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Perrin schritt an ihnen vorbei. Seine Stiefeltritte warfen Echos. Der Offizier wollte schon auf ihn zugehen, zögerte aber dann, als Perrin keineswegs stehenblieb, um sich überprüfen zu lassen. Natürlich wußte er, wer Perrin war, wenn auch nicht mehr als jeder andere in Tear: Ein Reisegefährte der Aes Sedai und Freund des Lord Drachen; kein Mann, mit dem sich ein einfacher Offizier der Verteidiger des Steins anlegen sollte. Sicher hatte er die Aufgabe, über die Ruhe des Lord Drachen zu wachen, aber auch wenn er es nicht einmal insgeheim zugeben würde, war das, was er da in seiner glänzenden Rüstung darstellte, nichts als reines Theater. Die wirklichen Wächter traf Perrin erst, als er zwischen den Säulen hindurchgeschritten war und sich der Tür zu Rands Gemächern näherte. Sie hatten so bewegungslos hinter den Säulen gesessen, daß sie mit dem Stein zu verschmelzen schienen, obwohl sich nun, da sie sich bewegten, ihre Hosen und Mäntel deutlich abhoben. Sie waren in Grau- und Brauntönen gehalten, damit man sie in der Wüste nicht sehen konnte. Sechs Töchter des Speers, Aielfrauen, die sich gegen den Herd und für das Leben eines Kriegers entschieden hatten, glitten auf weichen, kniehoch geschnürten Stiefeln zwischen ihn und die Tür. Es waren hochgewachsene Frauen. Die größte war kaum eine Handbreit kleiner als er, sonnengebräunt, mit kurzgeschnittenem Haar, dessen Farbe irgendwo zwischen blond und rot lag. Zwei von ihnen hielten gekrümmte Hornbögen in der Hand und hatten die Pfeile aufgelegt. Die anderen trugen kleine Lederschilde und jede von ihnen drei oder vier kurze Speere. Die Schäfte waren kurz, aber die Spitzen lang genug, um sich ganz und gar durch den Körper eines Mannes hindurchzubohren und noch ein Stück herauszuragen.

»Ich glaube nicht, daß ich Euch einlassen kann«, sagte eine Frau mit flammenfarbigem Haar. Aber sie lächelte leicht dabei. Die Aiel grinsten nicht so oft wie andere Leute und zeigten auch sonst äußerlich kaum Gefühlsbewegungen. »Ich glaube, heute nacht will er niemanden sehen.« »Ich gehe hinein, Bain.« Er ignorierte die Speere und packte sie an den Oberarmen. In diesem Moment allerdings konnte er die Speere nicht mehr ignorieren, da eine Speerspitze seinen Hals an der Seite berührte. Und dann hatte er auch noch plötzlich den Speer einer etwas blonderen Frau namens Chiad an der anderen Seite, als wollten sich die beiden irgendwo in der Mitte seines Halses treffen. Die anderen Frauen sahen lediglich zu, da sie sicher waren, daß Bain und Chiad mit allem fertig würden, was zu tun sei. Aber er gab sich trotzdem alle Mühe. »Ich habe keine Zeit, mich mit euch herumzustreiten. Allerdings hört ihr ja sowieso nicht auf die Argumente anderer Leute, wie ich sehr gut weiß. Ich gehe jetzt rein.« So sanft er nur konnte, hob er Bain hoch und setzte sie an der Seite ab, so daß sein Weg frei war.

Chiad hätte nur auf ihren Speer hauchen müssen und es wäre Blut geflossen, aber nach einem überraschten Blick aus ihren aufgerissenen dunkelblauen Augen nahm Bain plötzlich ihren Speer von seinem Hals und grinste ihn an. »Möchtet Ihr gern ein Spiel lernen, das man den ›Kuß einer Jungfrau‹ nennt, Perrin? Ich glaube, Ihr könntet das sehr gut. Und zumindest würdet Ihr einiges lernen.« Eine der anderen lachte laut los. Chiads Speerspitze schwenkte beiseite.

Er atmete tief durch und hoffte, es möge ihnen nicht auffallen, daß es sein erster Atemzug war, seit die Speerspitzen ihn berührt hatten. Sie hatten ihre Gesichter nicht verschleiert. Ihre Schufas hatten sie wie dunkle Halstücher umgebunden. Aber er wußte nicht, ob die Aiel das unbedingt tun mußten, bevor sie jemanden töteten. Was er wußte, war lediglich, daß ihr Verschleiern bedeutete, sie seien kampfbereit.

»Ein andermal vielleicht«, sagte er höflich. Sie grinsten nun alle, als habe Bain etwas Lustiges gesagt und als sei sein Unverständnis ein Teil des Grundes ihrer Belustigung. Thom hatte recht. Ein Mann konnte wirklich verrückt werden, wenn er die Frauen verstehen lernen wollte, gleich aus welchem Land oder aus welcher sozialen Schicht sie stammten. Das hatte Thom schon oft behauptet.

Als er nach dem Türknauf in Gestalt eines sich aufbäumenden goldenen Löwen griff, fügte Bain hinzu: »Auf Eure eigene Verantwortung. Er hat bereits hinausgescheucht, was die meisten Männer für viel bessere Gesellschaft halten würden als Euch.« Natürlich, dachte er. Berelain. Sie kam ja hier heraus. Heute nacht dreht sich wohl alles um...

Die Erste von Mayene war aus seinen Gedanken verschwunden, als er einen Blick in den Raum warf. Zerbrochene Spiegel hingen an den Wänden, und Glas- und Porzellanscherben bedeckten den Fußboden. Dazwischen lagen Federn aus dem aufgeschlitzten Bett. Geöffnete Bücher lagen zwischen umgestürzten Stühlen und Bänken. Und Rand saß mit geschlossenen Augen am Fuß seines Bettes, an einen Bettpfosten gelehnt, die schlaffen Hände auf Callandor, das auf seinen Knien lag. Er sah aus, als habe er in Blut gebadet.

»Holt Moiraine!« fuhr Perrin die Aielfrauen an. Lebte Rand überhaupt noch? Wenn ja, dann benötigte er dringend die Heilkunst einer Aes Sedai. »Sagt ihr, sie soll sich beeilen!« Er hörte, wie jemand hinter ihm nach Luft schnappte, und dann schnelle Stiefelschritte.

Rand hob den Kopf. Sein Gesicht war eine blutverschmierte Maske. »Mach die Tür zu.« »Moiraine wird gleich hier sein, Rand. Entspanne dich. Sie wird... « »Mach die Tür zu, Perrin.« Die Aielfrauen sprachen leise miteinander, traten dann aber unwillig zurück. Perrin zog die Tür zu und schnitt damit einen fragenden Ruf des Offiziers mit den Federn am Helm ab.

Glas knirschte unter seinen Sohlen, als er zu Rand hinüberging. Er riß einen Streifen von einem sowieso wüst zerschnittenen Leinenbettuch ab und preßte ihn auf die Wunde an Rands Seite. Rands Hände verkrampften sich einen Moment lang vor Schmerz um das durchsichtige Schwert, doch dann entspannten sie sich. Sofort drang Blut durch den Stoff. Rand war von Kopf bis Fuß mit Schnitten und Rissen übersät, und in vielen davon glitzerten Glasscherben. Perrin zuckte hilflos die Achseln. Er wußte nicht, was er dagegen tun sollte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als auf Moiraine zu warten.

»Was beim Licht hast du denn machen wollen, Rand? Du siehst aus, als wolltest du dir selber die Haut abziehen. Und du hättest mich auch noch fast umgebracht.« Er glaubte einen Augenblick lang, Rand würde nicht antworten.

»Ich nicht«, sagte er aber doch schließlich im Flüsterton. »Einer der Verlorenen.« Perrin bemühte sich, Muskeln zu entspannen, von denen er sich gar nicht bewußt war, sie verkrampft zu haben. Er hatte nur teilweise Erfolg damit. Wohl hatte er Faile gegenüber die Verlorenen erwähnt, und das durchaus im Ernst, aber im großen und ganzen hatte er sich doch bemüht, nicht daran zu denken, was die Verlorenen unternehmen könnten, wenn sie wüßten, wo Rand sich aufhielt. Wenn einer von ihnen den Wiedergeborenen Drachen zur Strecke brächte, würde er weit über den anderen stehen, sobald einmal der Dunkle König endgültig frei war. Der Dunkle König in Freiheit und die Letzte Schlacht verloren, bevor sie überhaupt ausgetragen werden konnte.

»Bist du sicher?« fragte er genauso leise.

»Es muß so sein, Perrin. Es kann nicht anders sein.« »Wenn einer von ihnen genauso mich angriff wie dich...? Wo steckt Mat, Rand? Wenn er am Leben ist und das erlebte, was ich durchgemacht habe, dann wird er auch dasselbe glauben wie ich. Daß du schuld warst. Er wäre jetzt bestimmt schon hier, um mit dir zu reden.« »Oder auf einem Pferd auf halbem Weg zum Stadttor.« Rand mühte sich, aufrechter dazusitzen. Trocknende Blutschmierer sprangen auf, und über Brust und Schultern zeigten sich neue Rinnsale. »Wenn er tot ist, Perrin, solltest du dich künftig so weit wie möglich von mir fernhalten. Ich glaube, Loial und du, ihr habt recht damit.« Er schwieg und betrachtete Perrin. »Du und Mat, ihr müßt euch doch wünschen, ich sei niemals geboren worden. Oder zumindest, daß ihr mich nie kennengelernt hättet.« Es hatte keinen Zweck, jetzt hinzugehen und nachzusehen; wenn Mat etwas passiert war, dann war es jetzt längst vorüber und ausgestanden. Und er hatte das Gefühl, seine improvisierte Bandage, die er gegen die Wunde an Rands Seite preßte, würde ihn gerade lange genug am Leben halten, bis Moiraine kam. Ohne die... »Dir scheint es ja gleich zu sein, ob er wirklich weg ist. Seng mich, er hat doch schließlich auch Bedeutung. Was wirst du machen, wenn er weg ist? Oder tot, das Licht möge es verhüten?« »Was sie am wenigsten erwarten.« Rands Augen wirkten wie ein vom Morgennebel überzogener Sonnenaufgang —blaugrau, durch das ein fieberhaftes Glühen drang. Seine Stimme klang hart. »So muß ich es auf jeden Fall halten. Was jeder am wenigsten von mir erwartet.« Perrin atmete langsam durch. Rand hatte ein Recht darauf, zu zeigen, daß seine Nerven bis zum Zerreißen gespannt waren. Das war kein Anzeichen für den herannahenden Wahnsinn. Er mußte endlich aufhören, immer nach solchen Anzeichen zu suchen. Die würden sich schon früh genug zeigen, und jetzt ständig darauf zu warten, brachte ihm höchstens Magenkrämpfe ein. »Was soll das heißen?« fragte er leise.