüngeren Frau, klang aber nicht weniger entschieden. »Es kann schon sein, daß Jheran und Bael versuchen, sich gegenseitig umzubringen, bevor sie in ihre Festungen zurückkehren, aber nicht in Alcair Dal.« »Nichts davon beantwortet Rand al'Thors Frage«, sagte Rhuarc. »Wenn Ihr nach Alcair Dal geht, bevor alle Clanhäuptlinge ankommen, verlieren diejenigen ihre Ehre, die noch nicht da sind. Das ist keine gute Methode, um zu verkünden, daß Ihr der Car'a'carn seid, wenn Ihr Männer entehrt, die Ihr gerufen habt, um Euch zu folgen. Die Nakai haben den weitesten Weg. Noch einen Monat, und dann sind alle in Alcair Dal.« »Weniger«, sagte Seana mit kurzem Kopfschütteln. »Ich bin zweimal in Alseras Träumen gewesen, und sie sagt, daß Bruan den ganzen Weg von der Shiagifestung dorthin rennen will. Weniger als einen Monat.« »Um sicherzugehen, solltet Ihr in einem Monat abreisen«, sagte Rhuarc zu Rand. »Es sind ungefähr drei Tage bis Alcair Dal. Vielleicht auch vier. Bis dahin sind alle dort.« Einen Monat warten. Er rieb sich das Kinn. Zu lange. Zu lange, und doch hatte er keine Wahl. In den Legenden geschah immer alles so, wie es der Held geplant hatte, und anscheinend auch immer dann, wenn er es wünschte. Im wirklichen Leben geschah so etwas nur selten, selbst bei einem Ta'veren, der auch noch die ganze Macht der Weissagungen auf seiner Seite hatte. Im wirklichen Leben hieß es arbeiten und hoffen, und wenn man Glück hatte, trieb man ein halbes Brot auf, wo man ein ganzes brauchte. Und doch verlief wenigstens ein Teil seines Plans auf den richtigen Bahnen. Der gefährlichste Teil.
Moiraine hatte sich zwischen Lan und Amys ausgestreckt, nippte gemütlich an ihrem Wein und hatte die Lider halb geschlossen, als döse sie. Das glaubte er aber nicht. Sie sah und hörte alles. Doch im Augenblick hatte er nichts zu sagen, was sie nicht hören durfte. »Wie viele werden sich dagegenstellen, Rhuarc? Mir Widerstand leisten? Ihr habt die Dinge bisher nur angedeutet, aber niemals richtig angesprochen.« »Ich bin einfach nicht sicher«, erwiderte der Clanhäuptling, ohne die Pfeife aus dem Mund zu nehmen. »Wenn Ihr ihnen die Drachen zeigt, dann wissen sie Bescheid. Man kann die Drachen von Rhuidean nicht nachmachen.« Hatten sich Moiraines Wimpern bewegt? »Ihr seid derjenige, dessen Kommen uns geweissagt wurde. Ich werde Euch unterstützen, Bruan sicher auch, und auch Dhearic von den Reyn Aiel. Die anderen... ? Sevanna, Suladrics Frau, wird die Shaido hinführen, weil der Clan keinen Häuptling hat. Sie ist an sich zu jung dazu, Dachherrin einer Festung zu sein, und die Aussicht wird ihr nicht passen, nur noch ein Dach zu besitzen und keine ganze Festung, wenn jemand zum Nachfolger Suladrics erwählt wird. Und Sevanna ist so hinterhältig und verräterisch, wie es eine Shaido überhaupt nur sein kann. Und selbst wenn sie keine Schwierigkeiten macht, wird Couladin das tun. Er benimmt sich wie der Clanhäuptling und einige Shaido werden ihm folgen, obwohl er nicht in Rhuidean war. Die Shaido sind dumm genug dazu. Han von den Tomanelle könnte sich so oder so entscheiden. Er ist ein sehr schwieriger Mann, schwer zu durchschauen und richtig zu behandeln, und... « Er brach ab, als Lian leise murmelte: »Gibt es denn überhaupt andere Männer?« Rand glaubte nicht, daß dies für die Ohren des Clanhäuptlings bestimmt gewesen sei. Amys hob eine Hand, um dahinter ein Lächeln zu verbergen. Ihre Schwester-Frau barg das Gesicht unschuldig im Weinbecher.
»Wie ich schon sagte«, fuhr Rhuarc in resignierendem Tonfall fort, wobei er seine Frauen nacheinander anblickte, »kann ich eben nicht sicher sein. Die meisten werden Euch folgen. Vielleicht sogar alle. Möglicherweise auch die Shaido. Wir haben dreitausend Jahre lang auf den Mann gewartet, der die beiden Drachen an seinen Armen trägt. Wenn Ihr sie ihnen zeigt, wird keiner daran zweifeln, daß Ihr der Mann seid, der gesandt wurde, um uns zu einen.« Und sie zu vernichten; doch das erwähnte er jetzt nicht. »Die Frage ist nur, wie sie sich über ihr weiteres Verhalten entscheiden werden.« Er klopfte einen Moment lang mit dem Pfeifenstiel an seine Zähne. »Ihr werdet Euch nicht doch noch entscheiden, die Cadin'sor anzulegen?« »Und was beweise ich ihnen damit, Rhuarc? Daß ich ein nachgemachter Aiel bin? Da könnt Ihr genausogut Mat als Aiel einkleiden.« Mat erstickte beinahe an seiner Pfeife. »Ich werde ihnen nichts vorgaukeln. Ich bin, was ich bin, und sie müssen mich als das anerkennen.« Rand hob die Fäuste. Seine Ärmel rutschten weit genug herunter, um die goldmähnigen Köpfe auf seinen Unterarmen zu entblößen. »Diese hier sind der Beweis. Wenn das nicht reicht, reicht sowieso nichts mehr.« »Wohin wollt Ihr die ›Speere wieder in den Krieg führen‹?« fragte Moiraine plötzlich, und Mat erlitt den nächsten Erstickungsanfall. Er nahm die Pfeife aus dem Mund und sah sie an. Ihre dunklen Augen wirkten nicht mehr schläfrig.
Rand ballte krampfhaft die Fäuste, bis seine Gelenke knackten. Bei ihr den Schlaumeier spielen zu wollen war gefährlich. Das hätte er eigentlich wissen sollen. Sie erinnerte sich an jedes gehörte Wort, speicherte es, wälzte es in Gedanken hin und her und dachte darüber nach, bis sie wußte, was es bedeutete.
Er stand langsam auf. Alle beobachteten ihn. Egwene standen noch mehr Sorgenfalten im Gesicht als Mat, doch die Aiel warteten einfach nur ab. Gespräche von Krieg und ähnlichem störten sie nicht. Rhuarc wirkte sogar — zu allem bereit. Und Moiraines Gesicht zeigte eine eingefrorene Ruhe.
»Entschuldigt mich nun bitte«, sagte er. »Ich will mir eine Weile die Füße vertreten.« Aviendha stemmte sich hoch, und Egwene stand auf, aber keine ging ihm hinterher.