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Was im verborgenen liegt

Egwene, nur mit ihrem Unterhemd bekleidet, atmete tief ein und legte den Steinring neben ein geöffnetes Buch auf den Nachttisch. Er war fleckig und braun, rot und blau gestreift und etwas zu groß für einen Fingerring. Außerdem hatte er die falsche Form, war flach und verdreht, so daß man mit der Fingerspitze seinen Rand nachfahren konnte und ohne abzusetzen wieder dort ankam, wo man begonnen hatte. Es gab nur eine Kante, auch wenn das unmöglich schien. Sie ließ den Ring deshalb dort liegen, weil sie ohne ihn möglicherweise keinen Erfolg haben würde, weil sie gar keinen haben wollte. Sie mußte es früher oder später auch ohne den Ring ausprobieren, sonst würde sie ewig nur die Zehenspitzen ins Wasser baumeln lassen, obwohl sie eigentlich schwimmen wollte. Warum also nicht jetzt? Das war der einzige Grund. In der Tat der einzige.

Das dicke, ledergebundene Buch war Eine Reise nach Tarabon von Eurian Romavni aus Kandor. Wenn man den Daten gleich in der ersten Zeile glauben konnte, war es vor dreiundfünfzig Jahren verfaßt worden, aber in solch kurzer Zeit würde sich nicht zuviel Wesentliches in Tanchico geändert haben. Außerdem war es das einzige Buch unter den aufgefundenen, das einige nützliche Zeichnungen enthielt. Die meisten dieser Bücher enthielten lediglich die Portraits von Königen oder phantasievolle Schlachtengemälde von Künstlern, die sowieso nicht dabei gewesen waren.

Hinter beiden Fenstern lag Dunkelheit, aber die Lampen warfen genügend Licht in den Raum. Eine hohe Bienenwachskerze brannte in einem vergoldeten Kerzenhalter auf ihrem Nachttisch. Sie hatte Kerze und Halter selbst besorgt. Das war keine Nacht, in der man eine Dienerin nach einer Kerze schickt. Die meisten Angehörigen der Dienerschaft pflegten Verwundete, beweinten geliebte Menschen, die sie verloren hatten oder mußten sich selbst pflegen lassen. Es waren einfach zu viele gewesen, so daß sie nur diejenigen mit Hilfe der Macht hatten heilen können, die ansonsten gestorben wären.

Elayne und Nynaeve hatten ihre hochlehnigen Stühle auf jeder Seite an das Bett mit den hohen, mit Schwalbenschnitzereien verzierten Bettpfosten herangezogen und warteten. Sie bemühten sich, ihre Nervosität mehr oder weniger zu verbergen. Elayne machte äußerlich einen halbwegs ruhigen Eindruck, der nur durch ihre gerunzelte Stirn und das ständige Kauen auf ihrer Unterlippe etwas gestört wurde, obwohl sie das nur tat, wenn sie glaubte, daß Egwene gerade nicht hinsehe. Nynaeve wirkte hellwach und voller Selbstsicherheit. So flößte sie Vertrauen ein, wenn sie jemanden auf dem Krankenbett betreute, aber Egwene sah genauer hin und bemerkte auch ihre Blicke, die aussagten, daß Nynaeve Angst hatte.

Aviendha saß mit übergeschlagenen Beinen neben der Tür. Ihre graubraune Kleidung hob sich deutlich von dem tiefen Blau des Teppichs ab. Diesmal trug die Aielfrau ihr langes Messer an der einen Seite ihres Gürtels. An der anderen hing ein mit Pfeilen gespickter Köcher. Über die Knie hatte sie vier Kurzspeere gelegt. Ihr runder Lederschild lag neben ihr auf einem Hornbogen in einem gehämmerten Lederfutteral mit Riemen, mit denen sie es sich über den Rücken hängen konnte. Nach dem heutigen Abend würde Egwene ihr nie wieder vorwerfen, daß sie immer bewaffnet herumlief. Sie hätte am liebsten selbst noch immer einen Blitz bereitgehalten, um ihn jeden Augenblick auf einen Gegner schleudern zu können.

Licht, was war das, was Rand tat? Seng mich, er hat mir fast ebensoviel Angst eingejagt wie die Blassen. Oder noch mehr. Es ist nicht fair, daß er so etwas fertigbringt und ich noch nicht einmal die Stränge sehen kann.

Sie kletterte auf das Bett und nahm das ledergebundene Buch auf die Knie. Dann blickte sie stirnrunzelnd einen Stich mit einem Stadtplan von Tanchico an. Es war nicht viel Nützliches eingezeichnet. Ein Dutzend Festungen, die den Hafen umstanden und die Stadt auf ihren drei hügeligen Halbinseln schützten — Verana im Osten, Maseta in der Mitte und Calpene dem Meer am nächsten. Ein paar große Plätze, mehrere Flächen, die wohl Parks darstellen sollten und eine Anzahl von Denkmälern von Herrschern, die schon längst zu Staub verfallen waren. Alles nutzlos. Ein paar Schlösser und einige seltsam anmutende Dinge. Der Große Kreis auf Calpene zum Beispiel. Auf der Karte war er einfach als Ring eingezeichnet, aber Meister Romavni beschrieb ihn als riesigen Versammlungsort, an dem sich Tausende einfanden, um Pferderennen zu beobachten oder die Feuerwerke der Gilde zu bestaunen. Es gab auf Maseta auch einen Königskreis, und der war größer als der Große Kreis, und auf Verana gab es den Kreis der Panarchen, der auch nicht viel kleiner war. Das Gildehaus der Feuerwerker war ebenfalls eingezeichnet. Das war alles nutzlos. Und auch im Text fand sich nichts Brauchbares. »Bist du sicher, daß du es ohne den Ring versuchen willst?« fragte Nynaeve leise.

»Ganz sicher«, antwortete Egwene so ruhig sie eben konnte. Ihr Magen flatterte genauso gequält wie heute abend, als sie den ersten Trolloc gesehen hatte, der eine arme Frau am Haarschopf gehalten und ihr die Kehle durchgeschnitten hatte wie bei einem Kaninchen. Die Frau hatte auch wie ein Kaninchen gequiekt. Es hatte nichts gebracht, den Trolloc zu töten; die Frau war genauso tot gewesen. Nur ihr schrilles Schreien ging ihr nicht aus den Ohren. »Wenn es nicht klappt, kann ich es immer noch mit dem Ring probieren.« Sie beugte sich vor und kratzte mit dem Fingernagel eine Markierung in die Kerze. »Weckt mich, wenn sie so weit heruntergebrannt ist. Licht, ich wünschte, wir hätten eine Uhr.« Elayne lachte sie aus. Es klang bei ihr heiter und ungezwungen. Beinahe. »Eine Uhr in einem Schlafzimmer? Meine Mutter hat ein Dutzend Uhren, aber ich habe noch nie von einer Uhr in einem Schlafzimmer gehört.« »Also, mein Vater hat auch eine Uhr«, knurrte Egwene, »die einzige im ganzen Dorf, und ich wünschte, ich hätte sie jetzt hier. Glaubt ihr, sie wird eine Stunde brauchen, bis sie heruntergebrannt ist? Ich will nicht länger schlafen. Ihr müßt mich wecken, sobald die Flamme diese Markierung erreicht. Sofort!« »Das werden wir«, sagte Elayne beruhigend. »Ich verspreche es.« »Der Steinring«, sagte Aviendha plötzlich. »Da du ihn nicht benützt, Egwene, könnte dann nicht jemand — eine von uns — ihn benützen, um mit dir zu kommen?« »Nein«, seufzte Egwene. Licht, ich wünschte, sie würden alle mitkommen. »Aber trotzdem vielen Dank, daß du daran gedacht hast.« »Kannst nur du ihn benützen, Egwene?« fragte die Aielfrau.

»Jede von uns könnte das«, antwortete Nynaeve, »selbst du, Aviendha. Eine Frau muß dazu nicht die Macht benützen können. Sie muß nur schlafen, und der Ring sollte ihre Haut berühren. Soweit wir wissen, könnte auch ein Mann dasselbe fertigbringen. Aber wir alle kennen Tel'aran'rhiod nicht so gut wie Egwene, genausowenig wie die Naturgesetze dort.« Aviendha nickte. »Das verstehe ich. Eine Frau könnte Fehler begehen, wenn sie sich nicht auskennt, und ihre Fehler könnten sich auch für andere tödlich auswirken.« »Genau«, sagte Nynaeve. »Die Welt der Träume ist ein gefährlicher Ort. Soviel wissen wir.« »Aber Egwene wird vorsichtig sein«, versicherte Elayne. Sie sprach wohl zu Aviendha gewandt, aber offensichtlich waren die Worte für Egwenes Ohren bestimmt. »Sie hat es versprochen. Sie wird sich umsehen — vorsichtig! — und nicht mehr.« Egwene konzentrierte sich auf den Stadtplan. Vorsichtig. Wenn sie ihren verdrehten Steinring nicht so eifersüchtig bewacht hätte — sie betrachtete ihn als ihren Besitz, auch wenn ihr der Saal der Burg da nicht zugestimmt hätte, doch die wußten gar nicht, daß sie ihn hatte — wenn sie zugelassen hätte, daß Elayne und Nynaeve ihn mehr als nur ein- oder zweimal benutzt hätten, dann wüßten sie vielleicht genug, um sie jetzt zu begleiten. Doch es war nicht das Bedauern darüber, das sie die Blicke der anderen Frauen meiden ließ. Sie wollte nicht, daß sie die Furcht in ihren Augen bemerkten.