Ein Feuerbalken schoß aus seiner Klinge über sie hinweg und traf die Brust des Draghkar, der gerade durch die Eingangstür trat. Das Schattenwesen flammte auf und taumelte schreiend nach hinten über den Gartenweg. Von seinen wild schlagenden Schwingen spritzte Feuer.
»Weckt alle auf«, sagte Rand gelassen. Hatte sich Chion gewehrt? Wie weit hatte ihr Ehrbegriff sie zurückgehalten? Es spielte keine entscheidende Rolle. Draghkar starben schneller als Myrddraal, aber auf ihre eigene Art waren sie noch gefährlicher. »Wenn Ihr wißt, wie man den Alarm auslöst, dann tut es.« »Der Gong neben der Tür... « »Ich mache schon. Sie müssen aufwachen. Vielleicht sind mehr als zwei da.« Sie nickte bestätigend und rannte zurück, wobei sie schrie: »Auf die Speere! Erwacht und auf mit den Speeren!« Rand trat vorsichtig nach draußen, das Schwert kampfbereit in der Hand, und die Macht erfüllte ihn, ließ ihn vor Ekstase zittern. Und machte ihn krank. Er wollte lachen, wollte sich übergeben. Die Nacht war eisig kalt, doch er war sich dessen kaum bewußt.
Der brennende Draghkar lag der Länge nach im Terrassengarten und stank nach versengtem Fleisch. Er glühte nur noch wenig, aber es erhellte die Szenerie über den Mondschein hinaus. Ein bißchen weiter unten am Pfad lag Seana. Ihr langes, graumeliertes Haar war wie ein Fächer ausgebreitet und ihre leeren, toten Augen starrten in den Himmel. Ihr Messer lag neben ihr, aber gegen einen Draghkar hatte sie keine Chance gehabt.
In dem Moment, als Rand den ledergepolsterten Schlegel in die Hand nahm, der neben dem viereckigen Bronzegong hing, brach am Eingang der Schlucht die Hölle los. Menschen schrien, Trollocs heulten, Stahl klirrte auf Stahl, weitere Schreie. Er schlug mit voller Kraft den Gong und volltönend hallte es im Tal wieder. Beinahe augenblicklich antwortete ein weiterer Gong, dann noch mehr, und aus Dutzenden von Mündern erklang der Schrei: »Auf mit den Speeren!« Verwirrte Rufe erklangen auch aus der Gegend der Wohnwagen unten. Lichtvierecke erschienen, Türen an den beiden schachtelförmigen Führungswagen wurden aufgerissen. Die Wagen schimmerten weiß im Mondschein. Irgend jemand schrie dort zornig. Eine Frauenstimme, aber er wußte nicht, wer es war.
In der Luft über ihm rauschten Schwingen. Rand fletschte die Zähne und hob sein Flammenschwert. In ihm brannte die Eine Macht, und Feuer tobte aus der Spitze seiner Klinge. Der herabstoßende Draghkar explodierte zu einem Regen brennender Fetzen, die nach unten in die Dunkelheit fielen.
»Hier«, sagte Rhuarc. Die Augen des Clanhäuptlings blickten hart über seinen schwarzen Schleier hinweg. Er war angekleidet und trug Schild und Speer. Mat stand hinter ihm, ohne Wams und mit bloßem Kopf, das Hemd halb heraushängend. Er blinzelte unsicher und packte seinen Speer mit dem schwarzen Schaft mit beiden Händen.
Rand nahm die Schufa aus Rhuarcs Händen entgegen, ließ sie dann aber fallen. Eine Gestalt glitt auf Fledermausflügeln vor dem Mond vorbei, stieß danach auf die gegenüberliegende Seite der Schlucht hinunter und verschwand in den Schatten. »Sie suchen nach mir. Laßt sie mein Gesicht sehen.« Die Macht durchtobte ihn. Das Schwert in seiner Hand schien wie eine kleine Sonne, die ihn beleuchtete. »Sie können mich nicht finden, wenn sie nicht sehen, wo ich bin.« Er lachte, da Rhuarc den Witz dabei nicht erkennen konnte, und rannte auf den Schlachtenlärm zu.
Mat riß seinen Speer aus der Brust eines Trollocs mit Keilerschnauze heraus und sah sich in der mondbeschienenen Dämmerung am Ausgang der Schlucht nach weiteren Gegnern um. Verdammter Rand! Keine der Gestalten, die sich da bewegten, waren groß genug für Trollocs. Bringt mich immer wieder in solche Situationen! Verwundete in seiner Nähe stöhnten leise. Eine schattenhafte Gestalt, die er für Moiraine hielt, kniete neben einem am Boden liegenden Aiel nieder. Die Feuerkugeln, mit denen sie um sich warf, waren schon beeindruckend, beinahe so wie dieses Schwert Rands, aus dem Feuerstrahlen hervorbrachen. Das Ding leuchtete immer noch, und der Lichtschein ließ Rand deutlich erkennbar werden. Ich hätte im Bett bleiben sollen, jawohl! Es ist verdammt kalt, und das alles hat mit mir doch überhaupt nichts zu tun! Ständig erschienen noch mehr Aiel. Auch Frauen in Röcken kamen nun, um sich um die Verwundeten zu kümmern. Einige von ihnen trugen Speere. Vielleicht kämpften sie normalerweise nicht, aber als die Kämpfe schließlich die Stadt selbst erreicht hatten, konnten sie nicht einfach dastehen und zuschauen.
Eine Tochter des Speers blieb bei ihm stehen und löste ihren Schleier. Er konnte im Schatten ihr Gesicht nicht erkennen. »Ihr tanzt sehr gut mit Eurem Speer, Spieler. Seltsame Zeiten, wo die Trollocs sogar in die Kaltfelsenfestung eindringen.« Sie blickte hinüber zu der schattenhaften Gestalt, die er für Moiraine hielt. »Ohne die Aes Sedai hätten sie vielleicht eindringen können, bevor der Alarm gegeben wurde.« »Dazu waren es nicht genug«, sagte er, ohne nachdenken zu müssen. »Sie sollten nur die Aufmerksamkeit hierher lenken.« Damit diese Draghkar freie Hand hätten, um Rand zu erwischen?
»Ich glaube, Ihr habt recht«, sagte sie bedächtig. »Seid Ihr ein Schlachtenführer unter den Feuchtländern?« Er wünschte, er hätte den Mund gehalten. »Ich habe mal ein Buch darüber gelesen«, murmelte er verlegen und wandte sich ab. Verdammte Erinnerungen irgendwelcher verdammten Männer. Vielleicht waren die Händler jetzt soweit, daß sie endlich abfahren wollten?
Als er bei den Wohnwagen stehenblieb, waren dann aber weder Keille noch Kadere irgendwo zu sehen. Die Fahrer standen alle in einer dichten Gruppe zusammen und gaben mit hektischen Bewegungen kleine Krüge untereinander weiter, aus denen es nach dem guten Branntwein roch, den sie sonst verkauften. Sie schnatterten aufgeregt dabei, als wären die Trollocs tatsächlich auf Riechweite an sie herangekommen. Isendre stand auf der obersten Stufe von Kaderes Wagen und blickte mit gerunzelter Stirn ins Leere. Selbst so war sie noch wunderschön anzusehen hinter ihrem dünnen Schleier. Er war froh, daß wenigstens noch seine Erinnerungen an Frauen von ihm selbst stammten.
»Die Trollocs sind erledigt«, sagte er zu ihr und stützte sich so deutlich sichtbar auf seinen Speer, daß sie es bemerken mußte. Wenn ich schon Kopf und Kragen riskiere, will ich wenigstens auch gebührend bewundert werden. Er mußte sich auch nicht besonders Mühe geben, um müde zu klingen. »Ein harter Kampf, aber jetzt seid Ihr sicher.« Sie blickte mit ausdruckslosem Gesicht auf ihn herunter. Ihre Augen glitzerten im Mondschein wie dunkle, glänzende Gemmen. Wortlos wandte sie sich um und ging hinein. Sie schlug die Tür hart hinter sich zu.
Mat atmete langgezogen und angewidert aus und stolzierte davon. Was mußte man denn noch tun, um eine Frau zu beeindrucken? Er wollte jetzt nur noch ins Bett. Zurück unter die Decken, und sollte Rand doch selbst mit den Trollocs und den verdammten Draghkar fertigwerden. Dem Mann schien das ja sogar Spaß zu machen! Wenn er ständig so lachte... ?
Rand kam jetzt die Schlucht herunter auf ihn zu. Das Glühen des Schwertes begleitete ihn wie Laternenschein. Aviendha erschien. Sie rannte zu Rand hin, den Rock geschürzt bis über die Knie, und schloß sich ihm dann an. Sie ließ den Rock fallen und strich ihn glatt. Den Schal band sie sich wieder um den Kopf. Er schien sie gar nicht zu sehen, und ihr Gesicht war steinern und ausdruckslos. Sie paßten wirklich zueinander.
»Rand!« rief ein heraneilender Schatten mit Moiraines Stimme. Sie klang beinahe so melodiös wie die Keilles, aber es war eine kühlere Art von Musik. Rand wandte sich ihr zu und wartete. Sie verlangsamte den Schritt, bevor sie noch klar zu erkennen war, und trat so würdevoll in den Lichtschein, als befinde sie sich in einem Palast. »Die Lage wird immer gefährlicher, Rand. Der Angriff auf den Imre-Außenposten konnte noch den Aiel gegolten haben, unwahrscheinlich zwar, aber nicht unmöglich, doch die Draghkar heute nacht waren für Euch bestimmt.« »Ich weiß.« Einfach so. Genauso gelassen wie sie und vielleicht noch kühler.