Derjenige mit dem Adlerschnabel fiel unter Rands erstem Streich. Panzer und Bauch waren gleichermaßen aufgeschnitten. Eigentlich hätte die Fechtfigur ›Eidechse im Dornbusch‹ für die beiden anderen gereicht, doch der erste Trolloc schlug im Sterben noch um sich und trat Rand beinahe einen Fuß weg, so daß er ins Stolpern kam. Sein Schlag in Richtung des dritten Trollocs ging daneben und schnitt nur dessen Rüstung auf, während der zweite im Stürzen mit ins Leere schnappendem Wolfsrachen direkt auf ihn fiel. Der schwere Körper des Trollocs riß Rand mit zu Boden und begrub ihn halb unter sich. Schwertarm und Schwert waren darunter eingeklemmt. Der überlebende Trolloc hob seine Dornenaxt, und trotz seiner Keilerschnauze und den dicken Hauern verzerrte sich sein Gesicht zu einer Art von Lächeln. Rand rang um Luft und bemühte sich, unter dem toten Trolloc hervorzukriechen.
Ein sichelgleiches Schwert spaltete den Keilerkopf bis zum Hals hinunter.
Ein vierter Trolloc riß sein Schwert aus dem Körper des anderen und knurrte ihn mit gefletschten Bockszähnen an. Die Ohren neben den Hörnern zuckten. Dann rannte er weg. Seine scharfen Hufe klapperten auf den Fußbodenkacheln.
Rand hievte den Körper des toten Trollocs halb betäubt von sich herunter. Ein Trolloc hat mich gerettet. Ein Trolloc? Er war über und über mit dickem, dunklem Trollocblut beschmiert. Weiter unten im Gang, in entgegengesetzter Richtung zu der, in der der Trolloc mit den Bockshörnern geflüchtet war, blitzte es blauweiß auf, und zwei Myrddraal kamen in Sicht. Sie kämpften mit nicht endenwollenden, fließenden Bewegungen gegeneinander! Der eine drängte den anderen in einen Seitenkorridor, und das immer wieder aufblitzende Licht verschwand aus seiner Sicht. Ich bin verrückt! Das muß es sein. Ich bin verrückt und das ist alles nur ein wahnwitziger Traum.
»Du riskierst wirklich alles, wenn du so wild mit diesem... diesem Schwert herumrennst.« Rand wandte sich zu Lanfear um. Sie hatte sich wieder das Aussehen eines Mädchens zugelegt, nicht älter als er selbst, vielleicht sogar jünger. Sie hob ihren weißen Rock etwas an, um über den zerhackten Körper der tairenischen Lady hinwegsteigen zu können. Ihrem unbeteiligten Gesichtsausdruck nach hätte es auch ein Baumstamm sein können.
»Du baust dir eine Hütte aus Reisig«, sagte sie, »wenn du statt dessen mit einem Fingerschnippen Marmorpaläste haben könntest. Du hättest sie töten und ihnen das bißchen Seele nehmen können, das ein Trolloc besitzt, und doch hättest du dich beinahe von ihnen umbringen lassen. Du mußt lernen. Schließ dich mir an!« »War das dein Werk?« wollte er wissen. »Dieser Trolloc, der mich gerettet hat? Diese Myrddraal? Stimmt's?« Sie überlegte einen Augenblick lang und dann schüttelte sie ein wenig bedauernd den Kopf. »Wenn ich das für mich beanspruche, wirst du das nächstemal wieder auf so etwas warten, und das könnte sich als tödlich erweisen. Keiner der anderen ist sich vollkommen sicher, wo ich eigentlich stehe, und das paßt mir. Du kannst von mir keine offene Unterstützung erwarten.« »Deine Unterstützung erwarten?« grollte er. »Du willst mich zum Schatten bekehren. Du willst mich mit schönen Worten davon ablenken, was du bist.« Er griff nach der Macht, und sie wurde so hart gegen einen Wandbehang geschleudert, daß sie aufstöhnte. Er hielt sie dort fest, mit gespreizten Beinen über einer gewebten Jagdszene hängend, die Füße ein paar Handbreit über dem Boden und das schneeweiße Kleid ausgebreitet und flach angedrückt. Wie hatte er nur Egwene und Elayne abgeschirmt? Er mußte sich daran erinnern.
Plötzlich flog er selbst durch den Gang und krachte gegen die gegenüberliegende Wand. Irgend etwas drückte ihn wie ein lästiges Insekt dagegen und erlaubte ihm kaum zu atmen.
Lanfear schien mit dem Luftholen keinerlei Schwierigkeiten zu haben. »Was du auch tun kannst, Lews Therin, das kann ich auch. Und sogar besser.« Obwohl sie an die Wand gepreßt war, schien sie von allem unberührt. In der Nähe erhob sich neuer Kampfeslärm, und dann wurde er wieder schwächer, als sich die Kämpfenden entfernten. »Du benützt nur den kleinsten Teil dessen, was dir zur Verfügung steht, und auch den nur zur Hälfte. Und dann rennst du weg vor dem, was dir ermöglichen würde, alle deine Gegner zu vernichten. Wo ist Callandor, Lews Therin? Immer noch oben in deinem Schlafzimmer wie nutzloser Zierat? Glaubst du, daß nur deine Hand es führen kann, nun, da du es befreit hast? Falls Sammael hier ist, wird er es an sich nehmen und gegen dich einsetzen. Sogar Moghedien würde es nehmen, damit du es nicht benützen kannst. Sie könnte viel gewinnen, wenn sie es einem der männlichen Erwählten zum Tausch anböte.« Er kämpfte gegen die Kraft an, die ihn festhielt, doch nichts außer seinem Kopf bewegte sich. So drehte er den wütend nach der einen und dann nach der anderen Seite. Callandor in den Händen eines der männlichen Verlorenen: der Gedanke machte ihn verrückt vor Angst und Frustration. Er lenkte die Macht und versuchte, sich von dem loszureißen, was ihn band, fand aber nichts. Und dann war es mit einem Schlag weg und er taumelte von der Wand fort, bis er endlich begriff, daß er frei war. Und er hatte nichts dazu beigetragen.
Er sah Lanfear an. Sie hing noch immer in aller Ruhe dort, als nähme sie ein Sonnenbad neben einem Bach. Sie versuchte natürlich, ihn einzulullen, ihn dazu zu bringen, daß er ihr gegenüber schwach wurde. Er zögerte, als er die Stränge der Macht kontrollierte, die sie festhielten. Falls er sie abnabelte und einfach dort hängen ließ, würde sie vielleicht den halben Stein einreißen, wenn sie sich mit Gewalt zu befreien suchte — falls sie nicht von einem vorbeikommenden Trolloc getötet würde, der glaubte, sie sei eine aus dem Stein. Es hätte ihn eigentlich nicht beunruhigen sollen, wenn eine der Verlorenen starb, aber der Gedanke daran, eine Frau oder überhaupt irgend jemanden hilflos den Trollocs zu überlassen, stieß ihn ab. Ein Blick auf ihre gelassene Miene allerdings ließ diesen Gedanken schnell verfliegen. Niemand und nichts im Stein würde ihr etwas antun, solange sie die Macht benutzen konnte. Wenn er Moiraine aufspüren könnte, um sie abzuschirmen...
Noch einmal nahm ihm Lanfear die Entscheidung ab. Das Reißen seiner eigenen Stränge schüttelte ihn kräftig durch, und sie fiel leichtfüßig herunter. Er machte große Augen, als sie von der Wand wegtrat und ruhig ihren Rock glattstrich. »Das kannst du nicht tun«, stotterte er dümmlich, und sie lächelte.
»Ich muß einen Strang nicht sehen, um ihn zu lösen, sobald ich weiß, was und wo es ist. Siehst du, du mußt eben noch viel lernen. Aber so gefällst du mir. Du warst immer zu stur und selbstsicher. Es war immer besser, wenn du dir deiner selbst nicht so sicher warst. Hast du also Callandor vergessen?« Er zögerte noch. Da stand eine der Verlorenen vor ihm.
Und es gab absolut nichts, was er tun konnte. Schließlich drehte er sich um und lief los, Callandor zu holen. Ihr Lachen schien ihm zu folgen.
Diesmal ließ er sich nicht ablenken und versuchte nicht, Trollocs und Myrddraal zu bekämpfen. Er verlangsamte sein wildes Klettern durch den Stein nur, wenn sie sich ihm in den Weg stellten. Dann öffnete sein aus Flammen geschmiedetes Schwert einen Weg für ihn. Er sah Perrin und Faile. Er trug die Axt in der Hand, und sie deckte mit ihren Messern seinen Rücken. Die Trollocs schienen genauso beim Anblick seiner gelben Augen zu zögern wie beim Anblick seiner Axt. Rand ließ sie zurück, ohne sich noch einmal umzublicken. Falls einer der Verlorenen Callandor in die Hände bekam, würde keiner von ihnen mehr die Sonne aufgehen sehen.