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»Tanchico«, knurrte Nynaeve. Ihr dunkler, armdicker Zopf hing ihr bis zur Hüfte hinunter. Sie blickte aus einem der engen Fenster, dessen Flügel sie weit geöffnet hatte, in der Hoffnung, ein wenig kühlen Nachtwind einzufangen. Auf dem breiten Erinin tief unter ihnen hüpften die Laternen einiger Fischerboote auf und ab, die nicht wie die anderen flußabwärts gefahren waren, doch Egwene glaubte, daß Nynaeve sie gar nicht bemerkte. »Es bleibt nichts anderes übrig, als nach Tanchico zu reisen, wie es scheint.« Nynaeve zupfte unbewußt an ihrem grünen Kleid herum. Der weite Ausschnitt ließ ihre Schultern unbedeckt. Das gefiel ihr. Sie hätte sich geweigert, dieses Kleid speziell für Lan Moiraines Behüter anzuziehen, hätte Egwene ihr das vorgeschlagen, aber Grün, Blau und Weiß schienen Lans Lieblingsfarben in bezug auf Frauenkleider zu sein, und so war plötzlich jedes Kleid, das nicht grün, blau oder weiß gewesen war, auf geheimnisvolle Weise aus Nynaeves Kleiderschrank verschwunden. »Bleibt nichts anderes übrig.« Es klang nicht gerade erfreut.

Egwene ertappte sich dabei, wie auch sie ihr Kleid ein Stück hochzog. Es war ein seltsames Gefühl, diese Kleider zu tragen, die nur an ihren Schultern hingen. Andererseits glaubte sie nicht, es ertragen zu können, sich bei dieser Hitze mehr zu bedecken. So leicht es auch war, fühlte sich dieses hellrote Leinenkleid nun doch wie Wolle an. Sie wünschte, sie könnte es über sich bringen, ein solch leichtes und durchscheinendes Gewand zu tragen wie Berelain. Natürlich war das nicht für die Öffentlichkeit geeignet, aber es schien ziemlich kühl.

Hör auf, immer nur an dein Wohlergehen zu denken, ging sie streng mit sich selbst ins Gericht. Konzentriere dich lieber auf deine Aufgaben. »Vielleicht«, sagte sie laut. »Ich bin aber noch nicht ganz überzeugt.« In der Mitte des Zimmers stand ein langer, schmaler Tisch, den man lackiert und auf Hochglanz poliert hatte. Am Tischende in Egwenes Nähe stand ein großer Stuhl mit hoher Lehne, elegant geschnitzt und an ein paar Ecken vergoldet, aber für die Verhältnisse in Tear war er fast schon einfach zu nennen. Die anderen Stühle hatten viel niedrigere Lehnen, und die am hinteren Ende waren nicht viel mehr als gepolsterte Bänke. Egwene hatte keine Ahnung, wozu dieser Raum bisher gedient hatte. Sie und die anderen benützten ihn, um die beiden Gefangenen zu verhören, die bei der Eroberung des Steins in ihre Hände gefallen waren.

Sie konnte sich nicht dazu überwinden, in den Kerker hinunter zu gehen, obwohl Rand angeordnet hatte, daß man alle Folterwerkzeuge, mit denen die Wände der Wachräume dekoriert waren, entweder einschmolz oder verbrannte. Weder Nynaeve noch Elayne hatten besondere Lust verspürt, dorthin zurückzukehren. Außerdem bildete dieser hellbeleuchtete Raum mit seinen sauberen, grünen Bodenfliesen und der Wandverkleidung mit den eingeschnitzten drei Halbmonden Tears einen deutlichen Kontrast zu den düsteren, grauen Steinwänden der Kerkerzellen. Die waren nicht nur düster, sondern auch feucht und schmutzig. Dieser Raum hier sollte ein wenig dazu verhelfen, die beiden Frauen in der groben Wollkleidung von Gefangenen weich zu bekommen.

Nur an diesem fadbraunen Kleid überhaupt hätten die meisten Leute erkannt, daß Joiya Byir, die auf der anderen Seite des Tisches stand und ihnen den Rücken zugewandt hatte, eine Gefangene war. Sie hatte zu den Weißen Ajah gehört und nichts von deren kühlen Arroganz verloren, als sich ihre Sympathien den Schwarzen zuwandten. Ihre gesamte Körperhaltung drückte aus, daß sie ganz bewußt und ohne dazu gezwungen zu werden, die Rückwand des Raumes anstarrte. Nur eine Frau, die selbst die Macht lenken konnte, hätte die daumendicken Stränge verfestigter Luft bemerkt, die ihre Arme und Beine fesselten. Ein ebenfalls aus Luft gewebter Käfig hielt ihren Kopf gerade, so daß sie nur nach vorn blicken konnte. Selbst ihre Ohren waren mit Luft verstopft, damit sie nur das hören konnte, was man zu ihr sagte.

Noch einmal überprüfte Egwene die Abschirmung, die sie aus dem Element Geist gewoben hatten, um Joiya von der Wahren Quelle abzublocken. Sie hielt, wie sie fest angenommen hatte. Sie selbst hatte all die Stränge um Joiya gewoben und verknotet, damit sie sich von allein aufrechterhielten, aber sie fühlte sich doch nicht wohl in einem Raum mit einer Hörigen des Dunklen Königs, die ebenfalls die Macht benützen konnte. Trotz der Abschirmung war es ihr unangenehm. Und Joiya war ja nicht nur eine Schattenfreundin, sondern auch noch eine Schwarze Ajah. Mord war noch das geringste ihrer Verbrechen. Sie hätte unter dem Gewicht ihrer gebrochenen Eide, der durch sie verdammten Seelen und zerstörten Leben eigentlich zusammenbrechen müssen.

Joiyas Mitgefangene, ihre Schwarze Schwester, besaß nicht die Kraft der anderen. Mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf stand Amico Nagoyin am hinteren Ende des Tisches und schien unter Egwenes Blick noch kleiner zu werden. Es war nicht notwendig, sie abzuschirmen. Amico war während ihrer Gefangennahme einer Dämpfung unterzogen worden. Sie war immer noch in der Lage, die Wahre Quelle wahrzunehmen, doch sie würde sie nie wieder berühren, nie wieder lenken. Der Wunsch, die Sehnsucht danach würden bleiben, so unausweichlich wie die Notwendigkeit zu atmen, und sie würde den Verlust fühlen, solange sie lebte, doch Saidar war ihrem Zugriff auf ewig entzogen. Egwene hätte gern so etwas wie Mitleid mit ihr empfunden, konnte sich aber nicht dazu überwinden.

Amico murmelte etwas in Richtung Tischfläche.

»Was?« wollte Nynaeve wissen. »Sprecht gefälligst deutlich!« Amico hob demütig den Kopf auf dem eleganten Schwanenhals. Sie war immer noch eine schöne Frau mit großen, dunklen Augen, aber an ihr war etwas, was Egwene nicht ganz genau definieren konnte. Es war nicht die Angst, die sie ihre Hände in den groben Stoff ihres Gefängniskleides verkrampfen ließ. Irgend etwas anderes.

Amico schluckte schwer und sagte: »Ihr solltet nach Tanchico gehen.« »Das habt Ihr uns schon zwanzigmal erzählt«, sagte Nynaeve grob. »Fünfzigmal. Sagt uns lieber etwas Neues. Namen, die wir noch nicht kennen. Welche von denen, die sich noch in der Weißen Burg befinden, gehört zu den Schwarzen Ajah?« »Ich weiß es nicht. Das müßt Ihr mir glauben.« Amicos Stimme klang müde und resigniert. Gar nicht so, wie sie geklungen hatte, als die Rollen umgekehrt verteilt gewesen waren — sie die Wächterin und die drei jungen Frauen ihre Gefangenen. »Bevor wir die Burg verließen, kannte ich nur Liandrin, Chesmal und Rianna. Keine kannte mehr als höchstens zwei oder drei andere, glaube ich. Außer Liandrin. Ich habe Euch wirklich alles gesagt, was ich weiß.« »Dann wißt Ihr verdammt wenig für eine Frau, die damit rechnete, nach der Befreiung des Dunklen Königs einen Teil der Welt zu regieren«, sagte Egwene trocken. Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, wedelte sie heftig mit ihrem Fächer. Es verblüffte sie selbst, wie leicht ihr solche Worte mittlerweile über die Lippen kamen. Ihr Magen verkrampfte sich bei diesem Gedanken immer noch, und eisige Finger glitten ihr Rückgrat hinunter, doch sie verspürte nicht mehr den Wunsch, zu schreien oder weinend hinauszurennen. Man konnte sich wohl an nahezu alles gewöhnen.

»Ich habe einmal Liandrin belauscht, als sie mit Temaile sprach«, sagte Amico müde. So begann sie erneut, die Geschichte zu erzählen, die sie schon viele Male zum besten gegeben hatte. In den ersten Tagen ihrer Gefangenschaft hatte sie versucht, ihre Geschichte auszuschmücken, aber je mehr sie hinzugefügt hatte, desto stärker hatte sie sich in Lügen verstrickt. Nun erzählte sie jedesmal fast genau das gleiche, Wort für Wort. »Wenn Ihr Liandrins Gesicht gesehen hättet, als sie mich erblickte... Sie hätte mich auf der Stelle umgebracht, wenn sie geahnt hätte, daß ich etwas gehört hatte. Und Temaile fügt anderen gern Schmerzen zu. Es macht ihr Spaß. Ich hatte auch nur wenig gehört, bevor sie mich sahen. Liandrin meinte, da gebe es etwas in Tanchico, was gefährlich sei für... für ihn.« Sie meinte Rand damit. Seinen Namen konnte sie nicht über die Lippen bringen und jede Erwähnung des ›Wiedergeborenen Drachen‹ ließ sie in Tränen ausbrechen. »Liandrin sagte auch, es sei genauso gefährlich für jeden, der es benützen wollte. Beinahe so gefährlich jedenfalls wie für... ihn. Deshalb war sie noch nicht selbst hingereist. Und sie sagte, seine Fähigkeit, die Macht zu gebrauchen, würde ihn nicht schützen. Sie sagte: ›Wenn wir es finden, wird ihn seine schmutzige Fähigkeit selbst fesseln und uns die Arbeit abnehmen.‹« Schweiß rann ihr über das Gesicht, doch sie zitterte fast unkontrolliert dabei. Kein Wort hatte sich geändert.