»Laßt es sein«, sagte Rand zu den Verteidigern, die sich abmühten, den Myrddraal endgültig zu töten. »Es ist schon tot. Blasse wollen einfach nicht zugeben, daß sie tot sind.« Das hatte ihm Lan gesagt, vor, wie es schien, langer Zeit. Er hatte schon öfters den Beweis dafür gesehen. »Kümmert euch um die Verwundeten.« Sie blickten nervös die kopflose Gestalt an, deren Torso von klaffenden Wunden übersät war, schauderten und zogen sich zurück, wobei sie irgend etwas über Lurks vor sich hin murmelten. So nannte man die Blassen in Tear, und zwar in Märchen, mit denen man Kinder erschrecken wollte. Einige suchten nun unter den gefällten Menschen nach denen, die noch am Leben waren, halfen ihnen auf die Beine oder betteten sie bequemer auf herumliegende Umhänge. Nur zu viele blieben liegen, wo sie gefallen waren. Man konnte den Verwundeten jetzt nicht mehr bieten als von ihren eigenen blutigen Hemden abgerissene Streifen, mit denen man die Wunden notdürftig verband.
Jetzt sahen diese Tairener nicht mehr so hübsch aus wie vorher. Ihr Harnisch glänzte nicht mehr und war verbeult und eingedellt; die einst so schönen schwarzroten Mäntel und Hosen waren zerrissen und schmutzig. Einige trugen keine Helme mehr und manch einer stützte sich auf seinen Speer, als könne ihn nur der allein noch aufrecht halten. Vielleicht war es tatsächlich so. Sie atmeten schwer, und ihre Gesichter waren verzerrt von dieser eigenartigen Mischung von nackter Angst und blinder Betäubung, die Männer in der Schlacht oft ergreift. Sie sahen Rand unsicher an. Ihre Blicke waren unstet und ängstlich, als könne es sein, daß er selbst diese Kreaturen aus der Fäule herbeigerufen habe.
»Wischt Eure Speerspitzen ab«, sagte er ihnen. »Das Blut eines Blassen brennt sich wie Säure in Stahl, falls es lange genug daran klebt.« Die meisten kamen dem Befehl nur langsam nach, benützten zögernd alles, was zu Hand war, vor allem die Mantelärmel ihrer eigenen Toten.
Die Geräusche weiterer Kämpfe drangen durch die Gänge, ferne Schreie und das gedämpfte Dröhnen von Metall auf Metall. Sie hatten ihm zweimal gehorcht, und nun war es an der Zeit, festzustellen, ob sie noch mehr tun würden. Er wandte ihnen den Rücken zu und ging durch den Vorraum in Richtung des Kampflärms. »Folgt mir«, befahl er. Er hob seine aus dem Feuer geborene Klinge, um sie daran zu erinnern, wer er war, und hoffte, daß ihm diese Geste keinen Speer in den Rücken einbringen würde. Er mußte es riskieren. »Der Stein widersteht! Für den Stein von Tear!« Einen Moment lang waren seine eigenen hallenden Schritte das einzige Geräusch unter den Säulen des Raums, aber dann begannen andere Stiefeltritte, ihm zu folgen. »Für den Stein!« rief ein Mann, und ein anderer: »Für den Stein und den Drachen!« Weitere Männerstimmen nahmen den Ruf auf. »Für den Stein und den Drachen!« Rand begann zu laufen, und so führte er sein blutendes Herr von dreiundzwanzig Soldaten tiefer in den Stein hinein.
Wo war Lanfear, und welche Rolle hatte sie bei dem allen gespielt? Er hatte kaum Zeit zu überlegen. In den Sälen des Steins lagen tote Männer in ihrem eigenen Blut, hier einer, weiter hinten zwei oder drei, Verteidiger, Diener, Aiel. Auch Frauen, Adelige in Linnengewändern und in Wolle gekleidete Dienerinnen, die man niedergestreckt hatte, als sie zu fliehen versuchten. Den Trollocs war es gleich, wen sie töteten. Es machte ihnen Spaß. Myrddraal waren aber noch schlimmer. Die Halbmenschen genossen Schmerz und Tod geradezu.
Ein Stückchen weiter drinnen im Stein brodelte es. Horden von Trollocs zogen durch die Säle, manchmal von einem Myrddraal angeführt, manchmal allein, kämpften gegen Aiel oder Verteidiger, erstachen Unbewaffnete und zogen weiter auf der Suche nach Menschen, die sie töten konnten. Rand führte seine kleine Streitmacht gegen alle Schattenwesen, die er antraf. Sein Schwert schnitt mit gleicher Leichtigkeit durch halbmenschliches Fleisch wie durch schwarze Harnische. Nur die Aiel allerdings wagten es, sich einem Blassen offen im Kampf zu stellen. Die Aiel und Rand. Er überließ die Trollocs den Verteidigern und griff statt dessen Blasse an. Manchmal nahm ein Myrddraal im Sterben ein oder zwei Dutzend Trollocs mit in den Tod, manchmal auch keinen.
Einige seiner Verteidiger fielen und standen nicht mehr auf, aber dafür schlossen sich ihnen ein paar Aiel an, so daß sich ihre Anzahl beinahe verdoppelte. Gruppen von Männern fielen von ihnen ab, als die wütenden Gefechte sie unter Schreien und dem Dröhnen aufeinandertreffender Schwerter wie in einer irren Schmiede von ihnen wegführten. Andere Männer kamen dafür hinzu, fielen wieder ab, wurden ersetzt, und so befand sich schließlich niemand von denen mehr bei ihm, die ursprünglich mit ihm gegangen waren. Manchmal kämpfte er auch ganz allein oder rannte durch einen Gang, der bis auf ihn und die Toten leer war. Immer folgte er dem Lärm entfernter Gefechte.
Einmal, als er mit zweien der Verteidiger einen Säulengang durchschritt, der den Blick nach unten in einen langen Saal mit vielen Türen freigab, sah er Moiraine und Lan, die von Trollocs umzingelt waren. Die Aes Sedai stand mit hoch erhobenem Kopf da wie eine der sagenhaften Königinnen in der Schlacht, und um sie herum barst Feuer aus tierähnlichen Gestalten. Während die einen verbrannten, kamen bereits weitere herbei, eilten zu sechst oder zu siebt aus einer der vielen Türen. Lans Schwert erledigte diejenigen, die Moiraines Flammen entkamen. Das Gesicht des Behüters war über und über mit Blut beschmiert, doch er vollführte die so lange geübten Fechtfiguren so kühl und selbstverständlich, als übe er lediglich vor einem Spiegel. Dann stieß ein wolfsschnäuziger Trolloc seinen Speer in Richtung auf Moiraines Rücken. Lan wirbelte herum, als hätte er auch hinten Augen und hackte dem Trolloc ein Bein unter dem Knie ab. Der Trolloc stürzte jaulend zu Boden, stieß aber trotzdem noch einmal mit dem Speer nach Lan. Im gleichen Moment versuchte ein anderer, den Behüter ungeschickt mit der Flachseite seiner Axt niederzuschlagen. Lan ging in die Knie.
Rand konnte ihnen nicht zur Hilfe kommen, denn in diesem Augenblick wurden er und seine beiden Begleiter von fünf Trollocs angefallen. Mit ihren Schnauzen und Hauern und Hammelhörnern stürmten sie heran und drückten die Menschen erst einmal aus dem Säulengang hinaus. Normalerweise wären fünf Trollocs mit Leichtigkeit in der Lage gewesen, drei Männer zu töten, doch einer dieser Männer war Rand, und er besaß ein Schwert, das ihre Rüstungen zu bloßem Tuch werden ließ. Einer der beiden Verteidiger starb, und der andere verschwand auf der Jagd nach einem verwundeten Trolloc, dem einzigen Überlebenden der fünf. Als Rand zurückeilte, roch er aus dem Saal unten verbranntes Fleisch und sah auf dem Fußboden einige mächtige verschmorte Leichen, doch von Moiraine und Lan war nichts mehr zu sehen.
So spielte sich der Kampf um den Stein ab. Oder der Kampf um Rands Leben. Gefechte brachen aus und trieben von ihrem ursprünglichen Ort hinweg oder erstarben ganz, wenn eine Seite gefallen war. Die Menschen kämpften dabei nicht nur gegen Trollocs und Myrddraal, sondern auch gegen andere Menschen, denn Seite an Seite mit den Schattenwesen fochten auch menschliche Schattenfreunde, grob gekleidete Burschen, die aussahen wie Söldner oder wie die typischen Tavernenraufer. Sie hatten offensichtlich genauso vor den Trollocs Angst wie die Verteidiger, aber sie mordeten genauso ungehemmt wie die Schattenabkömmlinge. Zweimal sah Rand sogar Kämpfe von Trollocs untereinander. Er nahm an, daß die Myrddraal die Kontrolle über sie verloren hatten und daß sie nur noch von ihrer Mordlust beherrscht wurden. Aber wenn sie sich gegenseitig umbringen wollten — bitte schön.
Dann war er wieder allein und kam auf seiner Suche um eine Ecke und stand plötzlich vor drei Trollocs. Jeder von ihnen war doppelt so breit und um die Hälfte größer als er. Einer von ihnen — mit einem gekrümmten Adlerschnabel in einem ansonsten menschlichen Gesicht — hackte gerade einen Arm von der Leiche einer tairenischen Lady, während die beiden anderen gespannt zusahen und sich die Schnauzen erwartungsvoll leckten. Trollocs fraßen alles, solange es nur Fleisch war. Ob nun sie oder er von diesem Zusammentreffen mehr überrascht waren — jedenfalls erholte er sich schneller von dem Schreck.