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Moiraine preßte die Lippen zusammen, und ihre Hände lagen ganz bewegungslos auf ihrem Rock. Offensichtlich paßte ihr seine Antwort überhaupt nicht. »Weissagungen sind dann am gefährlichsten, wenn man versucht, sie mit voller Absicht zu erfüllen. Habt Ihr das nicht in Tear schon begriffen? Das Muster verwebt sich um Euch, aber wenn Ihr selbst es zu weben versucht, könnt Ihr es nicht halten. Webt das Muster zu straff, dann entsteht Spannung. Dann kann es zerreißen und in alle Richtungen wegschnellen. Und wer weiß schon, wie lange es dauert, bis es sich wieder um Euch legt oder was in der Zwischenzeit geschieht?« »Genauso eindeutig wie die meisten Eurer Erklärungen«, sagte Rand trocken. »Was wollt Ihr, Moiraine? Es ist spät, und ich bin müde.« »Ich möchte, daß Ihr euch mir anvertraut. Glaubt Ihr wirklich, Ihr hättet bereits alles Notwendige gelernt, und das, obwohl Ihr kaum ein Jahr von Eurem Dorf fort seid?« »Nein. Ich habe keineswegs alles gelernt.« Jetzt klang es amüsiert. Manchmal war sich Mat nicht sicher, ob Rand noch so normal sei, wie er aussah. »Ihr wollt, daß ich mich Euch anvertraue, Moiraine? In Ordnung. Eure Drei Eide lassen nicht zu, daß Ihr lügt. Sagt mir ganz klar, daß Ihr nicht versuchen werdet, mich aufzuhalten oder zu behindern, gleich, was ich Euch sage. Sagt mir, daß Ihr nicht versuchen werdet, mich für die Interessen der Weißen Burg einzuspannen. Sagt es geradeheraus und in einfachen Worten, so daß ich weiß, Ihr sprecht die Wahrheit.« »Ich werde nichts tun, um Euch daran zu hindern, Euer Schicksal zu erfüllen. Dem habe ich mein Leben gewidmet. Aber ich verspreche Euch nicht, daß ich zuschauen werde, wie Ihr euren Kopf auf den Richtblock legt.« »Nicht gut genug, Moiraine. Das reicht nicht. Aber selbst wenn ich mich Euch anvertrauen könnte, würde ich es nicht hier tun. Die Nacht hat Ohren.« Überall gingen Leute in der Dunkelheit umher, wenn auch niemand nahe genug war, um zu lauschen. »Selbst die Träume haben Ohren.« Aviendha zog ihren Schal nach vorn, um ihr Gesicht zu verbergen. Offensichtlich spürte selbst ein Aiel die Kälte.

Rhuarc trat in den Lichtschein. Sein schwarzer Schleier hing lose herunter. »Die Trollocs stellten lediglich ein Ablenkungsmanöver dar, damit Euch die Draghkar angreifen konnten, Rand al'Thor. Zu wenige, als daß es ein ernst gemeinter Angriff sein konnte. Aber die Draghkar —der Blattverderber will Euch ans Leben.« »Die Gefahr wächst«, sagte Moiraine leise.

Der Clanhäuptling blickte sie an, bevor er fortfuhr. »Moiraine Sedai hat recht. Da die Draghkar ihre Aufgabe nicht erfüllten, fürchte ich, daß als nächstes die Seelenlosen gesandt werden; was Ihr als Graue Männer bezeichnet. Ich möchte die ganze Zeit über Speere um Euch sehen. Aus irgendeinem Grund haben die Töchter des Speers ihre Bereitschaft erklärt, über Euch zu wachen.« Aviendha litt ganz offensichtlich unter der Kälte. Sie hatte die Schultern eingezogen und die Arme verschränkt, daß ihre Hände in den Achselhöhlen steckten.

»Wenn sie wünschen«, sagte Rand nur. Es klang ein ganz klein wenig nervös, trotz der eisigen Ruhe. Mat konnte ihn verstehen. Er selbst würde sich nicht mehr freiwillig in die Hände der Töchter begeben, und wenn man ihm alle Seide auf den Schiffen des Meervolks dafür böte.

»Sie werden besser aufpassen als jeder andere«, sagte Rhuarc, »da sie um diese Aufgabe gebeten haben. Ich will es allerdings doch nicht ihnen allein überlassen. Ich werde alle zu Eurer Bewachung einsetzen. Ich denke, beim nächstenmal werden es die Seelenlosen sein, aber das heißt nicht, daß es nicht doch jemand anders sein könnte. Zehntausend Trollocs zum Beispiel, statt nur ein paar hundert.« »Was ist mit den Shaido?« Mat wünschte, er hätte den Mund nicht aufgemacht, als ihn nun alle anblickten. Vielleicht hatten sie ihn zuvor noch gar nicht bemerkt gehabt. Nun, jetzt konnte er auch weitersprechen: »Ich weiß, daß Ihr sie nicht leiden könnt, aber falls Ihr glaubt, ein größerer Angriff sei möglich, wäre es dann nicht besser, sie hier drinnen zu haben als draußen?« Rhuarc knurrte. Bei ihm war das so, als ob ein anderer fluche. »Ich würde fast tausend Shaido nicht einmal hier hereinholen, wenn der Grasbrenner selbst käme. Ich könnte es auch gar nicht. Couladin und die Shaido haben bei Anbruch der Dunkelheit ihre Zelte abgebrochen. Wir sind sie los. Ich habe Läufer ausgeschickt, um sicherzugehen, daß sie das Land der Taardad verlassen, ohne ein paar Ziegen oder Schafe mitgehen zu lassen.« Das Schwert verschwand aus Rands Hand. Das plötzliche Fehlen des Lichts erzeugte auch eine Art von Blindheit. Mat schloß die Augen, um ihnen die Gelegenheit zur Anpassung zu geben, aber als er sie wieder öffnete, schien ihm der Mondschein immer noch trüb und dunkel.

»In welche Richtung sind sie gegangen?« fragte Rand.

»Nach Norden«, antwortete Rhuarc. »Zweifellos hat Couladin vor, Sevanna auf dem Weg nach Alcair Dal abzufangen und sie gegen Euch zu beeinflussen. Es könnte ihm gelingen. Der einzige Grund dafür, daß sie ihren Brautkranz Suladric zu Füßen legte und nicht ihm, war, daß sie einen Clanhäuptling heiraten wollte. Aber ich sagte Euch ja bereits, daß Ihr von ihr Schwierigkeiten zu erwarten habt. Sevanna findet es herrlich, anderen Leuten Schwierigkeiten zu bereiten. Na ja, es ist wohl nicht so wichtig. Wenn Euch die Shaido nicht folgen, habt Ihr nicht viel verloren.« »Ich werde nach Alcair Dal gehen«, sagte Rand entschlossen. »Jetzt. Ich werde mich bei jedem Häuptling entschuldigen, der sich entehrt fühlt, weil er zu spät kommt, aber ich werde Couladin nicht früher dort ankommen lassen, wenn es vermeidbar ist. Er wird sich nicht damit zufriedengeben, Sevanna gegen mich einzunehmen, Rhuarc. Ich kann es mir nicht leisten, ihm einen Monat Zeit zu geben, um seine Pläne in die Tat umzusetzen.« Rhuarc überlegte einen Moment lang und sagte dann: »Vielleicht habt Ihr recht. Ihr bringt Veränderungen mit Euch, Rand al'Thor. Also, bei Sonnenaufgang brechen wir auf. Ich werde zehn der Roten Schilde als Ehrenwache für mich auswählen, und Eure wird aus Töchtern des Speers bestehen.« »Ich will aufbrechen, sobald auch nur der erste Lichtschimmer am Himmel zu sehen ist, Rhuarc. Mit jedem, der einen Speer tragen oder einen Bogen spannen kann.« »Die Sitten... « »Es gibt keine Sitten, die auf mich zutreffen, Rhuarc.« Rands Stimme war so eisig, daß der Wein im Becher gefroren wäre, hätten sie welchen gehabt. »Ich muß neue Sitten begründen.« Er lachte rauh. Aviendha wirkte schockiert, und selbst Rhuarc hatte die Augen aufgerissen. Nur Moiraine war unbeeindruckt und sah Rand berechnend an. »Jemand sollte es den Händlern sagen«, fuhr Rand fort. »Sie werden den Jahrmarkt nicht versäumen wollen, aber wenn sie diese Burschen nicht langsam vom Trinken abhalten, werden sie bald zu betrunken sein, um die Zügel zu halten. Wie steht's mit dir, Mat? Kommst du mit?« Er würde ganz bestimmt die Händler nicht entkommen lassen, denn sie bedeuteten schließlich seine Chance, aus der Wüste herauszukommen. »Ach, ich stehe doch hinter dir, Rand.« Was am schlimmsten war: Er hatte ein wirklich gutes Gefühl bei diesen Worten. Verdammter Ta'veren! Zieht mich ständig weiter. Wie hatte sich Perrin davon befreit? Licht, wie gern wäre ich jetzt bei ihm. »Wirklich.« Er schulterte seinen Speer und trottete los, die Schlucht hinauf. Es war immer noch Zeit, ein wenig zu schlafen. Hinter sich konnte er Rand leise lachen hören.

51

Enthüllungen in Tanchico

Elayne hantierte ungeschickt mit den beiden dünnen, rotlackierten Stäbchen und versuchte, sie richtig zwischen die Finger zu bekommen. Sursa, erinnerte sie sich. Nicht Stäbchen, sondern Sursa. Eine idiotische Art zu essen, wie sie nun auch heißen mögen.