»Du schnatterst schon wie Rendra, Elayne«, fuhr Nynaeve sie an. Sie mühte sich gerade mit den Knöpfen an ihrem Rücken ab. »Wenn du damit aufgehört hast, über Männer zu klatschen, dann erspare uns bitte, von der neuen Schneiderin zu berichten, die du zweifellos aufgespürt hast! Wir müssen planen. Wenn wir warten, bis wir mit den Männern zusammensitzen, werden sie versuchen, uns zu überstimmen, und ich habe keine Lust, Zeit zu verschwenden, um sie zurechtzuweisen. Bist du noch nicht mit ihr fertig? Ich könnte auch etwas Hilfe gebrauchen.« Elayne knöpfte schnell Egeanins Kleid fertig zu und ging ganz kühl zu Nynaeve hinüber. Sie redete doch nicht ständig von Männern und Kleidern. Jedenfalls lange nicht so oft wie Rendra. Nynaeve hielt ihre Zöpfe zur Seite und blickte sie strafend an, als sie beinahe an ihrem Kleid riß, um die Knöpfe richtig hinzubekommen. Die enge, dreifache Knopfreihe den Rücken hoch war notwendig und nicht nur Zierrat. Nynaeve ließ sich aber auch von Rendra überreden, sich in die engsten Oberteile hineinzuzwängen, nur weil sie der neuesten Mode entsprachen. Und dann behauptete sie, andere dächten die ganze Zeit über nur an Kleider. Sie jedenfalls hatte ganz andere Dinge im Kopf. »Ich habe darüber nachgedacht, wie wir unbemerkt in den Palast hineinkommen können, Nynaeve. Wir können uns fast unsichtbar bewegen.« Beim Reden glättete sich Nynaeves Stirn wieder. Auch sie selbst war auf einen Weg gekommen, auf dem sie den Palast betreten konnten. Als Egeanin ein paar Vorschläge unterbreitete, verzog Nynaeve den Mund, aber die Anregungen waren vernünftig, und sie konnte sie nicht so einfach ablehnen. Als sie schließlich bereit waren, in die Kammer der Fallenden Blüten hinunterzugehen, hatten sie sich auf eine Vorgehensweise geeinigt und nicht die Absicht, von den Männern daran rütteln zu lassen. Moghedien, die Schwarzen Ajah, wer auch immer im Panarchenpalast das Sagen hatte, der würden sie das ersehnte Ziel vor der Nase wegschnappen.
53
Eine bindende Entscheidung
Nur drei Kerzen und zwei Lampen erhellten den Schankraum der Weinquellenschenke, da sowohl Kerzen wie auch Öl knapp geworden waren. Die Speere und die anderen Waffen standen nicht mehr an den Wänden, und das Faß, in dem die Schwerter gesteckt hatten, war leer. Die Lampen standen auf zweien der Tische, die man vor dem großen Kamin zusammengeschoben hatte und an denen nun Marin al'Vere, Daise Congar und andere aus der Versammlung der Frauen die Listen durchgingen, wieviel Lebensmittel noch in Emondsfeld zur Verfügung standen. Perrin bemühte sich, nicht hinzuhören.
Von einem anderen Tisch hörte man das leise, regelmäßige Schleifen von Failes Wetzstein, als sie eines ihrer Messer schliff. Vor ihr lag ein Bogen, und an ihrem Gürtel hing ein gefüllter Köcher. Sie hatte sich als recht gute Schützin erwiesen, aber er hoffte, sie werde niemals herausfinden, daß es ein Knabenbogen war. Einen Langbogen von den zwei Flüssen konnte sie nicht spannen, auch wenn sie sich weigerte, das zuzugeben.
Er verschob seine Axt, daß sie ihn nicht so drückte, und versuchte, sich wieder auf das zu konzentrieren, was er mit den Männern besprochen hatte, die mit ihm am Tisch saßen. Nicht alle von ihnen waren so aufmerksam, wie sie eigentlich sein sollten.
»Sie haben Lampen«, murrte Cenn, »und wir müssen uns mit Talg begnügen.« Der knorrige alte Mann blickte böse die beiden Kerzen an, die in Messinghaltern steckten.
»Laß doch das Meckern sein, Cenn«, sagte Tam müde und zog Pfeife und Tabaksbeutel aus der Gürteltasche. »Laß doch einmal wenigstens das Meckern.« »Wenn wir lesen oder schreiben müßten«, sagte Abell in einem Tonfall, der der Geduld seiner Worte nicht ganz entsprach, »dann hätten wir auch Lampen.« Um seine Stirn war ein Verband gewickelt.
Als wolle er den Dachdecker daran erinnern, daß schließlich er der Dorfvorsteher sei, rückte Bran das silberne Medaillon zurecht, das er auf der breiten Brust hängen hatte. Waagschalen waren darauf eingraviert. »Konzentriere dich bitte auf das Notwendige, Cenn. Ich will nicht, daß einer von euch Perrins Zeit verschwendet.« »Ich bin aber der Meinung, daß wir Lampen bekommen sollten«, quengelte Cenn. »Perrin würde es mir sagen, wenn ich seine Zeit verschwendete.« Perrin seufzte. Seine Augenlider waren an diesem Abend schwer geworden. Er wünschte sich, jemand anders würde den Rat der Gemeinde vertreten, Haral Luhhan oder Jon Thane oder Samel Crawe, irgend jemand, aber nicht gerade Cenn mit seinem ewigen Mosern. Aber andererseits wünschte er sich auch, daß sich einer dieser Männer an ihn wandte und zu ihm sagte: »Das sind die Angelegenheiten des Dorfvorstehers und des Rats der Gemeinde, Junge. Geh du mal zurück an die Esse. Wir lassen dich schon wissen, was du zu tun hast.« Statt dessen machten sie sich Gedanken darüber, seine Zeit nicht zu verschwenden, und verwiesen jeden an ihn. Wie viele Angriffe hatte es gegeben in den letzten sieben Tagen? Er war sich nicht mehr sicher.
Der Verband um Abells Kopf irritierte Perrin. Die Aes Sedai heilten jetzt nur noch die schwerwiegendsten Wunden. Wenn ein Mann ohne ihre Hilfe klarkam, ließen sie ihn gehen. Es war ja nicht so, daß es bereits sehr viele Schwerverwundete gab, aber wie Verin trocken festgestellt hatte, hatten auch die Kräfte einer Aes Sedai ihre Grenzen. Offensichtlich hatte sie der Trick mit den Katapultsteinen mindestens ebensoviel Kraft gekostet wie das Heilen all dieser Verwundungen. Aber diesmal wollte er nicht an die Grenzen der Kräfte einer Aes Sedai erinnert werden. Noch nicht viele Schwerverwundete. Noch nicht.
»Haben wir noch genug Pfeile?« fragte er. Man erwartete von ihm ja wohl, daß er sich um solche Probleme kümmere.
»Ja, es reicht«, sagte Tam und zündete seine Pfeife an einer der Kerzen an. »Wir holen uns immer noch die meisten von denen zurück, die wir abgeschossen haben, jedenfalls bei Tageslicht. In der Nacht schleifen sie eine Menge ihrer Toten weg — für die Kochtöpfe bestimmt, schätze ich. Die gehen uns eben verloren.« Die anderen Männer kramten jetzt ebenfalls die Pfeifen aus allen möglichen Taschen heraus. Cenn knurrte etwas, daß er seinen Beutel vergessen habe. Mürrisch schob ihm Bran seinen Tabaksbeutel über den Tisch. Sein Kahlkopf schimmerte im Kerzenschein.
Perrin rieb sich die Stirn. Was hatte er als nächstes fragen wollen? Die Pfähle. Bei den meisten Angriffen, besonders während der Nacht, mußten sie bereits an und zwischen den Pfählen kämpfen. Wie oft waren die Trollocs nun schon beinahe durchgebrochen? Dreimal? Viermal?
»Hat jeder jetzt einen Speer oder irgendeine Art von Spieß oder dergleichen? Ist noch Material vorhanden, um weitere herzustellen?« Die Antwort war Schweigen, und er ließ seine Hand auf die Tischfläche sinken. Die anderen Männer blickten ihn an.
»Das hast du gestern schon gefragt«, sagte Abell mit sanfter Stimme. »Und Haral hat dir gesagt, daß es im ganzen Dorf keine Sichel und keine Mistgabel mehr gibt, die nicht schon zu einer Waffe verarbeitet wurde. Um die Wahrheit zu sagen, haben wir mehr Waffen als Hände, um sie zu führen.« »Ja. Natürlich. Es war mir einfach entfallen.« Ein Gesprächsfetzen von der Runde der Frauen drang in sein Bewußtsein.
»... sollten die Männer nicht erfahren«, sagte Marin gerade leise, als wiederhole sie eine öfters ausgesprochene Mahnung.
»Selbstverständlich nicht«, schnaubte Daise um einiges lauter. »Wenn die Narren herausbekommen, daß die Frauen nur noch halbe Rationen essen, werden sie darauf bestehen, es genauso zu machen, und wir können nicht... « Perrin schloß die Augen und bemühte sich, nicht mehr hinzuhören. Klar. Die Männer mußten ja kämpfen. Also brauchten sie jedes bißchen Kraft. Ganz einfach. Wenigstens mußten die Frauen bis jetzt noch nicht mitkämpfen. Außer den beiden Aielfrauen natürlich und Faile, aber sie war schlau genug, sich zurückzuhalten, wenn es dazu kam, zwischen den Pfählen mit Speeren und Spießen zu kämpfen. Das war auch der Grund, weshalb er den Bogen für sie aufgetrieben hatte. Sie hatte das Herz einer Leopardin und mehr Mut als zwei Männer zusammengenommen.