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Nynaeve wandte sich sofort Egeanin zu, die ihr Lager auf der anderen Seite des Bettes aufschlug. »Zieht Euch aus, Seanchan. Ich will sichergehen, daß Ihr nicht irgendwo noch ein Messer versteckt habt.« Egeanin stand gelassen auf und zog sich bis auf das leinene Unterhemd aus. Nynaeve suchte ihre Kleidung gründlich ab und bestand dann darauf, auch Egeanin selbst zu untersuchen, und das nicht gerade sanft. Daß sie nichts fand, schien sie kaum zu besänftigen.

»Hände auf den Rücken, Seanchan. Elayne, fessle sie.« »Nynaeve, ich glaube nicht, daß sie... « »Fessle sie mit der Macht, Elayne«, sagte Nynaeve grob, »oder ich schneide ihr Kleid in Streifen und fessle sie an Händen und Füßen. Du wirst dich daran erinnern, wie sie die Kerle auf der Straße fertiggemacht hat. Möglicherweise von ihr selbst angeworbene Entführer. Sie könnte uns vielleicht im Schlaf mit bloßen Händen töten.« »Also wirklich, Nynaeve! Thom steht draußen... « »Sie ist eine Seanchan! Eine Seanchan, Elayne!« Es klang, als hasse sie die dunkelhaarige Frau, als habe sie ihr persönlich etwas angetan, aber das ergab keinen Sinn. Egwene war den Seanchan in die Hände gefallen, und nicht Nynaeve. Ihr leicht vorgeschobenes Kinn signalisierte, daß sie ihren Kopf durchsetzen wollte, ob mit Hilfe der Macht oder mit Stricken, falls sie welche auftrieb.

Egeanin hatte bereits die Handgelenke hinter dem Rücken aneinandergelegt, folgsam, wenn nicht sogar demütig. Elayne verwob einen Strang Luft um sie und band ihn. Zumindest würde das bequemer sein als aus ihrem eigenen Kleid gerissene Stoffstreifen. Egeanin spannte die Armmuskeln leicht, um die unsichtbaren Bande zu überprüfen, und dann schauderte sie. Genauso hätte sie versuchen können, Stahlketten zu zerreißen. Achselzuckend legte sie sich hin, so gut es eben ging, und wandte Elayne und Nynaeve den Rücken zu.

Nynaeve begann, ihr eigenes Kleid aufzuknöpfen. »Gib mir den Ring, Elayne.« »Bist du sicher, Nynaeve?« Sie blickte bedeutsam Egeanins Rücken an. Die Frau schien gar nicht zuzuhören.

»Sie wird jedenfalls heute nacht nicht mehr weglaufen und uns verraten.« Nynaeve schwieg einen Moment und zog sich das Kleid über den Kopf. Dann setzte sie sich in ihrem dünnen Seidenunterhemd aus Tarabon auf die Bettkante, um die Strümpfe herunterzurollen. »Heute ist die Nacht, in der wir uns wieder verabredet haben. Egwene erwartet eine von uns, und ich bin jetzt dran. Sie wird sich Sorgen machen, wenn keine von uns auftaucht.« Elayne fischte die Lederkordel aus ihrem Ausschnitt. Der Steinring mit seinen Flecken und Streifen in Blau und Braun und Rot hing neben dem goldenen Ring mit der Großen Schlange, die ihren eigenen Schwanz fraß. Sie knotete die Kordel auf, reichte Nynaeve den Ter'Angreal, band sie wieder zusammen und ließ den verbliebenen Ring unter ihr Kleid gleiten. Nynaeve hängte den steinernen Ter'Angreal neben ihren eigenen Schlangenring und den schweren Goldring von Lan, die zwischen ihren Brüsten baumelten.

»Gib mir eine Stunde, nachdem du sicher bist, daß ich schlafe, ja?« sagte sie und streckte sich auf der blauen Bettdecke aus. »Es sollte nicht länger dauern. Und paß auf die da auf.« »Was kann sie schon anstellen, wenn sie gefesselt ist, Nynaeve?« Elayne zögerte und dann fügte sie hinzu: »Ich glaube auch nicht, daß sie uns etwas antun würde, wenn sie frei wäre.« »Wage es nicht!« Nynaeve hob den Kopf und blickte böse auf Egeanins Rücken. Dann ließ sie sich wieder auf die Kissen fallen. »Eine Stunde, Elayne.« Sie schloß die Augen und veränderte ihre Stellung, bis sie bequemer lag. »Das dürfte auf jeden Fall reichen«, murmelte sie.

Elayne verbarg ein Gähnen hinter ihrer Hand und stellte den niedrigen Hocker an den Fuß des Bettes, wo sie Nynaeve beobachten konnte und auch Egeanin, obwohl das kaum notwendig werden dürfte. Die Frau lag zusammengerollt auf der Matratze, hatte die Knie angezogen und die Hände sicher gefesselt auf dem Rücken. Das war ein ermüdender Tag gewesen, obwohl sie die Schenke überhaupt nicht verlassen hatten. Nynaeve murmelte bereits leise im Schlaf. Ihre Ellbogen standen wieder mal ab.

Egeanin hob den Kopf und blickte sich nach hinten um. »Ich glaube, sie haßt mich.« »Schlaft lieber.« Elayne unterdrückte ein weiteres Gähnen.

»Aber Ihr schlaft nicht.« »Seid Euch Euer selbst nicht zu sicher«, warnte sie die andere. »Ihr scheint das alles sehr gelassen hinzunehmen. Wie könnt Ihr nur so ruhig bleiben?« »Ruhig?« Die Hände der Frau bewegten sich unwillkürlich und stemmten sich gegen die aus Luft gewebten Fesseln. »Ich habe derartig Angst, daß ich weinen könnte.« Ihrer Stimme war das nicht anzumerken, aber es klang trotzdem wie die Wahrheit.

»Wir werden Euch nichts tun, Egeanin.« Was Nynaeve auch vorhatte, sie würde schon dafür sorgen. »Schlaft jetzt.« Nach einem Augenblick senkte sich Egeanins Kopf.

Eine Stunde. Es war richtig, Egwene keine unnötigen Sorgen zu bereiten, aber sie hätte es lieber gehabt, wenn sie die Stunde mit Überlegen über ihre Probleme zugebracht hätten, anstatt sinnlos in Tel'aran'rhiod herumzulaufen. Wenn sie nicht in der Lage waren, herauszubekommen, ob Amathera nun eine Gefangene war oder nicht... Laß das jetzt mal beiseite; das findest du jetzt und hier bestimmt nicht heraus. Und wenn sie es schließlich wüßten, wie kämen sie dann trotz aller Soldaten und der Miliz in den Palast hinein, ganz zu schweigen von Liandrin und den anderen?

Nynaeve hatte leicht zu schnarchen begonnen, eine Angewohnheit, die sie noch hitziger abstritt als die ewig herausstechenden Ellbogen. Egeanin schien langgezogen und gleichmäßig zu atmen, als schlafe sie. Elayne hielt die Hand vor und gähnte wieder. Dann setzte sie sich auf dem Hocker zurecht und begann zu planen, wie sie sich in den Panarchenpalast einschleichen könnten.

52

Hilfe in der Not

Einen Moment lang stand Nynaeve im Herzen des Steins, ohne ihre Umgebung und die Tatsache, daß sie sich in Tel'aran'rhiod befand, wirklich wahrzunehmen. Egeanin war eine Seanchan. Eine aus diesem verderbten Volk, das ein Halsband um Egwenes Hals gelegt und versucht hatte, auch ihr eines anzulegen. Sie fühlte sich ausgebrannt bei diesem Gedanken. Eine Seanchan, und sie hatte sich ihre Freundschaft erschlichen. Seit sie Emondsfeld verlassen hatte, war sie nur wenigen begegnet, die man als wahre Freunde bezeichnen könnte. Erst eine neue Freundin zu finden und sie dann auf diese Art zu verlieren...

»Deshalb hasse ich sie am meisten«, grollte sie und verschränkte ihre Arme. »Sie hat es fertiggebracht, daß ich sie mag, und ich kann damit nicht einfach aufhören, und deshalb hasse ich sie!« Laut ausgesprochen ergab das überhaupt keinen Sinn. »Es muß ja auch keinen Sinn ergeben.« Sie lachte leise und schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich sollte mich ja wohl wie eine Aes Sedai verhalten.« Aber nicht schmollen wie ein kleines Mädchen.

Callandor funkelte. Das Kristallschwert steckte im Boden unter der großen Kuppel, und dahinter erstreckten sich Reihen riesiger roter Sandsteinsäulen in diesem eigenartigen, trüben Lichtschein, der von überall zugleich zu kommen schien. Es war leicht, sich an das alte Gefühl zu erinnern, beobachtet zu werden. Natürlich bildete sie sich das nur ein. Falls es früher Einbildung gewesen war. Falls es jetzt Einbildung war. Dort hinten konnte sich alles mögliche verbergen. In ihren Händen erschien ein guter, dicker Stock, und sie spähte zwischen die Säulen hinein. Wo war Egwene? Es sah dem Mädchen ähnlich, sie hier warten zu lassen. So düster und trüb beleuchtet hier. Und wenn nun etwas auf sie lauerte, bereit, jeden Augenblick herauszuspringen...