»Willst du mich heiraten?« fragte er atemlos, als er fertig war. »Heute nacht noch?« Er konnte doch offensichtlich besser küssen, als er geglaubt hatte. Er mußte das Ganze sechsmal wiederholen. Sie kicherte jedesmal und verlangte, er solle es noch mal sagen, aber schließlich hatte sie es wohl kapiert.
Und so fand er sich keine halbe Stunde später ihr gegenüber im Schankraum wieder, und vor ihnen standen Daise Congar und Marin al'Vere, Alsbet Luhhan und Neysa Ayellin und die gesamte Versammlung der Frauen. Man hatte Loial geweckt, um zusammen mit Aram für ihn den Trauzeugen zu spielen, während Bain und Chiad für Faile zuständig waren. Es gab keine Blumen, die man in sein oder ihr Haar hätte stecken können, aber Bain legte ihm mit Marins Hilfe ein langes, rotes Hochzeitsband um den Hals und Loial flocht eines in Failes dunkles Haar. Seine dicken Finger taten das überraschend geschickt und sanft. Perrins Hände zitterten, als er ihre damit umschloß.
»Ich, Perrin Aybara, verspreche hiermit, dich, Faile Bashere, zu lieben und zu ehren, solange ich lebe.« Solange ich lebe und danach. »Was auf dieser Welt mein ist, das gebe ich dir.« Ein Pferd, eine Axt und einen Bogen. Ach ja, und einen Hammer. Nicht gerade viel für eine Braut. Aber ich gebe dir mein Leben und meine Liebe. Das ist alles, was ich habe. »Ich werde dich halten, dir beistehen, dich pflegen, beschützen und behüten, mein ganzes Leben lang.« Ich kann dich nicht bei mir behalten; der einzige Weg, dich zu beschützen, ist, dich fortzuschicken. »Ich bin immer und auf ewig dein.« Als er damit fertig war, zitterten seine Hände deutlich sichtbar.
Faile entzog ihm ihre Hände und umschloß nun seine damit. »Ich, Zarine Bashere...« Das war eine Überraschung, denn sie haßte diesen Namen. »... verspreche dir, Perrin Aybara, dich zu lieben... « Ihre Hände zitterten überhaupt nicht.
54
Im Palast
Elayne saß hinten auf einem hochrädrigen Karren, der von vier schwitzenden Männern gezogen die gewundene Straße in Tanchico hochrumpelte, und blickte finster durch den schmutzigen Schleier, der ihr Gesicht von den Augen bis zum Kinn bedeckte. Sie trat wütend mit ihren bloßen Füßen aus. Jeder Ruck, wenn sie durch ein Schlagloch auf der gepflasterten Straße fuhren, rüttelte sie von Kopf bis Fuß durch. Je mehr sie sich an den rauhen Holzplanken des Karrens festklammerte, desto schlimmer wurde es. Nynaeve schien es nicht viel auszumachen. Sie wurde wohl genauso wie Elayne durchgeschüttelt, doch sie hatte lediglich die Stirn leicht gerunzelt, ihr Blick war nach innen gerichtet, und sie war sich der ganzen Rumpelei kaum bewußt. Und Egeanin, die auf der anderen Seite Nynaeves in die Ecke gedrückt saß, verschleiert und das dunkle Haar zu schulterlangen Zöpfen geflochten, balancierte jeden Ruck mit verschränkten Armen problemlos aus. Schließlich versuchte Elayne, es der Seanchanfrau nachzumachen. Sie konnte allerdings nicht vermeiden, Nynaeve anzurempeln, aber trotzdem hatte sie jetzt wenigstens nicht mehr das Gefühl, ihr Unterkiefer werde in den Oberkiefer hineingerammt.
Sie wäre sehr gern gelaufen, sogar barfuß, aber Bayle Domon hatte gesagt, es würde nicht echt wirken. Die Leute würden sich fragen, warum Frauen nicht mitfuhren, wenn genug Platz war, und das Letzte, was sie wollten, war, ungewöhnlich zu erscheinen und Aufsehen zu erregen. Er wurde natürlich auch nicht wie ein Sack Zwiebeln umhergeschaukelt, denn er ging zu Fuß vor dem Karren her, und mit ihm gingen zehn der zwanzig Seeleute, die er als Eskorte mitgenommen hatte. Mehr würden nur verdächtig wirken, hatte er behauptet. Sie vermutete, wenn nicht sie und die anderen Frauen gewesen wären, hätte er nicht so viele mitgebracht.
Der wolkenlose Himmel über ihnen war immer noch grau, obwohl vor ihrem Aufbruch schon die Dämmerung eingesetzt hatte. Die Straßen waren noch weitgehend leer und still, bis auf das Rumpeln des Karrens und das Quietschen seiner Achse. Wenn die Sonne über den Horizont stieg, würden sich die Leute langsam herauswagen, aber jetzt sah sie nur kleine Gruppen von Männern in Pumphosen und dunklen, zylinderförmigen Kappen, die auf eine Art herumschlichen, als hätten sie in der Dunkelheit der Nacht nichts Gutes ausgeheckt. Die alte Segeltuchplane, die sie über die Ladung auf dem Karren gebreitet hatten, war sorgfältig zurechtgezogen worden, damit jeder sehen konnte, daß sie lediglich drei große Körbe bedeckte, und doch blieb die eine oder andere dieser Gruppen sogar bei der Aussicht auf so magere Beute stehen wie ein Rudel wilder Hunde, die verschleierten Gesichter nach oben gewandt. Ihre Augen folgten der Bewegung des Karrens. Offensichtlich waren zwanzig Mann mit Knüppeln und Entermessern denn doch zu viele, um etwas zu riskieren, denn schließlich und endlich ging jeder dieser Beobachter weiter.
Die Räder krachten in ein großes Loch im Pflaster hinein, wo man während einer dieser Unruhen die Pflastersteine herausgerissen und als Wurfgeschosse verwendet hatte. Der Karren fiel unter ihr weg. Sie biß sich fast auf die Zunge, als der Karren wieder gegen ihr Hinterteil schlug. Egeanin und ihre Haltung mit verschränkten Armen und so! Sie packte mit aller Gewalt die Seitenverkleidung und sah die Seanchanfrau finster an. Doch diesmal hatte auch die ihre Lippen zusammengepreßt und hielt sich mit beiden Händen fest.
»Ist doch nicht ganz das gleiche, wie an Deck zu stehen«, sagte Egeanin mit einem Achselzucken. Nynaeve verzog leicht das Gesicht und bemühte sich, auf Abstand zu der Seanchanfrau zu gehen, obwohl das schwierig würde, wenn sie nicht gerade auf Elaynes Schoß klettern wollte. »Ich werde mit Meister Bayle Domon sprechen«, verkündete sie bedeutungsschwanger, als sei die Sache mit dem Karren nicht auf ihren Vorschlag zurückgegangen. Ein neuer Ruck ließ ihren Mund zuklappen.
Alle drei Frauen trugen Kleidung aus graubrauner Wolle, dünn, aber grob und nicht gerade sauber — die Kleidung armer Bauersfrauen. Die Kleider wirkten wie formlose Säcke, wenn man sie mit den eng anliegenden Seidenkleidern nach Rendras Geschmack verglich. Flüchtlinge vom Land, die sich, so gut es ging, die nächste Mahlzeit verdienten: so sollte es aussehen. Egeanins Erleichterung beim ersten Blick auf diese Kleider war offensichtlich gewesen und genauso verwunderlich wie ihre Anwesenheit auf dem Karren. Elayne hatte sich das zunächst gar nicht vorstellen können.
Es hatte schon einige Diskussionen gegeben — so hatten es die Männer zumindest genannt —, als sie in der Kammer der Fallenden Blüten zusammensaßen, aber sie und Nynaeve hatten die meisten ihrer närrischen Einwände entkräftet und den Rest einfach beiseite geschoben. Sie beide mußten in den Panarchenpalast hinein und zwar so bald wie möglich. Domon hatte noch einen Einwand geäußert, der nicht so dumm war wie die anderen.
»Ihr nicht können gehen in Palast allein«, hatte der bärtige Schmuggler geknurrt, während er auf seine Fäuste herabsah, die auf der Tischfläche lagen. »Ihr sagen, Ihr nicht werdet verwenden Macht, um nicht zu warnen diese Schwarzen Aes Sedai.« Keine von ihnen hatte es für notwendig gehalten, den anderen gegenüber eine der Verlorenen zu erwähnen. »Dann Ihr brauchen Muskeln, um Knüppel zu schwingen, wenn die Notwendigkeit kommen, und Augen, um nach hinten zu blicken, auch nicht schlecht wären. Mich dort die Diener kennen. Ich auch altem Panarchen Geschenke bringen. Ich werden gehen mit Euch.« Und kopfschüttelnd hatte er noch gegrollt: »Ihr mich schon dazu bringen, meinen Kopf legen auf Richtblock, weil ich Euch verlassen haben in Falme. Glück stich mich, wenn es nicht so sein! Na ja, es sein nun einmal notwendig und Ihr können nicht widersprechen diesmal! Ich gehen hinein mit Euch.« »Ihr seid ein Narr, Illianer!« sagte Juilin voller Verachtung, bevor sie oder Nynaeve auch nur den Mund öffnen konnten. »Glaubt Ihr etwa, die Taraboner werden Euch gestatten, im Palast umherzulaufen, wie es Euch paßt? Einen schäbigen Schmuggler aus Illian? Ich weiß, wie sich die Diener verhalten und wie ich den Kopf einziehen muß und den hohlköpfigen Adligen vormachen... « Er räusperte sich schnell und fuhr fort, ohne Nynaeve — und sie! — anzusehen: »Ich sollte derjenige sein, der mitkommt.« Thom lachte die beiden anderen Männer aus. »Glaubt Ihr, einer von Euch könnte sich als Taraboner einschleichen? Ich kann es — der wird mir dabei behilflich sein.« Er strich über seinen langen Schnurrbart. »Außerdem kann man nicht mit Knüppel oder Bauernspieß im Panarchenpalast herumlaufen! Da braucht man schon eine... etwas subtilere... Art der Selbstverteidigung.« Er streckte eine Hand aus, und plötzlich lag ein Messer darin, wirbelte um seine Finger und verschwand genauso schnell, wie es aufgetaucht war — in seinem Ärmel, wie Elayne glaubte.