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»Wir treiben kaum Handel mit Illian, Lord Drache. Das sind Geier und wertloses Pack.« Tedosian hörte sich empört an, genau wie Meilan, als er sagte: »Wir haben mit Mayene immer von der Position des Stärkeren aus gehandelt, Lord Drache. Niemals mit gebeugtem Knie.« Rand atmete tief durch. Die Haltung der Hochlords wurde sichtlich verkrampfter. Es kam jedesmal so. Er versuchte immer, ihnen Vernunft einzubleuen, und hatte niemals Erfolg damit. Thom sagte, die Hochlords seien Sturköpfe, so hart wie der Stein selbst, und damit hatte er recht. Was empfinde ich für sie? Ich träume von ihr. Sie ist wirklich hübsch. Er war sich nicht einmal sicher, ob er nun Elayne meinte oder Min. Hör endlich auf damit! Ein Kuß ist nicht mehr als ein Kuß. Schluß jetzt! Er verdrängte alle Frauen aus seinem Kopf und machte sich daran, diesen lichtverdammten Sturköpfen beizubringen, was sie zu tun hatten. »Zuerst werdet Ihr die Steuern der Bauern um drei Viertel senken und für jeden anderen um die Hälfte. Keine Widerrede! Führt lediglich meinen Befehl aus. Zweitens geht Ihr zu Berelain und fragt sie — fragen, wohlbemerkt! —was sie verlangt... « Die Hochlords hörten mit künstlich aufgesetztem Lächeln und knirschenden Zähnen zu, aber immerhin, sie hörten zu.

Egwene dachte gerade an Joiya und Amico, als Mat plötzlich auftauchte und neben ihr durch den Flur spazierte, als habe er nur zufällig den gleichen Weg wie sie. Er stierte ein wenig finster vor sich hin, und sein Haar mußte gekämmt werden. Es sah aus, als sei er mit seinen Fingern hindurchgefahren. Ein- oder zweimal sah er sie von der Seite her an, sagte aber nichts. Die Diener, an denen sie vorbeikamen, verbeugten sich oder knicksten, und die wenigen Hochlords und Ladies, die sie gelegentlich antrafen, taten dasselbe, wenn auch mit erheblich weniger Begeisterung. Mats verächtliche Blicke hätten ihm wohl Schwierigkeiten mit diesen Adligen eingebracht, wäre sie nicht dabeigewesen, ob er nun ein Freund des Lord Drachen war oder nicht.

Dieses Schweigen war vollkommen ungewohnt; so war Mat sonst nicht. Von seiner teuren roten Jacke, die allerdings auch verknittert war, als habe er darin geschlafen, abgesehen, schien er sich nicht vom alten Mat zu unterscheiden. Aber sie hatten sich alle verändert. Sein Schweigen war nervtötend. »Machst du dir Gedanken wegen letzter Nacht?« fragte sie schließlich.

Er geriet ins Stolpern. »Davon weißt du? Na ja, kein Wunder. Stört mich nicht. War nicht so toll. Vorbei und erledigt.« Sie gab vor, ihm zu glauben. »Nynaeve und ich sehen nicht viel von dir.« Das war die reinste Untertreibung. »Ich war beschäftigt«, sagte er mit nervösem Achselzucken. Er blickte überallhin, nur nicht auf sie. »Würfeln?« fragte sie ganz nebensächlich.

»Karten.« Eine mollige Zofe, die mit einer Armladung zusammengelegter Handtücher vor ihr knickste, sah sie kurz an, glaubte offensichtlich, daß sie nicht hersah, und blinzelte Mat zu. Er grinste sie an. »Ich bin mit Kartenspielen beschäftigt gewesen.« Egwene zog die Augenbrauen hoch. Die Frau mußte mindestens zehn Jahre älter als Nynaeve sein. »So, so. Es muß dich ja sehr viel Zeit kosten, das Kartenspielen. Zuviel, um ein paar Augenblicke für alte Freunde aufzubringen.« »Als ich das letzte Mal Zeit für euch hatte, hast du mich gemeinsam mit Nynaeve mit Hilfe der Macht verschnürt und verpackt wie ein Schwein für den Markt, damit ihr ungestört mein Zimmer durchwühlen konntet. Freunde beklauen doch ihre Freunde nicht.« Er verzog das Gesicht. »Außerdem ist immer Elayne bei euch und trägt die Nase in der Luft. Oder Moiraine ist dabei. Ich mag sie nicht... « Er räusperte sich und sah sie von der Seite her an. »Ich will aber deine Zeit nicht verschwenden. Was man so hört, bist du auch ziemlich beschäftigt. Schattenfreunde verhören. Alle möglichen wichtigen Dinge erledigen, schätze ich. Du weißt doch, daß diese Tairener euch für Aes Sedai halten, oder?« Sie schüttelte bedauernd den Kopf. Er konnte Aes Sedai nicht leiden. Wieviel von der Welt Mat auch zu sehen bekam, er änderte sich doch nicht. »Es ist doch kein Klauen, wenn man sich etwas zurückholt, was man nur verliehen hatte«, sagte sie zu ihm.

»Ich kann mich nicht daran erinnern, daß du etwas von Ausleihen gesagt hast. Ach, was kann ich schon mit einem Brief von der Amyrlin anfangen? Würde mich höchstens in Schwierigkeiten bringen. Aber ihr hättet mich wenigstens fragen können.« Sie sah davon ab, ihm anzudeuten, daß sie tatsächlich gefragt hatten. Sie wünschte weder einen Streit noch einen schmollenden Mat. Natürlich fand er immer Ausreden für alles. Diesmal würde sie es bei seiner Version bewenden lassen. »Nun, ich bin jedenfalls froh, daß du wenigstens noch mit mir sprichst. Gibt es heute einen besonderen Grund?« Er strich sich mit den Fingern durchs Haar und knurrte etwas in sich hinein. Was er nötig hatte, war seine Mutter, die ihn beim Ohr packte und fortschleifte, um lange und eingehend mit ihm zu sprechen. Egwene zwang sich zur Geduld. Sie konnte ja geduldig sein, wenn sie wollte. Sie würde kein Wort sagen, bevor er mit dem Grund herausrückte, und wenn sie vor Neugier platzte.

Der Flur war zu Ende und führte auf eine Terrasse aus weißem Marmor mit einer Steinbrüstung und Säulen rundherum, von der aus man auf einen der wenigen Gärten im Stein hinunterblickte. Große weiße Blüten bedeckten ein paar kleine Bäume mit fleischigen Blättern und verströmten einen Duft, noch süßer als die Rabatten mit roten und gelben Rosen. Eine leichte Brise schaffte es nicht einmal, die Wandbehänge an der Innenseite der Terrasse zu bewegen, aber wenigstens half sie ein bißchen gegen die feuchte Wärme des Morgens. Mat setzte sich auf die breite Brüstung, lehnte sich gegen eine Säule und stellte einen Fuß hoch. Er blickte in den Garten hinunter und sagte schließlich: »Ich... brauche einen Rat.« Er brauchte einen Rat von ihr? Sie machte große Augen. »Ich tue gern alles, um dir zu helfen«, sagte sie mit schwacher Stimme. Er wandte ihr sein Gesicht zu, und sie gab sich alle Mühe, um etwas von der Gelassenheit der Aes Sedai auszuströmen. »In welcher Hinsicht brauchst du einen Rat?« »Ich weiß es nicht.« Es war ein Fall von etwa zehn Schritt hinunter in den Garten. Außerdem befanden sich dort unten Männer, die zwischen den Rosen Unkraut jäteten. Wenn sie ihm einen Schubs gab, würde er vielleicht auf einem von ihnen landen. Auf einem Gärtner — keinem Rosenbusch. »Wie soll ich dir dann einen Rat geben?« fragte sie mit dünner Stimme.

»Ich versuche... mir klarzuwerden, was ich tun soll.« Er wirkte verschämt, was ihm auch ihrer Meinung nach gut zu Gesicht stand.

»Ich hoffe, du denkst nicht daran, von hier wegzugehen! Du weißt doch, wie wichtig du bist. Du kannst nicht einfach weglaufen, Mat.« »Glaubst du, das wüßte ich nicht? Ich glaube nicht, daß ich fort könnte, selbst wenn Moiraine mir sagte, ich solle gehen. Glaub mir, Egwene, ich werde nirgendwohin gehen. Ich möchte nur wissen, was nun weiter wird.« Er schüttelte heftig den Kopf, und seine Stimme klang gepreßt: »Was kommt als nächstes? Was befindet sich in meinen Gedächtnislücken? Es gibt ganze Teile meines Lebens, die einfach nicht mehr da sind. Sie existieren nicht mehr, als wären sie nie geschehen. Wieso ertappe ich mich dabei, irgendwelches Kauderwelsch von mir zu geben? Die Leute sagen, es sei in der Alten Sprache, aber für mich ist es eben nur Kauderwelsch. Ich will es wissen, Egwene. Ich muß es wissen, bevor ich genauso verrückt werde wie Rand.« »Rand ist nicht verrückt«, sagte sie automatisch. Also versuchte Mat nicht wegzulaufen. Das war eine angenehme Überraschung. Er hatte vorher nicht viel von Verantwortung gehalten. Doch in seiner Stimme lagen Schmerz und Kummer. Mat machte sich niemals Sorgen, oder zumindest ließ er sie sich nicht anmerken. »Ich kenne die Antworten nicht, Mat«, sagte sie mit sanfter Stimme. »Vielleicht weiß Moiraine... « »Nein!« Er sprang mit einem Satz auf. »Keine Aes Sedai! Ich meine... Du bist etwas anderes. Ich kenne dich, und du bist keine... Haben sie dich in der Burg nicht irgendeinen Trick gelehrt, irgend etwas, das hier helfen könnte?« »O Mat, es tut mir leid. Es tut mir so leid.« Sein Lachen erinnerte sie an ihre Kindheit. Genauso hatte er immer gelacht, wenn seine größten Hoffnungen gerade baden gegangen waren. »Ach, na ja, ich schätze, es spielt keine Rolle. Es würde immer noch von der Burg herrühren, wenn auch aus zweiter Hand. Es ist nicht persönlich gemeint.« Auf die gleiche Art hatte er einen Splitter im Finger oder ein gebrochenes Bein abgetan, als sei es gar nichts.