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Plötzlich erschien neben einer Glasvitrine mit geschnitzten Beinen, die mitten im Saal stand, eine gutaussehende Frau. Sie stammte wohl nicht aus Tarabon. Ihr dunkles Haar fiel ihr in Locken auf die Schultern, aber das war es nicht, was Nynaeve Augen und Mund aufreißen ließ. Das Kleid der Frau schien nur aus feinem Dunst zu bestehen, an manchen Stellen silbrig und undurchsichtig, an anderen jedoch grau und so dünn, daß ihr Körper deutlich sichtbar war. Wo immer sie auch herkam, sie hatte jedenfalls eine lebhafte Vorstellungskraft. Sich so etwas einfallen zu lassen! Selbst die skandalösen Kleider der Domanifrauen, von denen sie gehört hatte, konnten bestimmt bei diesem nicht mithalten.

Die Frau lächelte die Glasvitrine an und ging dann weiter durch den Saal. Auf der gegenüberliegenden Seite blieb sie vor etwas stehen, das Nynaeve nicht erkennen konnte, und betrachtete es eingehend. Es war etwas Dunkles auf einem weißen Steinpodest.

Nynaeve runzelte die Stirn und ließ die Handvoll honigfarbener Zöpfe los, die sie schon wieder gepackt hatte. Die Frau konnte jeden Augenblick wieder verschwinden. Nur wenige träumten sich über längere Zeit hinweg nach Tel'aran'rhiod hinein. Natürlich spielte es keine Rolle, ob die Frau sie sah, denn sie stand bestimmt nicht auf ihrer Liste der Schwarzen Schwestern. Und doch kam sie ihr irgendwie... Nynaeve wurde bewußt, daß sie schon wieder ihre Zöpfe in der Hand hielt. Die Frau... Ihre Hand riß ganz von allein hart an den Zöpfen, und sie blickte sie verblüfft an. Ihre Knöchel waren weiß, und die Hand zitterte. Es war, als habe der Gedanke an diese Frau das ausgelöst. Der ganze Arm zitterte, und wieder versuchte ihre Hand, das Haar aus ihrer Kopfhaut zu reißen. Was beim Licht ist denn mit mir los?

Die in Dunst gehüllte Frau stand immer noch vor dem weit entfernten weißen Podest. Das Zittern erfaßte vom Arm ausgehend Nynaeves Schulter. Sie hatte diese Frau noch nie gesehen. Und doch... Sie bemühte sich, ihre Faust zu öffnen, aber die ballte sich nur um so fester. Bestimmt hatte sie die Frau noch nie gesehen. Nun bebte sie von Kopf bis Fuß und umklammerte sich mit ihrem freien Arm, als wolle sie sich selbst festhalten. Sicher... Ihre Zähne fingen zu klappern an. Die Frau schien... Sie hätte am liebsten geweint. Die Frau...

Bilder stiegen in ihr auf, explodierten. Sie sackte gegen die Säule an ihrer Seite, als habe die Explosion sie physisch getroffen. Ihre Augen quollen hervor. Sie sah es noch einmal vor sich. Die Kammer der Fallenden Blüten und diese kraftvolle, gutaussehende Frau, die vom Glühen Saidars umgeben gewesen war. Sie und Elayne hatten wie die Kinder geplappert, hatten sich beinahe darum gestritten, als erste antworten zu dürfen, und alles ausgeplaudert, was sie wußten. Wieviel hatten sie ihr tatsächlich erzählt? Es war schwer, die Einzelheiten zurückzuholen, aber sie erinnerte sich dunkel daran, ein paar Dinge wenigstens verschwiegen zu haben. Nicht bewußt. Sie hätte der Frau alles gesagt, alles für sie getan, was sie von ihr verlangte. Ihr Gesicht errötete vor Scham und Zorn. Wenn sie in der Lage gewesen war, ein paar kleine Dinge zu verbergen, dann nur, weil sie so — begierig — gewesen war, die letzte Frage zu beantworten, daß sie die von vorher überging.

Das ergibt doch keinen Sinn, sagte eine kleine Stimme in ihrem Hinterkopf. Wenn sie eine Schwarze Schwester ist, von der ich nichts weiß, warum hat sie uns dann nicht an Liandrin ausgeliefert? Das hätte sie doch ohne weiteres gekonnt. Wir wären wie Lämmer zur Schlachtbank mitmarschiert.

Kalter Zorn ließ sie nicht auf diese Stimme hören. Eine Schwarze Schwester hatte sie wie eine Marionette benutzt und ihr dann befohlen, alles zu vergessen. Und sie hatte es tatsächlich vergessen! Nun, jetzt würde die Frau erfahren, wie es war, wenn sie ihr bereit und vorgewarnt gegenüberstand!

Bevor sie nach der Wahren Quelle greifen konnte, befand sich plötzlich Birgitte neben der nächsten Säule. Sie hatte wieder dieses kurze, weiße Wams an und die gelbe, an den Knöcheln zugebundene Pumphose. Birgitte, oder eine Frau, die sich für Birgitte hielt und die das lange, goldene Haar zu einem kunstvollen Zopf geflochten hatte.

Sie hatte einen Finger warnend an die Lippen gelegt, zeigte zuerst auf Nynaeve und dann eindringlich auf eine der breiten Türen mit zwei Spitzbögen hinter ihr. Ihre leuchtenden blauen Augen warnten noch einmal, und dann verschwand sie.

Nynaeve schüttelte den Kopf. Wer die Frau auch sein mochte, sie hatte keine Zeit. So öffnete sie sich Saidar und wandte sich um, als sie bis zum Überfluß mit der Einen Macht und ihrem kochenden Zorn angefüllt war. Die in Dunst gekleidete Frau war weg! Weg! Weil diese goldhaarige Närrin sie abgelenkt hatte! Vielleicht war die wenigstens immer noch in der Nähe und wartete auf sie. In die Macht gehüllt, schritt sie durch die Tür, auf die die Frau gedeutet hatte.

Die Frau mit dem goldenen Haar wartete tatsächlich in einem mit bunten Teppichen ausgelegten Flur auf sie. Die goldenen Lampen waren nicht angezündet, verströmten jedoch den Duft parfümierten Öls. Nun hielt sie einen silbernen Bogen in der Hand, und an ihrer Hüfte hing ein mit silbernen Pfeilen gefüllter Köcher.

»Wer seid Ihr?« wollte Nynaeve wütend wissen. Sie würde der Frau eine Gelegenheit geben, sich ihr zu erklären. Und ihr dann eine Lektion erteilen, die sie so schnell nicht mehr vergaß! »Seid Ihr die gleiche Idiotin, die in der Wüste auf mich schoß und behauptete, sie sei Birgitte? Ich war gerade dabei, einem Mitglied der Schwarzen Ajah Manieren beizubringen, als sie durch Eure Schuld entkommen konnte!« »Ich bin Birgitte«, sagte die Frau und stützte sich auf ihren Bogen. »Zumindest ist das der Name, unter dem Ihr mich kennt. Und die Lektion hätte Euch gegolten, hier genauso wie im Dreifachen Land. Ich erinnere mich an die Leben, die ich gelebt habe, als seien sie Bücher, die ich las. Was länger her ist, wirkt ein wenig trüber als das zeitlich Nähere, aber ich erinnere mich noch gut daran, wie ich an Lews Therins Seite kämpfte. Ich werde Moghediens Gesicht niemals vergessen, genausowenig wie das Asmodeans, des Mannes, den Ihr in Rhuidean beinahe aufgestört hättet.« Asmodean? Moghedien? Die Frau war eine der Verlorenen gewesen? Eine Verlorene in Tanchico. Und einer in Rhuidean, in der Wüste. Egwene hätte bestimmt etwas davon erwähnt, hätte sie davon gewußt. Keine Möglichkeit, sie zu warnen, jedenfalls nicht während der nächsten sieben Tage. Zorn — und Saidar — wallten in ihr auf. »Was tut Ihr hier? Ich weiß, daß Ihr alle verschwandet, nachdem Euch das Horn von Valere zurückgerufen hatte, aber Ihr seid...« Sie ließ die Worte verklingen, verlegen, weil sie etwas hatte sagen wollen, doch die andere Frau beendete gelassen den Satz für sie.

»Tot? Diejenigen von uns, die an das Rad gebunden sind, sind nicht auf die gleiche Weise tot wie andere. Welcher Ort wäre besser geeignet, um dort zu warten, bis das Rad uns in unsere neuen Leben verwebt, als hier in der Welt der Träume?« Plötzlich lachte Birgitte auf. »Ich fange schon an, wie ein Philosoph zu reden. In beinahe jedem Leben, an das ich mich erinnere, wurde ich als einfaches Mädchen geboren, das den Bogen erwählte. Ich bin eine Bogenschützin und nicht mehr.« »Ihr seid die Heldin in hundert Legenden«, sagte Nynaeve. »Und ich sah, was Eure Pfeile in Falme vollbrachten. Der Gebrauch der Macht durch die Seanchan hat Euch nicht berührt. Birgitte, wir stehen fast einem Dutzend Schwarzer Ajah gegenüber. Und wie es scheint, auch einer der Verlorenen. Wir könnten Eure Hilfe gebrauchen.« Die andere Frau verzog verlegen und bedauernd das Gesicht. »Ich kann nicht, Nynaeve. Ich kann die Welt des Fleisches nicht berühren, bevor das Horn mich wieder ruft. Oder bevor mich das Rad wieder neu verwebt. Wenn es das in diesem Augenblick täte, würdet Ihr lediglich ein Kleinkind vorfinden, das sich an die Mutterbrust drückt. Nach Falme hat uns das Horn gerufen, und wir waren nicht so wie Ihr dort, nicht fleischgeworden. Deshalb konnte uns die Macht nicht berühren. Hier ist alles ein Teil des Traums und die Eine Macht kann mich genauso leicht vernichten wie Euch. Noch leichter. Ich sagte Euch ja: Ich bin eine Bogenschützin und gelegentlich Soldatin, aber nicht mehr.« Ihr kunstvoll geflochtener goldener Zopf flog herum, als sie den Kopf schüttelte. »Ich weiß gar nicht, warum ich das alles erkläre. Ich sollte überhaupt nicht mit Euch sprechen.« »Warum nicht? Ihr habt doch auch zuvor schon mit mir gesprochen. Und auch Egwene glaubt, Euch gesehen zu haben. Das wart Ihr doch, oder?« Nynaeve runzelte die Stirn. »Woher kennt Ihr eigentlich meinen Namen? Wißt Ihr so etwas einfach?« »Ich weiß, was ich sehe und höre. Ich habe Euch beobachtet und gelauscht, wann immer ich Euch finden konnte. Euch und die anderen beiden Frauen, und den jungen Mann mit den Wölfen. Den Regeln nach dürfen wir mit niemandem sprechen, der sich bewußt in Tel'aran'rhiod befindet. Und doch geht das Böse genauso in den Träumen einher wie in der Welt des Fleisches. Ihr, die Ihr es bekämpft, zieht mich an. Obwohl ich weiß, daß ich fast nichts tun kann, stelle ich fest, daß ich Euch helfen möchte. Doch ich kann nicht. Es widerspricht allen Regeln, und diese Regeln haben mich so viele Drehungen des Rads über gebunden, daß ich selbst in meinen ältesten, verblaßten Erinnerungen noch die Erinnerungen an hundert, an tausend frühere Leben spüre. Mit Euch zu sprechen heißt bereits, Regeln zu brechen, die ebenso binden wie Gesetze.« »Das stimmt«, sagte eine harte männliche Stimme.