Elayne blickte von der einen zur anderen. »In Wirklichkeit habe ich gefürchtet, ihr würdet mir Vorwürfe machen, weil ich mich mit so etwas beschäftige, obwohl wir doch wahrhaftig genug mit den Schwarzen Ajah am Hals haben.« Egwenes unsteter Blick verriet, daß sie daran tatsächlich gedacht hatte, aber Nynaeve sagte: »Rand ist nicht der einzige, der nächstes Jahr oder auch nächsten Monat sterben könnte. Das kann auch uns widerfahren. Die Zeiten sind nicht so wie früher, und auch wir müssen dem Rechnung tragen und uns ändern. Wenn du nur dasitzt und von dem träumst, was du gern haben möchtest, kann es geschehen, daß du es auf dieser Seite des Todes nicht mehr findest.« Das war schon eine erschreckende Art von Bestätigung, aber Elayne nickte. Sie würde sich nicht wie eine dumme Gans anstellen. Wenn sie die Sache mit den Schwarzen Ajah nur schnell hinter sich bringen könnten. Sie drückte den leeren Silberpokal gegen ihre Stirn und genoß die Kühle. Was sollten sie nur tun?
7
Spiel mit dem Feuer
Die Sonne hatte sich am nächsten Morgen kaum über den Horizont erhoben, da erschien Egwene am Eingang zu Rands Gemächern. Elayne folgte ihr schlurfend. Die Tochter-Erbin trug ein blaßblaues Seidenkleid mit langen Ärmeln. Es war der tairenischen Mode entsprechend schulterfrei, und nach langer Diskussion hatte sie es noch ein wenig heruntergezogen. Das Blau ihrer Augen wurde noch unterstrichen von einer Halskette aus Saphiren von der Farbe des Morgenhimmels und einer weiteren solchen Kette, die sie durch ihre rotgoldenen Locken gezogen hatte. Trotz der Wärme trug Egwene einen einfachen, dunkelroten Schal, beinahe so breit wie eine Stola, um die Schultern. Aviendha hatte ihr den gegeben, genauso wie die Saphire. Überraschenderweise besaß die Aielfrau einen ganzen Vorrat an Schmuck.
Obwohl sie ja um ihre Anwesenheit gewußt hatte, erschrak Egwene doch, als die Aiel-Wachen plötzlich geschmeidig aufsprangen. Elayne gab ein kurzes Keuchen von sich, aber dann musterte sie die Wachen würdevoll, wie sie das so gut beherrschte. Es schien aber auf diese sonnenverbrannten Männer keine Wirkung zu haben. Die sechs waren Shae'en M'taal, Steinhunde, und erschienen für Aiel geradezu entspannt. Das hieß, sie schienen gleichzeitig alles wahrzunehmen und bereit zu sein, in jeder Richtung losschlagen.
Egwene machte es Elayne nach und richtete sich gerade auf. Sie wünschte, sie könne das so gut wie die TochterErbin. Dann verkündete sie: »Ich... wir wollen nach den Wunden des Lord Drachen sehen.« Ihre Bemerkung war an sich dumm, falls sie etwas über die Heilkräfte der Aes Sedai wußten, aber das war eher unwahrscheinlich. Nur wenige Menschen wußten darüber Bescheid und die Aiel möglicherweise noch weniger als andere. Sie hatte gar nicht geplant, einen Grund für ihre Anwesenheit zu nennen. Es genügte schon, daß sie sie für Aes Sedai hielten. Aber als sich die Aiel mit einemmal beinahe aus dem schwarzen Marmorboden zu erheben schienen, hielt sie es doch für besser. Nicht, daß sie irgendwelche Anstalten machten, Elayne und sie aufzuhalten. Doch diese Männer waren alle so groß, hatten solch steinharte Gesichter und trugen diese Kurzspeere und Hornbögen, als wäre deren Gebrauch ihre zweite Natur... Wenn man von diesen grauen Augen so eindringlich gemustert wurde, erinnerte man sich nur zu schnell an die Geschichten über schwarzverschleierte, gnaden- und mitleidslose Aiel, an den Aielkrieg und Männer wie diese, die jedes gegen sie ausgesandte Heer bis hin zum letzten vernichteten und erst in ihre Wüste zurückgekehrt waren, nachdem sie das Heer der vereinigten Nationen während dreier blutgetränkter Tage und Nächte vor den Mauern Tar Valons zurückgeschlagen hatten. Beinahe hätte sie Saidar gesucht.
Gaul, der Anführer der Steinhunde, nickte. Er blickte voller Respekt auf Elayne und sie herab. Er war ein gutaussehender Mann, wenn er auch etwas rauh in der Schale wirkte, ein wenig älter als Nynaeve, mit Augen, so grün wie geschliffene Gemmen, und langen Wimpern, die so dunkel waren, daß sie wie ein schwarzer Kontrapunkt die Farbe seiner Augen zur Geltung brachten. »Sie schmerzen ihn möglicherweise noch. Er hat heute morgen ganz schlechte Laune.« Gaul grinste. Es war nur ein kurzes Aufblitzen weißer Zähne. Aber er hatte Verständnis für schlechte Launen, wenn man verwundet war und Schmerzen ausstehen mußte. »Er hat bereits eine Gruppe dieser Hochlords verjagt und einen davon sogar persönlich hinausgeworfen. Wie hieß er gleich wieder?« »Torean«, antwortete ein anderer, noch größerer Mann. Er hielt lässig seinen kurzen Bogen mit aufgelegtem Pfeil in der Hand. Der Blick aus seinen grauen Augen ruhte einen Moment lang auf den beiden Frauen und huschte dann zurück zu den Säulen des Vorraums und den dunklen Zwischenräumen, die er unter Beobachtung halten mußte.
»Torean«, bestätigte Gaul. »Ich glaubte schon, er werde bis zu diesen hübschen Schnitzereien hinüberrutschen... « Er deutete mit dem Speer auf die Gruppe strammstehender Verteidiger, die sich nicht vom Fleck rührte. »... aber drei Schritt davor war die Rutschpartie zu Ende. Ich habe einen schönen tairenischen Wandbehang mit Habichten aus Goldfäden an Mangin verloren.« Der größere Mann lächelte kurz und zufrieden.
Egwene riß die Augen auf, als sie sich vorstellte, wie Rand persönlich einen Hochlord auf den Flur beförderte. Er hatte nie zu Gewalt geneigt — ganz im Gegenteil! Inwieweit hatte er sich verändert? Sie war zu sehr mit Joiya und Amico beschäftigt gewesen und er zu sehr mit Moiraine oder Lan oder den Hochlords, als daß sie mehr als ein paar Worte im Vorübergehen gewechselt hätten. Und in diesen kurzen Gesprächen war es um die Heimat gegangen, wie wohl das Bel-Tein-Fest dieses Jahr ausgefallen sein mochte und wie es am Sonnentag würde. Alles nur hastig und nebenher. Inwieweit hatte er sich wohl verändert?