Einmal trug er eine Lampe hinunter in den Bauch des Steins zur sogenannten Großen Sammlung bis vor die halbverfallene Tür am Ende des engen Ganges. Ein paar Minuten lang spähte er in das düstere Innere des Raumes, sah undeutliche Umrisse, mit staubigen Laken bedeckt, aufeinandergestapelte Kisten und Fässer, deren Oberseiten man benützt hatte, um ein Durcheinander von kleinen Statuen, Schnitzereien und seltsamen — Dingen — aus Glas und Kristall und Metall darauf abzustellen. Nach ein paar Minuten also hatte er genug und eilte zurück. »Ich müßte ja der größte aller Narren auf der ganzen verfluchten Welt sein!« knurrte er im Weggehen.
Nichts hielt ihn jedoch davon ab, in die Stadt zu gehen, und in den Tavernen des Hafenviertels Maule traf er Moiraine ganz bestimmt nicht an, genausowenig wie im Speicherviertel Chalm. Die Schenken dort waren schlecht beleuchtet, eng und oft schmutzig, stanken nach billigem Wein oder dünnem Bier; es gab häufig Raufereien und unendlich lange Würfelspiele. Die Einsätze beim Würfeln waren klein, verglichen mit denen, an die er sich im Stein gewöhnt hatte, aber das war nicht der Grund, warum er nach wenigen Stunden doch regelmäßig wieder oben in der Festung anzutreffen war. Er bemühte sich, nicht daran zu denken, was ihn immer zurückzog in Rands Nähe.
Perrin traf Mat manchmal in einer der Tavernen am Hafen und bemerkte, daß der Freund zuviel billigen Wein trank und würfelte, als sei es ihm völlig gleich, ob er gewann oder verlor. Einmal zog er sogar ein Messer, als ein stämmiger Seemann von ihm wissen wollte, wie oft er gewonnen hatte. Das sah Mat gar nicht ähnlich, daß er so leicht erregbar war, aber statt zu versuchen, die Gründe herauszufinden, mied ihn Perrin lieber. Perrin war nicht dort unten, um zu trinken oder zu spielen, und die rauflustigen Männer vergaßen ihre Absicht schnell, nachdem sie einen Blick auf seine Muskelpakete geworfen hatte — und in seine Augen. Doch er lud Seeleute in weiten Lederhosen oder Händlergehilfen mit dünnen Silberketten vorn am Mantel oftmals zu einem Bier ein — überhaupt jeden Mann, der aussah, als käme er aus einem fernen Land. Er suchte nach Gerüchten, nach irgendwelchen Neuigkeiten, die Faile vielleicht von Tear und von ihm weglocken könnten.
Er war sicher, wenn er für sie ein Abenteuer aufspürte, etwas, das ihr eine Chance verschaffte, ihren eigenen Namen in den Legenden zu verewigen, würde sie gehen. Sie gab wohl vor, zu verstehen, warum er bleiben mußte, aber gelegentlich deutete sie doch an, sie wolle lieber gehen und hoffe, er werde mitkommen. Er war sicher, der richtige Köder würde sie auch ohne seine Begleitung weglocken.
Bei den meisten Gerüchten wurde ihr genauso schnell wie ihm klar, daß es sich um verdrehte Wahrheiten handelte. Man sagte, der Krieg an der Küste des Aryth-Meeres sei das Werk eines bis dato unbekannten Volkes, das sich Schaukinn oder so ähnlich nannte. Der Name variierte von Erzähler zu Erzähler. Dieses seltsame Volk war möglicherweise der Nachfahre des Heeres, das Artur Falkenflügel vor über tausend Jahren ausgesandt hatte. Ein Bursche, er war aus Tarabon und trug einen runden, roten Hut und einen Schnurrbart, so dick wie die Hörner eines Stiers, erzählte ihm ganz ernsthaft, daß Falkenflügel selbst diese Leute anführe und dabei sein legendäres Schwert namens Gerechtigkeit in der Hand halte. Es gab Gerüchte, das berühmte Horn von Valere sei wiedergefunden worden, mit dem man tote Helden aus den Gräbern herbeirufen konnte, um in der Letzten Schlacht zu kämpfen. In Ghealdan war es überall im Land zu Aufständen gekommen; Illian litt unter Ausbrüchen von Massenhysterie; in Cairhien brachte die Hungersnot fast den Bürgerkrieg zum Erliegen, und irgendwo in den Grenzlanden begannen sich die Trolloc-Überfälle zu häufen. Dorthin konnte Perrin Faile nicht schicken, nicht einmal, um sie aus Tear wegzubringen.
Berichte über Unruhen in Saldaea schienen ihm vielversprechend. Sie mußte sich doch zu ihrer eigenen Heimat hingezogen fühlen, und er hatte überdies gehört, Mazrim Taim, der falsche Drache, befände sich fest in den Händen der Aes Sedai. Aber niemand wußte genau, was dort eigentlich los war. Etwas zu erfinden würde auch nicht helfen. Was er auch erfand, sie würde dem erst einmal selbst nachgehen, bevor sie aufbrach. Außerdem konnten natürlich die Unruhen in Saldaea genauso schlimm sein wie die anderswo, von denen er gehört hatte.
Er sagte ihr auch nicht, wo er seine Zeit verbrachte, denn sonst würde sie ihn auf jeden Fall fragen, warum er dorthin ging. Sie wußte, daß er nicht so wie Mat war, dem es Spaß machte, in den Tavernen herumzuhocken. Er hatte noch nie gut lügen können, also schwieg er sich bei ihr aus und riskierte, daß sie ihm lange, stille, nachdenkliche Blicke zuwarf. Alles, was er dagegen tun konnte, war, seine Anstrengungen zu verdoppeln, eine Neuigkeit aufzutreiben, die sie fortlockte. Er mußte sie von sich wegschicken, bevor er sie durch seine Nähe in den Tod trieb. Er mußte einfach.
Egwene und Nynaeve verbrachten weitere Stunden ohne Erfolg mit Joiya und Amico. Deren Geschichten blieben immer die gleichen. Nynaeve protestierte zwar, aber Egwene unternahm trotzdem einen Versuch und erzählte jeder, was die andere gesagt hatte. Sie hoffte, damit etwas Neues auszulösen. Amico jedoch starrte sie nur mit großen Augen an und winselte, sie habe nie etwas von einem solchen Plan gehört. Doch sie fügte hinzu, daß es möglich sei. Vielleicht. Sie schwitzte, so begierig war sie, ihnen zu Gefallen zu sein. Joiya riet ihnen nur kühl, sie sollten nach Tanchico gehen, wenn sie wünschten. »Es ist mittlerweile eine unangenehme Stadt geworden, wie man hört«, sagte sie verbindlich mit glitzernden Rabenaugen. »Der König hält höchstens noch die Stadt selbst, und wie ich weiß, hat der Panarch es aufgegeben, Ruhe und Ordnung zu wahren. In Tanchico herrschen starke Arme und schnelle Messer. Aber geht nur, wenn es Euch gefällt.« Aus Tar Valon hörten sie nichts, auch nichts darüber, ob die Amyrlin Vorkehrungen traf, den Plan zur Befreiung Mazrim Taims zu vereiteln. Die Zeit hatte gut ausgereicht, um ihnen eine Botschaft zu senden, entweder mit einem schnellen Schiff oder einem Reiter, der unterwegs die Pferde wechselte, seit Moiraine die Amyrlin per Brieftaube benachrichtigt hatte — wenn das wirklich stimmte. Egwene und Nynaeve stritten sich darüber. Nynaeve gab wohl zu, daß eine Aes Sedai nicht lügen konnte, wollte aber trotzdem irgendeinen Haken in Moiraines Worten finden. Moiraine schien sich wegen dieses Mangels an Kommunikation mit der Amyrlin keine Sorgen zu machen, obwohl das bei ihrer kristallinen Ruhe schwer festzustellen war.
Egwene hielt sich damit nicht weiter auf. Sie grübelte nicht darüber nach, ob Tanchico eine falsche Spur darstellte oder eine echte, oder ob es eine Falle war. In der Bibliothek des Steins fand sie Bücher über Tarabon und Tanchico, doch obwohl sie las, bis ihr die Augen tränten, fand sie nichts, was irgendwie für Rand gefährlich werden konnte. Die Hitze und die Grübeleien taten ihrer Laune nicht gerade gut. Manchmal war sie genauso streitsüchtig wie Nynaeve.
Einige Dinge entwickelten sich natürlich auch gut. Mat hielt sich immer noch im Stein auf. Offensichtlich wurde er doch langsam erwachsen und begriff seine Verantwortung. Es tat ihr leid, daß sie ihm nicht hatte helfen können, aber sie wußte nicht, ob irgendeine Frau aus der Burg mehr für ihn tun könne. Sie verstand seinen Wissensdurst, denn auch sie teilte diese Gefühle, aber sie wollte andere Dinge wissen als er, Dinge, die sie nur in der Burg erfahren konnte, Dinge, die nur sie allein jemals wissen würde oder die schon lange in Vergessenheit geraten waren.