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»Die Rechtsprechung der Tochter-Erbin«, murmelte Thom, »dürfte noch Vorrang haben vor der der Panarchin. Es sind Männer durch den Eingang in den Palast eingedrungen, als wir weggingen, und ich glaube, andere waren da schon zum Haupteingang hineingelangt. Ich sah aus mehreren Fenstern Rauch dringen. Bis heute abend wird vielleicht nicht mehr als eine glimmende Ruine übrig sein. Dann ist es nicht mehr nötig, daß die Soldaten nach den Schwarzen Ajah suchen, und so gewinnt »Thera« Zeit, um ein paar Tage lang Erfahrungen zu sammeln, wie Ihr es wünscht. Ihr werdet eines Tages eine prächtige Königin abgeben, Elayne von Andor.« Elaynes geschmeicheltes Lächeln verflog, als sie ihn ansah. Schnell erhob sie sich, ging um den Tisch herum, kramte in seinen Taschen nach einem Taschentuch und begann damit, ihm trotz seiner Proteste das Blut von der Stirn zu tupfen. »Haltet still«, befahl sie ihm, aber es klang wie bei einer Mutter, die sich um ihr krankes Kind kümmert.

»Könnten wir wenigstens zu sehen bekommen, wofür wir unsere Hälse riskierten?« fragte er, als ihm klar wurde, daß Elayne genau das tun werde, was sie wollte.

Nynaeve öffnete ihre Gürteltasche und legte den Inhalt vor sie auf den Tisch: die schwarzweiße Scheibe, die geholfen hatte, den Dunklen König in seinem Gefängnis festzuhalten, und Halsband und Armbänder, die solche Wellen von Trauer und Schmerz bei ihr verursachten, bis sie sie hingelegt hatte. Alle versammelten sich um den Tisch, um diese Gegenstände zu betrachten.

Domon befühlte das Siegel. »Ich haben einst ein Ding wie dieses in Besitz.« Nynaeve bezweifelte das. Es waren ja nur sieben angefertigt worden. Drei waren jetzt kaputt, ob sie nun aus Cuendillar bestanden oder nicht. Eine befand sich in Moiraines Händen. Vier blieben übrig. Wie gut konnten vier davon das Gefängnis im Shayol Ghul abriegeln? Der Gedanke ließ ihr einen Schauder den Rücken herunterlaufen.

Egeanin berührte das Halsband und schob dann die Armbänder ein Stück davon weg. Falls sie die darin gefangenen Gefühle irgendwie empfangen konnte, ließ sie sich jedenfalls nichts anmerken. Vielleicht konnte man das auch nur fühlen, wenn man den Gebrauch der Macht beherrschte. »Es ist kein Adam«, sagte die Seanchanfrau. »Der besteht aus einem silbrigen Metall und ist in einem Stück gefertigt, nicht in Gliedern.« Nynaeve wäre es lieber gewesen, die andere hätte den Adam nicht erwähnt. Aber sie hat noch nie ein Armband zu einem A'dam getragen. Und diese arme Frau, von der sie erzählte, hat sie gehen lassen. Arme Frau, ha! Sie — diese Bethamin — war doch diejenige, die andere Frauen mit Hilfe eines A'dam unterdrückte. Egeanin hatte mehr Mitgefühl bewiesen, als Nynaeve zu zeigen bereit gewesen wäre. »Es ist mindestens einem A'dam genauso ähnlich, wie Ihr und ich uns ähnlich sind, Egeanin.« Die Frau blickte überrascht auf, aber nach einem Augenblick nickte sie. Gar nicht so viel anders. Zwei Frauen, von denen jede ihr Bestes gab.

»Wollt Ihr jetzt Liandrin immer noch weiterverfolgen?« Juilin setzte sich mit verschränkten Armen an den Tisch und betrachtete die Gegenstände noch etwas eingehender. »Ob sie nun aus Tanchico verjagt wird oder nicht, jedenfalls befindet sie sich immer noch in Freiheit. Und die anderen auch. Aber sie scheinen mir zu wichtig, um sie einfach nicht mehr zu beachten. Ich bin nur ein Diebfänger, aber ich würde sagen, man muß sie zur Weißen Burg bringen, um sie dort gefangenzusetzen.« »Nein!« Nynaeve war über ihre eigene Vehemenz erstaunt. Die anderen aber auch, so, wie sie Nynaeve mit großen Augen anblickten. Gemächlich nahm sie das Siegel wieder in die Hand und steckte es in ihre Tasche zurück. »Das hier muß in die Burg. Aber die anderen... « Sie wollte die schwarzen Gegenstände gar nicht mehr berühren. Falls sich die auch in der Burg befanden, würden möglicherweise die Aes Sedai entscheiden, sie genauso zu verwenden, wie es die Schwarzen Ajah vorgehabt hatten. Um Rand unter ihre Kontrolle zu bringen. Würde Moiraine das wirklich tun? Oder Siuan Sanche? Sie konnte ein solches Risiko nicht eingehen. »Das ist alles zu gefährlich, als daß wir riskieren könnten, es jemals wieder in die Hände von Schattenfreunden fallen zu lassen. Elayne, kannst du die Sachen zerstören? Vielleicht schmelzen? Es ist mir gleich, ob der Tisch mit draufgeht. Wenn du sie nur zerstörst!« »Ich verstehe«, sagte Elayne, wobei sie das Gesicht verzog. Nynaeve bezweifelte das, denn Elayne stand mit ganzem Herzen hinter der Burg, aber sie stand auch hinter Rand.

Nynaeve konnte im Moment natürlich das Glühen Saidars nicht wahrnehmen, aber die eindringliche Art, wie das Mädchen diese furchtbaren Objekte anblickte, zeigte deutlich, daß sie die Macht einsetzte. Elayne runzelte die Stirn. Ihr Blick wurde womöglich noch eindringlicher. Mit einemmal schüttelte sie den Kopf. Ihre Hand schwebte einen Augenblick lang in der Nähe eines der Armbänder, und dann hob sie es auf. Und ließ es mit einem Keuchen wieder fallen. »Es ist ein Gefühl... Es ist so voll von...« Sie atmete tief ein und sagte dann: »Ich habe versucht, was du wolltest, Nynaeve. Ein Hammer würde zu einer Pfütze schmelzen, soviel Feuer habe ich hineingewebt, aber es ist nicht einmal warm geworden.« Also hatte Moghedien nicht gelogen. Zweifellos hatte sie geglaubt, gar nicht lügen zu müssen, weil sie sowieso siegen werde. Wie ist diese Frau nur freigekommen? Was sollten sie jetzt mit diesen Gegenständen anfangen? Sie würde sie in niemandes Hände fallen lassen, soviel stand fest.

»Meister Domon, kennt Ihr ein sehr tiefes Gebiet des Meeres unweit dieser Küste?« »Ja, ich kennen eines, Frau al'Meara«, sagte er bedächtig.

Vorsichtig, um nicht zuviel von diesem Schwall an Gefühlen abzubekommen, schob Nynaeve Halsband und Armbänder über den Tisch zu ihm hin. »Dann versenkt die hier dort, wo niemand sie jemals mehr herausfischen kann.« Nach einem Augenblick der Überlegung nickte er. »Ich werden das tun.« Er stopfte alles hastig in seine Tasche, da er offensichtlich nicht gern mit Dingen zu tun hatte, die durch die Macht erschaffen worden waren. »Im tiefsten Teil des Meeres, den ich kennen, in der Nähe der Aile Somera.« Egeanin blickte finster zu Boden, zweifellos der drohenden Abreise des Illianers wegen. Nynaeve hatte nicht vergessen, daß sie ihn bewundernd als einen ›gut aussehenden Mann‹ bezeichnet hatte. Sie hatte das Gefühl, lachen zu müssen. Es war fast alles geschafft. Sobald Domon auslaufen konnte, würden das unheilvolle Halsband und die Armbänder für immer verschwunden sein. Dann konnten sie nach Tar Valon abreisen. Und dann... Dann zurück nach Tear oder wo auch immer sich al'Lan Mandragoran befand. Die Tatsache, daß sie Moghedien gegenübergestanden hatte, daß sie dem Tod oder noch Schlimmerem nahe gewesen war, machte es für sie noch dringlicher, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Ein Mann, den sie mit einer ihr verhaßten Frau teilen mußte, aber wenn Egeanin einem Mann schöne Augen machen konnte, den sie einmal gefangengenommen hatte — nun, und Domon hatte ganz gewiß auch ein Auge auf sie geworfen —, und wenn Elayne einen Mann lieben konnte, der einst dem Wahnsinn verfallen würde, dann würde sie doch wohl auch in der Lage sein, einen Weg zu finden, soviel wie möglich von Lan zu haben.