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Eine ältere Tochter des Speers, grauhaarig, doch mit einem immer noch harten Gesicht, erschien vor ihm. »Vergeßt die Ehre nicht«, sagte sie und nippte am Tee.

Er mußte das Ritual mit jeder anwesenden Tochter wiederholen. Schließlich berührte er nur noch mit den Lippen den Rand der Tasse. Die Zeremonien der Aiel mochten ja kurz sein, und sie kamen schnell zur Sache, aber wenn man sie mit mehr als siebzig Frauen wiederholen mußte, hatte man irgendwann doch genug davon. Als er endlich entkam, kletterten die Schatten bereits an der Ostwand der Schlucht empor.

Er fand Aviendha schließlich in der Nähe von Lians Haus, wo sie lebhaft einen blaugestreiften Teppich ausklopfte, der auf einer Leine hing. Neben ihr waren weitere in den verschiedensten Farben aufgestapelt. Sie wischte sich schweißnasse Haarsträhnen von der Stirn und sah ihn ausdruckslos an, als er ihr das Armband überreichte und ihr sagte, es sei ein Geschenk als Dank für ihren Unterricht.

»Ich habe Freundinnen, die den Speer nicht trugen, schon Armreifen und Halsketten geschenkt, Rand al'Thor, aber ich habe noch nie eines getragen.« Ihre Stimme klang vollkommen ausdruckslos. »Solche Dinger klappern, machen Lärm und können einen verraten, wenn man leise sein sollte. Sie bleiben irgendwo hängen, wenn man sich schnell bewegen muß.« »Aber nun könnt Ihr es tragen, da Ihr ja eine Weise Frau werdet.« »Ja.« Sie drehte das Elfenbeinarmband ein paarmal herum, als sei sie nicht sicher, was sie damit anfangen solle, doch plötzlich steckte sie die Hand hindurch und hielt den Arm hoch, um ihn zu betrachten. Sie hätte genausogut eine Handschelle betrachten können.

»Wenn es Euch nicht gefällt... Aviendha, Adelin sagte, es werde Eure Ehre nicht beschneiden. Sie schien es sogar gut zu finden.« Er erwähnte diese Teezeremonie, und sie schloß krampfhaft die Augen und schauderte. »Was ist los?« »Sie glauben, daß Ihr euch bemüht, meine Zuneigung zu gewinnen.« Er konnte kaum glauben, wie ausdruckslos ihre Stimme klingen konnte. In ihren Augen stand keinerlei Gefühl. »Sie haben Euch deshalb anerkannt, als trüge ich noch den Speer.« »Licht! Na ja, es ist recht leicht, das geradezubiegen. Ich...« Er brach ab, als ihre Augen plötzlich zornig blitzten.

»Nein! Ihr habt ihre Zustimmung akzeptiert, und nun wollt Ihr sie zurückweisen? Das würde mich entehren! Glaubt Ihr etwa, Ihr wärt der erste Mann, der mein Interesse erregen will? Jetzt sollen sie eben glauben, was sie wollen. Es bedeutet nichts.« Sie verzog das Gesicht und ergriff mit beiden Händen den Teppichklopfer. »Geht weg!« Nach einem Blick auf das Armband fügte sie hinzu: »Ihr wißt wirklich nichts, oder? Ihr wißt gar nichts. Das ist nicht Euer Fehler.« Sie schien etwas zu wiederholen, was man ihr eingeredet hatte, oder vielleicht versuchte sie auch, es sich selbst einzureden: »Es tut mir leid, wenn ich Euch das Essen verdorben habe, Rand al'Thor. Bitte geht jetzt. Amys sagt, ich müsse all diese Teppiche und Läufer ausklopfen, gleich, wie lange ich brauche. Wenn Ihr weiter hier steht und mit mir redet, brauche ich bis morgen früh.« Sie wandte ihm den Rücken zu und hieb wild auf den gestreiften Teppich ein, so daß ihr Elfenbeinarmband hüpfte.

Er wußte nicht, ob sein Geschenk oder ein Befehl von Amys ihre Entschuldigung hervorgebracht hatte — er vermutete, eher das Letztere —, doch es klang tatsächlich, als habe sie es ehrlich gemeint. Sie war sicher nicht gerade erfreut, das merkte er ihrem harten Stöhnen an, unter dem sie mit voller Kraft den Teppich bearbeitete, aber ihr Blick hatte nicht einmal Haß gezeigt. Erregt, abgestoßen, vielleicht auch wütend, aber es war kein Haß dabei gewesen. Das war besser als nichts. Vielleicht würde sie schließlich noch richtig höflich werden.

Als er in das braun gekachelte Vorzimmer von Lians Haus trat, unterhielten sich die Weisen Frauen gerade lebhaft. Alle vier hatten die Schals lose über die Arme gehängt. Bei seinem Eintreten erstarb das Gespräch. »Ich lasse Euch zu Eurem Schlafzimmer bringen«, sagte Amys. »Die anderen haben ihre bereits bezogen.« »Danke schön.« Er blickte zur Tür zurück und runzelte leicht die Stirn. »Amys, habt Ihr Aviendha gesagt, sie solle sich bei mir wegen des Essens entschuldigen?« »Nein. Hat sie das?« Ihre blauen Augen blickten einen Moment lang nachdenklich drein. Er glaubte zu sehen, daß Bair ein Lächeln gerade noch unterdrückte. »Ich hätte ihr einen solchen Auftrag nie gegeben, Rand al'Thor. Eine erzwungene Entschuldigung ist nichts wert.« »Dem Mädchen wurde nur aufgetragen, die Teppiche auszuklopfen, bis ihre Wut einigermaßen verraucht ist«, sagte Bair. »Alles andere stammt von ihr selbst.« »Und nicht in der Hoffnung, ihrer Arbeit entfliehen zu können«, fügte Seana hinzu. »Sie muß lernen, ihr Temperament im Zaum zu halten. Eine Weise Frau muß ihre Gefühle beherrschen und sich nicht von ihren Gefühlen beherrschen lassen.« Sie blickte mit leichtem Lächeln zu Melaine hinüber. Die Frau mit dem Sonnenhaar preßte die Lippen zusammen und schnaubte.

Sie versuchten, ihn davon zu überzeugen, daß Aviendha von nun an eine wundervolle Begleiterin sein werde. Hielten sie ihn wirklich für so blind? »Ihr müßt wissen, daß mir alles klar ist. In bezug auf sie. Daß Ihr sie als Spionin zu mir geschickt habt.« »Ihr wißt nicht soviel, wie Ihr glaubt«, sagte Amys wie ein Aes Sedai, die verborgene Bedeutungen andeutete, aber nicht aussprach.

Melaine rückte ihren Schal zurecht und musterte ihn nachdenklich von Kopf bis Fuß. Er wußte ein wenig über die Aes Sedai. Wäre sie eine Aes Sedai, würde sie der Grünen Ajah angehören. »Ich gebe zu«, sagte sie, »daß wir zuerst glaubten, Ihr würdet in ihr nur ein hübsches Gesicht sehen, und Ihr seht gut genug aus, daß sie Eure Gesellschaft der unseren vorziehen würde. Wir haben ihre spitze Zunge nicht bedacht. Und auch andere Dinge.« »Warum seid Ihr dann so erpicht darauf, daß sie bei mir bleiben soll?« Er sagte das hitziger als eigentlich beabsichtigt. »Ihr glaubt doch wohl nicht, daß ich ihr jetzt noch irgend etwas anvertrauen werde, von dem ich nicht will, daß Ihr es erfahrt?« »Warum gestattet Ihr dem Mädchen, bei Euch zu bleiben?« fragte Amys gelassen. »Wenn Ihr Euch weigert, sie als Begleiterin zu akzeptieren, wie könnten wir sie Euch dann aufzwingen?« »Wenigstens weiß ich auf diese Art, wer die Spionin ist.« Aviendha immer im Auge zu haben war ja wohl besser, als ständig zu rätseln, welche Aiel ihn beobachteten. Ohne sie würde er vor Mißtrauen wahrscheinlich schon bei jeder Bemerkung Rhuarcs vermuten, er wolle ihn aushorchen. Natürlich konnte er auch so nicht sicher sein. Rhuarc war schließlich mit einer dieser Frauen verheiratet. Mit einemmal war er froh, daß er sich Rhuarc nicht noch mehr anvertraut hatte. Und traurig, überhaupt einen solchen Gedanken nötig zu haben. Wieso hatte er auch geglaubt, die Aiel seien einfacher als die tairenischen Hochlords? »Ich bin es zufrieden, wenn sie dort bleibt, wo sie ist.« »Dann sind wir ja alle zufrieden«, sagte Bair.

Er musterte die Frau mit dem ledernen Gesicht forschend. Es hatte etwas in ihrer Stimme gelegen, als wisse sie mehr als er. »Sie wird nicht herausfinden, was Ihr wissen wollt.« »Was wir wissen wollen?« fuhr ihn Melaine an. Ihr langes Haar flog, als sie den Kopf schüttelte. »Die Prophezeiung sagt, ›ein Rest eines Rests wird gerettet werden‹. Was wir wissen wollen, Rand al'Thor, Car'a'carn, ist, wie wir so viele Menschen wie möglich aus unserem Volk retten können. Gleich, woher Ihr abstammt, gleich, was Euer Gesicht aussagt: Ihr fühlt nichts für uns! Ich werde Euch beibringen, daß Euer Blut von unserem Blut ist, und wenn ich... « »Ich denke«, unterbrach Amys sie verbindlich, »daß er jetzt gern in sein Schlafzimmer möchte. Er sieht müde aus.« Sie klatschte hart in die Hände und eine schlanke Gai'schain-Frau erschien. »Bringt diesen Mann zu dem Zimmer, das für ihn vorbereitet wurde. Bringt ihm auch, was er sonst braucht.« Die Weisen Frauen ließen ihn einfach stehen und gingen zur Tür, wobei Bair und Seana Melaine strafend anblickten, wie die Mitglieder der Versammlung der Frauen, wenn sie jemanden streng zur Ordnung riefen. Melaine ignorierte sie. Als die Tür sich hinter ihnen schloß, knurrte sie so etwas wie: »... diesem närrischen Mädchen Verstand einbleuen.« Welchem Mädchen? Aviendha? Sie tat doch bereits, was sie von ihr wollten. Vielleicht Egwene? Er wußte, daß sie bei den Weisen Frauen irgend etwas lernen sollte. Und was würde Melaine unternehmen, um ihm beizubringen, daß ›sein Blut von ihrem Blut sei‹? Wie konnte sie ihn dazu bringen, daß er sich selbst als Aiel betrachtete? Ihm vielleicht eine Falle stellen? Narr! Sie würde ja nicht von Anfang an zugeben, daß sie ihm eine Falle stellte. Wie konnte sie es denn anstellen? Er war müde. Zu müde, um jetzt noch Fragen zu beantworten, nach zwölfeinhalb heißen, trockenen Tagen im Sattel. Er dachte lieber gar nicht erst daran, wie es wäre, hätte er diese Tage über im gleichen Tempo nebenher laufen müssen. Aviendha mußte stählerne Beine haben. Er wollte lieber ins Bett.