»Ich glaube, es ist Zeit, daß du schlafen gehst, Perrin«, schlug Bran vor. »Du kannst nicht so weitermachen und lediglich mal hier oder da eine Stunde schlafen.« Perrin kratzte sich lebhaft im Bart und bemühte sich, wachsam und hellwach zu wirken. »Ich werde später schlafen.« Wenn es vorbei war. »Bekommen die Männer denn auch genug Schlaf? Ich habe einige gesehen, die immer noch auf waren, obwohl sie... « Die Eingangstür schlug auf, und der magere Dannil Lewin trat aus der Nacht herein, schweißüberströmt und den Bogen in der Hand. Er trug an der Hüfte eines der Schwerter aus dem Faß. Tam hatte die Männer unterrichtet, wenn er gerade Zeit dazu hatte, und manchmal half auch einer der Behüter.
Bevor Dannil den Mund öffnen konnte, fauchte Daise: »Bist du etwa in einer Scheune erzogen worden, Dannil Lewin?« »Du könntest wirklich meine Tür ein wenig rücksichtsvoller behandeln.« Marin blickte erst den Mann und dann Daise bedeutungsvoll an, um sie beide daran zu erinnern, daß es ihre Tür sei.
Dannil duckte sich ein wenig und räusperte sich. »Verzeihung, Frau al'Vere«, sagte er schnell. »Verzeihung, Seherin. Tut mir leid, wenn ich so hereinstürme, aber ich habe eine Botschaft für Perrin.« Er eilte so hastig zum Tisch der Männer, als fürchte er, die Frauen würden ihn nochmals aufhalten. »Die Weißmäntel haben einen Mann hergebracht, der mit Euch sprechen will, Perrin. Er will sonst mit niemandem reden. Er ist schlimm verwundet, Perrin. Sie haben ihn nur bis zum Rand des Dorfs gebracht.
Ich glaube kaum, daß er es bis zur Schenke schaffen würde.« Perrin rappelte sich mühsam hoch. »Ich komme schon.« Wenigstens kein neuer Angriff. Die waren nachts am schlimmsten.
Faile schnappte sich ihren Bogen und schloß sich ihm an, bevor er die Tür erreicht hatte. Auch Aram stand zögernd auf. Er hatte im Schatten am Fuß der Treppe gesessen. Manchmal vergaß Perrin ganz, daß der Mann da war, weil er sich so ruhig verhielt. Er wirkte schon eigenartig mit seinem Schwert, das er sich über das schmutzige, gelbgestreifte Kesselflickerwams geschnallt hatte, mit ständig weit geöffneten Augen und ausdruckslosem Gesicht. Weder Raen noch Ila hatten auch nur ein Wort mit ihrem Enkel gesprochen, seit dem Tag, als er dieses Schwert in die Hand genommen hatte. Auch mit Perrin sprachen sie nicht mehr.
»Wenn Ihr mitkommen wollt, dann nur zu«, sagte er ein wenig mürrisch, und Aram schloß sich ihm an. Der Mann lief ihm wie ein Hund hinterher, wenn er nicht gerade Tam oder Ihvon oder Tomas plagte, damit sie ihm Lehrstunden im Gebrauch des Schwerts erteilten. Es war, als habe er seine Familie und sein Volk durch Perrin ersetzt. Perrin hätte ohne diese zusätzliche Verantwortung gut leben können, aber er hatte ihn nun mal am Hals.
Der Mond schien auf die strohgedeckten Dächer herab. Nur bei wenigen Häusern war mehr als ein Fenster beleuchtet. Stille hing über dem Dorf. Draußen vor der Schenke standen vielleicht dreißig der ›Kameraden‹ auf Wache. Sie trugen ihre Bögen in der Hand, und so viele von ihnen hatten Schwerter, wie es eben möglich gewesen war. Die Bezeichnung ›Kameraden‹ hatten sie alle übernommen, und selbst Perrin ertappte sich dabei sie zu benützen, trotz seines inneren Widerstands. Der Grund dafür, vor der Schenke Wachen aufzustellen, war auf dem Anger zu finden, der nicht mehr von Schafen und Kühen zum Weiden benutzt wurde. Nur ein kurzes Stück vom Weinquellenbach entfernt, jenseits der Stelle, an der diese närrische Flagge mit dem Wolfskopf jetzt schlaff herunterhing, brannten helle Lagerfeuer in der Dunkelheit der Nacht. Am Rande des Feuerscheins schimmerten weiße Mäntel im Mondschein.
Niemand hatte Weißmäntel zu Hause beherbergen wollen. Die Häuser waren so schon überfüllt, und Bornhald wollte seine Truppe sowieso nicht aufsplittern. Der Mann schien zu glauben, daß jeden Moment das ganze Dorf über ihn und seine Männer herfallen könne. Wenn sie Perrin folgten, mußten sie Schattenfreunde sein. Selbst Perrins scharfe Augen konnten die Gesichter an den Lagerfeuern nicht erkennen, aber er glaubte, Bornhalds Blick auf sich ruhen zu fühlen, wie er wartete und haßte.
Dannil wählte zehn der Kameraden aus, die Perrin begleiten sollten, alles junge Männer, die normalerweise mit ihm herumziehen und die Gegend unsicher machen sollten, aber nun statt dessen ihre Bögen trugen und für seine Sicherheit sorgen mußten. Aram reihte sich nicht bei ihnen ein, als Dannil sie die dunkle, schmutzige Straße entlangführte. Er war bei Perrin und nicht bei dieser Truppe. Faile hielt sich dicht an Perrins Seite. Ihre dunklen Augen schimmerten im Mondschein und beobachteten ihre Umgebung so genau, als sei sie sein einziger Schutz.
Wo die Alte Straße nach Emondsfeld hineinführte, hatte man die Wagenblockade beseitigt, um die Patrouille der Weißmäntel durchzulassen, zwanzig Mann in schneeweißen Mänteln, mit Lanzen bewaffnet und in glänzenden Rüstungen, die nicht weniger ungeduldig warteten als ihre stampfenden Pferde. Sie hoben sich deutlich von der Nacht ab, wohlwissend, daß die Trollocs nachts sehr gut sehen konnten, aber die Weißmäntel bestanden auf ihren Patrouillenritten. Manchmal hatten sie wirklich rechtzeitig vor einem Angriff warnen können, und vielleicht hielten sie mit ihren ständigen Nadelstichen die Trollocs ein wenig auf Abstand. Aber es wäre Perrin schon lieber gewesen, er hätte gewußt, was sie eigentlich draußen taten, bevor sie vollendete Tatsachen schufen.
Eine Schar Dorfbewohner und Bauern aus dem Umland, die Teile uralter Rüstungen und in ein paar Fällen rostige Helme trugen, hatten sich um einen Mann in Bauernkleidung versammelt, der auf der Straße lag. Sie machten ihm und Faile Platz, und er ging zu dem Mann und kniete neben ihm nieder.
Der Geruch nach Blut war sehr stark. Schweiß glänzte auf dem im Schatten liegenden Gesicht des Mannes. Ein daumendicker Trollocpfeil steckte wie ein kleiner Speer in seiner Brust. »Perrin — Goldauge«, stieß er heiser hervor, wobei er nach Luft rang. »Muß — zu — Perrin — Goldauge.« »Hat jemand nach einer der Aes Sedai geschickt?« wollte Perrin wissen. Er hob den Oberkörper des Mannes an, so sanft er nur konnte, und hielt seinen Kopf in der Armbeuge. Er hörte gar nicht erst auf die Antwort, denn er glaubte nicht, daß der Mann noch lange genug leben würde, bis eine Aes Sedai kam. »Ich bin Perrin.« »Goldauge? Ich — kann — nicht — gut — sehen.« Der Blick aus seinen weit aufgerissenen Augen ruhte direkt auf Perrins Gesicht. Falls er überhaupt noch sehen konnte, mußte der Bursche seine Augen golden in der Dunkelheit schimmern sehen.
»Ich bin Perrin Goldauge«, sagte er zögernd.
Der Mann packte ihn am Kragen und zog sein Gesicht mit überraschender Kraft dicht vor seines. »Wir — kommen. Geschickt — Euch — zu — sagen. Wir ko...« Sein Kopf fiel nach hinten und die Augen blickten nun ins Leere.
»Das Licht sei mit seiner Seele«, flüsterte Faile. Sie hängte sich den Bogen über.
Nach einem Augenblick löste Perrin die Finger des Mannes von seinem Kragen. »Kennt ihn irgend jemand?« Die Männer von den Zwei Flüssen blickten sich gegenseitig an und schüttelten dann die Köpfe. Perrin blickte zu den Weißmänteln auf ihren Pferden hoch. »Hat er sonst noch etwas gesagt, als Ihr ihn hereinbrachtet? Wo habt Ihr ihn gefunden?« Jaret Byar starrte ihn von oben herab an. Sein Gesicht war hager; die Augen lagen tief in ihren Höhlen. Er war das Abbild des Todes. Die anderen Weißmäntel sahen zur Seite, doch Byar zwang sich immer, Perrin direkt in die gelben Augen zu sehen, besonders in der Nacht wenn sie glühten. Byar grollte leise in sich hinein. Perrin hörte den Ausdruck ›Schattenwesen!‹ Dann hieb er seinem Pferd die Stiefel in die Flanken und die Patrouille galoppierte ins Dorf hinein. Sie schienen genauso erleichtert, von Perrin wegzukommen wie von den Trollocs. Aram blickte ihnen mit ausdruckslosem Gesicht hinterher. Eine Hand hatte er erhoben und er fühlte nach dem Schwertgriff, der hinten über seine Schulter hinausragte.