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Fallen

Draußen auf dem gepflastertem Gartenweg zwischen dem gelben Backsteinhaus und dem Gemüsegarten auf der Terrasse stand Rand und blickte in die Schlucht hinein. Er sah nicht viel außer den Nachmittagsschatten, die langsam die Sohle der Schlucht heraufkrochen. Wenn er nur darauf vertrauen könnte, daß ihn Moiraine nicht wie einen Hund an der Leine der Weißen Burg übergeben werde. Er hegte keine Zweifel daran, daß sie das fertigbringen könnte, ohne auch nur einmal die Macht einzusetzen, wenn er ihr im Kleinsten nachgab. Diese Frau konnte einen Stier durch ein Mauseloch führen, ohne daß er es überhaupt bemerkte. Er könnte sie benutzen. Licht, ich bin schon genauso schlimm wie sie. Die Aiel benutzen. Moiraine benutzen. Wenn ich ihr nur vertrauen könnte!

Er ging weiter in Richtung Schluchtausgang. Wann immer er konnte, wählte er einen Pfad, der abwärts führte. Sie waren alle eng und mit kleinen Steinen gepflastert. An steileren Stücken hatte man Stufen in den Felsen gehauen. Aus mehreren Schmieden erklang Hämmern und warf ein schwaches Echo. Nicht alle Gebäude waren Wohnhäuser. Durch eine geöffnete Tür sah er mehrere Frauen an Webstühlen. In einem anderen Haus arbeitete eine Silberschmiedin mit ihren kleinen Hämmern und Meißeln. Im nächsten saß ein Mann vor einer Töpferscheibe, arbeitete mit beiden Händen am Ton, während hinter ihm der Brennofen glühte. Männer und Jungen, außer den ganz Kleinen natürlich, trugen die Cadin'sor, Wams und Hosen in Grau- und Brauntönen, aber es gab subtile Unterschiede zwischen den Kriegern und den Handwerkern: ein kleineres Messer am Gürtel oder auch gar keines, oder vielleicht eine Schufa ohne den angehängten schwarzen Schleier. Aber als er einen Schmied beobachtete, wie der einen Speer in der Hand hielt, den er gerade mit einer einen Fuß langen Spitze versehen hatte, hegte er keinen Zweifel daran, daß der Mann die Waffe genauso verwenden wie herstellen konnte.

Die Pfade waren nicht gerade voll von Menschen, aber es waren doch eine Menge zu sehen. Kinder rannten lachend und spielend herum. Selbst die kleineren Mädchen taten eher so, als hielten sie einen Speer, als daß sie mit Puppen spielten. Gai'schain trugen hohe Tonkrüge mit Wasser auf dem Kopf oder jäteten Unkraut im Garten, oftmals angeleitet von einem Kind, das nicht älter als zehn oder zwölf war. Männer und Frauen erledigten ihr Tagwerk nicht viel anders, als es in Emondsfeld üblich war, ob sie nun vor der Tür fegten oder eine Mauer reparierten. Die Kinder beachteten ihn kaum, trotz seines roten Wamses und der Stiefel mit den dicken Sohlen, und bei den Gai'schain, die immer vollkommen in ihren Aufgaben aufgingen, war es sowieso schwer zu sagen, ob sie ihn bemerkten oder nicht. Doch die Handwerker und Krieger, Männer oder Frauen, alle Erwachsenen also, blickten ihm nachdenklich nach. Es war etwas wie nervöse Erwartung zu spüren.

Sehr kleine Jungen rannten barfuß in Kleidung herum, die der der Gai'schain ähnelte, doch in den gleichen Farbtönen gehalten war wie die Cadin'sor und nicht in Weiß. Auch die jüngsten Mädchen liefen barfuß umher und trugen kurze Kleidchen, die ihnen oft nicht einmal bis an die Knie reichten. Etwas an den Mädchen fiel ihm auf: Bis zum Alter von vielleicht zwölf Jahren trugen sie ihr Haar zu zwei Zöpfen geflochten, einen auf jeder Seite, die mit bunten Bändern geschmückt waren. Genauso hatte Egwene ihr Haar getragen. Das mußte doch wohl Zufall sein. Wahrscheinlich hatte sie damit aufgehört, weil ihr eine der Aielfrauen erzählte, daß die Kinder hier ihre Haare auf diese Art zu Zöpfen flochten. Dumm, überhaupt an so etwas zu denken. Jetzt hatte er es schließlich mit einer anderen Frau zu tun, die ihm Kopfzerbrechen machte: Aviendha.

Auf dem Boden der Schlucht feilschten bereits die Händler fleißig mit den Aiel, die sich um ihre Planwagen drängten. Zumindest die Fahrer nahmen an der Feilscherei teil und Keille, die diesmal einen blauen Spitzenschal auf ihre Elfenbeinkämme gehängt hatte. Sie handelte besonders hartnäckig und mit lauter Stimme. Kadere saß auf einem umgedrehten Faß im Schatten seines weißen Wohnwagens, hatte ein beigefarbenes Wams an, wischte sich das Gesicht ab und machte keine Anstalten, irgend etwas zu verkaufen. Er sah Rand und wollte schon aufstehen, ließ sich aber wieder zurücksinken. Isendre war nirgends zu sehen, wohl aber — zu Rands Überraschung — Natael. Sein Flickenumhang lockte eine Schar von Kindern an, die ihm hinterherrannten, und auch einige Erwachsene. Offensichtlich hatte ihn die Aussicht auf ein noch größeres und neues Publikum von den Shaido weggelockt. Oder vielleicht wollte ihn Keille auch nicht aus den Augen verlieren. So sehr sie auch mit Feilschen beschäftigt war, fand sie doch immer wieder Zeit, ihm finster hinterherzublicken.

Rand mied die Wagen. Er fragte einige Aiel und erfuhr schließlich, wohin die Jindo gegangen waren, nämlich jeder und jede zu dem Dach seiner oder ihrer Kriegergemeinschaft hier in der Kaltfelsenfestung. Das Dach der Töchter lag auf halber Höhe der immer noch im strahlenden Sonnenschein liegenden Ostwand der Schlucht. Es war ein aus grauem Stein erbautes rechteckiges Gebäude mit Dachgarten, das zweifellos innen wieder sehr viel größer war als von außen. Nicht, daß er die Innenseite zu sehen bekam. Ein Pärchen von Töchtern des Speers hockte mit Speer und Schild bewaffnet neben der Tür und weigerte sich, ihn einzulassen, amüsiert und gleichzeitig schockiert darüber, daß ein Mann hier Einlaß begehrte. Aber eine von ihnen erklärte sich bereit, seine Anfrage drinnen weiterzugeben.

Ein paar Minuten später kamen die Töchter aus den Jindo- und Neun-Täler-Septimen heraus, die im Stein von Tear gewesen waren. Und alle anderen Töchter der NeunTäler-Septime, die sich in der Kaltfelsenfestung aufhielten, kamen ebenfalls heraus, so daß der Pfad zu beiden Seiten dicht besetzt war und einige auf das Dach zu den Gemüsebeeten klettern mußten, um zuzusehen, was sich da Unterhaltsames abspielen werde. Gai'schain, sowohl männlich wie auch weiblich, folgten ihnen und servierten starken, dunklen Tee in kleinen Tassen. Die Regel, daß keine Männer das Dach der Töchter betreten durften, galt offensichtlich nicht für die Gai'schain.

Nachdem er mehrere Schmuckstücke betrachtet hatte, brachte ihm Adelin, die blonde Jindo-Frau mit der dünnen Narbe auf der Wange, ein breites Elfenbeinarmband, das reichlich mit Schnitzereien in Form von Rosen verziert war. Er dachte sich, es passe gut zu Aviendha, denn derjenige, der es geschnitzt hatte, hatte mit Sorgfalt zwischen den Blüten auch Dornen dargestellt.

Adelin war sogar für eine Aielfrau groß. Ihr fehlte höchstens eine Handbreit, um ihm in die Augen sehen zu können. Er sagte ihr natürlich nicht genau, warum er ein Schmuckstück brauchte, nur, daß es ein Geschenk sei als Belohnung für ihre Belehrungen, und nicht, weil er die Frau beruhigen wollte, damit er es in ihrer Nähe überhaupt aushalten konnte. Als sie seine Erklärung hörte, sah sie sich nach den anderen Töchtern des Speers um. Sie alle hatten ihr Grinsen abgelegt und beherrschten ihre Mienen eisern. »Ich werde hierfür nichts von Euch verlangen, Rand al'Thor«, sagte sie und drückte ihm das Armband in die Hand.

»Tue ich etwas Falsches?« fragte er. Wie würde eine Aiel das sehen? »Ich will Aviendha nicht irgendwie entehren.« »Es wird sie nicht entehren.« Sie winkte eine Gai'schain-Frau heran, die Keramiktassen und einen Krug auf einem silbernen Tablett trug. Sie goß zwei Tassen ein und gab ihm eine davon. »Vergeßt die Ehre nicht«, sagte sie und trank aus seiner Tasse.

Aviendha hatte so etwas nie erwähnt. Unsicher nippte er an dem bitteren Tee und wiederholte: »Vergeßt die Ehre nicht.« Es schien am sichersten, das zu wiederholen. Zu seiner Überraschung küßte sie ihn leicht auf beide Wangen.