»Ihr wißt alle genau, was Ihr zu tun habt«, fuhr Nynaeve die Männer an. »Und das könnt ihr nicht, wenn ihr über uns wacht wie über ein paar Gänse, die für den Markt bestimmt sind!« Sie atmete tief durch und fuhr dann in milderem Ton fort: »Wenn es eine Möglichkeit gäbe, einen von Euch mitzunehmen, dann wäre ich allein schon für ein weiteres Augenpaar dankbar, aber es geht nicht. Es scheint, wir müssen allein gehen, und damit hat sich's.« »Ich kann Euch begleiten«, verkündete Egeanin plötzlich von ihrem ihr von Nynaeve zugewiesenen Platz in einer Ecke des Raums her. Alle wandten sich zu ihr um, und sie blickte etwas unsicher zurück. »Diese Frauen sind Schattenfreunde. Man muß sie zur Rechenschaft ziehen.« Elayne war einfach nur überrascht von dem Angebot, aber Nynaeve, deren Mundwinkel sich weiß verfärbten, schien bereit, die Frau zu verprügeln für ihre Frechheit. »Glaubt Ihr, wir könnten Euch trauen, Seanchan?« fragte sie kalt. »Bevor wir gehen, werden wir Euch in einen Lagerraum einsperren, aus dem Ihr nicht entkommen könnt, wieviel Ihr jetzt auch reden mögt... « »Ich schwöre bei meiner Hoffnung auf einen höheren Namen«, unterbrach Egeanin ihren Redeschwall, wobei sie ihre Hände, eine auf die andere, über ihr Herz legte, »daß ich Euch auf keine Weise verraten werde, daß ich Euch gehorchen und Eure Rücken decken werde, bis Ihr wieder sicher aus dem Panarchenpalast heraus seid.« Dann verbeugte sie sich dreimal tief und formell. Elayne hatte keine Ahnung was dieses ›Hoffnung auf einen höheren Namen‹ bedeuten sollte, aber für die Seanchanfrau schien es durchaus bindend zu sein.
»Sie können genau die Richtige sein«, sagte Domon bedächtig und unter Zögern. Er musterte Egeanin und schüttelte den Kopf. »Glück stich mich, wenn es mehr als zwei oder drei meiner Männer geben, auf die ich wetten können, wenn sie gegen diese Seanchanfrau kämpfen.« Nynaeve blickte finster ihre Hand an, die sich um ein halbes Dutzend langer Zöpfe verkrampft hatte, und dann zog sie mit voller Absicht kräftig daran.
»Nynaeve«, sagte Elayne energisch zu ihr, »du hast selbst gesagt, daß du dir noch ein weiteres Augenpaar wünschst, und mir wäre das ganz sicher auch recht. Außerdem, wenn wir das alles schaffen wollen, ohne die Macht zu benützen, hätte ich nichts dagegen, noch jemanden dabei zu haben, die mit einem zu neugierigen Wächter fertigwerden kann, falls es notwendig ist. Ich bin kaum in der Lage, mit den Fäusten auf Männer loszugehen, und du genausowenig. Aber du wirst dich auch noch daran erinnern, wie sie kämpfen kann.« Nynaeve funkelte Egeanin an, warf Elayne einen finsteren Blick zu und starrte dann die Männer an, als hätten sie sich hinter ihrem Rücken gegen sie verschworen. Und doch nickte sie schließlich. »Gut«, sagte Elayne. »Meister Domon, das bedeutet, wir brauchen Kleidung für drei und nicht nur für zwei. Jetzt solltet Ihr drei dann aber gehen. Wir wollen bei Tagesanbruch bereits unterwegs sein.« Der Karren kam beim Anhalten beinahe ins Schleudern und riß sie grob aus ihren Erinnerungen.
Weißmäntel zu Fuß verhörten Domon. Hier führte die Straße direkt auf einen Platz hinter dem Panarchenpalast, allerdings einem viel kleineren als dem davor. Dahinter stand der Palast: weißer Marmor, schlanke Türmchen, umsäumt mit Steinfriesen selbst noch in schwindelnder Höhe, schneeweiße Kuppeln, mit Gold gekrönt, und obenauf standen noch goldene Spitzen oder Wetterfahnen. Die Straßen auf jeder Seite waren viel breiter als sonst in Tanchico und gerader außerdem.
Das langsame Geklapper von Pferdehufen auf den breiten Pflastersteinen des Platzes kündete von der Ankunft eines weiteren Reiters. Es war ein hochgewachsener Mann mit einem glänzenden Helm, dessen Rüstung unter dem weißen Umhang mit der goldenen Sonnenscheibe und dem roten Schäferstab richtig schimmerte. Elayne senkte den Kopf. Die vier Rangknoten unter der strahlenden Sonne sagten ihr, daß dies Jaichim Carridin sein mußte. Der Mann hatte sie nie kennengelernt, aber wenn er glaubte, daß sie ihn neugierig anstarre, würde er sich vielleicht nach dem Grund fragen. Der Hufschlag entfernte sich wieder, ohne innezuhalten.
Auch Egeanin hatte den Kopf gesenkt. Nur Nynaeve blickte ganz offen und finster dem Inquisitor hinterher. »Der Mann ist sehr beunruhigt über irgend etwas«, murmelte sie. »Ich hoffe, er hat nicht gehört... « »Die Panarchin ist tot!« schrie eine Männerstimme von irgendwo gegenüber am Rand des Platzes. »Sie haben sie getötet!« Man konnte nicht sehen, wer das geschrien hatte oder wo er stand. Alle Straßen, die Elayne von ihrem Standpunkt aus einsehen konnte, waren von berittenen Weißmänteln abgesperrt.
Sie blickte zurück, die Straße entlang, durch die der Karren gefahren war, und wünschte sich, die Wachen würden mit ihrem Verhör Domons etwas schneller verfahren. Immer mehr Menschen versammelten sich unten an der ersten Biegung, liefen erregt herum und blickten immer wieder nach oben zu dem Platz hin, auf dem sie sich befanden. Wie es schien, hatten Juilin und Thom gute Arbeit geleistet, als sie die Nacht hindurch für die Verbreitung ihrer Gerüchte gesorgt hatten. Wenn nur die Menge nicht schon zum Überkochen kam, solange sie hier mittendrin saßen! Wenn jetzt Tumulte losbrachen... Das Einzige, was ihre Hände am Zittern hinderte, war ihr verkrampfter Griff an den Brettern des Karrens. Licht, hier draußen der Mob und drinnen die Schwarzen Ajah und vielleicht noch Moghedien... Mein Mund ist vor Angst schon ausgetrocknet. Auch Nynaeve und Egeanin beobachteten die ständig anwachsende Menschenmenge und zuckten mit keiner Wimper. Keine Spur von Zittern bei den beiden! Ich bin doch kein Feigling. Ich nicht!
Der Karren rumpelte vorwärts, und sie seufzte trotz des harten Rucks erleichtert auf. Sie brauchte einen Augenblick, bis ihr bewußt wurde, daß sie Gleiches von den beiden anderen Frauen gehört hatte.
Vor einem Tor, das nicht viel breiter war als der Karren, wurde Domon wieder ausgefragt, diesmal von Wachen mit spitzen Helmen und einem auf den Harnisch aufgemalten goldenen Baum. Das waren Soldaten aus der Legion der Panarchen. Diesmal waren die Fragen kürzer. Elayne glaubte zu sehen, wie eine kleine Börse in die Hände des einen wanderte, und dann befanden sie sich drinnen und rumpelten über den grob gepflasterten Hof vor der Küche. Bis auf Domon blieben die Seeleute draußen bei den Soldaten.
Elayne hüpfte hinunter, sobald der Karren stand. Es tat ein wenig weh, denn die ungleichmäßigen Pflastersteine waren hart, und sie war ja barfuß. Es fiel schwer, zu begreifen, daß die dünne Sohle eines Schuhs einen solchen Unterschied machte. Egeanin kletterte noch mal auf den Karren zurück und reichte ihnen die Körbe herunter. Nynaeve nahm den ersten auf den Rücken, die eine Hand halb verdreht unten und die andere über die Schulter gestreckt von oben, damit sie ihn richtig festhalten konnte. Lange, weiße Pfefferschoten, ein wenig gerunzelt nach der langen Reise von Saldaea nach Tanchico, füllten die Körbe fast bis zum Rand.
Als Elayne ihren Korb entgegennahm, kam Domon zum hinteren Ende des Karrens und tat so, als inspiziere er die Pfefferladung. »Die Weißmäntel und die Legion der Panarchen sich fast gehen an den Kragen gegenseitig, wie es scheinen«, murmelte er leise, während er einige Schoten befühlte. »Der Leutnant sagen, die Legion können durchaus die Panarchin selbst beschützen, wenn nicht so viele Soldaten zu den Ringfestungen geschickt wären worden. Jaichim Carridin haben Zugang zur Panarchin, aber nicht der Lordhauptmann der Legion! Und es ihnen überhaupt nicht gefallen, daß die Wachen innen alle von Miliz. Ein mißtrauischer Mann mögen behaupten, jemand wollen, daß die Wachen der Panarchin mehr bewachen sich gegenseitig als ihre Herrin.« »Gut, das zu wissen«, murmelte Nynaeve, ohne aufzublicken. »Ich habe immer schon gesagt, daß man viel Nützliches erfahren kann, wenn man dem Klatsch der Männer lauscht.« Domon knurrte mürrisch. »Ich werden Euch bringen hinein, und dann ich müssen zurück zu meinen Männern, damit ich sichergehen, sie nicht vom Mob werden fertiggemacht.« Jeder Seemann von jedem Schiff, das Domon hier im Hafen liegen hatte, befand sich draußen auf den Straßen rund um den Palast.