»Was ist los?« fragte Rand.
»Ich glaube, du hast mir gerade bewiesen, daß es wirklich einen Unterschied gibt.« Sie seufzte.
»Oh. Heißt das, du bist bereit, aufzugeben?« »Nein!« Sie bemühte sich, ein wenig sanfter weiterzusprechen. Sie war nicht böse auf ihn. Genau. Sie wußte überhaupt nicht, auf wen sie eigentlich wütend war. »Vielleicht hatten meine Lehrerinnen recht, aber vielleicht gibt es eben doch einen Weg. Irgendeinen. Nur fällt mir gerade keiner ein.« »Du hast es jedenfalls versucht«, sagte er einfach. »Dafür danke ich dir. Es ist nicht dein Fehler, wenn es nicht geht.« »Es muß einen Weg geben«, murmelte Egwene, und Elayne sagte beruhigend: »Wir werden einen finden. Bestimmt.« »Natürlich wird euch das gelingen«, sagte er mit gekünsteltem Optimismus. »Aber heute nicht.« Er zögerte. »Ich schätze, ihr werdet nun gehen?« Das klang zur Hälfte bedauernd und zur Hälfte froh. »Ich muß den Hochlords heute morgen noch einiges in bezug auf Steuern mitteilen. Sie scheinen der Meinung zu sein, sie könnten einem Bauern in einem schlechten Jahr genausoviel abnehmen wie in einem guten, ohne daß er dadurch zum Bettler wird. Und ich denke, ihr müßt diese Schattenfreunde wieder verhören.« Er runzelte die Stirn.
Er hatte wohl nichts gesagt, aber Egwene war sicher, daß er sie am liebsten so weit wie möglich von den Schwarzen Ajah ferngehalten hätte. Sie war ein wenig überrascht, daß er sie noch immer nicht gebeten hatte, zur Weißen Burg zurückzukehren. Vielleicht ahnte er, daß in diesem Fall sie und Nynaeve ihm ganz gewaltig den Kopf gewaschen hätten.
»Machen wir«, sagte sie mit fester Stimme. »Aber nicht sofort. Rand...« Die Zeit war gekommen, den zweiten Grund für ihre Anwesenheit ins Spiel zu bringen, aber das war noch schwieriger, als sie geglaubt hatte. Es würde ihm weh tun, davon überzeugte sie ein Blick in diese traurigen, mißtrauischen Augen. Aber es mußte sein. Sie zog den Schal etwas fester zusammen, so daß er sie von den Schultern bis zur Hüfte einhüllte. »Rand, ich kann dich nicht heiraten.« »Ich weiß«, sagte er.
Sie blinzelte überrascht. Er nahm es wohl nicht so schwer, wie sie erwartet hatte. Sie sagte sich, das sei doch gut. »Ich will dir nicht weh tun — wirklich nicht — aber ich will dich nicht heiraten.« »Das verstehe ich, Egwene. Ich weiß, was ich bin. Keine Frau würde... « »Du wollköpfiger Idiot!« schimpfte sie. »Das hat nichts damit zu tun, daß du die Macht benützen kannst! Ich liebe dich einfach nicht! Jedenfalls nicht so, daß ich dich heiraten möchte.« Rand fiel die Kinnlade herunter. »Du... du liebst mich nicht?« Es klang so überrascht, wie er aussah. Und auch verletzt.
»Versuche das bitte zu verstehen«, sagte sie in sanfterem Tonfall. »Die Menschen ändern sich, Rand. Gefühle ändern sich. Wenn Menschen voneinander getrennt sind, leben sie sich manchmal auseinander. Ich liebe dich wie einen Bruder, vielleicht auch etwas mehr, aber heiraten würde ich dich nicht. Kannst du das verstehen?« Er brachte ein bedauerndes Grinsen zuwege. »Ich bin wirklich ein Narr. Ich habe einfach nicht glauben können, daß du dich auch geändert hast. Egwene, ich will dich auch nicht heiraten. Ich wollte mich nicht ändern und habe mich auch nicht bemüht, aber es ist eben so gekommen. Wenn du wüßtest, wieviel mir das bedeutet! Dir nichts vormachen zu müssen. Keine Angst haben zu müssen, dir weh zu tun. Das wollte ich doch nie, Egwene. Ich wollte dir einfach nicht weh tun.« Sie hätte beinahe gelächelt. Er überspielte es so tapfer, daß er beinahe überzeugend gewirkt hätte. »Ich bin froh, daß du es so ruhig hinnimmst«, sagte sie ihm mit weicher Stimme. »Ich wollte dir auch nicht weh tun. Und nun muß ich wirklich gehen.« Sie erhob sich von ihrem Stuhl und gab ihm einen flüchtigen Kuß auf die Wange. »Du findest bestimmt eine andere.« »Sicher«, sagte er und stand ebenfalls auf. Die Lüge schwang deutlich in seiner Stimme mit.
»Warts nur ab!« Sie schlüpfte zufrieden hinaus und eilte durch den Vorraum. Sie ließ Saidar los, während sie den Schal von den Schultern rutschen ließ. Das Ding war unwahrscheinlich heiß.
Er war bereit, Elayne wie ein verirrter Welpe in den Schoß zu fallen, wenn sie ihn so behandelte, wie sie es besprochen hatten. Sie glaubte, daß Elayne gut mit ihm umgehen werde, jetzt wie später. Jedenfalls solange, wie ihnen noch Zeit blieb. Es mußte aber etwas geschehen, damit er seine Gaben besser unter Kontrolle bekam. Sie war gewillt, zuzugeben, daß es stimmte, was man ihr beigebracht hatte: Keine Frau konnte ihn lehren, damit umzugehen — Fische und Vögel... Aber das bedeutete noch lange kein Aufgeben. Es mußte etwas geschehen, also mußte sie einen Weg finden. Diese schreckliche Wunde und der drohende Wahnsinn waren Probleme für später, aber eines Tages mußten auch sie gelöst werden. Irgendwie. Jeder sagte, die Männer von den Zwei Flüssen seien stur, aber da kannten sie die Frauen von den Zwei Flüssen schlecht.
8
Sturköpfe
Elayne war nicht sicher, ob Rand überhaupt bemerkt hatte, daß sie sich noch im Raum befand, so wie er Egwene mit einem leicht verwirrten Gesichtsausdruck nachblickte. Gelegentlich schüttelte er den Kopf, als werde er sich mit sich selbst nicht einig oder wolle einen klaren Kopf bekommen. Sie wollte gern warten, bis er mit sich selbst im reinen war. Alles war ihr recht, was den Augenblick der Wahrheit noch etwas hinauszögerte. Sie konzentrierte sich darauf, äußerlich gefaßt zu wirken und Haltung zu bewahren — Rücken gerade und hoch erhobener Kopf, die Hände im Schoß gefaltet... Die Gelassenheit ihrer Miene hätte der Moiraines Konkurrenz machen können. In ihrem Magen flatterten Schmetterlinge in Faustgröße herum.
Sie hatte keine Angst davor, daß er wieder die Macht benützen werde. Sie hatte Saidar fahren lassen, sobald Egwene aufgestanden war, um zu gehen. Sie wollte ihm einfach vertrauen und sie mußte ja wohl auch. Ihre innere Erregung rührte von dem her, was sie sich von ihm wünschte. Sie mußte sich beherrschen, um nicht ständig an ihrer Halskette oder den Saphiren in ihrem Haar herumzufummeln. War ihr Parfum zu auffallend? Nein. Egwene hatte gesagt, daß er Rosenduft mochte. Das Kleid? Sie hätte es am liebsten höhergezogen, doch...
Er drehte sich um und hinkte wieder ein klein wenig, was sie dazu brachte, nachdenklich die Lippen zu schürzen.
Dann sah er sie auf dem Stuhl sitzen und fuhr zusammen. Er riß die Augen auf, als stünde er kurz vor einer Panik. Sie aber war sehr erleichtert darüber, denn als sein Blick sie berührt hatte, mußte sie sich selbst gewaltig zusammennehmen, um ruhig und würdevoll zu erscheinen. Seine Augen waren nun blau wie ein verhangener Morgenhimmel.