»Ich werde dafür sorgen, daß sich jemand um sie kümmert, Rand«, sagte Moiraine mit sanfter Stimme. »Ihr könnt ihr jetzt nicht helfen.« Seine Hand, mit der er Callandor hielt, zitterte derart, daß er das Schwert kaum noch halten konnte. »Hiermit kann ich alles vollbringen.« Seine Stimme klang sogar in den eigenen Ohren hart. »Alles!« »Rand!« sagte Moiraine mahnend.
Er wollte nicht hören. Die Macht erfüllte ihn. Callandor gleißte, und er war die Macht. Er lenkte Ströme in den Körper des Kindes hinein, suchte, probierte, bewegte sie in ihrem Innern herum. Sie stand schwankend und mit ruckartigen Bewegungen auf, die Arme und Beine unnatürlich steif.
»Rand, das könnt Ihr nicht tun! Nicht das!« Atmen. Sie muß atmen. Die Brust des Mädchens hob und senkte sich. Herz. Muß schlagen. Blut, daß bereits zähflüssig und dunkel war, quoll aus der Wunde an ihrer Brust. Lebe. Lebe, seng Dich! Ich wollte nicht zu spät kommen. Ihre Augen starrten ihn an. Verschleiert. Leblos. Unbeachtet rannen ihm Tränen über die Wangen. »Sie muß leben! Heilt sie, Moiraine. Ich weiß nicht, wie! Heilt sie!« »Den Tod kann man nicht heilen, Rand. Du bist nicht der Schöpfer.« Rand blickte in diese toten Augen und ließ langsam die Ströme der Macht absterben. Der Körper fiel steif zu Boden. Die Leiche. Er warf den Kopf zurück und heulte so wild wie ein Trolloc. Gebündelte Feuerstrahlen schlugen in Wände und Decke, als er sich enttäuscht und voller Schmerz Luft machte.
Er sackte in sich zusammen und ließ Saidin fahren, schob es weg von sich. Es war, als schiebe er einen Felsblock zur Seite, als schiebe er das Leben selbst von sich. Mit der Macht verließ ihn auch die Stärke. Nur dieses süße Verderben blieb wie ein Schmutzfleck, der ihn durch Dunkelheit und Schatten niederdrückte. Er mußte Callandor auf die Fußbodenkacheln stellen und sich daraufstützen, um auf den Beinen zu bleiben.
»Die anderen.« Das Sprechen fiel ihm schwer; sein Hals schmerzte. »Elayne, Perrin, alle die anderen? Kam ich für sie auch zu spät?« »Ihr seid nicht zu spät gekommen«, sagte Moiraine ruhig. Aber sie hatte sich ihm immer noch nicht genähert und Lan wirkte, als sei er bereit, sich zwischen sie und Rand zu werfen. »Ihr dürft nicht... « »Sind sie noch am Leben?« schrie Rand.
»Sie leben«, versicherte sie ihm.
Er nickte erschöpft und erleichtert zugleich. Er bemühte sich, die Leiche des Mädchens nicht mehr anzusehen. Drei Tage abgewartet wegen ein paar heimlicher Küsse. Hätte er vor drei Tagen bereits etwas unternommen... Und doch hatte er während dieser drei Tage einiges gelernt, was nützlich werden konnte, wenn er alles richtig verarbeitete und in den Griff bekam. Falls. Wenigstens war er nicht zu spät gekommen, was das Leben seiner Freunde betraf. Wenigstens das hatte er erreicht. »Wie sind die Trollocs hereingekommen? Ich glaube nicht, daß sie wie die Aiel die Mauern hochgeklettert sind. Außerdem war ja noch heller Tag. Wie spät ist es eigentlich?« Er schüttelte den Kopf, um ein wenig klarer denken zu können. »Spielt keine Rolle. Die Trollocs. Wie?« Lan war derjenige, der ihm darauf antwortete: »Acht große Getreideleichter machten diesen Nachmittag im Hafen des Steins fest. Offensichtlich hat niemand daran gedacht, sich zu fragen, wieso vollbeladene Getreideschiffe den Fluß hinunter fuhren« — seine Stimme triefte vor Verachtung — »oder warum sie gerade am Stein festmachten, oder warum die Besatzungen die Luken beinahe bis Sonnenuntergang geschlossen ließen. Dann erschien auch ein Planwagenzug, das war vor etwa zwei Stunden, mit dreißig Wagen, die angeblich die Einrichtung eines Lords vom Land zurücktransportierten, da dieser sich wieder im Stein niederlassen wolle. Als die Planen zurückgeschlagen wurden, steckten auch sie voll Trollocs und Halbmenschen. Falls sie noch aus einer anderen Richtung Verstärkung erhielten, habe ich das bisher nicht erfahren.« Rand nickte wieder, und selbst diese Anstrengung ließ ihn in die Knie gehen. Plötzlich war Lan bei ihm und zog Rands Arm über die eigene Schulter, um ihn zu stützen. Moiraine nahm sein Gesicht in die Hände. Ein Schauer durchlief ihn, nicht die eisige Kälte einer totalen Heilung, aber ein Schauer, die die Ermüdung mit sich nahm, als er verflog. Den größten Teil seiner Erschöpfung jedenfalls. Ein kleiner Teil verblieb, als habe er den ganzen Tag über mit der Hacke auf dem Tabaksfeld geschafft. Er zog seinen Arm von Lans Schultern, da er diese Stütze nun nicht mehr benötigte. Lan beobachtete ihn mißtrauisch, weil er wohl nicht sicher war, ob Rand wieder allein stehen konnte, oder vielleicht auch, weil der Behüter sich nicht im klaren darüber war, wie gefährlich und inwieweit er überhaupt noch normal sei.
»Ich habe absichtlich nicht alle Erschöpfung von Euch genommen«, sagte Moiraine zu ihm. »Ihr müßt unbedingt heute nacht schlafen.« Schlafen. Es gab zuviel zu tun, um einfach zu schlafen. Aber er nickte erneut. Er wollte nicht, daß sie ihn beschattete. Doch dann sagte er: »Lanfear war da. Das hier hatte aber nichts mit ihr zu tun. Das sagte sie, und ich glaube ihr. Ihr scheint nicht überrascht, Moiraine?« Wäre sie von Lanfears Angebot überrascht? Konnte überhaupt irgend etwas sie überraschen? »Lanfear war hier und ich habe mit ihr gesprochen. Sie hat nicht versucht, mich zu töten, und ich habe nicht versucht, sie zu töten. Und Ihr seid gar nicht überrascht.« »Ich bezweifle, daß Ihr in der Lage wärt, sie zu töten. Noch nicht.« Ihr Blick in Richtung Callandor war nicht mehr als ein kurzes Zucken ihrer Augen. »Nicht ohne Hilfe. Und ich bezweifle, daß sie Euch töten will. Wir wissen nur sehr wenig über die Verlorenen und über Lanfear am wenigsten von allen, aber es ist klar, daß sie Lews Therin Telamon liebte. Es wäre sicher vermessen, zu behaupten, Ihr wärt vor ihr sicher, denn es gibt eine Menge Dinge, mit denen sie Euch schaden könnte, ohne Euch gleich umzubringen, aber ich glaube nicht, daß sie versuchen wird, Euch zu töten, solange sie hofft, Lews Therin zurückzugewinnen.« Lanfear wollte ihn haben. Die Tochter der Nacht, deren Name von Müttern benützt wurde, die gerade soweit an ihre Existenz glaubten, um ihre Kinder damit zu erschrecken. Er hatte jedenfalls Angst vor ihr. Es reichte beinahe, ihn zum Lachen zu bringen. Er hatte immer Schuldgefühle, wenn er eine andere Frau ansah als Egwene, und Egwene wollte ihn gar nicht haben, aber zumindest die Tochter-Erbin von Andor wollte ihn küssen, und eine der Verlorenen behauptete, ihn zu lieben. Das reichte doch wirklich beinahe, um einen Mann zum Lachen zu bringen, aber eben doch nur beinahe. Lanfear schien auf Elayne eifersüchtig zu sein. Sie hatte sie eine Schlampe mit hellen Haaren genannt. Wahnsinnig. Reiner Wahnsinn.
»Morgen.« Er schritt langsam weg.
»Morgen?« fragte Moiraine.
»Morgen sage ich Euch, was ich zu unternehmen gedenke.« Einen Teil davon würde er ihr sagen. Wenn er sich Moiraines Gesicht vorstellte, falls er ihr alles sagte, hätte er am liebsten gelacht. Falls ihm selbst überhaupt alles klar war. Lanfear hatte ihm unbewußt den letzten Hinweis gegeben. Nur noch ein weiterer Schritt heute abend. Die Hand, die Callandor hielt, zitterte. Damit konnte er alles vollbringen. Ich bin noch nicht wahnsinnig. Nicht verrückt genug dafür. »Morgen. Eine gute Nacht uns allen, falls das Licht es gestattet.« Morgen würde er damit beginnen, eine andere Art von Blitz zu schleudern. Eine Art von Blitz, die ihn vielleicht retten konnte. Oder töten. Aber wahnsinnig war er jedenfalls noch nicht.