»Das ist aber ein seltsames Kleid, Nynaeve.« Sie konnte gerade noch einen Aufschrei unterdrücken und fuhr mit wild klopfendem Herzen und einem metallischen Scheppern herum. Egwene stand auf der anderen Seite Callandors mit zwei Frauen in bauschigen Röcken, die über den weißen Blusen dunkle Schals trugen. Die weißen Haare hatten sie jeweils mit einem anderen Schal eingebunden, und die Schalenden hingen ihnen bis zur Hüfte herunter. Nynaeve schluckte erst einmal, hoffte, daß die anderen es nicht bemerkten, und bemühte sich, wieder normal zu atmen. Sich so heranzuschleichen!
Eine der Aielfrauen erkannte sie aus Egwenes Beschreibung: Amys' Gesicht war viel zu jung für dieses weiße Haar, aber anscheinend war es schon seit ihrer Kindheit beinahe silbern gewesen. Die andere war schlank, fast knochig, und hatte blaßblaue Augen in einem ledernen, runzligen Gesicht. Das mußte Bair sein. Die härtere der beiden, fand Nynaeve nun, da sie die beiden vor sich hatte, aber nicht, daß Amys... Was? Ein seltsames Kleid? Ich habe dieses Geräusch gemacht?
Sie blickte an sich herunter und schnappte nach Luft. Ihr Kleid sah entfernt aus wie eines von den zwei Flüssen, aber die Frauen dort trugen keine Kleider aus Stahlplättchen mit größeren Platten dazwischen, die zu einer Rüstung gehören mochten. Solche Rüstungen hatte sie in Schienar gesehen. Wie konnten Männer in so etwas herumlaufen und auf Pferde steigen? Das Ganze lag schwer auf ihren Schultern, als wöge es hundert Pfund. Ihr kräftiger Stock bestand jetzt aus Metall und wies an einem Ende Stacheln auf, wie eine stahlglänzende Distel. Ohne ihren Kopf berühren zu müssen, wußte sie, daß sie eine Art Helm trug. Sie errötete heftig und konzentrierte sich, damit sie ihre Kleidung schnell zu einem guten Wollkleid von den Zwei Flüssen ändern konnte. Dazu trug sie nun einen Wanderstock. Es war ein schönes Gefühl, ihr Haar wieder zu einem dicken Zopf geflochten zu tragen, der ihr über eine Schulter herunterhing.
»Unkontrollierte Gedanken haben manchmal unangenehme Folgen, wenn man im Traum wandelt«, sagte Bair mit dünner, aber zugleich kräftiger Stimme. »Ihr müßt lernen, sie zu beherrschen, wenn Ihr damit weitermachen wollt.« »Ich kann meine Gedanken ganz gut beherrschen, danke«, sagte Nynaeve knapp. »Ich... « Bairs Stimme war nicht das einzige, was ihr dünn vorkam. Die beiden Weisen Frauen schienen... beinahe verschwommen, und Egwene in ihrem hellblauen Reitkleid war fast durchscheinend. »Was ist los mit Euch? Warum seht Ihr so eigenartig aus?« »Versuch du mal, nach Tel'aran'rhiod zu kommen, wenn du im Halbschlaf auf einem Pferd hockst«, sagte Egwene trocken. Sie schien zu flackern. »Es ist Morgen im Dreifachen Land und wir sind unterwegs. Ich mußte Amys schon überreden, damit sie mich überhaupt gehen ließ, aber ich fürchtete, du würdest dir Sorgen machen.« »Es ist schon ohne ein Pferd schwierig genug«, sagte Amys, »halb zu schlafen, wenn man doch eigentlich wachen möchte. Egwene hat es noch nicht richtig gelernt.« »Das werde ich schon noch«, sagte Egwene nervös, doch entschlossen. Sie war wie immer zu forsch und stur, wenn es darum ging, etwas zu lernen. Wenn diese Weisen Frauen sie nicht an der kurzen Leine hielten, würde sie sich mit einiger Sicherheit noch in alle nur erdenklichen Schwierigkeiten bringen.
Nynaeve vergaß, sich weiter um Egwene und ihr Ungestüm Sorgen zu machen, als die jüngere Frau begann, von dem Angriff der Trollocs und Draghkar auf die Kaltfelsenfestung zu erzählen. Seana, eine Weise Frau und Traumgängerin, befand sich unter den Toten. Rand eilte mit den Taardad Aiel nach diesem Alcair Dal, wobei er offensichtlich mit allen Bräuchen der Aiel brach. Er hatte Läufer ausgesandt, um weitere Septimen dorthin zu holen. Der Junge vertraute seine Absichten niemandem an, die Aiel waren übernervös, und Moiraine kaute an den Fingernägeln vor Frust. Das allein hätte sie schon diebisch gefreut, denn auf irgendeine Weise wollte sie ja dem Einfluß dieser Frau endlich entfliehen, aber so besorgt, wie Egwene war...
»Ich weiß nicht, ob es der beginnende Wahnsinn ist oder pure Absicht«, schloß Egwene. »Wenn ich sicher wäre, könnte ich wohl beides ertragen. Nynaeve, ich gebe zu, im Augenblick ist es nicht die Weissagung oder die Aussicht auf Tarmon Gai'don, was mir angst macht. Vielleicht ist es dumm, aber ich habe nun einmal Elayne versprochen, auf ihn aufzupassen, und nun weiß ich nicht, wie ich das anstellen soll.« Nynaeve ging um das Kristallschwert herum und legte einen Arm um Egwene. Wenigstens hatte sie selbst das Gefühl, körperlich zu sein, auch wenn die andere wie ein Bild auf einem angelaufenen Spiegel aussah. Rands geistige Gesundheit. In dieser Hinsicht konnte sie nichts tun, noch nicht einmal etwas wirklich beruhigendes sagen. Egwene war schließlich diejenige, die bei ihm blieb und auf ihn aufpassen wollte. »Das Beste, was du für Elayne tun kannst, ist, ihm zu sagen, er solle das lesen, was sie ihm geschrieben hat. Sie macht sich Sorgen um ihn. Sie redet wohl nicht darüber, aber ich glaube, sie fürchtet, mehr gesagt zu haben, als sie sollte. Wenn er glaubt, sie sei bis über beide Ohren verliebt, dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, daß er dasselbe empfindet, und das ist bestimmt nicht schlecht für sie. Wenigstens haben wir ein paar gute Neuigkeiten aus Tanchico. Aber nur ein paar.« Als sie alles erklärte, schien noch nicht einmal diese Einschränkung gerechtfertigt.
»Also wißt ihr immer noch nicht, was sie eigentlich suchen«, sagte Egwene, nachdem sie geendet hatte. »Und selbst wenn, dann wären sie bereits an Ort und Stelle und könnten es zuerst aufspüren.« »Nicht, wenn ich es verhindern kann.« Nynaeve sah die beiden Weisen Frauen fest und entschlossen an. Elayne hatte ja berichtet, daß Amys zögerte, sich mehr als nur in Warnungen zu äußern. Also mußte sie ganz entschlossen mit ihnen umgehen, wenn sie etwas in Erfahrung bringen wollte. Im Moment sah das Paar so verschwommen und durchscheinend aus, daß ein kräftiges Hauchen gereicht hätte, um sie wie Nebel wegzublasen. »Elayne glaubt, Ihr kennt alle möglichen Dinge, die man im Traum tun kann.
Gibt es eine Möglichkeit, in Amatheras Träume einzudringen, um herauszufinden, ob sie zu den Schattenfreunden gehört?« »Närrisches Mädchen.« Bair schüttelte ihr langes Haar. »Und auch wenn Ihr eine Aes Sedai seid, so seid Ihr doch ein närrisches Mädchen. In den Traum eines anderen Menschen einzudringen ist sehr gefährlich, es sei denn, sie kennt und erwartet Euch. Es ist ihr Traum und nicht mit dem hier zu vergleichen. Dort wird diese Amathera alles unter Kontrolle haben. Selbst Euch.« Das hatte sie so nicht bedacht. Es war ärgerlich, darauf gestoßen zu werden. Und dann noch ›närrisches Mädchen‹!
»Ich bin kein Mädchen«, fauchte sie. Sie hätte am liebsten an ihrem Zopf gerissen, aber statt dessen ballte sie lediglich eine Faust. Aus irgendeinem Grund hatte sie in letzter Zeit ein komisches Gefühl dabei, wenn sie sich ertappte, an ihrem Haar zu ziehen. »Ich war die Seherin von Emondsfeld, bevor ich... bevor ich eine Aes Sedai wurde...« Sie brachte diese Lüge mittlerweile recht leicht über die Lippen. »... und ich habe Frauen in Eurem Alter befohlen, sich hinzusetzen und den Mund zu halten. Wenn Ihr wißt, wie Ihr mir helfen könnt, dann sagt mir das, statt mir närrische Sprüche über irgendwelche Gefahren an den Kopf zu werfen. Ich erkenne eine Gefahr, wenn ich vor ihr stehe.« Mit einemmal bemerkte sie, daß sich ihr einzelner Zopf in zwei geteilt hatte, einer auf jeder Seite, und rote Bänder waren so eingeflochten, daß sie unten jeweils eine hübsche Schleife bildeten. Ihr Rock war so kurz, daß sogar die Knie sichtbar waren. Dazu trug sie eine lose hängende weiße Bluse wie die Weisen Frauen, und Schuhe und Strümpfe fehlten ganz. Wo kam denn das her? Sie hatte ganz sicher niemals daran gedacht, so etwas zu tragen. Egwene legte sich schnell die Hand vor den Mund. War sie erschrocken? Sicher lachte sie doch nicht!
»Unkontrollierte Gedanken«, sagte Amys, »können einem manchmal Schwierigkeiten bereiten, Nynaeve Sedai, bis Ihr es gelernt habt.« Trotz ihres nichtssagenden Tonfalls zuckten ihre Lippen ein wenig in kaum verhohlener Heiterkeit.