»Wir müssen zu ihm«, sagte Elayne mit leicht zitternder Stimme.
Gaul verbeugte sich und stellte einen Speer mit der Spitze nach unten auf den schwarzen Marmorboden. »Selbstverständlich, Aes Sedai.« So betrat Egwene Rands Gemächer mit einem unangenehmen Gefühl im Magen und Elaynes Gesicht sprach Bände, welche Überwindung sie diese wenigen Schritte kostete.
Vom Schrecken der vergangenen Nacht war nichts mehr zu entdecken, außer vielleicht der Abwesenheit von Spiegeln. Helle Flecken an der Wand zeigten, wo welche abgenommen worden waren. Der Raum wirkte trotzdem keineswegs ordentlich; überall lagen Bücher, auf jeder möglichen Fläche, manche davon geöffnet, als habe er sie beim Nachlesen einfach liegen lassen. Das Bett war auch noch nicht gemacht. An allen Fenstern hatte er die tiefroten Vorhänge weggezogen. Sie zeigten nach Westen und erlaubten den Blick auf die Schlagader Tears: den Fluß. Callandor glitzerte wie ein geschliffener Kristall von einem hohen, vergoldeten und überreich verzierten Ständer herunter. Egwene hielt ihn für das kitschigste und häßlichste Objekt, das je einen Raum hatte schmücken sollen, bis sie auf dem Kaminsims die silbernen Wölfe erblickte, die einen goldenen Hirsch rissen. Das war denn doch noch schlimmer. Eine leichte Brise vom Fluß her kühlte den Raum überraschend stark ab, wenn man es mit dem übrigen Stein verglich.
Rand lag in Hemdsärmeln auf einem Stuhl, hatte ein Bein über die Lehne gehängt und ein ledergebundenes Buch an sein Knie gestützt. Beim Geräusch ihrer Schritte klappte er das Buch zu und ließ es zu den anderen auf den mit Runen verzierten Teppich fallen. Er sprang kampfbereit auf. Doch der düstere Gesichtsausdruck hellte sich auf, sobald er sah, wer ihn besuchte.
Zum erstenmal, seit sie sich im Stein aufhielten, suchte Egwene in seinem Gesicht nach Veränderungen und fand sie auch.
Wie viele Monate war es her, seit sie ihn zum letztenmal vor den Erlebnissen im Stein gesehen hatte? Lange genug jedenfalls, um sein Gesicht härter erscheinen zu lassen. Die Offenheit, die einst in seinen Zügen gelegen hatte, war verblaßt. Er bewegte sich auch anders — ein bißchen wie Lan, ein bißchen wie die Aiel. Bei seiner Größe, dem rötlichen Haar und den je nach Beleuchtung einmal blau und dann wieder grau erscheinenden Augen wirkte er nur zu sehr wie ein Aielmann. Die Ähnlichkeit war beunruhigend. Doch hatte er sich auch innerlich verändert?
»Ich glaubte, jemand... anders käme«, murmelte er in die allgemeine Verlegenheit hinein. Das war wieder der Rand, wie sie ihn kannte, bis hin zu den geröteten Wangen, jedesmal, wenn er Elayne oder sie direkt anblickte. »Manche... manche Leute wollen Dinge, die ich ihnen nicht geben kann. Nicht geben werde.« Mit erschreckender Plötzlichkeit wandelte sich sein Gesichtsausdruck zu einer Maske des Mißtrauens und sein Tonfall verschärfte sich: »Was wollt ihr denn nun? Hat Moiraine euch geschickt? Sollt ihr mich dazu bringen, daß ich tue, was sie will?« »Sei kein Idiot«, entschlüpfte es Egwene, bevor sie sich unter Kontrolle hatte. »Ich will auf keinen Fall, daß du einen Krieg anfängst.« Elayne fügte bittend hinzu: »Wir sind gekommen, um... um dir zu helfen, wenn wir können.« Das war auch einer ihrer Gründe und der am leichtesten einsehbare. Dazu hatten sich beim Frühstück entschieden.
»Ihr kennt ihre Pläne bezüglich...«, fing er grob an, doch dann wechselte er mit einem Mal das Thema. »Mir helfen? Wie? Das sagt Moiraine auch immer.« Egwene faltete mit strengem Blick die Arme unter der Brust und packte fest ihren Schal, so wie Nynaeve das immer getan hatte, wenn sie vor der Ratsversammlung des Dorfes gesprochen hatte und sich unbedingt durchsetzen wollte, gleich, wie stur sie auch sein mochten. Jetzt war es zu spät, noch einmal von vorn zu beginnen. Es blieb ihr nur übrig, auf dem einmal eingeschlagenen Weg fortzufahren. »Ich habe dir doch gesagt, du sollst dich nicht wie ein Narr benehmen, Rand al'Thor! Die Leute aus Tear küssen dir ja vielleicht die Stiefel, aber ich erinnere mich nur zu gut daran, wie dir Nynaeve einmal das Hinterteil versohlt hast, als du dich von Mat hattest überreden lassen, einen Krug Apfelschnaps zu stehlen.« Elayne bemühte sich, ihr Gesicht nicht zu verziehen. Zuviel der Mühe. Egwene konnte deutlich sehen, wie sie sich das Lachen verbiß.
Rand bemerkte das natürlich nicht. Männern entging so etwas gewöhnlich. Er grinste Egwene an und hätte selbst beinahe laut losgelacht. »Da waren wir gerade dreizehn geworden. Sie hat uns hinter dem Stall deines Vaters schlafend gefunden, und uns taten die Köpfe so weh, daß wir ihre Rute kaum gespürt haben.« So war das aber Egwenes Erinnerungen nach nicht gewesen. »Im Gegensatz zu dem Tag, als du ihr diese Schüssel an den Kopf geworfen hast. Denkst du noch daran? Sie hatte dich mit Hundskrauttee beruhigt, nachdem du die ganze Woche liebeskrank herumgehangen hattest, und mit dem Geschmack auf der Zunge hast du ihre beste Schüssel genommen und nach ihr geworfen. Licht, hast du vielleicht gekreischt! Wann war das? Muß fast zwei Jahre her sein... « »Wir sind nicht hier, um über alte Zeiten zu klatschen«, sagte Egwene und rückte unangenehm berührt ihren Schal zurecht. Die Wolle war zwar nur dünn, aber dennoch zu heiß. Er erinnerte sich tatsächlich an die unmöglichsten Sachen.
Er grinste, als habe er ihre Gedanken erraten, und fuhr erheblich besser gelaunt fort: »Ihr seid hier, um mir zu helfen, sagt ihr? Womit? Ich nehme nicht an, daß ihr wißt, wie man einen Hochlord dazu bringt, sein Wort zu halten, sobald man ihm nicht mehr über die Schulter schaut. Oder wie man unerwünschte Träume abbricht. Ich könnte nun wirklich Hilfe gebrauchen bei... « Sein Blick wanderte zu Elayne und dann zurück zu ihr. Er wechselte abrupt wieder das Thema. »Wie ist das mit der Alten Sprache? Habt ihr die in der Weißen Burg gelernt?« Er wartete nicht auf ihre Antwort, sondern kramte statt dessen zwischen den auf dem Teppich verstreuten Büchern herum. Auf den Stühlen und den zerknüllten Bettüchern lagen noch mehr. »Ich habe hier ein Exemplar... irgendwo... von...« »Rand.« Egwene wiederholte es noch einmal lauter: »Rand, ich kann die Alte Sprache nicht lesen.« Sie warf Elayne einen Blick zu, der sie warnen sollte, ihre Kenntnisse nicht preiszugeben. Sie waren nicht gekommen, um für ihn die Prophezeiungen des Drachen zu übersetzen. Die Saphire im Haar der Tochter-Erbin schwangen hin und her, als sie zustimmend nickte. »Wir mußten andere Sachen lernen.« Er richtete sich seufzend auf. »Es wäre auch zuviel des Guten gewesen.« Einen Moment lang schien er noch etwas sagen zu wollen, doch dann blickte er nur auf seine Stiefel herunter. Egwene fragte sich, wie er es fertiggebracht hatte, diese arroganten Hochlords hinauszuwerfen, wenn Elayne und sie ihn bereits aus dem Gleichgewicht brachten.
»Wir sind gekommen, um dir bei der Beherrschung der Macht zu helfen«, sagte sie zu ihm. Man hielt wohl allgemein Moiraines Behauptung für wahr, daß eine Frau einem Mann das Lenken der Macht genausowenig beibringen konnte wie das Kinderkriegen, doch Egwene war sich da nicht so sicher. Sie hatte einmal etwas gespürt, was aus Saidin gewoben war. Oder richtiger, sie hatte nichts gefühlt, wo etwas hätte sein sollen. Ihre eigenen Machtströme waren abgeblockt gewesen wie von einem Damm, der das Wasser zurückhält. Aber sie hatte sowohl in der Burg wie auch außerhalb vieles gelernt, und sicher war irgend etwas dabei, was sie ihm vermitteln konnte, eine Anleitung, die sie ihm geben konnte.
»Falls uns das möglich ist«, fügte Elayne hinzu.
Mißtrauen flackerte wieder über sein Gesicht. Es war nervtötend, wie schnell seine Launen wechselten. »Da sind meine Chancen ja noch besser, ein Buch in der Alten Sprache zu lesen, als... Seid ihr sicher, nicht in Moiraines Auftrag zu handeln? Hat sie euch hergeschickt? Glaubt, sie kann mich auf einem Umweg herumkriegen, ja? Eine so geschickt gesponnene Intrige der Aes Sedai, daß ich nichts merke, bis ich schon mittendrin stecke?« Er knurrte empört und hob eine dunkelgrüne Jacke vom Boden hinter einem der Stühle auf. Hastig zog er ihn an. »Ich habe zugestimmt, heute morgen noch ein paar weitere Hochlords zu empfangen. Wenn ich sie nicht ständig im Auge behalte, finden sie irgendeinen Weg, sich um meine Anordnungen herumzudrücken. Sie werden noch einiges zu lernen haben. Ich herrsche jetzt in Tear. Der Wiedergeborene Drache. Das muß ich ihnen noch beibringen. Jetzt müßt ihr mich entschuldigen.« Egwene hätte ihn am liebsten geschüttelt. Er herrschte in Tear? Nun ja, vielleicht war dem so, aber sie erinnerte sich noch an den Jungen mit einem Lamm, das er unter den Mantel gesteckt hatte, und wie stolz er darauf gewesen war, daß er den Wolf vertrieben hatte, der es reißen wollte. Er war Schafhirte und kein König, und selbst wenn er ein Recht auf ein gewisses Auftreten hatte, stand ihm das ganz und gar nicht zu Gesicht.