Auf der anderen Seite des Tisches in der Kammer der Fallenden Blüten blickte Egeanin finster auf ihre Sursa hinab. Sie hielt in jeder Hand ein Stäbchen, als wären es Spieße. Nynaeve hielt ihre so in einer Hand, wie Rendra es ihnen gezeigt hatte, doch bisher hatte sie auch nur ein Stückchen Fleisch und ein paar Paprikastreifen bis zu ihrem Mund gebracht. Sie hatte die Augen konzentriert zusammengekniffen. Viele kleine weiße Schüsselchen standen auf dem Tisch, jedes angefüllt mit Scheibchen und Stückchen von Fleisch und verschiedenen Gemüsesorten und mit dunklen wie hellen Saucen. Elayne befürchtete, sie würden den ganzen Rest des Tages über benötigen, um dieses Mahl zu beenden. Sie lächelte die Wirtin mit ihrem honigfarbenen Haar dankbar an, als die Frau sich über sie beugte und ihr die Sursa richtig in die Hand steckte.
»Euer Land befindet sich im Krieg mit Arad Doman«, sagte Egeanin, und es klang fast verärgert. »Warum serviert Ihr die Gerichte Eures Gegners?« Rendra zuckte die Achseln und spitzte die Lippen hinter ihrem Schleier. Heute trug sie ihn im blassesten Rot, das man sich vorstellen konnte, und die Perlen in der gleichen Farbe, die sie sich in die dünnen Zöpfe eingeflochten hatte, klickten leise, wenn sie den Kopf bewegte. »Das ist jetzt gerade Mode. Es begann vor vier Tagen im Garten der Silbernen Winde und jetzt verlangt fast jeder Gast nach Domani-Speisen. Ich glaube, wenn wir schon Arad Doman nicht erobern können, dann eben wenigstens ihre Speisen. Vielleicht essen sie jetzt in Bandar Eban Lammbraten mit Honigsauce und kandierten Äpfeln wie wir hier sonst? In weiteren vier Tagen wird vielleicht irgendeine andere Küche die große Mode sein. Das ändert sich heutzutage sehr schnell, und falls jemand den Mob gegen diese... « Sie zuckte noch mal die Achseln.
»Glaubt Ihr, es wird noch mehr Ausschreitungen geben?« fragte Elayne. »Werden sie sich auch noch darum streiten, welche Art von Speisen in den Schenken serviert werden?« »In den Straßen herrscht Unruhe«, sagte Rendra und spreizte die Hände schicksalsergeben. »Wer weiß schon, was sie wieder zum Überkochen bringen wird? Der Aufruhr vorgestern entstand wegen eines Gerüchts, daß sich Maracru für den Wiedergeborenen Drachen erklärt habe oder vielleicht an die Drachenverschworenen gefallen sei oder an die Rebellen — es scheint wohl kein großer Unterschied zu sein —, aber fällt daraufhin der Mob über die Leute aus Maracru her? Nein. Sie toben auf den Straßen herum, zerren die Leute aus den Kutschen, und dann brennen sie den Großen Saal der Versammlung nieder. Vielleicht trifft die Nachricht ein, daß unser Heer eine Schlacht gewonnen oder verloren hat, und dann erhebt sich der Mob gegen diejenigen, die Speisen aus Arad Doman servieren. Oder vielleicht brennen sie diesmal die Lagerhäuser an den Kais der Calpene nieder. Wer weiß das schon?« »Weder Recht noch Ordnung«, knurrte Egeanin und steckte sich die Sursa entschlossen zwischen die Finger ihrer rechten Hand. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu schließen hätten die Stäbchen Dolche sein können, mit denen sie den Inhalt der Schüsselchen erstechen wollte. Nynaeve fiel ein kleiner Fleischbrocken von den Sursa, bevor er ihre Lippen erreicht hatte. Grollend holte sie ihn aus ihrem Schoß und tupfte die beigefarbene Seide mit ihrer Serviette ab.
»Ach, Ordnung«, lachte Rendra. »Ich erinnere mich an diesen Zustand. Vielleicht wird er eines Tages wiederkehren, oder? Einige glaubten, die Panarchin Amathera würde die Miliz wieder einsetzen, aber wenn ich an ihrer Stelle wäre und mich daran erinnerte, wie der Mob bei meiner Einsetzung draußen tobte... Die Kinder des Licht haben viele der Randalierer getötet. Vielleicht bedeutet das, es wird keine Auseinandersetzungen mehr geben, aber vielleicht wird es auch gerade deshalb wieder welche geben, und dann doppelt so stark oder zehnmal so schlimm. Ich glaube, ich würde auch die Wache und die Kinder des Lichts immer um mich herum behalten. Aber das ist kein Gesprächsthema beim Essen.« Sie schaute sich auf dem Tisch um und nickte zufrieden. Die Perlen in ihren dünnen Zöpfen klickten. Als sie sich der Tür zuwandte, hielt sie mit einem leichten Lächeln inne. »Es ist Mode, die Speisen der Domani mit den Sursa zu essen, und natürlich richtet man sich nach der Mode. Aber... es ist ja niemand hier, der Euch zusehen könnte, ja? Falls Ihr Löffel und Gabeln haben möchtet, liegen sie unter der Serviette.« Sie deutete auf das Tablett am Ende des Tisches. »Guten Appetit.« Nynaeve und Egeanin warteten, bis sich die Tür hinter der Wirtin geschlossen hatte, dann grinsten sie sich an und faßten mit entschieden unziemlicher Eile nach dem Tablett. Trotzdem schaffte es Elayne als erste, Löffel und Gabel in die Finger zu bekommen. Keine der anderen hatte jemals so hastig essen müssen wie eine Novizin zwischen ihren Haushaltsaufgaben und dem Unterricht.
»Es schmeckt ja schon gut«, sagte Egeanin nach dem ersten Bissen, »wenn man es endlich in den Mund bekommt.« Nynaeve schloß sich ihrem Lachen an.
In den sieben Tagen, seit sie die dunkelhaarige Frau mit den scharfen blauen Augen und der langgezogenen Aussprache getroffen hatten, hatten beide sie richtig liebgewonnen. Sie bot ihnen eine erfrischende Abwechslung gegenüber Rendras ewigem Geschwätz über Haarmoden, Kleider, Teint, und auch den Blicken gegenüber, die ihnen auf der Straße immer wieder zugeworfen wurden. Zu viele Leute hier wirkten, als würden sie einem für eine Kupfermünze bereits die Kehle durchschneiden. Das jetzt war ihr vierter Besuch seit dem ersten Zusammentreffen, und Elayne hatte es jedesmal Spaß gemacht. Egeanin war so geradeheraus und strahlte eine solche Unabhängigkeit aus, daß sie die Frau bewunderte. Vielleicht handelte sie nur ein wenig mit allem, was ihr so zuflatterte, aber sie tat es sogar Gareth Bryne darin gleich, offen auszusprechen, was sie dachte und vor niemandem zu kriechen.
Trotzdem wünschte sich Elayne, daß sie sich nicht so oft getroffen hätten, daß also sie und Nynaeve nicht so häufig zum Hof der Drei Pflaumen gekommen wären, wo Egeanin sie treffen konnte. Die ständigen Unruhen und Ausschreitungen seit der Einsetzung Amatheras machten es fast unmöglich, unbehelligt durch die Stadt zu gehen, und das trotz der Begleitung durch Domons hartgesottene Seeleute. Selbst Nynaeve hatte das zugeben müssen, nachdem sie knapp einem Hagelschauer faustgroßer Steine entgangen waren. Thom versprach ihnen immer noch, eine Kutsche mit Gespann aufzutreiben, doch sie war sich nicht sicher, ob er besondere Mühe auf die Suche aufwandte. Er und Juilin schienen ausgesprochen glücklich darüber zu sein, daß sie und Nynaeve in der Schenke mehr oder weniger festgenagelt waren. Sie kommen selbst verschrammt und blutend zurück, aber wir sollen uns möglichst noch nicht einmal einen Zeh anstoßen, dachte sie trocken. Warum glaubten die Männer immer, sie müßten Frauen in Watte packen? Warum hielten sie ihre Verletzungen für weniger wichtig als die der Frauen?
Dem Geschmack des Fleisches nach zu schließen, sollte Thom sich wohl besser in der Küche hier umsehen, wenn er auf der Suche nach Pferden war. Der Gedanke daran, Pferdefleisch zu essen, drehte ihr fast den Magen herum. So wählte sie ein Schüsselchen, in dem sich nur verschiedene Gemüsesorten befanden: dunkle Pilzscheiben, roter Paprika und so etwas wie fasrige, grüne Schößlinge in einer hellen, scharfen Sauce.
»Worüber sollen wir heute sprechen?« fragte Nynaeve Egeanin. »Ihr habt uns schon beinahe jede Frage gestellt, die ich mir vorstellen konnte.« Jedenfalls fast jede, die sie auch zu beantworten in der Lage waren. »Wenn Ihr noch mehr über die Aes Sedai erfahren wollt, müßt Ihr als Novizin in die Weiße Burg gehen.« Egeanin zuckte unbewußt zusammen, wie immer, wenn jemand sie im Gespräch mit der Macht in Verbindung brachte. Einen Augenblick lang blickte sie finster den Inhalt einer der kleinen Schüsseln an und rührte drin herum. »Ihr habt Euch keine besondere Mühe gegeben«, sagte sie dann bedächtig, »vor mir zu verbergen, daß Ihr hier jemanden sucht. Frauen. Wenn es nicht zu weit geht, würde ich gern wissen...« Sie brach ab, als es an die Tür klopfte.