Da stand eine verwitterte kleine Statue einer Frau, anscheinend unbekleidet, doch in langes Haar gehüllt, das ihr bis auf die Knöchel herunter reichte, die sich äußerlich kaum von den anderen in ihrer Vitrine unterschied. Jede war nicht viel größer als ihre Hand. Aber diese eine vermittelte einen Eindruck von sanfter Wärme, den sie erkannte. Es war ein Angreal, da war sie sicher. Sie fragte sich, warum die Burg ihn der Panarchin nicht abgekauft hatte. Ein fein gearbeiteter Halsring und zwei Armringe aus stumpfem schwarzen Metall auf einem eigenen Ständer ließen sie schaudern. Sie spürte, daß Dunkelheit und Schmerz damit verbunden waren — alter, alter und doch scharfer Schmerz. In einem anderen Schaukasten lag ein silbriger Gegenstand wie ein dreizackiger Stern innerhalb eines Rings. Er bestand aus keiner ihr bekannten Substanz, weicher als Metall, verkratzt und mit tiefen Rillen, und er war sogar noch älter als die ältesten der Skelette. Aus zehn Schritt Entfernung konnte sie noch Stolz und Eitelkeit darin fühlen.
Ein Gegenstand kam ihr tatsächlich bekannt vor, obwohl sie nicht wußte, woher. Man hatte ihn in die äußerste Ecke einer Vitrine gesteckt, als sei der, der ihn dorthin gelegt hatte, nicht von seinem Wert überzeugt gewesen. Da lag also die obere Hälfte einer aus glänzend weißem Stein gearbeiteten Frauenfigur, die in einer gehobenen Hand eine Kristallkugel trug. Ihr Gesicht war voller Ruhe, Würde und weiser Autorität. In vollständigem Zustand wäre sie wohl einen Fuß hoch gewesen. Aber warum kam sie ihr so bekannt vor? Sie schien Egwene beinahe zuzurufen, daß sie sie in die Hand nehmen solle.
Erst als Egwenes Hand sich um die zerbrochene Statue schloß, wurde ihr bewußt, daß sie über das Seil geklettert war. So was Dummes, und dabei weiß ich noch nicht einmal, was es ist, sagte sie sich, aber es war bereits zu spät.
Als ihre Hand die Figur ergriff, durchströmte sie die Macht. Sie floß in die Statue und von dort wieder in sie zurück, immer hin und her. Die Kristallkugel flackerte von unregelmäßigen, grellen Lichtblitzen, und bei jedem Aufblitzen stachen Nadeln in ihr Hirn. Mit einem schmerzerfüllten Schluchzen ließ sie los und schloß beide Hände um ihren Kopf.
Die Kristallkugel zersprang, als die Figur auf den Fußboden fiel, und damit verschwanden auch die Nadeln aus ihrem Hirn. Zurück blieb nur eine dumpfe Erinnerung an Schmerzen, und außerdem war ihr so schlecht, daß ihre Knie zitterten. Sie schloß Augen zu, damit sie nicht sehen müßte, wie der ganze Saal zu schwanken schien. Die Statue mußte ein Ter'Angreal gewesen sein, aber warum hatte er ihr so weh getan, als sie ihn lediglich berührte? Vielleicht, weil er zerbrochen war? Möglicherweise konnte er in diesem unvollständigen Zustand nicht vollbringen, wozu er geschaffen worden war. Sie wollte sich gar nicht erst vorstellen, welchem Zweck er gedient hatte. Einen Ter'Angreal zu untersuchen war eine gefährliche Angelegenheit. Nun mußte er allerdings wohl endgültig zerbrochen und außer Gefecht sein. Zumindest hier in dieser Welt. Warum schien er mich zu rufen?
Das Schwindelgefühl verflog, und sie öffnete die Augen. Die Figur stand wieder in der Vitrine, und zwar im gleichen Zustand, in dem sie sie erblickt hatte. Seltsame Sachen passierten in Tel'aran'rhiod, aber das hier war doch noch etwas seltsamer, als ihr lieb war. Und außerdem war sie ja nicht deshalb hergekommen. Zuerst mußte sie aus dem Panarchenpalast herauskommen. Sie kletterte über das Seil zurück und eilte aus dem Saal, wobei sie sich bemühen mußte, nicht zu laufen.
Der Palast war natürlich gänzlich unbelebt. Jedenfalls war kein menschliches Leben darin festzustellen. In großen Brunnenbecken schwammen farbenprächtige Fische herum. Die Brunnen plätscherten in Innenhöfen, die von schlanken Säulengängen umsäumt waren, und über denen Balkone hingen, deren Steingeländer so fein gearbeitet waren, daß sie wie geklöppelte Spitzen wirkten. Auf dem Wasser trieben Wasserlilien und weiße Blumen von mehr als Tellergröße. In der Welt der Träume waren die Gebäude und Orte genauso wie in Wirklichkeit. Nur eben die Menschen nicht. In den Fluren standen wundervoll verzierte goldene Lampenhalter. Die Dochte waren neu und hatten noch nie gebrannt, doch sie konnte das parfümierte Öl der Lampen riechen. Ihre Schritte wirbelten kein bißchen Staub von den bunten Teppichen auf, die man doch hier sicherlich nicht ausgeklopft hatte.
Einmal sah sie eine andere Person, die ein Stück vor ihr herschritt. Es war ein Mann in einem vergoldeten und kunstvoll verzierten Schuppenpanzer, der einen spitzen, goldenen Helm mit weißen Reiherfedern unter dem Arm trug. »Aeldra?« rief er lächelnd. »Aeldra, komm, schau mich an. Ich bin zum Lordhauptmann der Legion der Panarchin ernannt worden. Aeldra?« Er ging noch einen Schritt weiter, rief noch einmal und war plötzlich nicht mehr da. Kein Träumer. Noch nicht einmal jemand, der einen Ter'Angreal benützte wie ihren Steinring oder Amicos Eisenscheibe. Nur ein Mann, dessen Traum einen Ort berührt hatte, von dem er überhaupt nichts wußte und der Gefahren enthielt, von denen er keine Ahnung hatte. Menschen, die unerwartet im Schlaf starben, hatten sich oft nach Tel'aran'rhiod hineingeträumt und waren in Wirklichkeit hier gestorben. Er war aber wieder draußen und in einen normalen Traum zurückgekehrt.
Neben ihrem Bett in Tear brannte die Kerze immer weiter herunter. Ihre Zeit in Tel'aran'rhiod verrann.
Sie beschleunigte ihre Schritte und kam an eine hohe geschnitzte Tür, die nach draußen führte auf breite weiße Treppen und weiter zu einem riesigen, leeren Vorplatz. Tanchico erstreckte sich in allen Richtungen über steil ansteigende Hügel. Überall glänzten weiße Gebäude im Sonnenschein, dazu Hunderte von schlanken Türmchen und beinahe genauso viele spitz zulaufende Kuppeln, von denen einige vergoldet waren. Der Kreis der Panarchin, eine hohe, rund verlaufende weiße Steinmauer, war von hier aus gut zu sehen. Er befand sich vielleicht eine halbe Meile entfernt und war ein wenig niedriger als der Palast. Der Panarchenpalast erhob sich auf einem der höchsten Hügel. Vom oberen Ende der breiten Treppe aus, hoch auf der Hügelkuppe, konnte sie im Westen Wasser glänzen sehen, wo tief eingeschnittene Buchten sie von den anderen hügligen Landfingern trennten, auf denen die übrige Stadt lag. Tanchico war größer als Tear, vielleicht sogar größer als Caemlyn.
So vieles, was sie alles absuchen mußte, und dabei wußte sie noch nicht einmal, wonach sie suchte. Nach irgend etwas, das auf die Gegenwart der Schwarzen Ajah hinwies oder irgendeine Gefahr für Rand anzeigte, falls die hier existierte. Wäre sie bereits ein echter Träumer und im Gebrauch ihres Talents geschult, dann hätte sie bestimmt gewußt, wonach sie suchen mußte oder wie sie das Gesehene auslegen konnte. Aber es gab niemanden mehr, die sie darin unterrichten konnte. Die Weisen Frauen der Aiel konnten dem Hörensagen nach Träume deuten. Aviendha hatte so sehr gezögert, ihnen etwas über die Weisen Frauen zu erzählen, daß sie erst gar keine andere Aielfrau danach gefragt hatte. Vielleicht könnte ihr eine Weise Frau das Notwendige beibringen. Falls sie eine fand.