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»›Meine Schenkel sind kräftig wie 'ne Ankerkette. Meine Lippen tun Dinge, die...« Die Sängerin stand bis an die dunklen Zöpfe durch Stränge von Luft gefesselt da. Sie trug ein schmuddeliges, verknittertes Taraboner Kleid aus roter Seide. Als die Türen aufschlugen, brach der Gesang abrupt ab. Eine zerbrechlich wirkende Frau, die auf einer langen Polsterbank in einem hellblauen, hochgeschlossenen Kleid, das aus Cairhien stammen mußte, geruht hatte, hörte auf, rhythmisch mit dem Kopf zu nicken und sprang auf. Wut verdrängte das Grinsen auf ihren fuchsähnlichen Gesichtszügen.

Das Glühen Saidars umgab Temaile bereits, aber trotzdem hatte sie keine Chance. Elayne war so entsetzt über das sich ihr bietende Bild, daß sie blitzschnell nach der Wahren Quelle griff und mit Strängen aus Luft knallhart zuschlug, sie von den Schultern bis an die Füße damit einspann und die Fesseln mit einem brutalen Ruck anzog. Gleichzeitig webte sie einen Schild aus dem Element Geist und wuchtete es zwischen die Frau und die Wahre Quelle, um sie davon abzutrennen. Das Glühen um Temaile verschwand, und sie brach über der Polsterbank zusammen, als sei sie von einem Pferdehuf getroffen worden. Ihre Pupillen weiteten sich, und sie landete schließlich bewußtlos drei Schritt entfernt von Elayne mit dem Rücken auf dem grüngoldenen Teppich. Die Frau mit den dunklen Zöpfen fuhr zusammen, als ihre unsichtbaren Fesseln von ihr abfielen, und betastete in staunender Ungläubigkeit ihren Körper, während sie von Temaile zu Elayne und dann zu Egeanin blickte.

Elayne verknotete das Gewebe, mit dem sie Temaile gefesselt hatte, und trat dann erst richtig in das Gemach ein, wobei sie sich nach weiteren Schwarzen Ajah umsah. Hinter ihr schloß Egeanin die Tür. Es schien sonst niemand anwesend zu sein. »War sie allein?« wollte sie von der Frau in Rot wissen. Die Panarchin, wie Nynaeve sie beschrieben hatte. Nynaeve hatte doch auch etwas von einem Lied erwähnt.

»Ihr gehört nicht... zu ihnen?« fragte Amathera zögernd. Ihre dunklen Augen glitten über ihre Kleider. »Ihr seid aber auch Aes Sedai?« Sie schien immer noch gewillt, daran zu zweifeln, obwohl das mit Temaile doch ganz eindeutig war. »Aber Ihr gehört nicht dazu?« »War sie allein?« fuhr Elayne sie an und Amathera zuckte zusammen.

»Ja. Allein. Ja, sie... « Die Panarchin verzog das Gesicht. »Die anderen zwangen mich, mich auf den Thron zu setzen und zu sagen, was sie mir in den Mund legten. Es erheiterte sie, wenn ich manchmal auf ihren Befehl hin wirklich Gerechtigkeit walten ließ, und manchmal ließen sie mich Urteile von schreiender Ungerechtigkeit verkünden oder Vorschriften, die noch generationenlang für Auseinandersetzungen sorgen werden, wenn ich sie nicht widerrufen kann. Aber die da!« Dieser Mund mit seinen vollen Lippen verzog sich haßerfüllt. »Sie setzten sie zu meiner Bewachung ein. Sie verletzte mich aus keinem anderen Grund, als mich zum Weinen zu bringen. Sie zwang mich, ein ganzes Tablett voll Pfeffer zu essen und ließ mich keinen Tropfen trinken, bis ich sie auf Knien anbettelte, während sie schallend lachte! In meinem Traum trägt sie mich an den Füßen mit dem Kopf nach unten bis zur Spitze des Morgenturms und läßt mich dann fallen. Nur ein Traum, aber er scheint so realistisch, und jedesmal läßt sie mich schreiend ein Stück weiter hinunterfallen. Und sie lacht darüber! Sie läßt mich anrüchige Tänze lernen und schmutzige Lieder singen, und sie lacht, wenn sie mir ankündigt, daß sie mich vor ihrer Abreise zwingen werden, öffentlich zu singen und tanzen, für die... « Sie warf sich mit einem Schrei wie eine angreifende Katze über die Polsterbank auf die gefesselte Frau, ohrfeigte sie wild und trommelte mit den Fäusten auf sie ein.

Egeanin, die mit verschränkten Armen vor der Tür stand, schien bereit, das zuzulassen, doch Elayne verwebte schnell ein paar Stränge Luft um Amatheras Taille. Zu ihrer eigenen Überraschung war sie sodann in der Lage, die Frau von der sowieso bewußtlosen Schwarzen Schwester zu heben und auf die Füße zu stellen. Vielleicht hatte sie mehr Kraft, seit sie mit Jorin geübt hatte, diese schwierigen Gewebe in den Griff zu bekommen.

Amathera trat nach Temaile und wandte sich dann mit bösem Blick Elayne und Egeanin zu, als ihr pantoffelbewehrter Fuß ihr Opfer verfehlte. »Ich bin die Panarchin von Tarabon, und ich werde an dieser Frau Gerechtigkeit üben!« Dieser Schmollmund schmollte jetzt wirklich. Hatte die Frau denn kein Gespür dafür, wie man sich in ihrer Position, ihrem Rang gemäß, verhielt? Ihr Rang entsprach schließlich dem eines Königs, eines Herrschers!

»Und ich bin die Aes Sedai, die gekommen ist, um Euch zu befreien«, sagte Elayne kühl. Ihr wurde bewußt, daß sie immer noch das Tablett in Händen hielt, und so stellte sie es schnellstens auf den Fußboden. Der Frau schien es auch so schon schwer genug zu fallen, ihre Verkleidung als Dienerinnen zu durchschauen. Temailes Gesicht war stark gerötet; es würde bis zu ihrem Erwachen einige Schwellungen aufweisen. Zweifellos weniger, als sie verdient hatte. Elayne wünschte sich, es gebe eine Möglichkeit, Temaile mitzunehmen. Wenigstens eine von ihnen sollte man der Gerechtigkeit der Weißen Burg überstellen. »Wir sind gekommen, und das unter erheblichen Risiken, um Euch hier herauszubringen. Dann könnt Ihr den Lordhauptmann der Legion der Panarchen und auch Andric und sein Heer benachrichtigen und mit ihrer Hilfe diese Frauen vertreiben. Vielleicht haben wir sogar Glück und können ein paar davon fangen und vor Gericht stellen. Aber zuerst müssen wir Euch vor ihnen in Sicherheit bringen.« »Ich brauche Andric nicht«, murrte Amathera. Elayne hätte schwören können, daß sie ganz leise das Wort ›jetzt‹ eingeflochten habe. »Soldaten aus meiner Legion sind rund um den Palast stationiert, das weiß ich. Man hat mir nicht erlaubt, mit ihnen zu sprechen, aber sobald sie mich sehen und meine Stimme hören, werden sie alles Notwendige unternehmen, ja? Ihr Aes Sedai könnt die Macht nicht zum Schaden anderer verwenden...« Sie ließ ihre Worte verklingen und funkelte die bewußtlose Temaile an. »Oder zumindest könnt Ihr sie nicht als Waffe einsetzen, oder? Ich weiß so etwas.« Elayne überraschte sich selbst, als sie ganz dünne Stränge von Luft verwob und damit jeden von Amatheras Zöpfen anhob. Die Zöpfe standen plötzlich senkrecht nach oben, und die Närrin mit dem Schmollmund hatte keine andere Wahclass="underline" Sie mußte den Kopf hochrecken und auf Zehenspitzen stehen. Elayne ließ sie genauso, auf Zehenspitzen, wie eine Tänzerin herankommen, bis die Frau mit weit aufgerissenen Augen und empörtem Blick direkt vor ihr stand.

»Ihr werdet mir jetzt zuhören, Panarchin Amathera von Tarabon«, sagte sie mit eisiger Stimme. »Wenn Ihr versucht, zu Euren Soldaten hinauszugehen, kann es sein, daß Temailes Busenfreundinnen Euch erwischen, zu einem Bündel verschnüren und ihr zurückgeben. Was noch schlimmer ist: Sie würden erfahren, daß sich meine Freundinnen und ich hier befinden, und das werde ich nicht zulassen. Wir werden uns hier hinausschleichen, und wenn Ihr etwas dagegen habt, fessle und kneble ich Euch und lasse Euch neben Temaile für ihre Freundinnen zurück.« Es mußte einfach eine Möglichkeit geben, auch Temaile mitzunehmen. »Habt Ihr mich verstanden?« Amathera nickte leicht, soweit es ihre hochgezogenen Zöpfe zuließen. Egeanin gab einen zustimmenden Laut von sich.

Elayne ließ die Stränge fahren und die Fersen der Frau klatschten auf den Boden herunter. »So, jetzt werden wir etwas zum Anziehen für Euch suchen, das sich zum Hinausschleichen eignet.« Amathera nickte wieder, doch ihr Mund hatte noch nie so geschmollt wie jetzt. Elayne hoffte nur, daß Nynaeve sich nicht mit solchen Schwierigkeiten abzugeben habe.

Nynaeve betrat die große Ausstellungshalle mit ihrer Vielzahl an schmalen Säulen und schwenkte sogleich ihren Staubwedel. Die unzähligen Ausstellungsstücke und Vitrinen mußten ja wohl ständig abgestaubt werden, und sicher würde niemand eine Frau genauer ansehen, die einfach das Notwendige hier erledigte. Sie blickte sich um. Ihr Blick wurde angezogen von dem durch Drähte zusammengehaltenen Knochengestell, das wie ein Pferd mit besonders langen Beinen wirkte, aber einen so langen Hals aufwies, daß der Schädel zwanzig Fuß höher saß. Der enorme Saal erstreckte sich völlig menschenleer in alle Richtungen.