Sie tat einen Schritt auf den Vorplatz zu und befand sich mit einemmal woanders.
Um sie herum erhoben sich hohe Felsnadeln, und die Hitze sog jedes bißchen Feuchtigkeit aus ihrem Atem. Die Sonne schien sie durch ihr Kleid hindurch rösten zu wollen, und der Wind, der ihr Gesicht streichelte, kam wohl aus einem Backofen. Geduckte Bäume standen hier und da in einer Landschaft, die sonst kaum noch Pflanzenwuchs aufwies. Nur an ein paar Stellen hielt sich noch etwas zähes Gras und dazu einige wenige stachlige Pflanzen, die sie nicht kannte. Den Löwen allerdings erkannte sie, obgleich sie noch nie einen gesehen hatte. Er lag in einer Felsspalte keine zwanzig Schritt entfernt. Der Schwanz mit der schwarzen Quaste am Ende zuckte lässig, als das Tier nicht sie, sondern etwas anderes beobachtete, was sich hundert Schritt weiter entfernt befand. Der große, mit borstigem Haar bedeckte Keiler schnüffelte und grub an der Wurzel eines Dornbusches und bemerkte die Aielfrau gar nicht, die sich mit stoßbereitem Speer anschlich. Sie war wie die Aiel im Stein gekleidet, hatte die Schufa um den Kopf gewickelt, das Gesicht aber nicht bedeckt.
Die Wüste, staunte Egwene ungläubig. Ich bin in die Aiel-Wüste gesprungen! Wann lerne ich endlich, auf das achtzugeben, was ich hier denke?
Die Aielfrau erstarrte. Ihr Blick war nun auf Egwene gerichtet und nicht mehr auf den Keiler. Falls es ein Keiler war; irgendwie erschien ihr seine Gestalt nicht ganz richtig geformt.
Egwene war sicher, daß die Frau keine Weise Frau war. Sie war auch nicht wie eine Tochter des Speers gekleidet, die eine Weise Frau werden wollte und dafür ›den Speer aufgab‹, wie man es Egwene geschildert hatte. Das mußte also lediglich eine Aielfrau sein, die ihren Weg im Traum nach Tel'aran'rhiod gefunden hatte, genau wie dieser Bursche im Palast. Er hätte sie auch gesehen, wenn er sich umgedreht hätte. Egwene schloß die Augen und konzentrierte sich auf den einzigen klaren und deutlichen Eindruck aus Tanchico, den sie im Gedächtnis hatte: dieses riesige Skelett im großen Saal.
Als sie die Augen wieder öffnete, fiel ihr Blick direkt auf das mächtige Knochengerüst. Man hatte die Knochen mit Draht aneinander befestigt. Diesmal bemerkte sie eine solche Einzelheit. Es war sehr geschickt gemacht, so daß man die Drähte kaum sah. Die halbe Statue mit ihrer Kristallkugel lag immer noch in ihrer Vitrine. Sie ging nicht in ihre Nähe und wagte sich auch nicht näher an den schwarzen Halsring mit den beiden Armbändern heran, von denen soviel Schmerz und Leid ausstrahlte. Der Angreal, diese Frauenfigur, stellte eine Versuchung dar. Und was fängst du damit an? Licht, du bist hergekommen, um dich umzusehen und zu suchen! Nicht mehr als das. Mach endlich weiter damit, Frau!
Diesmal fand sie schnell wieder auf den Vorplatz hinaus. Hier verging die Zeit anders als in der Welt der Wirklichkeit; Elayne und Nynaeve würden sie bald aufwecken, und sie hatte noch nicht einmal angefangen. Sie durfte keine Minute mehr verschwenden. Und sie mußte sich in acht nehmen, damit sie nicht wieder etwas dachte, was sie an einen anderen Ort beförderte. Nicht mehr an die Weisen Frauen denken. Selbst dieser Gedanke ließ die Welt um sie herum bereits wieder erzittern. Konzentriere dich auf das, was zu tun ist, sagte sie sich entschlossen.
Sie machte sich auf den Weg durch die menschenleere Stadt, schritt schnell aus und manchmal lief sie beinahe. Die gewundenen Pflasterstraßen zogen sich die Abhänge hoch und wieder herunter, kurvten einmal nach rechts und dann wieder nach links, und die einzigen Lebewesen, die sich ihr dort zeigten, waren Tauben mit grünen Schwanzfedern und blaßgraue Möwen, die sich bei jeder Annäherung in ganzen Schwärmen unter hallendem Flügelschlag in die Luft erhoben. Warum Vögel, aber keine Menschen? Fliegen summten vorbei, und im Schatten sah sie Asseln und Käfer herumkriechen. Ein Rudel abgemagerter Hunde, alle verschiedenfarbig, rannte ein Stück vor ihr über die Straße. Warum Hunde?
Sie riß sich zusammen und dachte wieder an den eigentlichen Zweck ihres Kommens. Was wäre wohl ein Anzeichen für die Anwesenheit Schwarzer Ajah? Oder eines für diese Gefahr, die Rand angeblich bedrohte? Die meisten der weißen Gebäude waren verputzt, doch der Putz war rissig und abgesprungen, und es zeigten sich an vielen Stellen verwittertes Holz oder blaßbraune Backsteine darunter. Nur die Türme und die größeren Bauwerke, die sie für Paläste hielt, bestanden aus Stein und waren ebenfalls weiß. Aber selbst ihre Steine zeigten bereits winzige Risse, wohl noch zu klein, um mit bloßem Auge erkennbar zu sein, doch mit Hilfe der Macht spürte sie alle auf. Wie Spinnweben überzogen sie Kuppeln und Türme. Vielleicht hatte das etwas zu bedeuten. Vielleicht bedeutete es, daß die Einwohner Tanchicos sich nicht genug um ihre Stadt kümmerten. Das war genauso wahrscheinlich wie jede andere Deutung. Sie fuhr mächtig zusammen, als plötzlich ein schreiender Mann direkt vor ihr vom Himmel fiel. Sie hatte gerade noch genug Zeit, um seine weißen Pumphosen und den dicken, von einem Haarnetz festgehaltenen Schnurrbart zu bemerken, und dann verschwand er wieder, nur einen Schritt über dem Straßenpflaster. Wäre er hier in Tel'aran'rhiod auf dem Pflaster aufgeschlagen, hätte man ihn zu Hause tot im Bett aufgefunden.
Der hat wahrscheinlich genausoviel mit dem allem zu tun wie die Käfer, sagte sie sich.
Vielleicht fand sie etwas innerhalb der Gebäude. Die Chance war nur gering, die Hoffnung schwach, doch sie war verzweifelt genug, um alles zu versuchen. Fast alles. Zeit. Wie lange hatte sie noch? Sie fing an, von Tür zu Tür zu rennen, und steckte den Kopf in sämtliche Läden und Schenken und Wohnhäuser.
Tische und Bänke standen in den Schankräumen und warteten auf Gäste. Alles stand bereit — auch die Zinnkrüge und Teller auf ihren Regalen. Die Läden waren so ordentlich aufgeräumt, als hätten die Inhaber gerade erst frühmorgens ihre Geschäfte geöffnet, doch während auf den Tischen eines Schneiders Tuchballen lagen und bei einem Eisenwarengeschäft Messer und Scheren ausgelegt waren, hingen bei einem Metzger keinerlei Fleischstücke an den Haken, und der Ladentisch war leer. Wenn sie mit dem Finger irgendwo entlangfuhr, blieb allerdings kein Staubkörnchen daran hängen. Es war überall so sauber, daß selbst ihre Mutter zufrieden gewesen wäre. An den engeren Gassen standen die Wohnhäuser, kleine, einfache, weißgetünchte Gebäude mit flachen Dächern. Zur Straße zu hatten sie keine Fenster. Alles war bereit, daß nur noch die Familien eintreten mußten und sich auf die Bänke an den erkalteten Kaminen oder an die schmalen Tische mit den geschnitzten Beinen setzen, auf denen das beste Geschirr der Hausfrau stand. Kleider hingen an ihren Haken, Töpfe waren an den Decken der Küchen aufgehängt, und auf Bänken lagen Werkzeuge bereit und warteten.
Einmal hatte sie das Gefühl, zurückgehen und nochmals nachsehen zu müssen. Also schritt sie ein Dutzend Türen entlang den gleichen Weg zurück und blickte ein zweites Mal in ein Haus hinein, das in der wirklichen Welt wohl einer Frau gehörte. Alles war fast genauso wie vorher. Fast. Wo vorher auf dem Tisch eine rotgestreifte Schüssel gestanden hatte, befand sich jetzt eine schlanke blaue Vase. Auf einer der Bänke in der Nähe des Kamins hatten zuvor ein kaputtes Kummet und einige Werkzeuge zur Reparatur bereitgelegen, doch nun stand sie an der Tür und darauf lagen ein Handarbeitskörbchen und ein Kinderkleid mit schönen Stickereien.
Warum hat es sich geändert? fragte sie sich. Aber andererseits, warum sollte es unverändert bleiben? Licht, ich weiß wirklich gar nichts!
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich ein Stall. Der weiße Verputz hatte große Lücken, durch die Backsteinmauern sichtbar waren. Sie schlenderte hinüber und öffnete einen der breiten Türflügel. Der ansonsten blanke Erdboden war von Stroh bedeckt, genau wie in jedem anderen Stall, aber die Boxen standen leer. Keine Pferde. Warum? Etwas raschelte im Stroh, und ihr wurde klar, daß die Boxen doch nicht gänzlich leer waren. Ratten. Dutzende von Ratten blickten sie furchtlos an und streckten die Schnauzen schnuppernd in die Luft. Keine einzige Ratte rannte fort oder scheute auch nur vor ihr zurück. Sie verhielten sich, als hätten sie hier mehr Rechte als sie. Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück. Tauben und Möwen und Hände, Fliegen und Ratten. Vielleicht wüßte eine Weise Frau, was das alles zu bedeuten hat.