»Du warst schon immer ein Sturkopf«, knurrte sie. »Ich werde dich diesmal noch nicht mitnehmen. Ich will, daß du freiwillig mitkommst. Ich will es! Was ist los? Was machst du für ein Gesicht?« Ein Mann mit einem Messer, der durch die Tür schlüpft? Sein Blick war an ihm vorbeigewandert, ohne ihn wirklich bewußt wahrzunehmen. Instinktiv stieß er Lanfear aus dem Weg und griff nach der Wahren Quelle. Die Abschirmung, die ihn davon abgehalten hatte, verschwand bei der erneuten Berührung, und sein Schwert war wie eine rotgoldene Flamme in seiner Hand. Der Mann stürzte sich auf ihn. Er hielt das Messer tief, die Spitze aufwärts gerichtet, um es mit einem tödlichen Stoß in seinen Körper zu treiben. Selbst jetzt war es noch schwierig, den Burschen im Auge zu behalten, aber Rand drehte sich geschmeidig weg. ›Der Wind, der über die Mauer streicht‹ hackte die Hand mit dem Messer ab. Die restliche Drehbewegung reichte, um dem Angreifer das Schwert ins Herz zu stoßen. Einen Moment lang blickte er in matte Augen, die bereits leblos wirkten, obwohl das Herz noch schlug, und dann riß er das Schwert wieder heraus.
»Ein Grauer Mann.« Rand atmete tief durch. Er hatte das Gefühl, es sei sein erster Atemzug seit Stunden. Die Leiche zu seinen Füßen war blutüberströmt. Auch der kostbare Teppich war schnell vom Blut durchtränkt. Jetzt war es nicht mehr schwierig, den Mann anzusehen. So war es aber immer mit den Attentätern des Schattens: Wenn man sie bemerkte, war es für gewöhnlich zu spät. »Das ergibt doch keinen Sinn. Du hättest mich mit Leichtigkeit töten können. Warum mich erst ablenken, damit sich ein Grauer Mann anschleichen kann?« Lanfear musterte ihn mißtrauisch. »Ich benütze die Seelenlosen nicht. Ich sagte dir doch, daß es Unterschiede gibt bei den... Erwählten. Es scheint, daß ich einen Tag zu spät dran war, aber du hast immer noch Zeit, um mit mir zu kommen. Um zu lernen. Um zu leben. Dieses Schwert«, sagte sie beinahe verächtlich. »Du bringst noch nicht einmal den zehnten Teil von dem fertig, was du alles erreichen könntest. Komm mit mir und lerne es. Oder willst du mich jetzt töten? Ich habe dich freigelassen, damit du dich verteidigen kannst.« Ihre Stimmung und ihre Haltung deuteten an, daß sie mit einem Angriff rechnete oder zumindest bereit war, einen möglichen Angriff abzuwehren, aber das hätte ihn nicht davon abgehalten, genausowenig wie die Tatsache, daß sie zuvor seine Fesseln gelöst hatte. Sie war eine der Verlorenen. Sie hatte dem Bösen so lange gedient, daß eine Schwarze Ajah gegen sie wie ein Neugeborenes gewirkt hätte. Und doch sah er in ihr eine Frau. Er verfluchte sich selbst, aber er brachte es nicht fertig. Vielleicht, wenn sie vorher versucht hätte, ihn zu töten. Vielleicht. Doch alles, was sie tat, war, dazustehen, ihn zu beobachten, abzuwarten. Zweifellos war sie bereit, Dinge mit Hilfe der Macht zu tun, die er noch nicht einmal für möglich hielt, falls er sie zu fesseln versuchte. Er hatte es fertiggebracht, Elayne und Egwene abzuschirmen, aber es war eines dieser Dinge gewesen, die er ohne zu denken getan hatte, nur einfach aus seinem Unterbewußtsein heraus. Er konnte sich nur daran erinnern, es getan zu haben, aber nicht, wie. Wenigstens hielt er jetzt
Saidin fest im Griff. So würde sie ihn nicht noch einmal überraschen. Das Verderben, das ihm mit seiner süßlichen Fäule den Magen herumdrehte, war gar nichts; Saidin war das Leben, vielleicht auf mehr als nur eine Weise.