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Nach einer Weile seufzte Rand. »Ich kann noch nicht einmal das Nichts heraufbeschwören. Ich kann mich einfach nicht konzentrieren.« Ein kurzes Grinsen ließ das eingetrocknete Blut auf seinem Gesicht springen. »Ich verstehe es selbst nicht.« Ein dünnes, rotes Rinnsal lief neben seinem linken Auge herunter.

»Dann werde ich es so machen wie immer«, sagte Moiraine und nahm Rands Kopf in die Hände, ohne darauf zu achten, daß ihr das Blut über die Finger lief.

Rand keuchte laut und sprang schwerfällig auf. Es war, als werde ihm die ganze Luft auf einmal aus der Lunge gepreßt. Er bäumte sich so auf, daß er seinen Kopf beinahe aus ihrem Griff losgerissen hätte. Einen Arm hatte er mit gespreizten Fingern zur Seite weggestreckt. Die Finger bogen sich derart nach hinten, daß es schien, als würden sie gleich brechen. Die andere Hand verkrampfte sich um den Griff Callandors. Die Muskeln an diesem Arm verknoteten und verkrampften sich sichtlich. Er bebte wie ein Segel im Sturm. Dunkle Schichten getrockneten Blutes sprangen ab, und Glassplitter klimperten auf die Truhe und den Fußboden. Sie waren aus Schnittwunden herausgequollen, die sich nun schlossen und von selbst zu heilen schienen.

Perrin schauderte, als tobe dieser Sturm auch um ihn. Er hatte schon früher zugesehen, wenn jemand geheilt wurde, und sogar in schlimmeren Fällen, aber es ließ ihn niemals kalt, wenn er zusah wie die Macht angewandt wurde, wenn er wußte, was geschah, und er schauderte, obwohl sie ja hier zum Guten verwandt wurde. Die Geschichten über die Aes Sedai, die ihnen früher von den Wächtern und Fahrern der Kaufleute lange Jahre vor seinem Zusammentreffen mit Moiraine erzählt worden waren, saßen immer noch tief. Rhuarc roch beißend nach Nervosität. Nur Lan nahm es wie selbstverständlich hin. Lan und Moiraine selbst natürlich.

Es war vorüber, so schnell wie es begonnen hatte. Moiraine nahm ihre Hände weg, und Rand sackte in sich zusammen. Er hielt sich am Bettpfosten fest, um überhaupt stehen bleiben zu können. Es war schwierig festzustellen, ob er den Bettpfosten oder Callandor fester umklammerte. Als Moiraine versuchte, ihm das Schwert wegzunehmen und es wieder auf seinen verzierten Ständer an der Wand zu legen, nahm er es ihr entschlossen und beinahe grob weg.

Sie verzog einen Moment lang ärgerlich den Mund, aber dann beließ sie es dabei, die Bandage von seiner Wunde herunterzunehmen und damit ein paar der Blutspritzer wegzuwischen. Die alte Wunde war nun wieder eine gerade einigermaßen verheilte Narbe. Die übrigen Verletzungen waren einfach verschwunden. Das angetrocknete Blut auf seinem gesamten Körper hätte auch von jemand anderem stammen können.

Moiraine runzelte die Stirn. »Sie spricht einfach nicht darauf an«, murmelte sie in sich hinein. »Sie heilt einfach nicht vollständig.« »Das ist die Wunde, die mich schließlich umbringen wird, oder?« fragte er sie leise. Dann zitierte er: »›Sein Blut auf den Felshängen des Shayol Ghul wäscht den Schatten weg. Sein Opfer zur Rettung der Menschheit.‹« »Ihr lest zuviel«, sagte sie in scharfem Ton, »und versteht zu wenig.« »Versteht Ihr mehr? Falls ja, sagt es mir.« »Er versucht doch nur, den richtigen Weg zu finden«, sagte Lan plötzlich. »Kein Mann möchte blind einherrennen, wenn er weiß, daß irgendwo vor ihm eine Klippe ist.« Perrin zuckte fast vor Überraschung zusammen. Lan widersprach Moiraine sonst nie oder jedenfalls nicht in Hörweite anderer. Allerdings hatte er viel Zeit mit Rand verbracht, um ihn im Schwertkampf auszubilden.

Moiraines dunkle Augen blitzten, doch dann sagte sie nur: »Er muß jetzt ins Bett. Sorge bitte dafür, daß man ihm Wasser zum Waschen bringt und ein anderes Schlafzimmer vorbereitet. Das hier muß gründlich gereinigt werden, und das Bett braucht eine neue Matratze und ein neues Oberbett.« Lan nickte und steckte einen Augenblick lang den Kopf zur Tür hinaus in den Vorraum. Er sprach leise mit jemandem.

»Ich werde hier schlafen, Moiraine.« Rand ließ den Bettpfosten los und hielt sich aufrecht, wobei er die Spitze Callandors auf den Teppich aufstellte und sich mit beiden Händen auf das Schwert stützte. So konnte man kaum sehen, wie schwach er wirklich war. »Ich lasse mich nicht mehr hin und her jagen. Nicht einmal aus einem Bett.« »Tai'shar Manetheren«, murmelte Lan.

Diesmal blickte sogar Rhuarc überrascht drein, aber falls Moiraine gehört hatte, wie der Behüter Rand ehrte, zeigte sie keine Reaktion. Sie sah Rand an. Ihr Gesichtsausdruck war nichtssagend wie meistens, doch in ihren Augen glühte der Zorn. Rand lächelte leicht und irgendwie fragend, als überlege er, was sie sich wohl als nächstes einfallen lassen werde.

Perrin schob sich langsam auf die Tür zu. Falls Rand und die Aes Sedai streiten wollten, war es besser, den Rückzug anzutreten. Lan schien das nicht zu kümmern. Es war auch schwer zu sagen, was er dachte oder fühlte. Aus seiner Haltung, gerade aufgerichtet und doch vollständig entspannt, ließ sich nichts ablesen. Er konnte sowohl gelangweilt im Halbschlaf herumstehen, wie auch im nächsten Moment kampfbereit das Schwert ziehen — beides erschien gleich wahrscheinlich. Rhuarc stand ähnlich da, aber er beäugte wenigstens ebenfalls sehnsuchtsvoll die Tür.

»Bleibt, wo Ihr seid!« Moiraine wandte den Blick nicht von Rand, und ihr ausgestreckter Finger zeigte irgendwohin in die Mitte zwischen Perrin und Rhuarc, aber Perrin blieb trotzdem wie angewurzelt stehen. Rhuarc zuckte die Achseln und faltete die Arme vor der Brust.

»Stur«, knurrte Moiraine. Diesmal galt es Rand. »Also gut. Wenn Ihr so stehen bleiben wollt, bis Ihr umfallt, könnt Ihr wenigstens die Zeit bis dahin nützen und mir sagen, was hier vorgefallen ist. Ich kann Euch nichts beibringen, aber wenn ich Bescheid weiß, kann ich Euch vielleicht wenigstens sagen, was Ihr falsch gemacht habt. Es ist zwar nur eine geringe Möglichkeit, aber...« Ihr Tonfall wurde schärfer. »Ihr müßt lernen, es zu beherrschen, und das nicht nur dieser Sache wegen. Wenn Ihr nicht lernt, die Macht unter Kontrolle zu halten, wird sie Euch umbringen. Das wißt Ihr. Ich habe es Euch oft genug gesagt. Ihr müßt es aber von allein lernen. Die Kraft dazu findet Ihr in Euch selbst.« »Ich habe nichts angerichtet, außer eben zu überleben«, sagte er trocken. Sie öffnete den Mund, aber er fuhr fort: »Glaubt Ihr, ich würde die Macht anwenden, ohne daß ich selbst es merke? Ich habe das nicht im Schlaf angerichtet. Das ist geschehen, als ich wach war.« Er schwankte und fing sich gerade noch mit Hilfe des stützenden Schwerts.

»Selbst Ihr könntet im Schlaf nichts anderes lenken als bestenfalls das Element Geist«, sagte Moiraine kühl. »Und das hier wurde nicht mit Geist angestellt. Ich war dabei, Euch zu fragen, was wirklich geschah.« Perrin sträubten sich die Haare, als Rand seine Geschichte erzählte. Das mit der Axt war schon schlimm genug gewesen, aber wenigstens war die Axt etwas Solides, Wirkliches. Doch die eigenen Spiegelbilder herauskommen zu sehen und... Unbewußt trat er von einem Fuß auf den anderen, um nicht auf irgendwelchen Glassplittern zu stehen.

Kurz nachdem Rand zu erzählen begonnen hatte, warf er heimlich einen Blick über die Schulter auf die Truhe, so, als wolle er nicht, daß die anderen ihn bemerkten. Einen Moment später rührten sich die über den Deckel der Truhe verstreuten Glassplitter von allein, und sie rutschten hinunter auf den Teppich, als würden sie von einem unsichtbaren Besen weggekehrt. Rand und Moiraine blickten sich an, und dann setzte er sich zum Weitererzählen hin. Perrin war nicht sicher, wer von den beiden den Deckel der Truhe abgeräumt hatte. In Rands Bericht war nicht von Berelain die Rede.

»Es muß einer der Verlorenen gewesen sein«, stellte Rand am Ende fest. »Vielleicht Sammael. Ihr sagtet doch, er befinde sich in Illian. Oder einer von ihnen ist hier in Tear. Könnte Sammael von Illian so schnell herübergekommen sein?« »Nicht einmal, wenn er selbst Callandor in Händen hielte«, antwortete Moiraine. »Es gibt Grenzen der Macht. Sammael ist nur ein Mensch und nicht der Dunkle König.« Nur ein Mensch? Keine sehr gute Beschreibung, dachte sich Perrin. Ein Mann, der die Macht benützen konnte und trotzdem, aus welchen Gründen auch immer, nicht dem Wahnsinn verfallen war, oder zumindest noch nicht, soweit man das beurteilen konnte. Vielleicht war er genauso stark wie Rand, aber wo Rand sich zu lernen bemühte, kannte Sammael bereits jeden Trick und jede Möglichkeit, die Macht einzusetzen. Ein Mann, der dreitausend Jahre im Gefängnis des Dunklen Königs verbracht hatte und der aus freien Stücken einst zum Schatten übergelaufen war. Nein. ›Nur ein Mensch‹ kam einer Beschreibung Sammaels oder eines der anderen Verlorenen, sei es Mann oder Frau, nicht einmal nahe.