Perrin war der Tonfall des Mannes gleich, aber die Art, wie Torean Faile von oben bis unten interessiert musterte, ließ ihn die Fäuste ballen. Er brachte es aber fertig, beherrscht zu sprechen: »Das Licht leuchte Euch, Hochlord Torean. Ich freue mich, daß Ihr mithelft, den Lord Drachen zu beschützen. Einige Männer an Eurer Stelle hätten bestimmt etwas gegen seine Anwesenheit einzuwenden.« Toreans schmale Augenbrauen zuckten. »Die Prophezeiung wurde erfüllt, und Tear hat seinen Platz darin. Vielleicht wird der Wiedergeborene Drache Tear zu noch größerem Ruhm führen. Welcher Mann könnte dagegen etwas einzuwenden haben? Aber es ist schon spät. Ich wünsche Euch eine gute Nacht.« Er beäugte Faile noch einmal, spitzte die Lippen und schritt ein wenig zu betont forsch den Gang hinunter, weg von den Lichtern des Vorraums. Seine Leibwächter folgten ihm auf den Fersen wie gut dressierte Hunde.
»Es war aber nicht nötig, unhöflich zu sein«, sagte Faile etwas verkrampft, als sich der Hochlord außer Hörweite befand. »Es hat geklungen, als ob deine Stimme aus gefrorenem Eisen geschmiedet sei. Wenn du hier bleiben willst, solltest du lernen, mit den Lords auszukommen.« »Er hat dich angeschaut, als wolle er dich gleich auf den Schoß nehmen. Und nicht gerade auf väterliche Art.« Sie schniefte verächtlich. »Er ist nicht der erste Mann, der mich so anschaut. Wenn er die Frechheit aufgebracht hätte, mehr zu versuchen, hätte ich ihn schon mit einem entsprechenden Blick in die Schranken gewiesen. Ich habe es nicht nötig, dich für mich sprechen zu lassen, Perrin Aybara.« Trotzdem klang es nicht so, als sei sie böse darüber.
Er kratzte sich am Kopf und sah Torean nach. Der Hochlord und seine Leibwächter verschwanden um die nächste Biegung. Er fragte sich zum wiederholten Mal, wie die Lords von Tear so herumlaufen konnten, ohne sich zu Tode zu schwitzen. »Hast du es bemerkt, Faile? Seine Wachhunde haben die Hände nicht von den Schwertern genommen, bis er mindestens zehn Schritt weit von uns weg war.« Sie runzelte die Stirn, blickte dann den Gang hinunter den dreien nach und nickte schließlich bedächtig. »Du hast recht. Ich verstehe das nicht. Sie verbeugen sich nicht so unterwürfig wie bei ihm, aber jeder benimmt sich in deiner und Mats Gegenwart genauso vorsichtig wie bei den Aes Sedai.« »Vielleicht ist die Tatsache, mit dem Wiedergeborenen Drachen befreundet zu sein, nicht mehr der gleiche Schutzfaktor wie vorher.« Sie schlug nicht schon wieder vor, von hier fortzugehen, jedenfalls nicht in Worten, doch ihre Augen sprachen Bände. Er wurde aber mit dieser unausgesprochenen Aufforderung besser fertig als zuvor mit der ausgesprochenen.
Bevor sie das Ende des Flurs erreicht hatten, hastete plötzlich Berelain aus dem hellen Lichtschein des Vorraums heraus und zog ihre dünne, weiße Robe so eng um sich zusammen, als fröre sie. Wäre die Erste von Mayene noch schneller gegangen, hätte man meinen können, sie renne vor etwas davon.
Um Faile zu zeigen, daß er ihrem Wunsch nach mehr Höflichkeit entsprechen wolle, verbeugte er sich mit einem Schwung, den auch Mat nicht hätte übertreffen können. Im Gegensatz dazu war Failes Knicks lediglich ein leichtes Kopfnicken, verbunden mit einem Zucken eines Knies. Er bemerkte es kaum. Als Berelain vorbeirauschte, ohne ihnen einen Blick zuzuwerfen, war der Gestank der Angst, so übel wie der einer offenen, eiternden Wunde, so stark, daß seine Nasenflügel bebten. Dagegen war Toreans Furcht überhaupt nichts. Das hier war absolute Panik, mit dem dünnen Faden der Beherrschung lediglich äußerlich unterdrückt. Er richtete sich langsam auf und sah ihr nach.
»Interessanter Anblick, ja?« sagte Faile leise.
Er war ganz mit Berelain beschäftigt und mit der Frage, was sie so in Panik versetzt haben mochte, daß er ohne nachzudenken sagte: »Sie roch nach... « Weit hinten im Korridor trat plötzlich Torean aus einem Seitengang hervor und packte Berelain am Arm. Er redete heftig auf sie ein. Perrin verstand nur ein paar Bruchstücke seines Redeflusses. Er machte ihr anscheinend Vorwürfe, daß sie in ihrem Stolz zu weit gegangen sei, und irgendwie schien er ihr seinen Schutz anzubieten. Ihre Antwort war kurz, scharf und noch weniger hörbar. Dann riß sie sich grob los und schritt weiter, hochaufgerichtet und offensichtlich wieder beherrscht. Torean wäre ihr beinahe nachgegangen, dann aber erblickte er Perrin. So betupfte sich der Hochlord wieder die Nase mit seinem Taschentuch und verschwand in dem Seitengang.
»Es ist mir gleich, und wenn sie wie das Wesen der Dämmerung röche!« sagte Faile bissig. »Die ist nicht daran interessiert, einen Bären zu jagen, auch wenn sich sein Fell gut an ihrer Wand machen würde. Sie will die Sonne selbst haben.« Er runzelte die Stirn. »Die Sonne? Einen Bären? Wovon sprichst du?« »Geh nur allein weiter. Ich denke, ich werde jetzt doch ins Bett gehen.« »Wenn du willst«, sagte er bedächtig. »Aber ich dachte, du wolltest genau wie ich herausfinden, was eigentlich geschehen ist.« »Ach, jetzt nicht mehr. Ich will nicht so tun, als freue ich mich darauf, den... Rand... zu treffen, nachdem ich es bisher vermeiden konnte. Und jetzt habe ich schon gar keine Lust mehr. Zweifellos werdet ihr beide euch ohne mich prächtig unterhalten. Besonders, wenn auch noch Wein da sein sollte.« »Du redest ziemlichen Unsinn«, knurrte er und fuhr sich mit der Hand durch das Haar. »Wenn du ins Bett gehen willst, na fein, aber ich wünschte, du würdest dich auf eine Art ausdrücken, die ich verstehen kann.« Einen langen Augenblick betrachtete sie sein Gesicht, und dann biß sie sich plötzlich auf die Unterlippe, wohl, um ein Lachen zu unterdrücken. »O Perrin, manchmal glaube ich, das Beste an dir ist deine Unschuld.« Ihre Stimme war von unterdrücktem Lachen durchsetzt. »Geh nur weiter zu... deinem Freund und erzähle mir am Morgen davon. Jedenfalls soviel du willst.« Sie zog seinen Kopf herab und küßte ihn flüchtig auf die Lippen, und dann lief sie genauso schnell und leichtfüßig davon.
Er schüttelte den Kopf und blickte ihr hinterher, bis sie die Wendeltreppe hinunterging. Von Torean war nichts zu sehen. Manchmal war es ihm, als spreche sie eine andere Sprache. Er ging weiter auf die Lichter zu.
Der Vorraum war rund und bestimmt fünfzig Schritt breit. Hundert vergoldete Lampen hingen an goldenen Ketten von der hohen Decke. Glänzende Sandsteinsäulen bildeten einen inneren Ring, und der Fußboden schien aus einer einzigen riesigen schwarzen Marmorplatte zu bestehen, die mit goldenen Schlieren durchsetzt war. Es war der Vorraum zu den Gemächern des Königs gewesen in jener Zeit, als Tear noch von Königen regiert wurde, bevor Artur Falkenflügel alle Länder vom Rückgrat der Welt bis zum Aryth-Meer unter seine Herrschaft brachte. Als Falkenflügels Reich zusammenbrach, hatte es in Tear keine Könige mehr gegeben, und tausend Jahre lang waren die einzigen Bewohner dieser Räume Mäuse gewesen, die ihre Spuren im Staub hinterließen. Kein Hochlord hatte je soviel Macht besessen, daß er es wagen konnte, diese Gemächer zu beziehen.
Ein Ring von fünfzig Verteidigern stand steif in der Mitte des Saales. Die Brustpanzer und Helme schimmerten im Lampenschein, und ihre nach außen gerichteten Speere standen alle im genau gleichen Winkel ab. So, wie sie gleichzeitig in alle Richtungen blickten, hatten sie die Aufgabe, alle Eindringlinge vom augenblicklichen Herrn des Steins fernzuhalten. Ihr Kommandant, ein Hauptmann, den man an zwei kurzen, weißen Federn auf dem Helm erkannte, stand fast genauso steif da wie seine Soldaten. Eine Hand auf dem Schwertgriff und die andere auf die Hüfte gestützt, so hatte er sich in Positur geworfen, damit auch dem letzten die Bedeutung seiner Pflichten klar wurde. Aber alle rochen nach Furcht und Unsicherheit, wie Menschen, die unter einer überhängenden Felswand wohnen und sich beinahe selbst davon überzeugt hatten, daß sie niemals herabstürzen werde. Oder jedenfalls nicht heute nacht. Nicht während der nächsten Stunde.