Egwene hielt das für sehr wohl möglich. Sie beschloß, Moiraine danach zu fragen — falls sie die Aes Sedai jemals antraf, wenn Aviendha nicht zugegen war. Ihr schien, daß ihr Täuschungsmanöver langsam ebenso hinderlich wurde, wie nützlich.
»Sehen wir zu, ob Joiya noch immer die gleiche Geschichte erzählt wie vorher.« Allerdings mußte sie sich selbst erst wieder unter Kontrolle bringen, bevor sie daran gehen konnte, die Stränge von Luft um die Schwarze Schwester herum zu lockern.
Joiya hätte eigentlich ganz steif sein müssen von dem langen Stillstehen, aber sie drehte sich ungerührt zu ihnen um. Der Schweiß auf ihrer Stirn tat ihrer Würde und Ausstrahlung keinen Abbruch, und nicht einmal das fade, grobe Kleid hätte den Eindruck geschmälert, daß diese Frau sich aus freiem Willen und nicht als Gefangene hier befand. Sie war eine recht gut aussehende Frau, die trotz der Alterslosigkeit ihres glatten Gesichts etwas Mütterliches an sich hatte, etwas Beruhigendes. Doch die dunklen Augen ließen die eines Habichts noch freundlich erscheinen. Sie lächelte sie an, aber das Lächeln erreichte die Augen nicht. »Das Licht leuchte Euch. Möge Euch die Hand des Schöpfers beschützen.« »Das will ich nicht noch mal von Euch hören!« Nynaeves Stimme klang ruhig und leise, doch sie warf mit einem Kopfrucken ihren Zopf nach vorn und packte das Ende mit der Faust. Das tat sie nur, wenn sie entweder unsicher oder zornig war, und Egwene glaubte nicht an Unsicherheit in diesem Fall. Joiya schien auf Nynaeve nicht so beängstigend zu wirken wie auf Egwene.
»Ich habe meine Sünden bereut«, sagte Joiya verbindlich. »Der Drache wurde wiedergeboren und hält Callandor in Händen. Die Prophezeiung wurde erfüllt. Der Dunkle König muß untergehen. Das sehe ich jetzt ein. Meine Reue ist echt. Niemand kann so lange im Schatten wandeln, daß er nicht wieder zum Licht zurückkehren könnte.« Nynaeves Gesicht war bei jedem Wort dunkler angelaufen. Egwene war sicher, daß sie nun wütend genug war, um die Macht benützen zu können, aber falls sie das tat, würde sie möglicherweise lediglich Joiya erwürgen. Egwene glaubte natürlich genausowenig wie Nynaeve an Joiyas Reue. Aber die Worte von dieser Frau konnten durchaus auch der Wahrheit entsprechen. Man konnte ihr durchaus zutrauen, daß sie kaltblütig umschwenkte auf die Seite, von der sie glaubte, sie werde am Ende gewinnen. Oder sie wollte sich Zeit erkaufen und lügen in der Hoffnung, doch noch gerettet zu werden.
Lügen sollten einer Aes Sedai eigentlich nicht möglich sein, selbst einer, die alles Anrecht auf diesen Titel verwirkt hatte. Jedenfalls offene Lügen. Dafür hätte der erste der Drei Eide sorgen sollen, den man mit der Eidesrute in der Hand schwören mußte. Aber welche Eide man auch als Schwarze Ajah auf den Dunklen König leisten mußte, sie schienen jedenfalls alle Bindungen an die Drei zertrennt zu haben.
Nun gut. Die Amyrlin hatte sie ausgesandt, um die Schwarzen Ajah zu jagen, Liandrin und die zwölf anderen, die gemordet hatten und dann aus der Burg geflohen waren. Und alles, woran sie sich nun halten konnten, waren die Aussagen dieser beiden Gefangenen.
»Erzählt uns noch mal Eure Geschichte«, befahl Egwene. »Benützt diesmal aber andere Worte. Ich habe es satt, auswendig gelernte Geschichten anzuhören.« Falls sie gelogen hatte, war es möglich, daß sie ins Stolpern kam, wenn sie die Geschichte anders erzählen mußte. »Wir werden Euch genau zuhören.« Das letzte galt Nynaeve, die daraufhin vernehmlich schniefte, aber schließlich kurz nickte.
Joiya zuckte die Achseln. »Wie Ihr wünscht. Laßt mich sehen. Andere Worte. Der falsche Drache, Mazrim Taim, der in Saldaea gefangengenommen wurde, kann die Macht mit unglaublicher Stärke gebrauchen. Vielleicht ist er sogar genauso stark wie Rand al'Thor, oder jedenfalls nicht viel weniger, wenn man den Berichten Glauben schenken kann. Liandrin will ihn befreien, bevor man ihn nach Tar Valon bringen und einer Dämpfung unterziehen kann. Dann wird er zum Wiedergeborenen Drachen ausgerufen — unter dem Namen Rand al'Thor. Er wird eine Welle der Zerstörung einleiten, wie sie die Welt seit dem Hundertjährigen Krieg nicht mehr erlebt hat.« »Das ist unmöglich«, fiel ihr Nynaeve ins Wort. »Das Muster nimmt keinen falschen Drachen an, schon gar nicht jetzt, wo Rand sich erklärt hat.« Egwene seufzte. Sie hatte das nun schon einige Male erlebt, und jedesmal stritt Nynaeve deswegen herum. Dabei war sie nicht sicher, ob Nynaeve wirklich daran glaube, daß Rand der Wiedergeborene Drache sei, gleich, was sie sagte, gleich, was die Prophezeiung in bezug auf Callandor und den Fall des Steins vorhergesagt hatte. Nynaeve war gerade alt genug, um auf Rand aufgepaßt zu haben, als er noch ein Kind war, genauso wie bei Egwene. Er war ein Emondsfelder, und immer noch sah Nynaeve es als ihre oberste Pflicht an, die Menschen von Emondsfeld zu schützen.
»Hat Euch Moiraine das weisgemacht?« fragte Joiya mit einem Unterton der Verachtung. »Moiraine hat seit ihrer Erhebung zur Aes Sedai nur wenig Zeit in der Burg oder überhaupt mit ihren Schwestern verbracht. Ich schätze, sie weiß einiges über das Dorfleben, und vielleicht versteht sie sogar etwas von Politik, aber sie behauptet, Dinge ganz sicher zu wissen, die man nur durch ständiges Studium und durch Diskussionen mit anderen lernen kann. Trotzdem hat sie vielleicht recht. Es kann schon sein, daß Mazrim Taim nicht dazu kommen wird, sich zu erklären. Aber wenn andere das für ihn tun, wo liegt dann der Unterschied?« Egwene wünschte, Moiraine käme endlich zurück. Die Frau würde nicht so selbstbewußt sprechen, wäre Moiraine zugegen. Joiya wußte sehr gut, daß sie und Nynaeve nur Aufgenommene waren. Da lag ein gewaltiger Unterschied.
»Macht weiter«, sagte Egwene beinahe im gleichen groben Tonfall wie Nynaeve. »Und denkt daran: Drückt Euch anders aus.« »Selbstverständlich«, antwortete Joiya, als nehme sie eine großzügige Einladung an, doch ihre Augen glitzerten wie Scherben schwarzen Glases. »Ihr könnt das Ergebnis selbst vorhersagen. Rand al'Thor wird man für die Untaten von... Rand al'Thor verantwortlich machen. Selbst der Beweis, daß es sich nicht um denselben Mann handelt, wird dabei untergehen. Wer weiß denn schließlich, welche Intrigen ein Wiedergeborener Drache spinnen kann? Vielleicht kann er gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten erscheinen? Selbst diejenigen, die sonst bedenkenlos jedem falschen Drachen folgen, würden zögern, wenn sie von den Untaten erfahren, die in seinem Namen und von ihm vollbracht werden. Und diejenigen, die vor so etwas nicht zurückschrecken, denen Blutvergießen Spaß macht, werden sich um diesen Rand al'Thor scharen, der anscheinend von ihrer Art ist. Die Länder werden sich vereinigen wie im Aielkrieg... « Sie lächelte Aviendha entschuldigend an, doch ihre Augen straften das Lächeln Lügen. »... und zweifellos diesmal noch um einiges schneller. Selbst der Wiedergeborene Drache kann dem nicht auf Dauer widerstehen. Er wird vernichtet, noch bevor die Letzte Schlacht überhaupt beginnt, und zwar von denen, die er eigentlich retten sollte. Der Dunkle König wird aus seinem Gefängnis entkommen. Der Tag von Tarmon Gai'don wird herannahen und der Schatten die Erde bedecken und das Muster für alle kommenden Zeiten umgestalten. Das ist Liandrins Plan.« In ihrem Tonfall lag keine Befriedigung, aber auch keine Furcht.
Es war eine plausible Geschichte, glaubwürdiger als Amicos Erzählung von ein paar zufällig aufgeschnappten Sätzen, aber Egwene glaubte Amico und nicht Joiya. Vielleicht, weil sie ihr mehr glauben wollte. Eine ungewisse Bedrohung in Tanchico war leichter hinzunehmen als ein solch ausgereifter Plan, die ganze Welt gegen Rand zu mobilisieren. Nein, dachte sie. Joiya lügt. Da bin ich sicher. Aber sie konnten es sich nicht leisten, eine der beiden Geschichten einfach zu ignorieren. Und doch konnten sie nicht beides gleichzeitig zu verhindern versuchen und dabei noch auf Erfolg hoffen.