Elayne wuchtete sich den eigenen Korb auf den Rücken und folgte den anderen beiden Frauen, die hinter Domon hergingen. Sie hielt den Kopf gesenkt und zischte vor Schmerzen bei jedem Schritt durch die Zähne, bis sie sich endlich auf den rotbraunen Fußbodenkacheln der Küche befanden. Der Raum war erfüllt von Düften: Gewürze, Saucen, kochende Suppen, Fleisch...
»Eispfeffer für die Panarchin!« verkündete Domon. »Ein Geschenk von Bayle Domon, einem guten Reeder dieser Stadt.« »Noch mehr Eispfeffer?« sagte eine mollige Frau mit dunklen Zöpfen, die eine weiße Schürze und den immer vorhandenen Schleier trug. Sie blickte dabei kaum von dem silbernen Tablett hoch, auf dem sie gerade eine kunstvoll gefaltete Serviette zwischen die Schüsseln aus dünnem Meervolk-Porzellan legte. In der Küche befanden sich ein Dutzend oder noch mehr Frauen mit weißen Schürzen, und dazu noch zwei Jungen, die Bratspieße mit tropfenden, duftenden Fleischstücken an zwei der sechs offenen Herde drehten. Aber sie war offensichtlich die Chefköchin. »Na ja, der Panarchin scheinen die letzten ja auch gut geschmeckt zu haben. In die Vorratskammer dort drüben.« Sie deutete auf eine der Türen am anderen Ende des Raums. »Ich habe jetzt keine Zeit, mich mit Euch zu beschäftigen.« Elaynes Blick ruhte weiter auf dem Fußboden, während sie schwitzend hinter Nynaeve und Egeanin herlief. Das Schwitzen hatte allerdings nichts mit der von den Eisenherden und Kaminen herrührenden Hitze zu tun. Neben einem der breiten Tische stand eine magere Frau in grüner Seide, die aber dem Schnitt des Kleids nach nicht aus Tarabon stammte, und kraulte eine abgemagerte graue Katze hinter den Ohren, die Sahne aus einer Porzellanschüssel schlabberte. An der Katze erkannte sie diese Frau, aber auch an ihrem schmalen Gesicht mit der breiten Nase: Marillin Gemalphin, einst eine Braune Ajah und nun eine Schwarze. Falls sie von der Katze hochblickte, falls sie ihrer wirklich gewahr wurde, war es gar nicht mehr nötig, die Macht zu benützen. Sie hätte auch so gewußt, daß zwei von ihnen dazu in der Lage waren. Auf diese geringe Entfernung war die Frau in der Lage, diese Fähigkeit an einer anderen Frau zu erkennen.
Schweiß tropfte von Elaynes Nasenspitze, als sie schließlich mit der Hüfte die Tür des Lagerraums hinter sich zuschob. »Hast du sie gesehen?« fragte sie mit leiser Stimme und ließ ihren Korb zu Boden plumpsen. Ein durchbrochener Fries gleich unter der Decke an der getünchten Wand ließ von der Küche her trübes Licht einfallen. Der große Raum war vollgestellt mit hohen Regalen, auf denen Säcke und Netze mit verschiedenen Gemüsesorten und große mit Gewürzen gefüllte Krüge standen und lagen. Überall standen außerdem Fässer und andere Behälter, und an Haken hingen ein Dutzend abgezogener Lämmer und doppelt soviel Gänse von der Decke. Domon und Thom hatten ihnen einen groben Plan dieses Erdgeschosses gezeichnet, und demnach war dies der kleinste Lagerraum für Lebensmittel im Palast. »Das ist widerlich«, sagte sie. »Ich weiß, daß Rendras Speisekammern voll sind, aber sie kauft halt alles, was sie wirklich braucht, so wie die anderen Leute. Aber diese Leute hier schlemmen, während... « »Halte dich zurück, bis du etwas dagegen unternehmen kannst«, flüsterte ihr Nynaeve in scharfem Tonfall zu. Sie hatte ihren Korb auf den Boden ausgeleert und zog bereits ihr grobes Bauernkleid aus. Egeanin stand sogar schon im Hemd da. »Ich habe sie gesehen. Wenn du willst, daß sie hereinkommt und nachsieht, was dieser Lärm zu bedeuten hat, dann rede nur weiter.« Elayne schniefte, sagte jedoch nichts dazu. Sie hatte bestimmt nicht soviel Lärm gemacht. Also zog auch sie ihr Kleid aus, leerte den Inhalt ihres Korbes auf den Boden und auch das, was darunter verborgen gelegen hatte. Unter anderen Dingen lag da ein weißes Kleid mit grünem Gürtel. Es war aus ganz fein gesponnener Wolle, und über der linken Brust war ein grüner Baum mit ausladender Krone und dahinter der Umriß eines dreifingrigen Blattes aufgestickt. Ihren schmierigen Schleier ersetzte sie durch einen sauberen aus Leinen, das aber fast genauso fein gewebt war wie Seide. Weiße Pantoffeln mit dicken Sohlen fühlten sich an ihren vom Barfußlaufen geschundenen Füßen wunderbar weich an. Selbst der kurze Weg vom Karren zur Küche und in den Lagerraum hatte sie einige Schmerzen gekostet.
Die Seanchanfrau war die erste gewesen, die ihre alte Kleidung abgelegt hatte, aber sie war die letzte, die ihr weißes Kleid anhatte. Dabei murmelte sie Sachen wie ›unkeusch‹ oder ›Serviermädchen‹, was keinen rechten Sinn ergab. Natürlich waren das die Kleider von Dienerinnen. Das war ja der springende Punkt dabei: Dienerinnen konnten sich im Palast frei bewegen und es gab hier schon so viele, daß ein paar mehr nicht auffallen würden. Und was das ›unkeusch‹ betraf... Elayne erinnerte sich daran, daß auch sie gezögert hatte, ein Kleid im Stil von Tarabon in der Öffentlichkeit zu tragen, doch sie hatte sich schnell daran gewöhnt, und diese dünne Wolle lag ja auch nicht so eng an wie Seide. Egeanin schien sehr eigene Ansichten darüber zu haben, was gewagt war und was normal.
Aber schließlich hatte auch sie das letzte Schnürband zu, und die Bauernkleider steckten in den Körben und waren mit Pfefferschoten bedeckt.
Marillin Gemalphin war aus der Küche verschwunden, obwohl die graue Katze mit den zerbissenen Ohren immer noch auf dem Tisch von der Sahne naschte. Elayne und die anderen beiden gingen zu der Tür, die weiter in den Palast hineinführte.
Eine der Unterköchinnen blickte die Katze finster an, die Fäuste auf die ausladenden Hüften gestützt. »Ich würde dieses Vieh zu gern erwürgen«, knurrte sie. Hellbraune Zöpfe flogen, als sie den Kopf ärgerlich schüttelte. »Es frißt die Sahne, aber ich muß Brot und Wasser essen, bloß weil ich ein wenig Sahne zum Frühstück auf meine Beeren getan habe!« »Schätze dich glücklich, daß du nicht auf der Straße sitzt oder gar am Galgen baumelst.« Die Chefköchin klang nicht, als habe sie Mitleid mit der anderen. »Wenn eine Lady sagt, du hast gestohlen, dann hast du gestohlen, und wenn es auch nur die Sahne für ihre Katzen ist, klar? Du dort drüben!« Elayne und ihre Begleiterinnen erstarrten bei diesem Ruf.
Die Frau mit den dunklen Zöpfen schwenkte einen großen Holzlöffel in ihre Richtung. »Ihr kommt in meine Küche und schlendert herum wie beim Spaziergang im Garten, Ihr faulen Säue? Ihr sollt das Frühstück für Lady Ispan holen, oder? Wenn Ihr es nicht neben ihrem Bett stehen habt, sobald sie aufwacht, wird sie Euch das Springen beibringen. Also?« Sie deutete auf das silberne Tablett, das sie zuvor hergerichtet hatte und das jetzt mit einem schneeweißen Leintuch bedeckt dastand.
Sie hatten keine Möglichkeit, ihr etwas zurückzugeben, denn wenn eine von ihnen den Mund aufmachte, würde sie merken, daß sie nicht aus Tarabon kamen. Elayne schaltete schnell, knickste, wie es sich für eine Dienerin gehört, und nahm das Tablett. Eine Dienerin, die ihre Arbeit tat und etwas trug, würde bestimmt nicht angehalten werden oder an eine andere Arbeit geschickt. Lady Ispan? Das war kein ungewöhnlicher Name in Tarabon, aber auf ihrer Liste der Schwarzen Schwestern stand ebenfalls eine Ispan.