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»Dann befindet sich einer von ihnen hier. In der Stadt.« Rands Kopf sank auf seine Hände herunter, aber er riß ihn sofort wieder hoch und blickte die anderen im Raum zornig an. »Ich lasse mich nicht noch einmal jagen. Zuerst werde ich der Jagdhund sein. Ich werde ihn — oder sie — finden und... « »Keiner der Verlorenen«, warf Moiraine ein. »Ich glaube das nicht. Das Ganze war zu einfach und doch auch wieder zu vielschichtig.« Rand sagte ruhig: »Keine Rätsel, bitte, Moiraine. Wenn nicht einer der Verlorenen, wer dann? Oder was?« Das Gesicht der Aes Sedai hätte gut ein Amboß sein können, doch sie zögerte und tastete sich nur an eine schlüssige Antwort heran. Man konnte auch nicht sagen, ob sie sich einfach nicht sicher sei in bezug auf die Antwort, oder ob sie lediglich überlegte, wieviel sie enthüllen sollte.

»Da die Siegel am Gefängnis des Dunklen Königs langsam bröckeln«, sagte sie nach einer Weile, »könnte es unvermeidlich sein, daß — etwas von seiner Persönlichkeit entkommt, während er selbst sich noch drinnen befindet. Wie Blasen, die aus etwas Verfaulendem am Grunde eines Teichs aufsteigen. Aber diese Art von Blasen treiben durch das Muster hindurch, bis sie sich an einen Faden anhängen und platzen.« »Licht!« Das entschlüpfte Perrin, bevor er es verhindern konnte. Moiraines Blick wanderte zu ihm herüber. »Ihr meint, was Rand passierte, wird... wird irgendwann jedem passieren?« »Nicht jedem. Jedenfalls noch nicht. Am Anfang, denke ich, wird es nur ein paar Blasen geben, die durch Ritzen entschlüpfen, wo die Macht des Dunklen Königs bereits zugreifen kann. Und wer weiß schon, was später sein wird? Und weil die Ta'veren ja die anderen Fäden im Muster um sich herum neu knüpfen, so werden gerade sie wohl diese Blasen stärker anziehen als alle anderen.« Ihre Blicke sagten, sie wisse, daß Rand nicht der einzige war, dem ein wahr gewordener Alptraum widerfahren war. Ein kurzes Lächeln, schon wieder verschwunden, bevor er es richtig bemerkt hatte, sagte ihm, daß er das vor den anderen geheimhalten könne, wenn er es wünsche. Aber sie wußte Bescheid. »Doch in den kommenden Monaten — oder Jahren, falls wir das Glück haben, soviel Zeit gewinnen zu können — werden eine Menge Leute Dinge erleben, die ihnen graue Haare verschaffen, falls sie alles überleben sollten.« »Mat«, sagte Rand. »Wißt Ihr, ob er... ? Ist er...?« »Das werde ich bald genug wissen«, antwortete Moiraine gelassen. »Was geschehen ist, kann nicht ungeschehen gemacht werden, aber wir können hoffen.« So ruhig sie auch sprach, roch sie doch für Perrin nach Nervosität, bis Rhuarc sagte: »Es geht ihm gut. Oder es ging ihm gut. Ich habe ihn gesehen, als ich hierher unterwegs war.« »Wo ging er denn hin?« fragte Moiraine in etwas gereiztem Tonfall. »Es sah so aus, als gehe er zu den Quartieren der Diener hinüber«, berichtete der Aielmann. Er wußte, daß die drei ta'veren waren, auch wenn er sonst nicht soviel wußte, wie er selbst glaubte. Doch er kannte Mat gut genug, um hinzuzufügen: »Nicht zu den Ställen, Aes Sedai. In die andere Richtung, zum Fluß hin. Und an den Landungsstegen des Steins liegen gerade keine Schiffe.« Er hatte keine Probleme bei den Worten ›Schiffe‹ und ›Landungsstege‹, so wie sonst die meisten Aiel, obwohl in ihrer Wüste solche Dinge nur die Ausgeburten von Märchen zu sein schienen.

Sie nickte, als habe sie nichts anderes erwartet. Perrin schüttelte den Kopf. Sie war so daran gewöhnt, ihre wirklichen Gedanken anderen zu verheimlichen, daß sie das wohl mittlerweile schon aus purer Gewohnheit tat.

Plötzlich öffnete sich ein Türflügel, und Bain und Chiad schlüpften ausnahmsweise einmal ohne ihre Speere herein. Bain trug eine große weiße Schüssel und einen dicken Krug, aus dem Dampf aufstieg. Chiad hatte sich gefaltete Handtücher unter den Arm geklemmt.

»Warum bringt Ihr diese Sachen?« wollte Moiraine wissen.

Chiad zuckte die Achseln. »Sie wollte nicht hereinkommen.« Rand lachte kurz auf. »Selbst die Diener sind schlau genug, sich von mir fernzuhalten. Stellt es irgendwo hin.« »Eure Zeit hier wird knapp, Rand«, sagte Moiraine. »Die Tairener gewöhnen sich auf gewisse Weise an Euch, und was einem vertraut ist, das fürchtet man nicht mehr so wie das Unbekannte. Wie viele Wochen oder Tage wird es noch dauern, bis jemand Euch einen Pfeil in den Rücken schießt oder Gift in Euer Essen streut? Wie lange noch, bis einer der Verlorenen zuschlägt oder eine weitere Blase aus dem Gefängnis des Dunklen Königs entweicht und in das Muster eindringt?« »Versucht nicht, mich zu hetzen, Moiraine.« Er war blutverkrustet und schmutzig, halb nackt, stützte sich mehr oder weniger auf Callandor, um überhaupt aufrecht sitzen zu können, aber er brachte es fertig, in ruhigem Befehlston zu sprechen. »Ich werde auch bei Euch nicht springen.« »Wählt bald Euren weiteren Weg«, sagte sie. »Und informiert mich diesmal darüber, was Ihr vorhabt. Mein Wissen nützt Euch nichts, wenn Ihr euch weigert, meine Hilfe anzunehmen.« »Eure Hilfe?« fragte Rand müde. »Ich werde Eure Hilfe annehmen. Doch die Entscheidung darüber treffe ich, nicht Ihr.« Er sah Perrin an, als wolle er ihm wortlos etwas mitteilen, etwas, das die anderen nicht hören sollten. Perrin hatte keine Ahnung, was er wollte. Nach einem Augenblick seufzte Rand und ließ den Kopf ein wenig sinken. »Ich will schlafen. Geht nun bitte alle. Bitte. Wir reden morgen weiter.« Wieder traf sein Blick auf Perrin, als richteten seine Worte besonders an ihn.

Moiraine ging durch den Raum hinüber zu Bain und Chiad, und die drei steckten die Köpfe zusammen, um leise miteinander zu sprechen. Perrin hörte nur Gemurmel und fragte sich, ob sie vielleicht die Macht benützte, damit er nicht lauschen konnte. Sie wußte, wie gut er hörte. Dann war er sich dessen sicher, als Bain zurückflüsterte und er immer noch nichts verstand. Aber in bezug auf seinen Geruchssinn hatte die Aes Sedai nichts unternommen. Die Aielfrauen blickten beim Zuhören auf Rand, und sie rochen nach Wachsamkeit. Nicht nach Angst, aber so, als sei Rand ein großes Tier, das bei jedem Fehltritt plötzlich gefährlich werden könnte.

Die Aes Sedai wandte sich wieder Rand zu. »Wir werden uns morgen unterhalten. Ihr könnt nicht wie eine Wachtel dasitzen und auf das Netz des Jägers warten.« Sie ging zur Tür, bevor er antworten konnte. Lan sah Rand an, als wolle er ihm etwas sagen, aber dann folgte er ihr doch schweigend.

»Rand?« fragte Perrin.

»Wir tun, was wir tun müssen.« Rand blickte nicht von dem durchsichtigen Knauf in seinen Händen auf. »Wir tun alle, was wir müssen.« Er roch nach Angst.

Perrin nickte und folgte Rhuarc aus dem Raum. Moiraine und Lan waren nirgends mehr zu sehen. Der tairenische Offizier starrte aus zehn Schritt Entfernung die Tür an und versuchte den Eindruck zu erwecken, diese Entfernung entspräche seinem eigenen Wunsch und habe nichts mit der Anwesenheit der vier Aielfrauen zu tun, die ihn beobachteten. Die anderen beiden Töchter des Speers waren immer noch im Schlafzimmer, wie Perrin bemerkte. Er hörte drinnen Stimmen.

»Geht weg«, sagte Rand müde. »Stellt es einfach hin und geht.« »Falls Ihr aufstehen könnt«, sagte Chiad fröhlich, »werden wir gehen. Steht nur auf.« Man hörte, wie Wasser in eine Schüssel gegossen wurde. »Wir haben schon öfter Verwundete betreut«, sagte Bain in beruhigendem Ton. »Und ich habe immer meine Brüder gewaschen, als sie noch klein waren.« Rhuarc schloß die Tür, und der Rest wurde abgeschnitten. »Ihr behandelt ihn nicht so wie die Tairener«, sagte Perrin ruhig. »Keine Verbeugungen und Kratzfüße. Ich glaube nicht, daß ich bei einem von Euch schon einmal den Ausdruck ›Lord Drache‹ gehört habe.« »Der Wiedergeborene Drache ist eine Prophezeiung der Feuchtländer«, sagte Rhuarc. »In unserer heißt er ›Der Mit Der Morgendämmerung Kommt‹.« »Ich dachte, das sei das gleiche. Warum seid Ihr sonst zum Stein gekommen? Seng mich, Rhuarc, Ihr Aiel seid das Volk des Drachen, so, wie es vorhergesagt wurde. Das habt Ihr doch praktisch schon zugegeben, auch wenn Ihr es nicht offen aussprecht.« Rhuarc überhörte das letztere. »In Euren Prophezeiungen des Drachen wird durch den Fall des Steins und dadurch, daß er Callandor an sich nahm, die Wiedergeburt des Drachen bewiesen. In unserer Weissagung heißt es lediglich, daß der Stein fallen müsse, bevor er, Der Mit Der Morgendämmerung Kommt, erscheint und uns wieder zu dem verhilft, was einst unser war. Vielleicht sind beide der gleiche Mann, aber ich bezweifle, daß selbst die Weisen Frauen dies mit Bestimmtheit behaupten können. Falls Rand derjenige ist, muß er noch bestimmte Dinge vollbringen, um es zu beweisen.« »Was denn?« wollte Perrin wissen.