»Es könnte vielleicht einen Weg geben«, sagte sie bedächtig. »Falls Moiraine sagt, es gehe in Ordnung. Schon möglich.« »Moiraine! Hast du denn nicht gehört, was ich dir eben sagte? Das allerletzte, was ich haben will, ist, daß sich Moiraine wieder einmischt. Was für ein Weg soll das sein?« Mat war immer geradewegs mit allem herausgeplatzt. Doch nun wollte er im Grunde das gleiche wie sie: Wissen. Wenn er nur endlich einmal vernünftig wäre und vorsichtig dazu. Eine adlige Dame, die ihr Haar in dunklen Zöpfen um den Kopf geschlungen trug und über gelbem Leinen die bloßen Schultern zeigte, beugte ein Knie ein wenig, sah sie ausdruckslos an und ging schnell mit steifem Kreuz weiter. Egwene beobachtete sie, bis sie sich außer Hörweite befand und sie wieder allein waren. Die Gärtner, dreißig Fuß unter ihnen, zählten nicht. Mat sah sie erwartungsvoll an.
Schließlich erzählte sie ihm von dem Ter'Angreal, diesem verdrehten Tor, auf dessen anderer Seite Antworten warteten. Sie betonte die Gefahren, die Folgen unbedachter Fragen, was geschah, wenn die Fragen mit dem Schatten zu tun hatten, und schließlich, daß es ja Gefahren geben könne, von denen die Aes Sedai nichts wußten. Sie war mehr als geschmeichelt, daß er mit seiner Frage zu ihr gekommen war, aber er mußte auch etwas Vernunft zeigen. »Du mußt an folgendes denken, Mat: Unbedachte Fragen könnten dich umbringen! Wenn du ihn also benützt, mußt du zur Abwechslung einmal ernst bleiben. Und du darfst keine Fragen stellen, die mit dem Schatten zu tun haben.« Er hatte ihr mit immer ungläubigerer Miene zugehört. Als sie ausgeredet hatte, rief er: »Drei Fragen? Du gehst hinein wie Bili, schätze ich, verbringst eine Nacht drinnen und kommst zehn Jahre später heraus mit einem Beutel, in dem das Gold nie alle wird, und einem... « »Tu mir den Gefallen, Matrim Cauthon«, fauchte sie, »und rede einmal im Leben keinen Quatsch! Du weißt nur zu gut, daß Ter'Angreal keine Märchen sind. Du mußt dir der Gefahren bewußt sein. Vielleicht liegen die Antworten, die du suchst, gerade in diesem Ter'Angreal, aber du darfst es nicht ausprobieren, bevor Moiraine es dir erlaubt. Das mußt du mir versprechen, sonst werde ich dich wie eine Forelle an der Angel zu ihr schleifen. Du weißt, daß ich dazu in der Lage bin.« Er schnaubte vernehmlich. »Ich wäre ein Narr, wenn ich das ausprobierte, gleich, was Moiraine dazu meint. In einen verdammten Ter'Angreal hineinmarschieren? Ich will weniger mit der verfluchten Einen Macht zu tun haben und nicht mehr! Vergiß es!« »Es ist die einzige Möglichkeit, die ich kenne, Mat.« »Nicht für mich; bestimmt nicht«, sagte er entschlossen. »Überhaupt keine Chance zu haben ist allemal besser als das.« Trotz seines Tonfalls hätte sie ihn am liebsten in den Arm genommen. Nur würde er dann wahrscheinlich irgendeinen Witz über sie reißen und versuchen, sie abzuschrecken. Er war eben unbelehrbar seit dem Tag seiner Geburt. Aber er hatte sie immerhin um Hilfe gebeten. »Es tut mir leid, Mat. Was wirst du nun tun?« »Ach, Karten spielen, denke ich. Falls noch irgend jemand mit mir spielt. Oder mit Thom ein Brettspiel spielen. Wenn nicht, gehe ich in ein paar Tavernen zum Würfeln. Ich kann doch wenigstens immer noch in die Stadt gehen.« Sein Blick wanderte hinüber zu einer vorbeischreitenden Dienerin, einem schlanken Mädchen mit dunklen Augen, etwa genauso alt wie er. »Ich finde schon etwas, womit ich mich beschäftigen kann.« Es juckte sie gewaltig, ihm eine Ohrfeige zu versetzen, aber statt dessen sagte sie vorsichtig: »Mat, du denkst doch wirklich nicht daran, uns zu verlassen, oder?« »Würdest du es Moiraine weitersagen, falls es so wäre?« Er hob die Hände, um ihrem Protest zuvorzukommen. »Nein, es ist nicht notwendig. Ich habe dir ja gesagt, daß ich es nicht vorhabe. Ich behaupte ja nicht, daß ich es nicht gern täte, aber ich bleibe. Reicht dir das?« Er runzelte nachdenklich die Stirn. »Egwene, wünschst du dir auch manchmal, wieder zu Hause zu sein? Daß nichts von alledem geschehen wäre?« Das war eine überraschende Frage, da sie von ihm kam, aber sie hatte ihre Antwort parat: »Nein. Trotz allem —nein. Wie steht's mit dir?« »Ich wäre dann doch ein Narr, oder?« lachte er. »Ich mag Städte, und die hier tut's im Moment für mich. Egwene, du erzählst doch Moiraine nichts von unserem Gespräch, oder? Daß ich dich um Rat gefragt habe und so?« »Warum soll ich das nicht?« fragte sie mißtrauisch. Er war schließlich immer noch der alte Mat.
Er zuckte verlegen die Achseln. »Ich habe mehr Abstand von ihr gehalten, als... Was auch immer, ich habe mich von ihr ferngehalten, besonders, weil sie immer in meinem Kopf herumstöbern will. Sie könnte glauben, ich würde schwach. Also, du sagst ihr nichts, ja?« »In Ordnung«, sagte sie. »Aber nur, wenn du mir versprichst, daß du nicht in die Nähe dieses Ter'Angreals kommst, ohne sie um Erlaubnis zu bitten. Ich hätte dir gar nichts davon erzählen dürfen.« »Ich verspreche es.« Er grinste. »Ich nähere mich diesem Ding nur, wenn mein Leben auf dem Spiel steht. Ich schwöre.« Er tat übertrieben ernsthaft.
Egwene schüttelte den Kopf. Wie sehr sich auch alles andere veränderte: Mat änderte sich nie.
9
Entscheidungen
Drei Tage vergingen in einer feuchten Hitze, die sogar die Tairener auszulaugen schien. Die Betriebsamkeit in der Stadt verlangsamte sich; Lethargie hatte sich über alles gesenkt. Im Stein ging alles noch schleppender voran. Die Diener schienen beim Arbeiten einzuschlafen. Die Majhere riß frustriert an ihren um den Kopf geschlungenen Zöpfen, hatte aber auch nicht mehr die Energie, um Kopfnüsse auszuteilen oder die Dienerinnen an den Ohren zu ziehen. Die Verteidiger des Steins hockten zusammengesunken wie halbgeschmolzene Kerzen auf ihren Posten, und die Offiziere hatten eindeutig mehr Interesse an gekühltem Wein als an ihren Inspektionsrunden. Die Hochlords hielten sich fast nur in ihren Gemächern auf, verschliefen die heißesten Tageszeiten, und einige verließen sogar den Stein, weil sie die relative Kühle ihrer Landgüter weit im Osten oder die Abhänge des Rückgrats der Welt bevorzugten. Seltsamerweise trieben sich nur die Ausländer, denen diese Hitze am meisten zu schaffen machte, dazu, so hart wie immer zu arbeiten, wenn nicht sogar härter. Sie spürten die drückende Last der Hitze nicht so sehr wie den zunehmenden Druck der verfliegenden Stunden.
Mat bemerkte schnell, daß er recht gehabt hatte in bezug auf die jungen Lords, die gesehen hatten, wie die Spielkarten versuchten, ihn zu töten. Nicht nur, daß sie ihn mieden. Sie erzählten alles brühwarm ihren Freunden, übertrieben natürlich, und nun sprach niemand im Stein, der auch nur zwei Silbermünzen in der Tasche hatte, mehr als ein paar Worte mit ihm. Sie entschuldigten sich vielmehr hastig und zogen sich zurück. Die Gerüchte verbreiteten sich selbstverständlich auch über die jungen Lords hinaus. Mehr als eine Dienerin, die sich vorher gern von ihm in den Arm nehmen lassen hatte, zuckte jetzt vor ihm zurück, und zwei davon erklärten ihm sogar ängstlich, daß sie gehört hatten, es sei gefährlich, mit ihm allein zu sein. Perrin schien in seinen eigenen Sorgen gefangen, und Thom war wie durch Zauberei ganz verschwunden. Mat hatte keine Ahnung, womit sich der Gaukler beschäftigte, aber er war nur sehr selten anzutreffen, tagsüber ebenso wie nachts. Moiraine, die einzige Person, von der Mat wünschte, sie würde sich nicht um ihn kümmern, tauchte statt dessen überall auf, wo er sich aufhielt. Entweder kam sie gerade vorbei, oder sie überquerte den Flur in einiger Entfernung, aber jedesmal traf ihn ihr Blick. Sie schien immer genau zu wissen, was er dachte und wünschte, und überzeugt zu sein, daß sie ihn auf jeden Fall dazu bringen werde, zu tun, was sie wollte. In einer Hinsicht aber spielte das keine Rolle: Er fand immer noch Ausreden, um seine Abreise einen Tag um den anderen hinauszuschieben. Wie er es auffaßte, hatte er Egwene wohl nicht versprochen, daß er bleiben würde, aber er blieb da.