Die Gestalt flimmerte. Rand wußte irgendwie, daß sie zögerte und nicht wußte, ob sie zuviel gesagt habe. Und dann war sie plötzlich verschwunden. Die Frau sah ihn an. Immer noch steckte er bis zum Hals im Wasser. Ihr Mund verzog sich verärgert, und sie verschwand.
Er erwachte und fuhr zunächst hoch, doch dann lag er still und blickte in die Dunkelheit. War es ein gewöhnlicher Traum gewesen oder etwas anderes? Er zog eine Hand unter den Decken hervor und fühlte nach seinem Nacken, fühlte die Abdrücke der Zähne und das dünne Blutrinnsal. Welche Art von Traum es auch gewesen sein mochte, jedenfalls war sie dagewesen. Lanfear. Sie hatte er nicht geträumt. Und dann dieser andere: ein Mann. Ein kaltes Lächeln überzog sein Gesicht. Überall Fallen. Fallen für unaufmerksame Füße. Muß jeden Schritt jetzt gut überlegen. So viele Fallen. Jeder legte welche.
Er lachte leise und drehte sich um, damit er wieder schlafen konnte. Doch dann erstarrte er und hielt die Luft an. Er war nicht allein im Zimmer. Lanfear. Verzweifelt griff er nach der Wahren Quelle. Einen Augenblick lang fürchtete er, die Angst selbst könne verhindern, daß er die Macht benütze. Dann schwebte er in der kalten Ruhe des Nichts, und ein tobender Strom der Macht erfüllte ihn. Er sprang auf und schlug zu. Die Lampen flammten auf.
Aviendha saß mit übergeschlagenen Beinen auf dem Fußboden. Ihr Mund stand offen und die grünen Augen quollen beinahe heraus, teils wegen der Lampen, teils wegen der unsichtbaren Fesseln, die sie vollständig bewegungsunfähig machten. Nicht einmal den Kopf konnte sie bewegen. Er hatte erwartet, daß jemand dort stehe, und deshalb ragte das Gewebe ein ganzes Stück über sie hinauf. Sofort löste er die Stränge aus Luft wieder.
Sie rappelte sich hoch und verlor in ihrer Hast beinahe den Schal. »Ich... ich glaube, ich werde mich nie daran gewöhnen... « Sie deutete auf die Lampen. »Daß ein Mann... « »Ihr habt doch schon früher gesehen, wie ich die Macht gebrauchte.« Ärger schwappte über die Oberfläche des Nichts, das ihn umgab. Sich im Dunklen in sein Zimmer zu schleichen. Ihn halb zu Tode erschrecken. Sie hatte Glück gehabt, daß er sie nicht verletzte oder gar unglücklich tötete. »Ihr solltet Euch daran gewöhnen. Ich bin Er, Der Mit Der Morgendämmerung Kommt, ob Euch das nun paßt oder nicht.« »Das ist kein Teil... « »Warum seid Ihr hier?« fragte er kalt.
»Die Weisen Frauen wechseln sich dabei ab, draußen über Euch zu wachen. Sie wollten, daß ich diese Aufgabe von... « Sie sprach nicht weiter, dafür lief aber ihr Gesicht rot an.
»Von wo aus?« Sie sah ihn nur stumm an, aber ihre Gesichtsfarbe wurde immer dunkler. »Aviendha, von w...?« Traumgänger. Warum war ihm das nicht früher eingefallen? »Von innerhalb meiner Träume«, sagte er mit rauher Stimme. »Wie lange schon spionieren sie sogar in meinem Kopf herum?« Sie atmete langgezogen und schwer aus. »Ich sollte das vor Euch geheimhalten. Wenn Bair etwas merkt — Seana sagte, heute nacht sei es zu gefährlich. Ich verstehe das nicht: Ich kann in keinen Traum eindringen, wenn sie mir nicht helfen. Ich weiß nur, daß heute nacht irgend etwas sehr gefährlich ist. Deshalb wechseln sie sich an der Tür dieses Dachs ab. Sie machen sich große Sorgen.« »Ihr habt meine Frage noch nicht beantwortet.« »Ich weiß nicht, warum ich hier bin«, stotterte sie. »Wenn Ihr Schutz braucht... « Sie blickte auf ihr kurzes Messer am Gürtel herunter und berührte den Griff. Der elfenbeinerne Armreif irritierte sie offensichtlich. Sie verschränkte die Arme, und so befand es sich unter ihrer Achsel und außer Sicht. »Ich kann Euch mit einem so kleinen Messer nicht gut beschützen, und Bair sagt, wenn ich noch einmal nach einem Speer greife, ohne angegriffen zu werden, wird sie mir die Haut abziehen und als Wasserschlauch verwenden. Ich weiß auch nicht, weshalb ich überhaupt meinen Schlaf opfern sollte, um Euch zu beschützen. Euretwegen habe ich bis vor beinahe einer Stunde draußen die Teppiche ausgeklopft. Bei Mondschein!« »Das war nicht die Frage. Wie lange...« Er brach plötzlich mitten im Satz ab. Es lag etwas in der Luft, etwas — Falsches. Etwas Böses. Es konnte Einbildung sein, ein Überrest seines Traums. Es konnte sein.
Aviendha schnappte nach Luft, als das Flammenschwert in seiner Hand erschien. Die leicht gekrümmte Klinge war mit dem Bild eines Reihers versehen. Lanfear hatte ihn beschuldigt, er benütze nur den zehnten Teil dessen, wozu er fähig sei, und das meiste davon hatte er auch nur durch Raten und Ausprobieren herausgefunden. Er wußte keineswegs auch nur ein Zehntel dessen, wozu er fähig war. Aber mit dem Schwert konnte er umgehen.
»Bleibt hinter mir.« Er war sich noch bewußt, daß sie ihr Messer aus der Scheide zog, während er bereits auf Strümpfen und dank der Teppiche lautlos aus dem Zimmer schlich. Seltsamerweise war es nicht kühler als zu der Zeit, da er ins Bett gegangen war. Vielleicht hielten diese Steinwände die Wärme fest, denn als er weiter nach draußen ging, wurde es merklich kühler.
Selbst die Gai'schain lagen jetzt wohl auf ihren Strohsäcken und schliefen. In den Fluren und Zimmern war es still und leer. Nur vereinzelt brannten noch Lampen und verbreiteten eine trübe Beleuchtung. Hier ließ man immer einige Lampen brennen, denn selbst zur Mittagszeit wäre es sonst pechschwarz gewesen. Das Gefühl war noch nicht zu ausgeprägt, wollte aber nicht vergehen. Etwas Böses.
Er blieb plötzlich stehen, und zwar unter dem breiten Torbogen, der in den Vorraum führte. An jedem Ende des Raums warf eine silberne Lampe einen blassen Lichtschein in den Raum. In der Mitte des Raums stand ein hochgewachsener Mann über eine Frau gebeugt, die er in den Armen hielt und die von seinem ausgebreiteten schwarzen Umhang fast verdeckt wurde. Ihr Kopf hing nach hinten und ihre weiße Kapuze war heruntergeglitten. Er hatte seinen Mund an ihrem Hals. Chions Augen waren fast geschlossen und sie lächelte verzückt. Verlegenheit glitt über die Oberfläche des Nichts. Doch dann hob der Mann den Kopf.
Schwarze Augen beobachteten Rand, viel zu groß in diesem blassen, hageren Gesicht. Ein Schmollmund mit betont roten Lippen öffnete sich zu einem verzerrten Lächeln und entblößte scharfe Zähne. Chion fiel schlaff zu Boden, als sich der Umhang entfaltete und zu großen Fledermausflügeln wurde. Der Draghkar trat über sie hinweg. Weiße, weiße Hände griffen nach Rand. An den langen, schmalen Fingern waren scharfe Klauen zu sehen. Doch die Gefahr lag nicht in den Klauen und Zähnen. Es war der Kuß des Draghkars, der tötete und noch schlimmeres anrichtete.
Sein sanfter, hypnotisch anmutender Gesang schmiegte sich um das Nichts. Diese dunklen, ledrigen Schwingen breiteten sich noch weiter aus, um ihn zu umschließen, als er vortrat. Einen Augenblick lang blitzte Überraschung in den riesigen, schwarzen Augen auf, doch dann spaltete das aus der Macht erschaffene Schwert den Schädel des Draghkar bis hinunter zur Nasenwurzel.
Eine stählerne Klinge hätte sich verfangen, doch die aus Feuer gewebte Klinge glitt leicht heraus, als die Kreatur zu Boden stürzte. Einen Moment lang untersuchte Rand aus der Sicherheit des Nichts heraus das Ding zu seinen Füßen. Dieses Lied. Wäre er nicht durch die Leere von allem Gefühl abgeschirmt gewesen, hätte er das nicht alles gefühllos und aus der Ferne erlebt, dann hätte dieser Gesang seinen Geist verwirrt. Der Draghkar hatte das auch offensichtlich angenommen, als er sich ihm so bereitwillig genähert hatte.
Aviendha rannte an ihm vorbei und sank neben Chion auf ein Knie nieder. Sie fühlte nach dem Hals der Gai'schain.
»Tot«, sagte sie dann und schloß die Augenlider der Frau mit ihren Daumen. »Vielleicht besser für sie. Die Draghkar essen die Seele, bevor sie das Leben verschlingen. Ein Draghkar! Hier!« Aus ihrer gebückten Haltung funkelte sie ihn an. »Trollocs am Imre- Außenposten, und nun ein Draghkar hier! Ihr bringt schlimme Zeiten über das Dreifache... « Mit einem Schrei warf sie sich flach auf Chion, als er mit seinem Schwert tief nach unten zielte.