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»Sie sagten, sie hätten ihn zwei oder drei Meilen südlich von hier gefunden.« Dannil zögerte und fügte dann hinzu: »Sie behaupten auch, die Trollocs seien in lauter kleine Gruppen aufgesplittert, Perrin. Vielleicht geben sie endlich auf?« Perrin ließ den Fremden langsam zu Boden gleiten. Wir kommen. »Paßt gut auf. Vielleicht kommt irgendeine Familie nun endlich her, die bisher versucht hat, sich auf dem eigenen Hof zu halten.« Er glaubte zwar nicht, daß jemand so lange Zeit überlebt habe, aber es konnte schon sein. »Erschießt niemanden aus Versehen.« Er taumelte hoch, und Faile legte eine Hand auf seinen Arm. »Es wird Zeit, daß du ins Bett kommst, Perrin. Gelegentlich mußt du auch mal schlafen.« Er sah sie nur stumm an. Er hätte dafür sorgen sollen, daß sie in Tear blieb. Gleich, wie er es angestellt hätte. Wenn er nur gründlich genug nachgedacht hätte...

Einer der Laufburschen, ein lockenköpfiger Junge, der ihm bis zur Brust reichte, schlüpfte zwischen den Männern durch und zupfte Perrin am Ärmel. Perrin kannte ihn nicht. Es waren ja auch viele Familien aus dem weiteren Umland da. »Es rührt sich irgend etwas im Westwald, Lord Perrin. Ich bin geschickt worden, um Euch das auszurichten.« »Nenne mich nicht ›Lord‹ Perrin«, sagte er in scharfem Ton zu dem Jungen. Wenn er nicht bei den Kindern anfing, würden ihn bald alle so nennen. »Geh und sage ihnen, daß ich komme.« Der Junge rannte los.

»Du gehörst ins Bett«, sagte Faile energisch. »Tomas kann durchaus die Verteidigung leiten.« »Das ist aber kein Angriff, sonst hätte es der Junge gesagt und irgend jemand würde Cenns Signalhorn blasen.« Sie hängte sich an seinen Arm und versuchte, ihn in Richtung Schenke zu ziehen, und als er in die entgegengesetzte Richtung losmarschierte, wurde sie auf die Art mitgeschleppt. Nach ein paar Minuten vergebener Anstrengung gab sie auf und tat so, als habe sie die ganze Zeit nur einfach seinen Arm gehalten. Aber sie knurrte einiges in sich hinein. Sie glaubte wohl immer noch, wenn sie ganz leise spräche, könne er es nicht hören. Es begann mit Ausdrücken wie ›närrisch‹, ›Maulesel‹ oder ›Muskeln statt Hirn‹, und danach wurde es härter. Es war eine hübsche Prozession: Sie hing an seinem Arm und verfluchte ihn leise, Aram folgte ihm wie ein treuer Hund, und Dannil mit den zehn Kameraden umgaben sie wie eine Ehrenwache. Wäre er nicht so müde gewesen, hätte er sich wohl wie ein kompletter Idiot gefühlt.

Kleine Gruppen von Wächtern waren in regelmäßigen Abständen um den Wall aus zugespitzten Pfählen verteilt und spähten in die Nacht hinaus. Bei jeder Gruppe befand sich ein Junge als Laufbursche. Am westlichen Ende des Dorfes hatten sich die Wächter alle an der Innenseite der Straßensperre versammelt. Sie hielten die Speere und Bögen in nervöser Kampfbereitschaft und blickten hinüber zum Westwald. Selbst im Mondschein mußten ihnen die Bäume wohl mehr wie schwarze Schatten vorkommen.

Der Behüterumhang ließ Teile von Tomas' Körper so mit der Nacht verschmelzen, daß sie praktisch unsichtbar waren. Bain und Chiad befanden sich bei ihm. Aus irgendeinem Grund hatten die beiden Töchter des Speers jede Nacht an diesem Ende Emondsfelds verbracht, seit Loial und Gaul weg waren. »Ich hätte Euch nicht gestört«, sagte der Behüter zu Perrin, »aber da draußen scheint sich nur eine Gestalt zu bewegen, und ich glaubte, Ihr könntet sie vielleicht besser ausmachen mit Euren scharfen Augen... « Perrin nickte. Jeder wußte von dieser Fähigkeit, gerade auch bei Dunkelheit noch gut sehen zu können. Die Leute von den Zwei Flüssen hielten das anscheinend für etwas ganz Besonderes. Das gehörte zu den Dingen, die ihn in ihren Augen zu einem dieser idiotischen ›Helden‹ stempelten. Was die Behüter oder die Aes Sedai davon hielten, wußte er nicht. Er war heute nacht auch zu müde, als daß es ihn gekümmert hätte. Sieben Tage, und wie viele Angriffe waren es gewesen?

Der Rand des Westwalds lag etwa fünfhundert Schritt entfernt. Selbst für seine Augen verschwammen die Bäume dort zu einem massiven Schatten. Etwas bewegte sich dort. Es war groß genug, daß es ein Trolloc sein konnte. Eine große Gestalt, die etwas trug... Das, was auf den Armen der Gestalt lag, hob einen Arm. Ein Mensch. Ein großer Schatten, der einen Menschen auf den Armen trug.

»Wir schießen nicht!« schrie er. Ihm war nach Lachen zumute — nein, er ertappte sich dabei, wirklich zu lachen. »Komm weiter! Komm her, Loial!« Die undeutliche Gestalt trabte schwerfällig los, schneller als ein Mensch laufen konnte, und wurde schließlich als der Ogier erkennbar, der mit Gaul auf den Armen auf das Dorf zueilte.

Die Männer feuerten ihn an, als sei das Ganze ein Wettrennen: »Rennt, Ogier, rennt! Los! Rennt!« Vielleicht war es auch ein Wettrennen, denn aus diesem Teil des Walds heraus war schon mehr als ein Angriff erfolgt.

Kurz vor den Pfählen kam Loial schwankend zum Stehen. Es war kaum Platz für seine kräftigen Beine, sich auch nur seitwärts durch die Barriere zu schieben. Doch schließlich hatte er es geschafft und setzte sofort den Aielmann ab. Er selbst sank zu Boden und lehnte sich erschöpft an die nächststehenden Pfähle. Er atmete schwer, und seine behaarten Ohren hingen schlapp herunter. Gaul hüpfte auf einem Bein heran und setzte sich neben ihn. Augenblicklich kümmerten sich Bain und Chiad besorgt um seinen linken Oberschenkel, wo die Hose zerrissen und mit getrocknetem Blut verschmiert war. Er hatte nur noch zwei Speere, und in seinem Köcher herrschte gähnende Leere. Auch Loials Axt fehlte.

»Du alter Narr von einem Ogier«, lachte Perrin ihn warmherzig an. »Sich so einfach fortzustehlen. Ich sollte dich Ausreißer von Daise Congar versohlen lassen. Na, wenigstens bist du noch am Leben. Und zurück.« Seine Stimme versagte ihm nun doch den Dienst. Er lebte. Und war wieder zurück in Emondsfeld.

»Wir haben es geschafft, Perrin«, schnaufte Loial mit müder, doch immer noch dröhnender Stimme. »Vor vier Tagen Wir haben das Wegetor verschlossen. Höchstens die Altesten oder eine Aes Sedai könnten es wieder öffnen.« »Er hat mich fast den ganzen Weg von den Bergen bis hier getragen«, sagte Gaul. »Während der ersten drei Tage wurden wir von einem Nachtläufer und vielleicht fünfzig Trollocs verfolgt, aber Loial war einfach zu schnell für sie.« Er versuchte, die Töchter des Speers wegzuschieben, doch das gelang ihm nicht.

»Lieg still, Shaarad«, fauchte ihn Chiad an, »oder ich werde behaupten, ich hätte dich bei voller Bewaffnung berührt. Dann kannst du selbst wählen, wie es um deine Ehre künftig stehen soll.« Faile lachte vergnügt. Perrin verstand gar nichts, doch die Bemerkung ließ den standhaften Aielmann beinahe in die Luft gehen. Anschließend ließ er sein Bein von den Töchtern behandeln.

»Geht es dir gut, Loial?« fragte Perrin. »Bist du verletzt?« Der Ogier rappelte sich mit sichtlicher Anstrengung hoch und stand einen Moment lang schwankend da, wie ein Baum vor dem Sturz. Seine Ohren hingen noch immer schlapp herunter. »Nein, ich bin unverletzt, Perrin. Nur müde. Mach dir keine Sorgen um mich. Ich bin eben schon eine lange Zeit aus dem Stedding weg. Besuche dort reichen nicht aus.« Er schüttelte den Kopf, als habe er sich wieder beim Abschweifen ertappt. Seine breite Hand bedeckte Perrins Schulter. »Wenn ich ein bißchen geschlafen habe, geht es mir wieder gut.« Er senkte die Stimme. Jedenfalls für einen Ogier war dieses Hummelgebrumm durchaus leise. »Draußen sind die Zustände sehr schlimm, Perrin. Die meiste Zeit über sind wir den letzten Horden aus den Bergen hinunter gefolgt. Wir haben das Wegetor verschlossen, aber ich glaube, es befinden sich bereits mehrere tausend Trollocs an den Zwei Flüssen und dazu vielleicht noch fünfzig Myrddraal.« »Keineswegs«, verkündete Luc lauthals. Er war am Dorfrand entlanggaloppiert und kam aus der Gegend der Nordstraße. Er riß an den Zügeln und sein schwarzer Hengst bäumte sich auf, als er mit einem Ruck stehenbleiben mußte. Er schlug mit den Vorderhufen in die Luft. Der Auftritt eines Angebers...»Zweifellos beherrscht Ihr es prächtig, Ogier, Bäume zu besingen, aber gegen Trollocs zu kämpfen ist doch etwas anderes. Ich schätze, es sind mittlerweile weniger als tausend. Ganz sicher eine formidable Streitmacht, aber nichts, womit diese festen Verteidigungsanlagen und tapferen Männer nicht fertigwerden könnten. Hier ist noch eine Trophäe für Eure Sammlung, Lord Perrin Goldauge.« Lachend warf er Perrin einen prall gefüllten Stoffbeutel zu. Die Unterseite glänzte feucht und dunkel im Mondschein.