Выбрать главу

»Entschuldige, daß ich dich unterbrochen habe«, sagte er. Sie war froh, daß auch in seiner Stimme ein wenig Atemlosigkeit mitschwang. »Ich bin nur ein rückständiger Schafhirte von den Zwei Flüssen.« »Du bist grob«, murmelte sie zu seinem Hemd hin, »und du hast dich heute morgen nicht rasiert, aber als rückständig würde ich dich nicht gerade bezeichnen.« »Elayne, ich... « Sie legte eine Hand über seinen Mund. »Ich will nichts von dir hören, was du nicht aus ganzem Herzen so meinst«, sagte sie entschlossen. »Nicht jetzt und auch in Zukunft nicht.« Er nickte, allerdings nicht so, als verstünde er den wahren Grund, sondern eher, als wisse er, daß sie auch meinte, was sie sagte. Sie strich sich durchs Haar, aber die Kette mit Saphiren war hoffnungslos verwickelt. Ohne Spiegel konnte sie sie unmöglich wieder richten. Zögernd entwand sie sich seinen Armen. Es wäre nur zu leicht, dort zu verweilen, und dabei war sie schon viel forscher gewesen, als sie jemals von sich selbst erwartet hatte. So mit ihm zu sprechen und sogar um einen Kuß zu bitten! Ihn aufzufordern! Sie war doch nicht Berelain.

Berelain. Vielleicht hatte Min etwas vorausgesehen. Was Min sah, geschah, aber sie würde ihn nicht mit Berelain teilen! Vielleicht mußte sie noch ein wenig deutlicher werden. Oder doch wenigstens annähernd deutlich. »Ich schätze, es wird dir nicht an weiblicher Gesellschaft fehlen, wenn ich weg bin. Denke nur daran, daß einige Frauen die Männer mit ihrem Herz anblicken, während andere nicht mehr in ihnen sehen als eine Art von Schmuckstück, kaum anders als eine Halskette oder einen Armreif. Denke auch daran, daß ich zurückkomme, und ich bin diejenige, die mit dem Herzen sieht!« Zuerst blickte er verwirrt drein und dann ein wenig erschrocken. Sie hatte zuviel und zu schnell gesagt. Nun mußte sie ihn ablenken. »Weißt du, was du mir nicht gesagt hast? Du hast nicht versucht, mich abzuschrecken, indem du erklärt hättest, wie gefährlich du seist. Versuch es jetzt bitte auch nicht mehr. Es ist zu spät.« »Ich habe gar nicht daran gedacht.« Nun kam ihm aber ein anderer Gedanke, und sein Blick wurde plötzlich mißtrauisch. »Hast du das alles mit Egwene abgesprochen?« Sie brachte es fertig, gleichzeitig mit großen Unschuldsaugen dreinzublicken und doch leicht erzürnt zu wirken. »Wie kannst du so etwas nur glauben? Denkst du, wir reichen dich wie ein Paket von der einen zur anderen weiter? Du denkst entschieden zuviel an dich selbst. Man kann auch übertrieben stolz sein.« Jetzt blickte er wieder verwirrt drein. Das war durchaus zufriedenstellend. »Tut es dir leid, was du mit uns gemacht hast, Rand?« »Ich wollte euch nicht erschrecken«, sagte er zögernd. »Egwene hat mich aufgeregt. Das schafft sie immer mühelos. Ich weiß, eine Entschuldigung ist das nicht. Ich sagte ja, daß es mir leid tut, und das stimmt. Und schau mal, was es mir eingebracht hat: versengte Tische und noch ein kaputtes Oberbett.« »Und was das... Zwicken betrifft?« Er wurde wieder rot, sah ihr aber trotzdem gerade in die Augen. »Nein. Nein, das tut mir nicht leid. Ihr zwei habt einfach über meinen Kopf hinweg geredet, als sei ich ein Scheit Holz ohne Ohren. Ihr hattet das verdient, ihr beiden, und dazu stehe ich.« Einen Augenblick lang sah sie ihn forschend an. Er rieb sich durch die Jackenärmel hindurch die Unterarme, als sie ganz kurz nach Saidar griff. Sie hatte eigentlich keine Ahnung, wie man mit Hilfe der Macht Wunden heilte, aber sie hatte wenigstens gelegentlich ein paar Bruchstücke mitbekommen. So lenkte sie einen dünnen Strom der Macht und nahm ihm den Schmerz, den sie ihm aus Rache für das Kneifen zugefügt hatten. Er riß überrascht die Augen auf und lief vorsichtig ein paar Schritte, um festzustellen, ob die Abwesenheit des Schmerzes keine Täuschung sei. »Als Dank für die Ehrlichkeit«, sagte sie schlicht.

Es klopfte an die Tür und Gaul steckte den Kopf herein. Zuerst hatte der Aielmann die Augen gesenkt, aber nach einem schnellen Blick in ihre Richtung hob er den Kopf. Elayne wurde knallrot, als ihr klar wurde, was er wohl vermutet hatte: daß er sie nämlich in einer verfänglichen Situation überrascht habe. Beinahe hätte sie noch einmal Saidar ergriffen und ihm eine Lektion erteilt.

»Die Tairener sind da«, sagte Gaul. »Die Hochlords, die Ihr erwartet hattet.« »Dann gehe ich jetzt«, sagte sie zu Rand. »Du mußt mit ihnen über — was war es gleich? — Steuern sprechen, ja? Denke an das, was ich dir gesagt habe.« Sie sagte nicht: ›Denk an mich‹, aber sie war sicher, daß die Wirkung die gleiche sein würde.

Er streckte die Arme aus, als wolle er sie aufhalten, doch sie entschlüpfte ihm. Sie hatte nicht vor, Gaul ein Schauspiel zu liefern. Der Mann war ein Aiel, aber was mußte er von ihr denken, wenn sie um diese Zeit am Morgen nach Parfum duftete und Saphirschmuck trug? Es kostete sie wirklich Mühe, ihr Kleid nicht doch hochzuziehen, um mehr zu verbergen.

Die Hochlords traten ein, als sie die Tür erreichte — eine buntgemischte Gruppe ergrauter Männer mit Spitzbärten in farbenfrohen, kunstvoll bestickten Mänteln mit Puffärmeln. Unter zögernden Verbeugungen wichen sie ihr aus, und ihr höfliches Gemurmel konnte kaum die Erleichterung darüber verbergen, daß sie im Gehen begriffen war.

Sie sah sich von der Tür aus noch einmal um. Ein hochgewachsener, breitschultriger junger Mann in einer einfachen grünen Jacke inmitten der Hochlords mit all ihrer Seide und den Satinstreifen: So wirkte Rand wie ein Storch unter Pfauen, und doch war da etwas an ihm, eine Ausstrahlung, die bewies, daß er zu Recht hier der war, der die Befehle erteilte. Die Tairener erkannten das auch und neigten zögernd ihre steifen Hälse. Er dachte vielleicht, sie beugten sich ihm nur, weil er der Wiedergeborene Drache war, und möglicherweise glaubten sie das selbst. Aber sie hatte Männer erlebt wie Gareth Bryne, den Kommandeur der Leibgarde ihrer Mutter, die auch in Lumpen noch einen Raum beherrscht hätten, ohne Titel und ohne Namen. Rand war das sicher nicht klar, doch er war ein solcher Mann. Er war es noch nicht gewesen, als sie ihn zum erstenmal gesehen hatte, doch mittlerweile war ein solcher Mann aus ihm geworden. Sie zog die Tür hinter sich zu.

Die Aiel um sie herum blickten sie neugierig an und der Hauptmann, der den Ring der Verteidiger in der Mitte des Vorraums kommandierte, starrte nervös herüber, doch sie bemerkte sie alle kaum. Es war vollbracht. Oder zumindest war ein Anfang gemacht. Vier Tage hatte sie noch, bevor Joiya und Amico auf das Schiff gebracht werden sollten, vier Tage also, um sich so in Rands Gedanken festzusetzen, daß darin kein Raum mehr für Berelain blieb. Und wenn sie das nicht erreichte, dann zumindest wollte sie in seinen Gedanken bleiben, bis sie mehr unternehmen konnte. Sie hatte nie geglaubt, daß sie so etwas fertigbringen würde —einen Mann zu jagen wie eine Jägerin den wilden Keiler. Die Schmetterlinge trieben sich immer noch in ihrem Magen herum. Aber wenigstens hatte sie sich ihm gegenüber nicht anmerken lassen, wie nervös sie tatsächlich gewesen war. Nun fiel ihr auch auf, daß sie kein einziges Mal daran gedacht hatte, was wohl ihre Mutter dazu sagen würde. Jetzt beruhigte sich ihr Magen endlich. Es war ihr gleich, was Mutter sagen würde. Morgase mußte ihre Tochter als Frau akzeptieren, und das war alles.

Die Aiel verbeugten sich, als sie davonschritt, und sie nahm es mit einem graziösen Nicken entgegen, das Morgase alle Ehre gemacht hätte. Selbst der tairenische Hauptmann sah sie an, als habe er ihre neugewonnene Würde bemerkt. Sie glaubte nicht, daß ihr noch einmal diese Schmetterlinge im Magen Schwierigkeiten bereiten würden. Vielleicht, was die Schwarzen Ajah betraf, aber nicht Rands wegen.