Aviendha begann, Egwene öfter zu besuchen, und zwar offensichtlich von sich aus. Falls die Frau anfangs noch mißtrauisch gewesen war, na gut, sie war eben eine Aiel, und sie glaubte nach wie vor, daß Egwene eine Aes Sedai sei. Aber Egwene genoß ihre Gesellschaft, obwohl sie manchmal glaubte, in den Augen der anderen unausgesprochene Fragen zu entdecken. Doch trotz dieser Reserviertheit wurde Egwene schnell klar, daß sie einen hellen Verstand und einen Sinn für Humor ähnlich dem Egwenes besaß. Gelegentlich kicherten sie miteinander wie überkandidelte kleine Mädchen. Allerdings bekam Egwene auch zu spüren, daß die Sitten und Angewohnheiten der Aiel sich von den ihren stark unterschieden. So fühlte sich Aviendha absolut unwohl, wenn sie auf einem Stuhl sitzen mußte. Sie war auch mächtig erschrocken, als sie Egwene im Bad sitzend vorfand. Die Majhere hatte ihr eine versilberte Badewanne hinaufbringen lassen. Aviendhas Schreck galt nicht der Tatsache, daß Egwene nackt war, sondern daß sie bis zur Brust im Wasser saß. Ihr fielen fast die Augen heraus, daß man soviel Wasser auf einmal schmutzig machte. Ansonsten bemerkte sie, daß Egwene sich ihrer Nacktheit schämte, und so schälte sie sich selbst kurzerhand aus ihrer Kleidung und setzte sich nackt auf den Fußboden, damit sie sich unterhalten konnten. Aviendha konnte auch nicht verstehen, wieso sie und Elayne nicht zu drastischeren Mitteln Berelain gegenüber gegriffen hatten, obwohl sie sie doch aus dem Weg haben wollten. Es war natürlich einem Krieger verboten, eine Frau zu töten, die nicht dem Speer angetraut war, aber da sowieso weder Elayne noch Berelain Töchter des Speers waren, war es in Aviendhas Augen völlig normal, wenn Elayne die Erste von Mayene zu einem Messerduell herausforderte oder sie wenigstens mit Fäusten und Füßen traktierte. In ihrer Sichtweise waren Messer allerdings am besten. Berelain machte den Eindruck einer Frau, die man wohl mehrmals niederschlagen konnte, ohne daß sie aufgab. Am besten, sie einfach zu fordern und zu töten. Oder Egwene als Freundin und Beinahe-Schwester konnte das für sie erledigen.
Trotzdem war es ein Vergnügen, jemanden zum Unterhalten und Lachen dazuhaben. Elayne war natürlich die meiste Zeit über beschäftigt und Nynaeve, die genauso deutlich wie Egwene spürte, wie die Zeit verrann, verbrachte ihre freien Augenblicke mit Mondscheinspaziergängen auf den Festungsanlagen mit Lan oder kochte für den Behüter seine Lieblingsspeisen. Dabei fluchte sie manchmal derart, daß die Köche aus ihrer Küche flüchteten. Nynaeve verstand eben nicht viel vom Kochen. Ohne Aviendha hätte Egwene nichts mit den trüben Stunden zwischen den Verhören der Schattenfreunde anzufangen gewußt. Wahrscheinlich wäre sie beim Grübeln ins Schwitzen gekommen und hätte die ganze Zeit über gefürchtet, sie müsse etwas tun, was ihr schon beim bloßen Gedanken daran Alpträume verursachte.
Sie hatten sich darauf geeinigt, daß Elayne bei diesen Verhören nicht zugegen sein werde. Ein weiteres Paar Ohren hätte auch keinen Unterschied gemacht. Statt dessen war die Tochter-Erbin immer zufällig zugegen, wenn Rand etwas Zeit hatte, unterhielt sich mit ihm oder ging einfach an seinem Arm mit ihm spazieren, selbst wenn er nur von einer Zusammenkunft mit einem Hochlord kam und in einen Raum mußte, wo wieder andere auf ihn warteten, oder wenn er eine überraschende Inspektion der Quartiere der Verteidiger vornahm. Sie entwickelte viel Geschick darin, abgelegene Ecken aufzufinden, wo sie gemeinsam und ungesehen eine kleine Pause einlegen konnten. Natürlich wurde er immer in einigem Abstand von Aiel begleitet, aber das war ihr nach einiger Zeit genauso gleich wie die Meinung ihrer Mutter. Sie ging sogar eine Art von Verschwörung mit den Töchtern des Speers ein. Die kannten wohl jeden verborgenen Winkel im Stein und sie ließen sie wissen, wenn Rand allein war. Sie schienen das für ein prächtiges Spiel zu halten.
Das Überraschendste war, daß er ihren Rat in bezug auf das Regieren eines Landes suchte und auch tatsächlich auf sie hörte. Sie wünschte, ihre Mutter hätte das miterlebt. Mehr als einmal hatte Morgase halb verzweifelt gelacht und ihr gesagt, sie müsse unbedingt lernen, sich besser zu konzentrieren. Es mochten wohl sehr trockene Entscheidungen sein, welches Handwerk man schützen mußte und wie und welches nicht und warum, aber sie waren genauso wichtig, wie zu wissen, wie man Kranke versorgt. Es mochte Spaß machen, einen starrköpfigen Lord oder Kaufmann dazu zu bringen, daß er Dinge tat, die er ablehnte, und dabei noch glaubte, die Idee entstamme dem eigenen Kopf, es mochte herzerwärmend sein, den Hungrigen Nahrung zu verschaffen, doch wenn man eben diese Hungrigen ernähren wollte, war es nötig, zu entscheiden, wie viele Beamte und Fahrer und Wagen man brauchte. Man konnte diese Entscheidungen anderen überlassen, doch dann erfuhr man erst, wenn es zu spät war, daß sie vielleicht einen Fehler begangen hatten. Er hörte ihr zu und befolgte oftmals ihren Ratschlag. Sie glaubte, ihn allein schon deshalb lieben zu müssen. Berelain wagte sich nicht aus ihren Gemächern heraus. Rand hatte angefangen, jedesmal zu lächeln, sobald er sie erblickte, und es gab nichts Schöneres auf der Welt. Außer, wenn die Zeit stillgestanden wäre.
Drei kurze Tage rannen ihr durch die Finger wie Wasser. Man würde Joiya und Amico nach Norden schicken, und damit bestand kein Grund mehr für sie, in Tear zu verweilen. Es war an der Zeit, daß sie, Egwene und Nynaeve abreisten. Natürlich würde sie gehen; sie hatte keinen Gedanken daran verschwendet, sich ihrer Aufgabe zu entziehen. Es war ihr bewußt und machte sie stolz, daß sie sich wie eine Frau verhielt und nicht wie ein kleines Mädchen, aber sie hätte am liebsten geweint.
Und Rand? Er empfing die Hochlords in seinen Gemächern und gab Anordnungen. Er überraschte sie, indem er mehrfach bei heimlichen Treffen von drei oder vier Hochlords auftauchte, von denen Thom erfahren hatte. Dann gab er vor, lediglich irgendeinen Teilaspekt seiner Befehle noch einmal abklären zu wollen. Sie lächelten und verbeugten sich und schwitzten Blut und fragten sich, wieviel er wußte. Er mußte irgendein Ziel für ihre Energie finden, bevor einer von ihnen entschied, daß es Zeit sei, Rand zu töten, weil man ihn nicht manipulieren konnte. Aber was auch notwendig war, um sie abzulenken — einen Krieg würde er deshalb auf keinen Fall beginnen. Wenn er sich mit Sammael auseinandersetzen mußte, gut, aber er würde keinen Krieg anfangen.
Die Planung nahm den größten Teil seiner Zeit in Anspruch, soweit er nicht die Hochlords bei ihren Zusammenkünften überraschte. Er reimte sich Bruchstücke aus den Büchern zusammen, von denen er sich von Bibliothekaren ganze Armladungen in seine Gemächer bringen ließ, und aus seinen Gesprächen mit Elayne. Ihre Ratschläge hinsichtlich der Hochlords waren ausgesprochen nützlich. Er konnte beinahe zusehen, wie sie ihn langsam anders einschätzten, da er über Dinge Bescheid wußte, von denen sie selbst nur wenig verstanden. Elayne hielt ihn davon ab, zuzugeben, daß es ihr Wissen war, was er benützte.
»Ein weiser Herrscher hört auf gute Ratschläge«, sagte sie ihm lächelnd, »aber er läßt sich nicht dabei erwischen, wie er sich beraten läßt. Laß sie ruhig glauben, du wüßtest erheblich mehr, als du tatsächlich weißt. Das schadet ihnen nicht, aber es hilft dir.« Doch sie freute sich ganz offensichtlich, daß er den Vorschlag gemacht hatte.
Er war sich selbst nicht ganz sicher, ob er nicht ihretwegen eine Entscheidung immer weiter hinausschob. Drei Tage der Planung, des Versuchs, herauszufinden, was noch fehlte. Irgend etwas fehlte tatsächlich noch. Er konnte nicht einfach nur auf die Verlorenen reagieren. Statt dessen mußte er sie dazu zwingen, auf seine Handlungen zu reagieren. Drei Tage, und am vierten würde sie abreisen —zurück nach Tar Valon, wie er hoffte —, aber sobald er etwas unternahm, wären ihre kurzen Momente miteinander beendet, soviel war sicher. Drei Tage heimlicher Küsse und zärtlicher Augenblicke, in denen er vergessen konnte, daß er etwas anderes war als ein Mann, der eine Frau in den Armen hielt. Er wußte, daß dieser Grund für sein Zögern närrisch war, aber so war es eben. Er war erleichtert, daß sie nicht mehr von ihm forderte als seine Gesellschaft, aber nur während dieser Augenblicke konnte er alle Entscheidungen vergessen, genau wie das Schicksal, das den Wiedergeborenen Drachen erwartete. Mehr als einmal überlegte er, ob er sie bitten sollte zu bleiben, aber es war nicht anständig, in ihr Erwartungen zu wecken, solange ihm selbst nicht einmal klar war, was er über ihre Gesellschaft hinaus eigentlich von ihr wollte. Falls sie überhaupt etwas von ihm erwartete. Viel besser, sich einfach nur vorzustellen, sie seien ein Mann und eine junge Frau, die gemeinsam einen festlichen Abend genießen wollten. Das machte es um vieles leichter. Er vergaß manchmal schon, daß sie die Tochter-Erbin war und er ein Schafhirte. Doch er wünschte, sie könnte bleiben. Drei Tage. Er mußte sich entscheiden. Er mußte den nächsten Zug machen. In einer Richtung, die niemand erwartete.