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Perrin fing den Beutel auf und warf ihn trotz seines Gewichts in hohem Bogen über die Pfähle nach draußen. Zweifellos befanden sich vier oder fünf Trollocköpfe darin und vielleicht noch der eines Myrddraal. Der Mann brachte jeden Abend seine Trophäen herein und schien immer noch zu erwarten, daß man sie aufstellte und bewunderte. In der Nacht, als er mit einem Paar von Myrddraalköpfen hereingekommen war, hatten einige Coplins und Congars ein Fest für ihn veranstaltet.

»Verstehe ich etwa auch nichts vom Kämpfen?« meldete sich Gaul zu Wort. Er kam mühsam auf die Beine. »Ich sage, es sind mehrere tausend.« Luc zeigte beim Lächeln seine Zähne. »Wie viele Tage habt Ihr in der Fäule verbracht, Aiel? Ich war lange dort.« Vielleicht war es mehr eine Grimasse als ein Lächeln. »Lange. Glaubt, was Ihr wollt, Goldauge. Die endlosen Tage werden bringen, was sie eben bringen, wie es immer war.« Er riß den Hengst schon wieder auf die Hinterhand hoch, ließ ihn herumwirbeln und galoppierte zwischen den Häusern und den Bäumen, die einst den Rand des Westwalds gebildet hatten, in das Dorf hinein. Die Männer blickten ihm nervös hinterher oder spähten wieder in die Dunkelheit hinein.

»Er hat unrecht«, sagte Loial. »Gaul und ich haben es eindeutig so gesehen.« Seine Gesichtszüge wirkten schlaff und erschöpft, die Mundwinkel waren heruntergezogen und die langen Augenbrauen baumelten ihm auf die Wangen. Kein Wunder, wenn er Gaul drei oder vier Tage lang getragen hatte.

»Du hast eine Menge getan, Loial«, sagte Perrin. »Ihr beide habt etwas Großes vollbracht. Etwas Bedeutendes. Ich fürchte, in Euren Schlafzimmern liegen jetzt jeweils ein halbes Dutzend Kesselflicker, aber Frau al'Vere wird Euch schon ein Lager bereiten. Es ist Zeit, daß Ihr den Schlaf bekommt, den Ihr braucht.« »Und für dich ist es auch allerhöchste Zeit, Perrin Aybara!« Schnell treibende Wolken ließen Schatten über Failes prägnante Nase und die hohen Backenknochen tanzen. Sie war so schön! Aber ihre Stimme war knallhart: »Wenn du jetzt nicht schlafen gehst, lasse ich dich von Loial schleppen. Du kannst ja kaum noch stehen!« Gaul hatte Schwierigkeiten, mit seinem verwundeten Bein zu gehen. Bain stützte ihn auf einer Seite. Er versuchte, Chiad davon abzuhalten, seinen anderen Arm zu nehmen, aber sie murmelte drohend etwas, das wie ›Gai'schain‹ klang, und Bain lachte, und dann erlaubte der Aielmann beiden, ihm zu helfen, wobei er wütend in sich hineingrollte. Wovon die Töchter des Speers da auch sprechen mochten, jedenfalls hatten sie Gaul damit am Gängelband.

Tomas klopfte Perrin auf die Schulter. »Geht, Mann. Jeder braucht mal Schlaf.« Bei ihm klang das, als könne er gut noch drei weitere Tage ohne Schlaf auskommen. Perrin nickte.

Er ließ sich von Faile zur Weinquellenschenke zurückbringen. Loial und die Aiel folgten, und auch Aram, während Dannil und die zehn Kameraden sie schützend umgaben. Er war nicht sicher, wann die anderen zurückgeblieben waren, aber irgendwie fand er sich mit Faile zusammen in seinem Zimmer im zweiten Stock der Schenke wieder.

»Ganze Familien haben nicht mehr Platz als ich hier mit diesem Zimmer«, knurrte er. Eine Kerze brannte auf dem Sims über dem kleinen Kamin. Andere mußten ohne das auskommen, aber Marin entzündete hier eine, sobald es dunkel wurde, damit sie ihn später nicht stören mußte. »Ich kann mit Dannil und Ban und den anderen draußen schlafen.« »Sei kein Idiot«, sagte Faile, aber es klang irgendwie liebevoll. »Wenn Alanna und Verin ihre eigenen Zimmer haben, sollte das auch für dich gelten.« Ihm wurde bewußt, daß sie ihm bereits das Wams gelöst hatte und gerade sein Hemd aufband. »Ich bin nicht zu müde, um mich selbst auszuziehen.« Sanft schob er sie aus dem Zimmer.

»Du ziehst dich jetzt aus«, befahl sie. »Alles, hörst du? Du kannst nicht richtig schlafen, wenn du angezogen bist, auch wenn du das zu glauben scheinst.« »Mache ich«, versprach er. Als er die Tür geschlossen hatte, zog er auch tatsächlich die Stiefel aus, bevor er die Kerze ausblies und sich hinlegte. Marin hatte etwas gegen schmutzige Stiefel auf ihrer Bettdecke.

Tausende, hatten Gaul und Loial gesagt. Aber wieviel konnten die beiden gesehen haben, wenn sie sich versteckt in die Berge geschlichen hatten und auf dem Rückweg geflohen waren? Luc behauptete, es seien höchstens tausend, aber Perrin konnte sich nicht dazu überwinden, dem Mann zu trauen, und wenn er noch so viele Trophäen mitbrachte. Zersplittert, behaupteten wieder die Weißmäntel. Wie nahe konnten sie den Trollocs aber gekommen sein, wo doch ihre Rüstungen und Umhänge in der Dunkelheit richtiggehend leuchteten?

Vielleicht gab es eine Möglichkeit, selbst nachzusehen. Er hatte seit seinem letzten Besuch den Wolfstraum gemieden. Wann immer er auch daran dachte, dorthin zurückzugehen, verspürte er den Wunsch, den Schlächter endlich zu stellen, aber er war für Emondsfeld verantwortlich. Doch vielleicht war jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen? Der Schlaf überkam ihn, während er noch überlegte.

Er stand im strahlenden Nachmittagssonnenschein auf dem Anger. Die Sonne stand bereits tief und ein paar weiße Wolken trieben über den Himmel. Es grasten jetzt keine Schafe oder Kühe um den hohen Mast herum, an dem die leichte Brise die rote Flagge mit dem Wolfskopf flattern ließ. Nur eine Schmeißfliege brummte an seinem Gesicht vorbei. Menschenleer war es zwischen den strohgedeckten Häusern. Kleine Stapel von trockenen Holzscheiten auf kalten Aschehäufchen zeigten, wo die Weißmäntel lagerten. Er hatte im Wolfstraum kaum jemals etwas brennen sehen; höchstens das, was bereits verkohlt war oder direkt vor der Entzündung stand. Keine Raben am Himmel.

Während er nach den Vögeln suchte, verdunkelte sich ein Teil des Himmels und wurde zu einem Fenster, vielleicht in eine andere Welt. Egwene stand da in einer Gruppe von Frauen. Furcht stand in ihren Augen. Langsam knieten die Frauen in ihrer Umgebung vor ihr nieder. Nynaeve war eine davon, und er glaubte, auch Elaynes rotgoldenes Haar zu entdecken. Das Fenster verblaßte und wurde durch ein anderes ersetzt. Mat stand nackt und gefesselt da. Er knurrte wütend. Diesen eigenartigen Speer mit dem schwarzen Schaft hatte man ihm hinten unter den Armen durchgesteckt und auf seiner Brust hing ein silbernes Medaillon, ein Fuchskopf. Mat verschwand und wurde zu Rand. Perrin glaubte jedenfalls, es sei Rand. Er trug nur Lumpen und einen groben Umhang, und seine Augen waren mit einer Bandage verbunden. Das dritte Fenster verschwand. Der Himmel war nur noch Himmel und leer bis auf die Wolken.

Perrin schauderte. Diese Visionen, die er im Wolfstraum sah, hatten nie etwas mit der Wirklichkeit zu tun, die er kannte. Vielleicht wurden hier, wo sich alles so leicht veränderte, die Sorgen um seine Freunde zu etwas Greifbarem, etwas Sichtbarem? Was es auch war, er durfte keine Zeit damit verschwenden, solche Dinge anzugaffen.

Er war nicht überrascht, festzustellen, daß er die lange Lederweste eines Grobschmieds trug und kein Hemd darunter, und als er an den Gürtel griff, hing dort der Hammer, aber nicht die Axt. Mit gerunzelter Stirn konzentrierte er sich auf die lange, halbmondförmige Schneide und den dicken Dorn. Das war es, was er jetzt benötigte. Der Hammer veränderte sich nur langsam, zäh, als leiste er Widerstand, doch als schließlich die Axt in der festen Schlinge hing, glänzte sie irgendwie gefährlich.