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»Ich gehe, wohin immer ich gehen will.« Sie runzelte die Stirn. »Du wurdest gezeichnet, aber das ist gleich. Du gehörtest mir, und du gehörst mir. Jede andere ist lediglich eine Art von Kindermädchen, dessen Zeit vorüber ist. Ich werde von nun an offen beanspruchen, was mein ist.« Er sah sie mit großen Augen an. Gezeichnet? Meinte sie damit seine Hände? Und was sollte das bedeuten — er gehöre ihr? »Selene«, sagte er mit sanfter Stimme, »wir haben schöne Tage miteinander verbracht — und schwere Tage. Ich werde deinen Mut und deine Hilfe nicht vergessen, aber zwischen uns war nie mehr als Kameradschaft. Wir sind miteinander durch das Land gezogen, aber das war auch alles. Du wirst hier im Stein bleiben, bekommst die schönsten Gemächer, und wenn in Cairhien wieder Friede herrscht, werde ich dafür sorgen, daß du deine Güter dort zurückbekommst, falls es möglich ist.« »Du bist wirklich gezeichnet.« Sie lächelte verschmitzt. »Güter in Cairhien? Ich habe vielleicht einst Güter in diesen Ländern besessen. Die Erde hat sich derart verändert, daß nichts mehr so ist wie einst. Selene ist nur ein Name, den ich manchmal benutze, Lews Therin. Der Name, den ich wirklich für mich erwählte, ist Lanfear.« Rand lachte gezwungen. »Ein müder Scherz, Selene. Ich würde weder über den Dunklen König noch über einen der Verlorenen Witze reißen. Und außerdem heiße ich Rand.« »Wir nennen uns die Erwählten«, sagte sie gelassen. »Dazu erwählt, die Welt für ewig zu regieren. Wir werden wirklich ewig leben. Das kann auch für dich gelten.« Er musterte sie mit besorgter Miene. Glaubte sie tatsächlich, sie sei... ? Die Anstrengungen ihrer Reise nach Tear mußten sie nervlich zerrüttet haben. Doch sie wirkte auf ihn keineswegs verrückt. Sie war ruhig, kühl und selbstbewußt. Ohne nachzudenken, griff er nach Saidin. Er griff danach — und stieß gegen eine Mauer, die er weder sehen noch fühlen konnte, außer, daß sie ihn von der Quelle abschnitt. »Das kann doch nicht sein.« Sie lächelte. »Licht«, hauchte er, »du bist wirklich eine von ihnen!« Langsam wich er vor ihr zurück. Falls er Callandor erreichte, hätte er wenigstens eine Waffe in der Hand. Möglicherweise würde das Schwert in diesem Fall nicht als Angreal funktionieren, doch es war ja immer noch ein Schwert. Konnte er mit dem Schwert in der Hand auf eine Frau losgehen, auf Selene? Nein, auf Lanfear, eine der Verlorenen?

Er stieß mit dem Rücken gegen etwas und blickte sich um. Da war nichts zu sehen. Eine Mauer aus nichts, gegen die er seinen Rücken preßte. Callandor glitzerte dahinter, keine drei Schritt entfernt, doch unerreichbar. Verzweifelt schmetterte er eine Faust gegen die Wand. Sie war unnachgiebig wie ein Felsen.

»Ich kann dir nicht voll vertrauen, Lews Therin. Noch nicht.« Sie kam näher und er überlegte, ob er sie einfach packen solle. Er war viel größer und stärker, und so abgeschirmt wie im Augenblick konnte sie ihn mit Hilfe der Macht verschnüren wie ein Kätzchen, das sich in ein Wollknäuel verstrickt hat. »Nicht, wenn du das da hast«, fügte sie hinzu und verzog das Gesicht beim Anblick Callandors. »Es gibt nur zwei noch mächtigere Dinge, die ein Mann benützen könnte. Von einem davon weiß ich, daß es auf jeden Fall noch existiert. Nein, Lews Therin. Soweit geht das Vertrauen noch nicht.« »Hör auf, mich so zu nennen«, grollte er. »Ich heiße Rand. Rand al'Thor.« »Du bist Lews Therin Telamon. Sicher, körperlich stimmt außer der Größe nichts überein, aber ich würde wissen, wer hinter diesen Augen steckt, und wenn ich dich in der Wiege vorfände.« Sie lachte plötzlich auf. »Um wie vieles leichter wäre alles gewesen, hätte ich dich damals gefunden. Wäre ich nur frei gewesen, und... « Das Lachen verflog und machte einem bösen Blick Platz. »Willst du mein wirkliches Aussehen genießen? Daran kannst du dich wohl auch nicht mehr erinnern, oder?« Er versuchte, nein zu sagen, doch seine Zunge rührte sich nicht. Einmal hatte er zwei der Verlorenen zusammen gesehen, Aginor und Balthamel, die ersten beiden, die sich wieder in Freiheit befanden nach dreitausend Jahren im versiegelten Kerker des Dunklen Königs. Der eine war geschrumpft und gealtert gewesen, wie etwas, das bestimmt nicht mehr am Leben sein konnte, und der andere hatte sein Gesicht hinter einer Maske verborgen, hatte jedes Fleckchen Haut verborgen, als könne er nicht ertragen, daß es jemand zu Gesicht bekäme.

Die Luft um Lanfear herum flimmerte, und sie veränderte sich. Sie war — ganz sicher älter als er, aber älter war nicht der richtige Ausdruck dafür. Reifer. Und wenn möglich, noch schöner als zuvor. Eine üppige Blüte verglichen mit einer Knospe. Obwohl ihm bewußt war, was sie war, trocknete sein Mund aus, und sein Hals war wie zusammengeschnürt.

Ihre dunklen Augen blickten forschend auf sein Gesicht. Der Blick war voller Stolz, und doch lag die Andeutung einer Frage darin, was er wohl sehen mochte. Was sie bei ihm auch wahrnahm, schien sie zufriedenzustellen. Sie lächelte wieder. »Ich war in einem tiefen, traumlosen Schlaf gefangen, in dem sich die Zeit nicht mehr bemerkbar machte. Die Drehungen des Rads haben mich nicht mehr betroffen. Nun siehst du mich, wie ich wirklich bin, und ich habe dich in der Hand.« Sie fuhr mit einem Fingernagel an seiner Kinnpartie entlang — so hart, daß er zusammenzuckte. »Die Zeit der Spiele und des Zurückziehens ist vorbei, Lews Therin. Lange vorbei.« Sein Magen rebellierte. »Willst du mich nun also töten? Das Licht soll dich versengen, ich... « »Dich töten?« rief sie ungläubig. »Dich töten? Ich will dich haben, und zwar für immer! Du hast mir gehört, lange bevor diese Schlampe mit den hellen Haaren dich mir stahl. Bevor sie dich je erblickt hatte. Du hast mich geliebt!« »Und du liebtest die Macht!« Einen Augenblick lang war er wie vor den Kopf geschlagen. Die Worte klangen vollkommen wahr — er wußte, daß sie stimmten — aber woher waren sie gekommen?

Selene — Lanfear — schien genauso überrascht wie er, aber sie erholte sich schnell. »Du hast viel gelernt und mehr getan, als ich dir ohne jede Hilfe zugetraut hätte, aber du stolperst immer noch im Dunkeln durch ein Labyrinth, und dein Unwissen könnte dich umbringen. Einige der anderen fürchten dich zu sehr, um noch lange warten zu wollen. Sammael, Rahvin, Moghedien. Andere vielleicht auch, aber diese drei auf jeden Fall. Sie werden dich verfolgen. Sie werden nicht erst versuchen, dich zu überzeugen und zu gewinnen. Sie werden sich anschleichen und dich im Schlaf töten. Weil sie dich fürchten. Aber es gibt auch solche, die dir vieles beibringen würden, damit du wieder lernst, was du einst wußtest. Dann würde niemand mehr wagen, sich dir in den Weg zu stellen.« »Mir beibringen? Du willst, daß mir einer der Verlorenen Unterricht erteilt?« Einer der Verlorenen. Ein Mann natürlich. Ein Mann, der im Zeitalter der Legenden zu den Aes Sedai gehört hatte, der wußte, wie man mit der Macht umging, der wußte, wie man mit Schwierigkeiten fertig wurde, der... Was war ihm nicht schon alles angeboten worden. »Nein! Selbst wenn man mir das anböte, würde ich ablehnen. Warum sollte ich so etwas annehmen? Ich bekämpfe sie schließlich — und dich auch. Ich hasse alles, was ihr getan habt, alles, wofür ihr steht.« Narr! dachte er. Hier sitze ich in der Falle und führe große Reden, ohne daran zu denken, daß diejenige, die mich gefangenhält, so wütend werden könnte, daß sie mir etwas antut. Aber er konnte sich einfach nicht zum Schweigen bringen oder die Worte zurücknehmen. Starrköpfig machte er weiter und alles noch schlimmer: »Ich werde euch vernichten, wenn ich kann. Dich und den Dunklen König und alle anderen Verlorenen!« In ihren Augen blitzte es gefährlich auf und verschwand wieder. »Weißt du, warum einige von uns dich so fürchten? Hast du eine Ahnung, warum? Weil sie Angst haben, daß der Große Herr der Dunkelheit dir einen Platz über ihnen zuweisen wird.« Rand überraschte sich selbst mit einem Auflachen. »Der Große Herr der Dunkelheit? Kannst selbst du seinen wirklichen Namen nicht aussprechen? Du fürchtest doch wohl nicht, daß er dadurch auf dich aufmerksam wird, so wie die anständigen Leute, oder?« »Es wäre Blasphemie«, gab sie ihm einfach zur Antwort. »Sie haben recht mit ihrer Angst, Sammael und die anderen. Der Große Herr will dich tatsächlich haben. Er will dich über alle anderen Menschen stellen. Das sagte er mir.« »Das ist lächerlich! Der Dunkle König ist immer noch im Shayol Ghul gefangen, sonst würde ich jetzt bestimmt in Tarmon Gai'don kämpfen. Und falls er überhaupt weiß, daß ich existiere, wünscht er meinen Tod. Ich habe vor, ihn weiterhin zu bekämpfen.« »Oh, er kennt dich. Der Große Herr weiß mehr, als du vermutest. Und es ist durchaus möglich, mit ihm zu sprechen. Geh zum Shayol Ghul in den Krater des Verderbens, und du kannst... ihn hören. Du kannst... seine Gegenwart genießen.« Nun leuchtete etwas anderes aus ihrem Gesicht: Ekstase. Sie atmete durch halbgeöffnete Lippen und schien einen Augenblick lang etwas Fernes und Wunderbares zu sehen. »Das kann man ganz und gar nicht mit Worten beschreiben. Du mußt es erleben, um es zu verstehen. Du mußt!« Sie kehrte zurück und nahm wieder sein Gesicht wahr. Ihre Augen waren groß und dunkel und blickten intensiv in seine. »Knie vor dem Großen Herrn nieder, und er wird dich über alle anderen erheben. Er wird dir Freiheit lassen, so zu regieren, wie du willst, solange du auch nur einmal dein Knie vor ihm beugst. Ihn anerkennst. Nicht mehr als das. Er hat es mir gesagt. Asmodean wird dir beibringen, die Macht zu lenken, ohne in Gefahr zu geraten, daß du dich damit selbst umbringst, und wird dir zeigen, was du damit alles vollbringen kannst. Laß mich dir helfen. Wir können die anderen vernichten. Dem Großen Herrn wird das gleich sein. Wir können sie alle vernichten, auch Asmodean, wenn er dir alles beigebracht hat, was du wissen mußt. Du und ich, wir können gemeinsam die Welt unter dem Großen Herrn regieren — für immer und ewig.« Ihre Stimme senkte sich zu einem Flüstern, das zugleich von Gier und Angst erfüllt schien: »Ganz kurz vor dem Ende wurden zwei große SaAngreal hergestellt. Den einen kannst du benützen und ich den anderen. Sie sind viel mächtiger als dieses Schwert. Ihre Macht ist unvorstellbar. Mit ihrer Hilfe könnten wir sogar... den Großen Herrn selbst bedrohen. Selbst den Schöpfer!« »Du bist wahnsinnig«, sagte er, von ihren Worten abgestoßen. »Der Vater der Lügen behauptet, er werde mich in Freiheit lassen? Ich wurde geboren, um ihn zu bekämpfen. Deshalb bin ich hier — um die Prophezeiungen zu erfüllen. Ich werde gegen ihn kämpfen und gegen euch alle, bis hin zur Letzten Schlacht! Bis zu meinem letzten Atemzug!« »Aber das mußt du nicht! Prophezeiungen sind nicht mehr als der in geheimnisvollen Worten ausgedrückte Wunsch der Menschen. Wenn du die Prophezeiungen erfüllst, zwingst du dich damit nur auf einen Weg, der zu Tarmon Gai'don und letztendlich zu deinem Tod führt. Moghedien oder Sammael können deinen Körper vernichten. Der Große Herr der Dunkelheit kann deine Seele vernichten. Das wäre dein vollständiges und endgültiges Ende. Du würdest nie mehr wiedergeboren, gleich, wie oft sich das Rad der Zeit noch dreht!« »Nein!« Sie betrachtete ihn eine — wie es ihm schien — endlos lange Zeit. Er konnte beinahe die Waagschalen sehen, auf denen die beiden so unterschiedlichen Möglichkeiten ruhten. »Ich könnte dich einfach mitnehmen«, sagte sie schließlich. »Ich könnte dich zum Großen Herrn bekehren, ob du willst oder nicht. Es gibt da Möglichkeiten.« Sie schwieg, vielleicht um abzuwarten, ob ihre Worte irgendeine Wirkung zeigten. Schweiß rann ihm über den Rücken, doch er verzog das Gesicht nicht. Er würde etwas unternehmen müssen, ob er nun eine Chance hatte oder nicht. Ein zweiter Versuch, Saidin zu ergreifen, scheiterte wieder an dieser unsichtbaren Barriere. Er ließ seine Blicke wandern, als überlege er angestrengt. Callandor befand sich hinter ihm und so weit außerhalb seiner Reichweite, daß es sich genausogut jenseits des Aryth-Meeres hätte befinden können. Sein Messer lag auf einem Nachttisch am Bett neben einem halbfertigen Fuchs, den er zu schnitzen begonnen hatte. Die formlosen Metallklumpen grinsten ihn von ihrem Platz auf dem Kaminsims spöttisch an. Ein Mann in unauffälliger Kleidung mit einem Messer in der Hand schlüpfte durch die Tür herein. Überall lagen Bücher. Er straffte sich und wandte sich wieder zu Lanfear um.