Rand ignorierte zunächst die nervös im Halbkreis herumstehenden Hochlords und blickte die Tür mit staunenden Augen an, die sich hinter Elayne schloß. Träume, die wahr wurden, auch wenn es keine großen Dinge im Leben waren, machten ihn unruhig. Von dieser Schwimmerei im Wasserwald zu träumen war ja gut und schön, aber er hatte sich niemals erträumt, daß sie ihn wirklich so gern haben könnte. Sie war immer so kühl und beherrscht gewesen, während er ständig über die eigenen Füße stolperte. Und dann Egwene, die ihm seine eigenen Gedanken gewahr werden ließ und nur darum besorgt war, ihm nicht allzusehr weh zu tun. Wieso konnten Frauen bei der kleinsten Sache völlig aufgelöst sein oder aber einen Wutausbruch haben, wenn sie nicht einmal mit der Wimper zuckten bei anderen Sachen, die einen Mann total umwarfen?
»Lord Drache?« murmelte Sunamon noch unterwürfiger als sonst. Gerüchte über die Ereignisse dieses Morgens mußten wohl längst im ganzen Stein herum sein. Die erste Gruppe war ja fast im Laufschritt hinausgerannt, und es war zweifelhaft, ob Torean noch einmal sein Gesicht in Rands Gegenwart zeigen und seine schmutzigen Vorschläge unterbreiten würde.
Sunamon bemühte sich um ein dankbares Lächeln, aber als Rand ihn direkt anblickte, verlor sich das sofort wieder, und er rang statt dessen ängstlich die Hände. Die anderen taten so, als bemerkten sie die versengten Tische, das zerrissene Oberbett, die verstreuten Bücher und die halbgeschmolzenen, formlosen Klumpen auf dem Kaminsims, die einmal Wölfe und Hirsch dargestellt hatten, überhaupt nicht. Die Hochlords hatten Erfahrung darin, nur zu sehen, was sie sehen wollten. Carleon und Tedosian, deren Haltung trotz ihrer Fettleibigkeit falsche Bescheidenheit ausdrücken sollte, war wohl selbst bewußt, daß es auch verdächtig war, wenn sie die ganze Zeit über stur aneinander vorbeischauten. Andererseits hätte Rand solche Kleinigkeiten vielleicht gar nicht bemerkt, wenn er nicht Thoms Zeilen gelesen hätte, die er nach dem Ausbürsten seiner Jacke in einer Tasche gefunden hatte. »Der Lord Drache wünschte, uns zu sehen?« brachte Sunamon heraus.
Konnten Egwene und Elayne das miteinander abgesprochen haben? Nein, natürlich nicht. Frauen taten so etwas genausowenig wie Männer. Oder doch? Es mußte ein Zufall gewesen sein. Elayne hörte, daß er frei sei, und hatte sich entschlossen, mit ihm darüber zu sprechen. Das war es. »Steuern!« fauchte er. Die Tairener rührten sich nicht und machten trotzdem den Eindruck, als träten sie einen Schritt zurück. Wie er es haßte, sich mit diesen Männern abgeben zu müssen. Er wollte sich viel lieber wieder in seinen Büchern vergraben.
»Es gibt ein schlechtes Beispiel, Lord Drache, wenn man die Steuern senkt«, sagte ein hagerer grauhaariger Mann mit öliger Stimme. Meilan war für einen Tairener ziemlich groß, nur eine Handbreit kleiner als Rand, und wirkte so hart wie einer der Verteidiger. In Rands Gegenwart lief er meistens leicht gebückt einher, und an seinen dunklen Augen konnte man ablesen, wie sehr er das haßte. Aber es hatte ihm auch nicht gepaßt, als Rand ihnen erklärt hatte, sie sollten nicht immer so um ihn herumkriechen. Kein einziger, der sich danach endlich aufgerichtet hätte. Gerade Meilan war es unangenehm gewesen, daran erinnert zu werden, wie er sich benahm. »Die Bauern haben immer mit Leichtigkeit zahlen können, aber wenn wir nun ihre Steuern senken und der Tag kommt, da wir sie wieder auf das jetzige Maß erhöhen, werden sich die Narren genauso bitter darüber beklagen, als hätten wir sie jetzt verdoppelt. Wenn der Tag kommt, könnte es sogar zu bewaffneten Unruhen kommen, Lord Drache.« Rand schritt durch den Raum und stellte sich vor Callandor. Das Kristallschwert funkelte stärker als alles Blattgold und alle Edelsteine, mit denen sein Ständer verziert war. Es war ein Symbol dessen, was er darstellte, und der Macht, die er zur Verfügung hatte. Egwene. Es war wirklich närrisch, beleidigt zu sein, weil sie ihm gesagt hatte, daß sie ihn nicht mehr liebe. Wieso sollte sie ihm gegenüber Gefühle hegen, die er ihr gegenüber nicht empfand? Und doch schmerzte es. Es war eine Erleichterung, aber keine angenehme. »Es wird auch Unruhen geben, wenn Ihr Menschen durch Armut und Ruin von ihren Höfen vertreibt.« Drei Bücher lagen sauber aufgeschichtet neben Meilans Füßen: Schätze des Steins von Tear, Reisen in der Aiel-Wüste und Die Politik Tears bezüglich des Territoriums von Mayene. Die Schlüssel mußten darin verborgen sein und in den verschiedenen Übersetzungen des Karaethon-Zyklus. Wenn er sie nur finden und in die entsprechenden Schlösser stecken könnte. Er zwang sich wieder zur Aufmerksamkeit den Hochlords gegenüber. »Glaubt Ihr, sie sehen zu, wie ihre Familien verhungern, und unternehmen nichts?« »Die Verteidiger des Steins haben schon früher Unruhen niedergeschlagen, Lord Drache«, sagte Sunamon beruhigend. »Unsere eigenen Garden könne auf dem Land für Ruhe sorgen. Die Bauern werden Euch nicht belästigen, das versichere ich Euch.« »Es gibt sowieso schon zu viele Bauern.« Carleon zuckte unter Rands zornigem Blick zusammen. »Schuld ist der Bürgerkrieg in Cairhien, Lord Drache«, erklärte er schnell. »Die Leute aus Cairhien können kein Getreide kaufen, und die Silos quellen über. So, wie die Dinge liegen, bleibt die diesjährige Ernte liegen. Und nächstes Jahr... ? Seng meine Seele, Lord Drache, aber was wir brauchen, ist etwas, um wenigstens einige dieser Bauern von ihrem ewigen Graben und Pflanzen abzubringen.« Er schien zu begreifen, daß er zu weit gegangen war, obwohl er offensichtlich den Grund nicht verstand. Rand fragte sich, ob er eine Ahnung davon hatte, wie die Speisen auf seinen Tisch gelangten. Sah er außer Gold und Macht überhaupt noch etwas?
»Was werdet Ihr machen, wenn Cairhien wieder Getreide kauft?« fragte Rand kühl. »Und außerdem, ist Cairhien vielleicht das einzige Land, das Getreide benötigt?« Warum hatte Elayne sich ihm gegenüber nur so erklärt? Was erwartete sie von ihm? Von gern haben hatte sie gesprochen. Frauen wie Aes Sedai spielten mit Worten wie diesen. Meinte sie damit, daß sie ihn liebte? Nein, das war denn doch zuviel verlangt. Er überschätzte sich tatsächlich manchmal ein wenig.
»Lord Drache«, sagte Meilan halb unterwürfig und halb belehrend wie zu einem Kind, »wenn der Bürgerkrieg heute zu Ende wäre, könnte Cairhien immer noch in den nächsten zwei, drei Jahren nicht mehr als ein paar Schiffsladungen Getreide kaufen. Wir haben unser Getreide immer nach Cairhien verkauft.« Immer — also zwanzig Jahre lang, seit dem Aielkrieg. Sie waren so in das verstrickt, was sie angeblich immer getan hatten, daß sie den Wald vor Bäumen nicht mehr sahen. Oder nicht sehen wollten. Wenn die Kohlköpfe wie Unkraut auf den Feldern um Emondsfeld herum wucherten, war es beinahe sicher, daß Überschwemmungen oder die Wurmplage Devenritt oder Wachhügel betroffen hatten. Wenn in Wachhügel zu viele Zwiebeln angebaut worden waren, herrschte in Emondsfeld oder in Devenritt bestimmt gerade eine Knappheit.
»Bietet es in Illian zum Verkauf an«, sagte er ihnen. Was erwartete Elayne von ihm? »Oder in Altara.« Er hatte sie gern, aber Min hatte er genauso gern. Er glaubte es zumindest. Es war unmöglich, seine eigenen Gefühle beiden gegenüber auseinanderzuhalten. »Ihr habt genug Seeschiffe und Flußkähne und Leichter, und wenn sie nicht reichen, dann besorgt eben noch mehr aus Mayene.« Er hatte beide Frauen gern, aber darüber hinaus... Er hatte beinahe sein ganzes bisheriges Leben damit verbracht, Egwene anzuhimmeln. Auf so etwas würde er sich nicht mehr einlassen, bis er seiner selbst sicher war. Irgendwie sicher. Sicher. Wenn man den Ausführungen in Die Politik
Tears bezüglich des Territoriums von Mayene Glauben schenkte... Hör auf damit, sagte er sich. Konzentriere dich auf diese Wiesel, oder sie finden Lücken, um hindurchzuschlüpfen und dich auch noch zu beißen. »Zahlt mit Getreide. Ich bin sicher, bei einem guten Preis spielt die Erste da mit. Und dazu vielleicht noch ein unterzeichnetes Dokument, irgendein Übereinkommen... « Das war eine gute Bezeichnung. So etwas benützten sie oft. »... in dem wir erklären, daß wir als Gegenleistung für die Schiffe Mayene in Ruhe lassen.« Das war er ihr schuldig.