Sie nahm die Gelegenheit wahr und fächelte sich mit dem Ende ihres Schals ein wenig Luft zu und lächelte Elayne leicht an, worauf diese das Lächeln erwiderte. Das Glühen um die Tochter-Erbin herum verblaßte. Beide hätten fast losgekichert, als sie sich verstohlen die Hände rieben. Das sollte wohl reichen. Hundert zu eins für sie, schätzte Egwene.
Sie wandte sich Rand zu und machte ein strenges Gesicht. »So etwas hätte ich vielleicht von Mat erwartet. Ich dachte, wenigstens du wärst inzwischen erwachsen geworden. Wir sind gekommen, um dir zu helfen, wenn es möglich ist. Versuche bitte, mit uns zusammenzuarbeiten. Mache irgend etwas mit Hilfe der Macht, aber nicht wieder etwas Kindisches wie vorhin. Vielleicht sind wir in der Lage, dann etwas zu spüren.« Zusammengekrümmt funkelte er sie an. »Tu was«, knurrte er. »Ihr hattet kein Recht... ich werde tagelang hinken... Ihr wollt, daß ich etwas mit der Macht anfange?« Plötzlich schwebte sie nach oben und Elayne mit ihr. Sie starrten sich mit weit aufgerissenen Augen an, als sie einen Schritt über dem Teppich schwebten. Nichts hielt sie dort, jedenfalls kein Strom, den Egwene fühlen oder sehen konnte. Nichts. Ihr Mund verzog sich ärgerlich. Er hatte kein Recht, so etwas zu tun. Nicht das geringste Recht, und es war Zeit, ihm das klarzumachen. Die gleiche Art von Abschirmung des Elements Geist wie bei Joiya sollte auch bei ihm wirken, ihn von der Quelle abschneiden. Die Aes Sedai benützten das bei den wenigen Männern, die sie aufgespürt hatten, weil sie mit der Einen Macht arbeiten konnten.
Sie öffnete sich Saidar, und ihre Stimmung sank auf den Nullpunkt. Saidar war schon da und seine Wärme und das Licht spürbar, doch zwischen ihr und der Wahren Quelle stand irgend etwas, ein Nichts, wie die Abwesenheit eines Trägerelements, das sie wie eine Steinmauer von der Quelle abschnitt. Es war ein hohles Gefühl in ihrem Innern, und schnell stieg Panik in ihr auf. Ein Mann gebrauchte die Macht, und sie war in seinem Strom gefangen. Natürlich war es Rand, aber so hilflos hier zu hängen und nur daran denken zu können, daß ein Mann die Macht benützte, und an das befleckte Saidin... Sie wollte ihn anschreien und brachte doch nur ein Krächzen zustande.
»Du willst, daß ich etwas mit Hilfe der Macht tue?« grollte Rand. Zwei kleine Tischchen streckten mühevoll und unter lautem Knarren die Beine und dann begannen sie, mit steifen Bewegungen einen Tanz aufzuführen, die Parodie eines Tanzes. Blattgold blätterte dabei von ihnen ab. »Gefällt euch das?« Feuer flammte im Kamin auf. Die Flammen erfüllten den Innenraum ganz und gar und brannten auf kahlem Stein ohne Holz und ohne Asche. »Oder das?« Der goldene Hirsch und die Wölfe auf dem Kaminsims wurden weich und fielen in sich zusammen. Dünne Rinnsale aus Gold und Silber flossen aus der zusammenfallenden Masse, in feinen, sich schlängelnden Linien, verwebten sich zu einem schmalen Streifen metallischen Stoffs. Das glitzernde Gewebe schwebte in der Luft und wuchs. Nur das hintere Ende hing noch an der schmelzenden Statue auf dem Kaminsims, wie der Faden an einem Wollknäuel, aus dem ein Kleidungsstück gestrickt wurde. »Tu etwas, Rand«, sagte Rand ironisch. »Tu etwas! Hast du eine Ahnung, wie das ist, Saidin zu berühren, zu halten? Ja? Ich kann spüren, wie dahinter der Wahnsinn auf mich wartet. In mich einsickert!« Mit einem Schlag brannten die tanzenden Tischchen wie Fackeln, tanzten aber weiter. Bücher wirbelten durch die Luft; ihre Seiten wurden von unsichtbarer Hand durchgeblättert. Das Oberbett explodierte, und es schneite Federn im ganzen Raum. Als Federn auf die brennenden Tische fielen, füllte sich die Luft mit beißendem, rußigem Gestank.
Einen Augenblick lang sah Rand mit wilden Blicken die brennenden Tische an. Dann verschwand das, was Egwene und Elayne festgehalten hatte, und auch die Abschirmung war weg. Ihre Füße schlugen im gleichen Moment auf dem Boden auf, in dem die Flammen erstarben, als würden sie in das Holz zurückgesaugt, das sie genährt hatte. Auch die Flammen im Kamin verschwanden, und die Bücher fielen zu einem noch schlimmeren Durcheinander als zuvor auf den Boden zurück. Und auch das aus Gold und Silber gewebte Tuch fiel herab. Es hingen noch lose Fäden aus halbgeschmolzenem Metall daran, die nun aber fest und kalt waren. Nur drei größere Klumpen, zwei aus Gold und einer aus Silber, waren kalt und völlig verformt auf dem Sims zurückgeblieben.
Egwene war bei der unsanften Landung taumelnd mit Elayne zusammengeprallt. Sie hielten sich aneinander fest, damit sie nicht umfielen, aber Egwene spürte, wie die andere blitzschnell das gleiche tat wie sie selbst, nämlich nach Saidar greifen. Augenblicke später stand ihre Abschirmung um Rand herum für den Fall, daß er noch einmal die Macht benützte, doch er stand nur wie betäubt da und starrte die verkohlten Tischchen und die herumfliegenden Federn an, die wie Schneeflocken auf seine Jacke landeten.
Er schien jetzt keine Gefahr mehr darzustellen, aber der Raum war ein einziges Durcheinander. Sie verwebte winzige Rinnsale des Elements Luft, um alle Federn zusammenzuholen, auch die auf dem Teppich liegenden. Dann dachte sie an die auf seinem Mantel und holte auch sie herbei. Den Rest mußte die Majhere herrichten lassen, oder er mußte eben selbst zupacken.
Rand zuckte zusammen, als die Federn an ihm vorbeischwebten und auf den Fetzen des Oberbettes landeten. Der Gestank wurde davon allerdings auch nicht besser. Verbrannte Federn und verbranntes Holz... Aber wenigstens machte der Raum nun einen etwas ordentlicheren Eindruck, und die schwache Brise, die durch die geöffneten Fenster drang, würde auch den Gestank schnell verfliegen lassen.
»Die Majhere wird mir nun wohl kein neues Oberbett mehr bringen«, meinte er unter gezwungenem Lachen. »Jeden Tag ein neues dürfte über dem liegen, was sie genehmigt...« Er vermied es, sie oder Elayne direkt anzuschauen. »Es tut mir leid. Ich wollte nicht... Manchmal geht es mit mir durch. Manchmal ist nichts da, wenn ich danach greife, und dann wieder geschehen Dinge, die ich... Tut mir leid. Vielleicht solltet ihr besser gehen. Das scheine ich auch recht oft zu sagen, nicht wahr?« Er errötete wieder und räusperte sich. »Ich berühre die Quelle jetzt nicht, aber trotzdem ist es wohl besser, wenn ihr geht.« »Wir sind hier noch nicht fertig«, sagte Egwene sanft. Sanfter, als es ihren Gefühlen entsprach. Am liebsten hätte sie ihm rechts und links eine heruntergehauen. Was für eine Idee, sie und Elayne einfach schweben zu lassen und noch dazu abzuschirmen! Aber er war mit den Nerven völlig am Ende. Woher das rührte, wußte sie nicht, und sie wollte es jetzt und hier auch gar nicht wissen. So viele hatten über ihre Stärke gestaunt. Jede hatte behauptet, sie und Elayne gehörten zu den stärksten Aes Sedai seit über tausend Jahren, seien vielleicht sogar die stärksten! Sie hatte angenommen, daß sie genauso stark seien wie er. Oder wenigstens nahezu genauso stark. Und doch war sie gerade auf unsanfte Weise eines Besseren belehrt worden. Vielleicht konnte Nynaeve dem nahekommen, wenn sie wütend genug war, aber Egwene war klar, daß sie selbst, was er gerade geschafft hatte, niemals fertigbringen würde, nämlich ihre Ströme in viele kleine aufzuspalten und eine Unmenge verschiedener Dinge auf einmal zu tun. Schon allein zwei Ströme auf einmal zu jonglieren war mehr als doppelt so schwer wie bei einem der gleichen Stärke, und bei drei Strömen gleichzeitig potenzierte sich der notwendige Aufwand. Er mußte mindestens ein Dutzend verwoben haben. Und dabei wirkte er nicht einmal müde, obwohl dieser Aufwand an Macht ungeheure Kraft kostete. Sie fürchtete, er könne sowohl sie wie auch Elayne wie die kleinen Kätzchen herumreichen. Hoffentlich nicht wie Kätzchen, die er ertränken wollte, falls er dem Wahnsinn verfiel.