Die Gai'schain war hübsch, trotz einer dünnen Narbe, die sich von einer Stelle über einem hellblauen Auge bis in ihr Haar zog, das so hell war, als sei es aus Silber. Eine weitere Tochter des Speers, wenn auch nicht im Augenblick. »Wenn Ihr mir bitte folgen würdet?« murmelte sie mit gesenktem Blick.
Das Schlafzimmer sah auch nicht so aus wie gewohnt. Es überraschte ihn nicht, daß sein ›Bett‹ nur aus einem dicken Strohsack bestand, der auf mehreren Schichten bunter Läufer lag. Die Gai'schain, die übrigens Chion hieß, wirkte schockiert, als er sie um Wasser zum Waschen bat, aber er hatte genug davon, immer nur im eigenen Schweiß zu baden. Er hätte wetten können, daß Moiraine und Egwene nicht in einem von Dampf erfüllten Zelt hocken mußten, um sich zu säubern. Aber Chion brachte das gewünschte Wasser — heiß und in einer großen, braunen Kanne, wie man sie hier benützte, um den Garten zu gießen. Dazu brachte sie noch eine große, weiße Schüssel zum Waschen. Er scheuchte sie hinaus, als sie ihm anbot, ihn zu waschen. Seltsame Leute allesamt!
Das Zimmer hatte keine Fenster und wurde durch silberne Lampen beleuchtet, die an den Wänden hingen. Allerdings war ihm klar, daß es draußen noch nicht ganz dunkel sein konnte, als er mit Waschen fertig war. Es war ihm gleich. Auf dem Strohsack lagen nur zwei Decken, und keine davon war besonders dick. Zweifellos ein Zeichen dafür, wie abgehärtet die Aiel waren. Da er sich aber an die kalten Nächte in den Zelten erinnerte, zog er sich wieder die Unterwäsche an, bevor er die Lampen ausblies und im Dunkeln unter die Decken kroch.
Er war wohl müde, konnte jedoch nicht gleich einschlafen. So wälzte er sich herum und grübelte. Was hatte Melaine vor? Warum war es den Weisen Frauen gleich, daß er von Aviendhas Rolle als ihrer Spionin wußte? Aviendha. Eine hübsche Frau, wenn sie auch bockte wie ein Maultier, das sich alle Hufe gleichzeitig verletzt hat. Sein Atmen wurde gleichmäßiger und die Gedanken verschwammen. Ein Monat. Zu lang. Keine andere Wahl. Ehre. Isendres Lächeln. Kadere, der alles beobachtete. Falle. Eine Falle stellen. Wessen Falle? Welche Falle? Fallen. Wenn er nur Moiraine vertrauen könnte. Perrin. Zu Hause. Perrin schwamm jetzt wahrscheinlich gerade im...
Mit geschlossenen Augen schwamm Rand durch kühles Wasser. Angenehm kühl. Ihm war, als habe er eigentlich noch nie so deutlich gespürt, wie gut es tat, naß zu sein. Er hob den Kopf, öffnete die Augen und blickte sich um. Am einen Ende des Teichs wuchsen die Weiden und am anderen die große Eiche, die ihre dicken, schattenspendenden Äste über das Wasser streckte. Der Wasserwald. Es war schön, zu Hause zu sein. Er hatte das Gefühl, fort gewesen zu sein, es war aber nicht ganz klar, wo. Es war auch nicht wichtig. Oben in Wachhügel. Ja. Er war noch nie weiter weg gewesen. Kühl und naß. Und allein.
Plötzlich flogen zwei Körper durch die Luft und klatschten mit angezogenen Knien ins Wasser. Der überraschende Guß nahm ihm die Sicht. Er schüttelte das Wasser ab und sah Elayne und Min, die ihn von beiden Seiten her anlächelten. Nur ihre Köpfe waren über der blaßgrünen Wasseroberfläche zu sehen. Zwei kräftige Armzüge würden ihn zu jeder der beiden hinbringen. Und von der anderen weg. Er konnte doch nicht beide lieben. Lieben? Warum kam ihm das in den Sinn?
»Du kannst dich nicht entscheiden, welche du liebst.« Er wirbelte herum, und das Wasser spritzte hoch auf. Aviendha stand am Ufer, in die Cadin'sor gekleidet und nicht in Rock und Bluse. Aber sie funkelte ihn nicht zornig an, sondern blickte lediglich ruhig herüber. »Kommt ins Wasser«, sagte er. »Ich bringe Euch das Schwimmen bei.« Melodiöses Gelächter ließ seinen Kopf zum gegenüberliegenden Ufer herumschnellen. Die Frau, die völlig nackt dort stand, war wohl die schönste, die er je gesehen hatte.
Ihre großen, dunklen Augen ließen seinen Kopf schwimmen. Er glaubte, sie zu kennen.
»Sollte ich dir gestatten, mir untreu zu sein, selbst wenn es nur im Traum ist?« sagte sie. Ohne hinzusehen, war ihm bewußt, daß Elayne, Min und Aviendha nicht mehr da waren. Das wurde immer eigenartiger.
Sie stand einen langen Moment über nachdenklich da und war sich offensichtlich ihrer Nacktheit gar nicht bewußt. Dann erhob sie sich langsam auf die Zehenspitzen, streckte die Arme aus und sprang kopfüber in den Teich. Als ihr Kopf wieder aus dem Wasser auftauchte, war ihr glänzend schwarzes Haar überhaupt nicht naß. Das kam ihm einen Augenblick lang überraschend vor. Dann hatte sie ihn erreicht — war sie eigentlich geschwommen oder einfach plötzlich da? — und umschlang ihn mit Armen und Beinen. Das Wasser war kühl, doch ihre Haut brannte heiß.
»Du kannst mir nicht entkommen«, murmelte sie. Diese dunklen Augen zeigten Tiefen, wie sie der Teich nicht zu bieten hatte. »Ich werde dafür sorgen, daß du dies genießt und niemals vergißt, ob du nun schläfst oder wachst.« Schlafend oder... ? Alles verschob sich und verschwamm vor seinen Augen. Sie umschlang ihn noch fester, und alles wurde wieder klar. So, wie es vorher gewesen war. Schilf stand an einem Ende des Teichs und an der anderen Seite wuchsen Lederblattbäume und Kiefern fast bis hinunter zum Wasser.
»Ich kenne dich«, sagte er bedächtig. Er glaubte das jedenfalls, denn warum sonst sollte er sie das tun lassen? »Aber ich... Das ist alles nicht richtig.« Er versuchte, sich loszureißen, doch sie packte nur noch entschiedener zu.
»Ich sollte dir ein Brandzeichen verpassen.« Ihre Stimme klang wild entschlossen. »Erst diese milchherzige Ilyena, und nun... Wie viele Frauen hast du eigentlich im Kopf?« Plötzlich gruben sich ihre kleinen, weißen Zähne in seinem Nacken. Aufbrüllend stieß er sie weg und klatschte mit der Hand auf seinen Nacken. Sie hatte sehr scharfe Zähne, und er blutete.
»Amüsiert Ihr euch auf diese Weise, während ich mich frage, wo Ihr abgeblieben seid?« sagte die Stimme eines Mannes verächtlich. »Warum sollte ich mich noch an etwas halten, wenn Ihr auf diese Weise unseren Plan gefährdet?« Mit einemmal befand sich die Frau am Ufer, ganz in Weiß gekleidet, einen breiten Gürtel aus gewebtem Silber um die schmale Taille und silberne Sterne und Halbmonde ins Haar gesteckt. Hinter ihr erhob sich das Land zu einem kleinen Hügel, auf dem ein Eschenhain stand. Er erinnerte sich nicht daran, vorher dort Eschen entdeckt zu haben. Sie stand einem — einem verschwommenen Schatten gegenüber, aus dem sich langsam ein dickes, graues, männergroßes Etwas formte. Das war doch alles... irgendwie falsch, es stimmte nicht.
»Risiko«, höhnte sie. »Ihr habt genausoviel Angst vor jedem Risiko wie Moghedien, nicht wahr? Ihr würdet lieber wie eine Spinne herumkrabbeln, um nicht entdeckt zu werden. Wenn ich Euch nicht aus Eurer Höhle gezerrt hätte, würdet Ihr euch immer noch verstecken und darauf warten, ein paar Krümel aufzuschnappen.« »Wenn Ihr eure... Leidenschaft nicht zügelt«, sagte die verschwommene Gestalt mit der Stimme eines Mannes, »warum sollte ich dann überhaupt mit Euch zusammenarbeiten? Wenn ich schon Risiken eingehen muß, dann möchte ich mehr davon haben, als lediglich die Fäden an einer Puppe zu ziehen.« »Was meint Ihr damit?« fragte sie drohend.