Ein plötzlicher Gedanke kochte in ihm hoch: die Aiel! Selbst einem Grauen Mann hätte es unmöglich sein sollen, sich durch eine Tür zu schleichen, die von einem halben Dutzend Aiel bewacht wurde.
»Was hast du mit ihnen gemacht?« krächzte er, als er sich in Richtung Tür zurückzog, ohne sie dabei aus den Augen zu lassen. Falls sie die Macht einsetzte, würde er vielleicht irgendein Zeichen entdecken, das ihn rechtzeitig warnte. »Was hast du mit den Aiel dort draußen gemacht?« »Nichts«, antwortete sie kühl. »Geh nicht dort hinaus. Es mag nur ein Versuch sein, wie verwundbar du bist, aber selbst das könnte dich umbringen, falls du dich wie ein Narr verhältst.« Er warf den linken Türflügel auf und erblickte eine Szene reinen Grauens.
10
Widerstand
Zu Rands Füßen lagen tote Aiel und zwischen ihnen die Leichen dreier ganz durchschnittlich aussehender Männer mit unauffälligen Mänteln und Hosen. Total unauffällige Männer, und doch waren sechs Aiel, die gesamte Türwache, von ihnen getötet worden, ein paar davon offensichtlich, bevor sie überhaupt bemerkt hatten, was los war, und jeder dieser unauffälligen Männer war von mindestens zwei Aielspeeren durchbohrt worden.
Das war aber keineswegs alles. Sobald er die Tür aufzog, schlug eine Welle des Kampflärmes über ihn hinweg: Schreie, Heulen, das Dröhnen von Stahl auf Stahl unter den mächtigen Sandsteinsäulen. Die Verteidiger im Vorraum kämpften unter den vergoldeten Lampen um ihr blankes Leben gegen massige Gestalten in schwarzen Rüstungen, die sie um ein Beträchtliches überragten, Gestalten wie riesige Männer, doch mit Köpfen und Gesichtern, die von Hörnern und Federn verunstaltet waren, die Schnäbel oder Tierschnauzen aufwiesen, wo sich Mund und Nase befinden sollten. Trollocs. Man sah bei ihnen ebenso Pranken oder Hufe wie menschliche Füße mit Stiefeln daran. Sie hieben Männer mit ihren eigenartigen Dornenäxten nieder und mit Speeren, an denen sich Widerhaken befanden, oder mit Sichelschwertern, die sich seltsam nach der falschen Seite krümmten. Und unter ihnen war ein Myrddraal, ein Mann mit wurmblasser Haut unter schwarzem Panzer, der mit seinen geschmeidigen Bewegungen wie der leibhaftige Tod wirkte, dessen Skelett mit blutlosem Fleisch umhüllt war.
Irgendwo im Stein erklang ein Alarmgong, doch der dröhnende Klang erstarb mit erschreckender, tödlicher Plötzlichkeit. Dann nahm ein anderer den Alarmruf wieder auf und noch einer, und ihr Messingglockengeläut erschütterte den Stein.
Die Verteidiger kämpften verbissen, und sie waren den Trollocs gegenüber in der Überzahl, doch es lagen mehr Menschen am Boden als Trollocs. In dem Moment, als Rand das alles erblickte, riß der Myrddraal gerade dem tairenischen Hauptmann mit einer bloßen Hand die eine Gesichtshälfte ab, während er mit der anderen Hand eine tödlichschwarze Klinge durch den Hals eines der Verteidiger stieß. Wie eine Schlange wand er sich zwischen den Speerstichen der Verteidiger hindurch. Die Verteidiger standen einem Gegner gegenüber, den sie bisher für ein Märchenwesen gehalten hatten, einen Kinderschreck, und sie waren dementsprechend mit ihren Nerven am Ende. Ein Mann, der seinen Helm verloren hatte, warf seinen Speer zu Boden und versuchte zu fliehen. Sein Kopf wurde durch die schwere Axt eines Trollocs wie eine reife Melone zerteilt. Wieder ein anderer Mann sah den Myrddraal an und rannte schreiend davon. Der Myrddraal eilte geschmeidig hinterher, um ihn abzufangen. Noch einen winzigen Augenblick, und die Menschen würden alle vor Entsetzen davonlaufen.
»Blasser!« schrie Rand. »Versuch's mal mit mir, Blasser!« Der Myrddraal blieb stehen, als habe er sich nie bewegt. Sein bleiches, augenloses Gesicht wandte sich ihm zu. Bei diesem Blick überlief Rand die Angst, doch sie glitt lediglich über die Blase der kalten Ruhe, die ihn einhüllte, wenn er Saidin ergriffen hatte. In den Grenzlanden sagte man: »Der Blick des Augenlosen bedeutet Angst.« Einst hatte auch er geglaubt, daß die Blassen auf Schatten ritten wie auf Pferden und verschwanden, wenn sie sich zur Seite wandten. Diese alten Vorurteile waren gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt.
Der Myrddraal glitt auf ihn zu, und Rand sprang über die Toten vor der Tür hinweg ihm entgegen. Seine Stiefel rutschten auf dem blutverschmierten, schlüpfrigen schwarzen Marmorboden weg. »Für den Stein von Tear!« schrie er beim Vorwärtsspringen. »Der Stein widersteht!« Das waren die Kampfrufe, die er in jener Nacht gehört hatte, als der Stein ihnen nicht widerstehen konnte.
Er glaubte, von dem gerade verlassenen Raum her den gedämpften Ruf: »Narr!« zu hören, aber er hatte jetzt keine Zeit, nach Lanfear zu sehen oder sich darum zu kümmern, was sie vorhatte. Das Ausrutschen kostete ihn beinahe das Leben. Als er um sein Gleichgewicht kämpfte, konnte er gerade noch mit seinem rotgoldenen Schwert die schwarze Klinge des Myrddraal abwehren. »Für den Stein von Tear! Der Stein widersteht!« Er mußte die Verteidiger zusammenhalten, damit er nicht allein dem Myrddraal und zwanzig Trollocs gegenüberstand. »Der Stein widersteht!« Er hörte, wie jemand seine Worte wiederholte: »Der Stein widersteht!« Und dann fiel ein weiterer ein: »Der Stein widersteht!« Der Blasse bewegte sich schlangengleich, und dieser Eindruck noch von den schwarzen Schuppen seines Brustpanzers wurde verstärkt. Doch nicht einmal eine schwarze Viper konnte so schnell zuschlagen. Eine Weile lang war Rand nur mit Mühe in der Lage, sich der schwarzen Klinge zu erwehren, damit sie seine ungeschützte Haut nicht traf. Dieses schwarze Metall würde Wunden schlagen, die nicht zuheilten, die eiterten und schmerzten wie jene Wunde, die er an der Seite trug. Jedesmal, wenn der dunkle Stahl, der in Thakandar im Schatten des Shayol Ghul geschmiedet worden war, auf die rotgoldene Klinge traf, die er mit Hilfe der Macht erschaffen hatte, blitzte es im Raum wie bei einem Gewitter auf. Das grelle Blauweiß tat den Augen weh. »Diesmal wirst du sterben!« Die Stimme des Myrddraal hörte sich an wie knisternd zerbröckelnde abgestorbene Blätter im Spätherbst. »Ich werde dein Fleisch den Trollocs zum Fressen geben, und deine Frauen werden mir gehören.« Rand kämpfte so kaltblütig und gleichzeitig verzweifelt wie noch nie. Der Blasse wußte mit seinem Schwert umzugehen. Dann kam jedoch ein Moment, in dem er mit Wucht das Schwert des anderen treffen konnte und nicht nur dessen Schlag abgleiten ließ. Es zischte, als fiele Eis auf geschmolzenes Metall, und die rotgoldene Klinge durchschnitt die schwarze. Sein nächster Schlag trennte den augenlosen Kopf von den Schultern. Der Schlag, mit dem er den Knochen des Myrddraal durchhackte, fuhr ihm selbst gewaltig in den Arm. Blut schoß wie ein Tintenstrahl aus dem Halsstumpf des Blassen. Trotzdem fiel das Ding noch nicht. Es fuchtelte wild mit dem Schwertstumpf herum, und so taumelte die kopflose Gestalt durch den Raum und hieb Löcher in die Luft.
Als der Kopf des Blassen fiel und über den Boden rollte, stürzten auch die übriggebliebenen Trollocs, kreischten, zuckten und rissen mit ihren fellbedeckten Händen an ihren Haaren oder Federn. Das war eine Schwäche der Myrddraal und Trollocs: Obwohl die Myrddraal den Trollocs nicht trauten, waren sie auf irgendeine Art mit ihnen verbunden, die Rand nicht verstand. Es schien die Trollocs an die Myrddraal zu binden, zur absoluten Loyalität zu zwingen, aber wenn der Blasse starb, überlebten ihn seine Trollocs nicht lange.
Die noch im Kampf befindlichen Verteidiger, weniger als zwei Dutzend, zögerten nicht. Zu zweit oder zu dritt stürzten sie sich auf die Trollocs und stachen mit ihren Speeren zu, bis sie sich nicht mehr rührten. Ein paar von ihnen hatten auch den kopflosen Myrddraal zu Fall gebracht, aber der schlug immer noch wild um sich, gleich, wie oft sie zustießen. Als die Trollocs still waren, hörte man das Stöhnen und Weinen der wenigen verwundet überlebenden Menschen. Immer noch lagen mehr Menschen als Schattenwesen auf dem Boden. Der schwarze Marmor war schlüpfrig vom Blut, das sich farblich kaum von dem dunklen Stein abhob.