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Atemlos stürzte er zwischen den mächtigen Säulen des Vorraums hindurch und sprang über die Leichen hinweg, die immer noch dort lagen. Verteidiger und Trollocs lagen da im Tod vereint. Er warf beide Türflügel auf. Das Schwert, Das Kein Schwert War hing in seinem vergoldeten und mit Gemmen besetzten Ständer und leuchtete im Schein der untergehenden Sonne. Es wartete auf ihn.

Jetzt, da er es sah und in Sicherheit wußte, fiel es ihm schwer, es zu berühren. Einmal bisher hatte er Callandor so benützt, wie es eigentlich sein sollte. Nur einmal. Er wußte, was ihn erwartete, wenn er es wieder aufnahm, wenn er es gebrauchte, um viel mehr Energie aus der Wahren Quelle zu schöpfen, als ein Mensch ohne Hilfe fertigbrachte. Es fiel ihm auch ungeheuer schwer, seine rotgoldene Klinge wieder verschwinden zu lassen, und als es geschah, hätte er sie beinahe zurückgeholt.

Er schlurfte zögernd um die Leiche des Grauen Mannes herum und legte seine Hände langsam um den Griff Callandors. Er war kalt, wie ein Kristall, der lange im Dunkeln geruht hatte, aber er war auch nicht so glatt, daß er seinem Griff hätte entschlüpfen können.

Ein Gefühl ließ ihn aufblicken. An der Tür stand zögernd ein Blasser, den augenlosen Blick aus seinem bleichen Gesicht auf Callandor gerichtet.

Rand zog Saidin an sich. Callandor, das Schwert, Das Kein Schwert War, flammte in seinen Händen auf, als enthalte es den Mittagssonnenschein. Die Macht erfüllte ihn, schlug wie mächtiger Donner über ihm zusammen. Das süße Verderben in Saidin durchströmte ihn wie eine schwarze Flut. Geschmolzener Fels pulsierte durch seine Adern. Die Kälte in ihm hätte die Sonne erfrieren lassen können. Er mußte die Macht benützen, oder er würde bersten wie eine überreife Melone.

Der Myrddraal wandte sich zur Flucht, und plötzlich fielen die schwarzen Kleider und der Harnisch leer zu Boden und hinterließen nur in der Luft schwebende ölige Staubteilchen.

Rand war sich selbst nicht einmal im klaren darüber, daß er mit der Macht gearbeitet hatte, bis es vorbei war. Er hätte auch nicht mehr sagen können, was er eigentlich angestellt hatte, und wenn auch sein Leben davon abhinge. Doch nichts konnte sein Leben gefährden, solange er Callandor in der Hand hielt. Die Macht durchpulste ihn wie der Herzschlag der Welt. Mit Callandor in Händen würde ihm alles gelingen. Die Macht hämmerte auf ihn ein; ein Hammer, der Berge zerhauen konnte. Ein dünner Faden der Macht riß die durch die Luft treibenden Überreste des Myrddraal mit sich in den Vorraum hinaus, genau wie seine Kleidung und den Harnisch. Ein weiterer winziger Machtstrom ließ alles in Flammen aufgehen. Er schritt hinaus, um die zu jagen, die gekommen waren, ihn zu töten.

Ein paar davon waren immerhin bis zum Vorraum gekommen. Ein weiterer Blasser und eine Gruppe ängstlichgeduckter Trollocs standen auf der anderen Seite der Säulen und starrten die Ascheteilchen an, die durch die Luft flogen, die letzten Überreste des Myrddraal und seiner Kleidung. Beim Anblick Rands mit einem hell aufflammenden Callandor in der Hand heulten die Trollocs wie Tiere. Der Blasse stand vor Schreck wie gelähmt da. Rand ließ ihnen keine Chance wegzurennen. Er behielt seinen gemächlichen, zielbewußten Schritt bei, sammelte genug Macht in sich, und plötzlich prasselten aus dem blanken, schwarzen Marmorboden unter den Schattenwesen Flammen empor, so heiß, daß er die Hand hob, um sich dagegen zu schützen. Als er sie erreicht hatte, verschwanden die Flammen wieder, und nichts blieb von ihnen zurück als geschwärzte stumpfe Flecken auf dem Marmor.

Er ging den Weg zurück hinunter in den Stein, und jeder Trolloc, jeder Myrddraal, den er sah, starb in einem Feuersturm. Er verbrannte sie, ob sie nun gerade gegen Aiel oder Tairener kämpften oder ob sie Diener dahinschlachteten, die sich notdürftig mit Speeren und Schwertern verteidigten, die sie neben den Leichen gefunden hatten. Er verbrannte sie im Laufen, ob sie nun hinter Opfern herrannten oder selbst flohen. Er begann, sich schneller zu bewegen, im Laufschritt, dann hastend, vorbei an den Verwundeten, die oft alleingelassen und hilflos dalagen, vorbei an den Toten. Es reichte nicht, er kam einfach nicht schnell genug voran. Während er einen Trolloc nach dem anderen tötete, mordeten andere noch immer, wenn auch manchmal nur, um zu entkommen.

Plötzlich blieb er in einem breiten Korridor stehen, von Leichen umgeben. Er mußte etwas tun — mehr als bisher. Die Macht durchströmte seine Knochen mit der Urgewalt des Feuers. Noch mehr. Die Macht ließ sein Mark zu Eis erstarren. Etwas, um sie alle zu töten, alle auf einmal. Das süße Verderben in Saidin überrollte ihn wie ein Berg verfaulenden Unrats, der seine Seele unter sich begraben wollte. Er hob Callandor und zog Energie aus der Quelle, immer mehr und mehr, bis ihm schien, er müsse schreien, Schreie gefrorener Flammen ausstoßen. Er mußte sie alle töten.

Ganz oben unter der Decke, geradewegs über seinem Kopf, begann sich ein Luftwirbel zu bilden, drehte sich schneller, wirbelte in roten und schwarzen und goldenen Streifen um die eigene Achse. Dann brach der Wirbel in sich zusammen, kochte noch stärker auf, jaulte beim Herumwirbeln und wurde immer noch kleiner.

Schweiß rann Rand über das Gesicht, als er angestrengt nach oben blickte. Er hatte keine Ahnung, was das war, spürte aber, daß ihn unzählige Stränge der Macht mit dieser wirbelnden Masse verbanden. Sie hatte wirklich eine eigene Masse, und ihr Gewicht wurde immer größer, während sie in sich zusammensank. Callandor flammte immer heftiger und heller auf. Es war zu hell, um es noch ansehen zu können. Er schloß die Augen, und das Licht schien ihm durch die geschlossenen Lider zu brennen. Die Macht durchtobte ihn. Der rasende Strom drohte, ihn selbst, sein ganzes Wesen, mitzuschwemmen und in das Herumwirbeln hineinzuziehen. Er mußte loslassen. Er mußte. Er zwang sich, die Augen zu öffnen, und es war, als sehe er alle Gewitter der Welt auf einmal, auf die Größe eines Trolloc-Kopfes reduziert. Er mußte... mußte... mußte...

Jetzt. Der Gedanke trieb wie ein gackerndes Lachen am Rande seines Bewußtseins entlang. Er zertrennte die Stränge, die sich von ihm wegzogen, und ließ das Ding weiterwirbeln und jaulen wie ein Bohrer, der sich in einen Knochen hineinsägt. Jetzt.

Und dann zuckten die Blitze auf, rasten wie silberne Ströme nach links und rechts die Decke entlang. Ein Myrddraal trat aus einem Seitengang, und bevor er noch zurückweichen konnte, stachen ein halbes Dutzend flammender Speerspitzen von oben herunter und zerfetzten ihn. Die anderen Lichtströme rasten weiter, verteilten sich in jeden abzweigenden Korridor, wurden durch weitere ersetzt, und mehr und mehr Explosionen ertönten im Stein.

Rand fand keinen Hinweis darauf, was er getan hatte oder wie das zugehen mochte. Er konnte einfach nur dastehen und zittern unter dem Druck der Macht, die ihn erfüllte und dazu zwingen wollte, sie zu benützen. Selbst, wenn sie ihn dabei vernichtete. Er fühlte, wie Trollocs und Myrddraal starben, fühlte die Blitze zuschlagen und töten. Er konnte sie nun überall töten, überall auf der Welt. Das war ihm klar. Mit Callandor brachte er alles fertig. Und ihm war auch klar, daß er bei dem Versuch selbst genauso sicher sterben müßte.

Die Blitze verblaßten und erstarben mit den letzten der Schattenwesen. Die herumwirbelnde Masse stürzte mit einem lauten Schlag in sich zusammen, als die Luft hineinströmte. Doch Callandor gleißte immer noch wie die Sonne. Die Macht schüttelte ihn.

Moiraine war da, nur ein Dutzend Schritte entfernt, und sah ihn an. Ihr Kleid machte einen ordentlichen Eindruck. Jede Falte aus blauer Seide war am rechten Fleck, nur ein paar Strähnen ihres Haares waren verwirrt. Sie sah müde aus — und erschrocken. »Wie...? Was Ihr vollbracht habt, hätte ich nicht für möglich gehalten.« Lan erschien. Im Laufschritt kam er den Gang herauf, das Schwert in der Hand, das Gesicht blutverschmiert, die Kleidung zerrissen. Ohne den Blick von Rand zu wenden, streckte Moiraine eine Hand aus und brachte Lan kurz vor sich zum Stehen, ein gutes Stück von Rand entfernt. Als sei er so gefährlich, daß sich nicht einmal Lan ihm nähern dürfe. »Geht es... Euch gut, Rand?« Rand riß seinen Blick von ihr los, und er fiel auf den Körper eines dunkelhaarigen Mädchens, kaum mehr als ein Kind. Sie lag auf dem Rücken, die Augen weit aufgerissen und zur Decke gewandt, während Blut das Mieder ihres Kleides dunkel färbte. Traurig beugte er sich herunter und wischte ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Licht, sie ist doch nur ein Kind. Ich bin zu spät gekommen. Warum habe ich nicht früher angefangen? Ein Kind!