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Die Sonne sank am Abend des dritten Tags langsam dem Horizont entgegen. Die halb zugezogenen Vorhänge von Rands Schlafzimmer dämpften das rotgelbe Glühen. Callandor funkelte wie der reinste aller Kristalle auf seinem verzierten Ständer.

Rand musterte Meilan und Sunamon, und dann warf er die dicke Mappe mit Pergamentbögen nach ihnen. Ein Vertrag, alles fein säuberlich ausgefüllt und fertiggestellt, so daß nur noch die Unterschriften und Siegel fehlten. Er traf Meilan an der Brust, und der fing das Ganze mit einer Reflexbewegung auf. Er verbeugte sich, als fühle er sich geehrt, doch die zu einem Lächeln verzogenen Lippen enthüllten zusammengebissene Zähne.

Sunamon trat von einem Fuß auf den anderen und rang die Hände. »Alles ist so, wie Ihr befohlen habt, Lord Drache«, sagte er ängstlich. »Getreide im Austausch für Schiffe... « »Plus zweitausend tairenische Soldaten«, unterbrach ihn Rand, »›um für die gerechte Verteilung des Getreides zu sorgen und die Interessen Tears zu schützen.‹« Seine Stimme klang eisig, doch in seinem Magen kochte es. Der Wunsch, diese beiden Narren mit den Fäusten zu bearbeiten, schien übermächtig, so daß er beinahe zitterte. »Zweitausend Mann. Unter dem Kommando Toreans!« »Hochlord Torean hat ein Interesse an den Beziehungen zu Mayene, Lord Drache«, sagte Meilan verbindlich.

»Er hat ein Interesse daran, sich einer Frau aufzudrängen, die ihn nicht einmal anschaut!« schrie Rand. »Getreide gegen Schiffe, habe ich gesagt! Keine Soldaten! Und ganz sicher kein verfluchter Torean als Kommandant! Habt Ihr überhaupt mit Berelain darüber gesprochen?« Sie sahen ihn mit großen Augen an, als verstünden sie ihn nicht. Das war denn doch zuviel. Er schnappte sich Saidin, und aus den Pergamenten in Meilans Armen schlugen Flammen. Mit einem Aufschrei warf Meilan das Flammenbündel in den leeren Kamin und wischte sich schnell die Funken und Rußflecken von seinem roten Seidenmantel. Sunamon starrte mit offenem Mund die brennenden Papiere an, die im Kamin knisterten und sich schwarz färbten.

»Ihr geht zu Berelain«, sagte er ihnen und war selbst überrascht, wie ruhig seine Stimme klang. »Bis morgen mittag habt Ihr entweder Berelain den Vertrag angeboten, den ich verlange, oder ich werde Euch beide bei Sonnenuntergang hängen lassen. Falls ich jeden Tag paarweise Hochlords aufhängen lassen muß, werde ich nicht zögern. Ich werde auch den letzten von Euch zum Galgen schicken, wenn Ihr mir nicht gehorcht. Und jetzt geht mir aus den Augen.« Dieser ruhige Tonfall schien sie mehr zu erschrecken als das Schreien zuvor. Selbst Meilan blickte unruhig drein, als sie sich rückwärts hinausschoben, verbeugte sich bei jedem zweiten Schritt und murmelte etwas von lebenslanger Treue und Gehorsam. Es machte ihn krank.

»Hinaus!« brüllte er, und sie ließen alle Würde fahren und kämpften beinahe darum, wer sich zuerst durch die Tür drängte. Sie rannten weg. Einer der Aielwächter steckte einen Augenblick lang seinen Kopf herein, um zu sehen, ob es Rand gutgehe, und dann schloß er die Tür.

Rand zitterte heftig. Er ekelte sich beinahe genauso vor ihnen wie vor sich selbst. Männer zu bedrohen, er werde sie hängen, weil sie nicht machten, was er wollte! Und was noch schlimmer war: es war ihm ernst gewesen. Er konnte sich an Zeiten erinnern, als er keine Launen gehabt hatte oder wenigstens nur selten schlechte Laune, als er sich noch besser im Griff gehabt hatte.

Er ging durch den Raum hinüber zu Callandor. Das Schwert glitzerte im Sonnenschein, der zwischen den Vorhängen hindurchfiel. Die Klinge sah aus, als bestünde sie aus dem feinsten Glas. Sie war vollkommen klar und durchsichtig, und doch fühlte sie sich nach Stahl an und war rasiermesserscharf. Er hätte beinahe danach gegriffen, um auf Meilan und Sunamon loszugehen. Vielleicht hätte er es wie ein normales Schwert benützt, vielleicht aber auch so, wie es eigentlich vorgesehen war. Er wußte es selbst nicht. Jede der beiden Möglichkeiten erschreckte ihn. Ich bin doch noch nicht wahnsinnig. Nur wütend. Licht, so wütend! Morgen. Morgen würde man die Schattenfreunde auf ein Schiff bringen. Elayne würde abreisen. Und natürlich auch Egwene und Nynaeve. Zurück nach Tar Valon, hoffte er inbrünstig. Schwarze Ajah oder nicht: Die Weiße Burg war bestimmt der sicherste Ort, den es heute noch gab. Morgen. Keine Ausreden mehr, um aufzuschieben, was er tun mußte. Nicht nach dem morgigen Tag.

Er drehte seine Hände um und betrachtete den Reiher, der in jede Handfläche eingebrannt war. Er hatte sie schon so oft betrachtet, daß er jede Linie auswendig nachzeichnen konnte. Die Prophezeiungen hatten auch sie vorhergesagt.

Zweimal und zweimal wird er gezeichnet, zweimal zum Leben und zweimal zum Tod. Einmal der Reiher, seinen Weg zu bestimmen, wieder der Reiher, ihn beim wahren Namen zu nennen.

Einmal der Drache, der verlorenen Erinnerung wegen.

Zum zweiten der Drache für den Preis, den er zahlen muß.

Aber wenn die Reiher seine Echtheit bewiesen, wozu dann noch die Drachen? Und überhaupt, was war mit diesen Drachen gemeint? Der einzige Drache, von dem er bisher gehört hatte, war Lews Therin Telamon. Lews Therin Brudermörder war der Drache gewesen. Der Drache war der Brudermörder. Und nun war er selbst in dieser Lage. Aber er konnte ja schlecht mit sich selbst gezeichnet sein. Vielleicht war das Bild auf der Flagge der eine dieser Drachen, aber nicht einmal die Aes Sedai schienen genau zu wissen, was dieses Geschöpf genau darstellen sollte.

»Du hast dich geändert, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe. Du bist stärker. Härter.« Er fuhr herum und starrte die junge Frau an, die an der Tür stand. Ihr dunkles Haar und die dunklen Augen stachen von der blassen Haut ab. Sie war hochgewachsen und ganz in Weiß und Silber gekleidet. Nun zog sie eine Augenbraue hoch, als sie die halbgeschmolzenen Klumpen Gold und Silber auf dem Kaminsims erblickte. Er hatte sie dort gelassen, damit sie ihn daran erinnerten, was geschehen konnte, wenn er gedankenlos handelte und die Beherrschung verlor. Es war ihm eine Lehre gewesen.

»Selene!« Er schnappte nach Luft und eilte zu ihr hinüber. »Woher kommst du? Wie bist du hier hereingekommen? Ich glaubte, du seist immer noch in Cairhien oder...« Er blickte auf sie hinunter und wollte nicht mehr aussprechen, er habe gefürchtet, sie sei tot oder unter den verhungernden Flüchtlingen. Ihre schlanke Taille wurde von einem aus Silberfäden gewebten Gürtel umschlossen. Silberne Kämme mit eingravierten Sternen und Mondsicheln glänzten in ihrem Haar, das ihr wie ein Wasserfall der Nacht über die Schultern fiel. Sie war immer noch die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Ihr gegenüber waren Elayne und Egwene bestenfalls hübsch zu nennen. Doch aus irgendeinem Grund berührte sie ihn nicht so wie früher. Vielleicht lag es an den langen Monaten, die seit ihrem letzten Zusammentreffen vergangen waren, damals in einem Cairhien, das noch nicht vom Bürgerkrieg zerrissen war.