Was für eine Närrin war sie doch gewesen, Moghedien in einem Duell der Macht gegenüberzutreten, ohne daran zu denken, daß sie durch derart starke Entladungen der Macht jede Schwarze Schwester im Palast beinahe aus der Haut fahren ließ. Sie hatte Glück gehabt, daß die Domanifrau mit dem Ter'Angreal nicht schon gekommen war, während sie noch mit der Verlorenen beschäftigt war. Höchstwahrscheinlich wären sie beide gestorben, bevor sie überhaupt der anderen gewahr geworden wären.
Plötzlich starrte sie ungläubig in die Halle. Moghedien war weg! Das Baalsfeuer war ihrem Standpunkt kaum näher als zehn Fuß gekommen, aber sie war nicht mehr da. Das war doch unmöglich! Sie war abgeschirmt gewesen.
»Woher will ich schon wissen, was unmöglich ist und was nicht?« knurrte Nynaeve. »Es war mir ja auch unmöglich, eine Verlorene zu besiegen, und doch habe ich es geschafft.« Immer noch kein Lebenszeichen von Jeaine Caide.
Sie rappelte sich hoch und eilte zu ihrem abgesprochenen Treffpunkt. Wenn nur Elayne keine Schwierigkeiten gehabt hatte! Dann könnten sie es vielleicht doch sicher aus dem Palast hinaus schaffen.
55
In die Tiefe
Diener rannten kopflos durch die Gänge, wo Nynaeve entlanglief. Sie riefen sich gegenseitig verzweifelte Fragen zu. Sicher waren sie nicht in der Lage, zu spüren, wie jemand die Macht benützte, aber sie hatten ganz gewiß bemerkt, daß der Palast fast in zwei Hälften gespalten worden war. Sie schlängelte sich durch — einfach eine weitere Dienerin, die in panischer Angst davonlief; mehr schien sie nicht.
Saidar entglitt ihr langsam, während sie durch die Gänge und über die Innenhöfe rannte. Es wurde immer schwieriger für sie, zornig zu bleiben, weil sie sich mehr und mehr Sorgen um Elayne machte. Falls die Schwarzen Schwestern sie gefunden hatten... Wer wußte schon, welche Waffen sie noch außer dem Ter'Angreal mit dem Baalsfeuer hatten? Die Liste, die sie erhalten hatten, konnte nicht in jedem Fall einen Zweck angeben.
Einmal sah sie kurz Liandrin mit ihren blaß-honigfarbenen Zöpfen und Riana mit der weißen Strähne im schwarzen Haar, die nebeneinander eine breite Marmortreppe herabeilten. Sie war in der Eile nicht in der Lage, zu beobachten, ob sie vom Glühen Saidars umgeben waren, doch so, wie die Diener aufschrien und aus ihrem Weg sprangen, verwandten sie wohl die Macht wie eine Peitsche, um schneller voranzukommen. Sie war froh, daß sie nicht versucht hatte, die Macht festzuhalten, denn durch das Glühen hätten sie sie im Nu in der Menge entdeckt, und sie war jetzt, ohne jede Atempause, nicht mehr in der Lage, ihnen gegenüberzutreten, weder einer allein, noch beiden gemeinsam. Außerdem hatte sie ja, weswegen sie gekommen war. Alles andere mußte warten.
Bald wurden es weniger Menschen, die wild umherliefen, und als sie den engen Korridor auf der Westseite des Palastes wieder erreicht hatte, war niemand mehr zu sehen. Die anderen warteten bei einer schmalen bronzebeschlagenen Tür mit einem großen, eisernen Vorhängeschloß auf sie. Auch Amathera war da, die hochaufgerichtet daneben stand, mit einem leichten Leinenumhang angetan und die Kapuze über den Kopf gezogen. Das weiße Kleid der Panarchin sah annähernd wie das Kleid einer Dienerin aus, wenn man nicht genau genug hinsah, um zu bemerken, daß es aus Seide war, und der Schleier, der ihr Gesicht allerdings kaum verbarg, war auf jeden Fall aus dem typischen Leinen der Kleidung von Dienerinnen gefertigt. Durch die Tür drangen gedämpfte Schreie. Offensichtlich waren die Auseinandersetzungen noch in vollem Gang. Nun mußten die Männer das ihrige zum Gelingen beitragen.
Nynaeve ignorierte Egeanin und umarmte Elayne, um sie kurz, aber herzlich zu drücken. »Ich habe mir solche Sorgen gemacht. Hast du irgendwelche Probleme gehabt?« »Keine Spur«, antwortete Elayne. Egeanin rutschte etwas nervös herum, und die jüngere Frau warf ihr einen bedeutungsvollen Blick zu. Dann fügte sie hinzu: »Amathera hat uns ein wenig Schwierigkeiten bereitet, aber das haben wir hingekriegt.« Nynaeve runzelte die Stirn. »Schwierigkeiten? Warum hat sie euch denn Schwierigkeiten bereitet?« Das letztere galt der Panarchin, die mit hocherhobenem Kopf die Blicke der anderen mied. Elayne schien genauso zu zögern.
Es war die Seanchanfrau, die schließlich antwortete: »Sie versuchte, sich wegzuschleichen, um ihre Soldaten anzuweisen, die Schattenfreunde zu vertreiben. Und das, nachdem sie bereits gewarnt worden war.« Nynaeve vermied es, sie anzublicken.
»Schau nicht so finster drein, Nynaeve«, sagte Elayne. »Ich habe sie schnell wieder eingefangen, und wir hatten ein kurzes Gespräch. Ich denke, unser Verhältnis ist jetzt äußerst harmonisch.« In der Wange der Panarchin zuckte ein Muskel. »Wir stimmen vollkommen überein, Aes Sedai«, sagte sie schnell. »Ich werde genau das tun, was Ihr wollt, und ich werde Euch Papiere ausstellen, daß man Euch selbst bei den Rebellen ungehindert durchlassen wird. Es ist nicht notwendig, noch mehr mit mir zu... sprechen.« Elayne nickte, als ergebe das alles einen Sinn, und bedeutete der Frau, den Mund zu halten. Worauf die Panarchin auch gehorsam den Mund schloß. Vielleicht ein wenig mürrisch, aber das lag möglicherweise an der Form ihres Mundes. Es waren eindeutig eigenartige Dinge vorgefallen, und Nynaeve hatte vor, alles darüber in Erfahrung zu bringen. Aber später. Der enge Gang war immer noch in beiden Richtungen menschenleer, doch tiefer aus dem Palast drangen immer noch panische Schreie. Jenseits der kleinen Tür tobte der Mob.
»Aber wie steht's mit dir?« fuhr Elayne stirnrunzelnd fort. »Du hättest schon vor einer halben Stunde hier sein sollen. Hast du all dieses Durcheinander angerichtet? Ich habe gespürt, wie zwei Frauen genug Macht lenkten, um den ganzen Palast zu erschüttern, und ein wenig später hat sich offensichtlich jemand bemüht, ihn abzureißen. Ich dachte, das seist du gewesen. Ich mußte Egeanin davon abhalten, loszugehen, um dich zu suchen.« Egeanin? Nynaeve zögerte und dann überwand sie sich soweit, die Schulter der Seanchanfrau zu berühren. »Danke schön.« Egeanin wirkte, als verstünde sie selbst nicht, warum sie das getan hatte, aber sie nickte zur Erwiderung. »Moghedien hatte mich aufgespürt, und weil ich noch überlegte, wie ich sie heraus und vor Gericht bringen solle, hat mir Jeaine Caide beinahe mit ihrem Baalsfeuer den Kopf abrasiert.« Elayne quiekte erschreckt und Nynaeve beeilte sich, ihr zu versichern: »Na ja, so eng war es gar nicht.« »Du hast Moghedien gefangen? Du hast es geschafft, eine der Verlorenen zu besiegen?« »Ja, aber sie ist entkommen.« So, nun hatte sie alles zugegeben. Sie war sich der Blicke der anderen bewußt und trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Sie fühlte sich nicht gern im Unrecht. Besonders mißfiel ihr es, etwas getan zu haben, vor dem sie selbst die anderen zuvor gewarnt hatte. »Elayne, ich weiß, was ich in bezug auf Vorsicht gesagt habe, aber als ich sie in den Fingern hatte, habe ich eben an nichts anderes mehr gedacht, als sie vor Gericht zu bringen.« Sie atmete tief durch und bemühte sich, reumütig zu klingen, auch wenn sie das haßte. Wo blieben denn diese verdammten Männer? »Ich habe alles in Gefahr gebracht, weil ich nicht an unsere Aufgabe dachte, aber sei mir bitte deswegen nicht böse.« »Bin ich auch nicht«, sagte Elayne mit fester Stimme.