Sie segelte wie ein Falke über die Dächer, über Paläste und Herrenhäuser, über einfache Wohnhäuser und Geschäfte, Lagergebäude und Stallungen. Sie glitt an Kuppeln mit goldenen Spitzen und bronzenen Wetterhähnen vorbei, an Türmen mit beinahe freischwebenden Steinbalkonen. Auf den Stellplätzen warteten die Planwagen abfahrbereit. Schiffe drängten sich im großen Hafen und in den Wasserfingern, die sich zwischen die Halbinseln der Stadt schoben. Sie lagen vertäut an den Kaimauern. Alles schien in ziemlich schlechtem Zustand, von den Planwagen angefangen bis zu den Schiffen. Doch nichts von dem Gesehenen deutete irgendwie auf die Schwarzen Ajah hin. Jedenfalls, soweit sie es erkennen konnte.
Sie überlegte, ob sie sich Liandrin vorstellen solle. Sie kannte dieses Puppengesicht nur zu gut, mit der Unzahl goldener Zöpfe, den selbstzufrieden dreinblickenden braunen Augen und dem spöttisch verzogenen Rosenknospenmund. Wenn sie sich die Schwarze vorstellte, würde sie vielleicht dorthin gezogen, wo diese sich befand. Aber wenn es klappte, fand sie vielleicht Liandrin und die anderen ebenfalls in Tel'aran'rhiod vor. Darauf war sie noch nicht vorbereitet.
Mit einemmal wurde ihr klar, daß sie ja die Schwarzen Ajah, falls sich eine davon im Tanchico von Tel'aran'rhiod aufhielt, geradezu auf sich aufmerksam machte. Jeder, der auch nur einen Moment lang zum Himmel aufblickte, würde eine fliegende Frau entdecken, und noch dazu eine, die nicht nach ein paar Augenblicken wieder verschwand. Ihr flüssiges Dahinschweben stockte, und sie flog niedriger, unter der Dachgrenze, langsamer als vorher, aber immer noch schneller, als ein Pferd galoppieren konnte. Vielleicht flog sie ihnen nun direkt in die Arme, aber nur dasitzen und auf sie warten konnte sie nicht.
Dumme Gans! ging sie mit sich selbst zornig ins Gericht. Närrin! Mittlerweile wissen sie vielleicht, daß ich hier bin. Möglich, daß die Falle für mich schon bereit ist. Sie überlegte, ob sie einfach aus dem Traum aussteigen und zu ihrem Bett in Tear zurückkehren sollte, aber sie hatte ja immer noch nichts gefunden. Falls es überhaupt etwas zu finden gab.
Plötzlich stand eine hochgewachsene Frau vor ihr auf der Straße. Sie war schlank, obwohl sie einen bauschigen braunen Rock trug und darüber eine lose hängende weiße Bluse. Um die Schultern lag eine braune Stola, und um die Stirn hatte sie einen Schal gewickelt, der das weiße Haar zurückhielt, das ihr bis zur Taille hinunterreichte. Zu dieser einfachen Kleidung trug sie jedoch eine Menge Halsketten und Armreifen aus Gold oder Elfenbein oder beidem. Sie stemmte die Fäuste in die Hüften und sah Egwene mit gerunzelter Stirn an.
Noch so eine närrische Frau, die sich an einen Ort geträumt hat, wo sie gar nicht sein sollte, und die nun ihren Augen nicht traut, dachte Egwene. Sie hatte Beschreibungen aller Frauen, die mit Liandrin gegangen waren, und diese Frau entsprach keiner davon. Doch sie verschwand nicht einfach wieder, sondern blieb stehen, als Egwene schnell näher kam. Warum verschwindet sie nicht? Warum...? O Licht! Das ist ja...! Sie griff überhastet nach Strängen der Macht, um Blitze daraus zu weben oder die Frau mit verfestigter Luft zu fesseln, aber in ihrer Eile und Überraschung verhedderte sie sich selbst darin.
»Stellt Eure Füße endlich auf den Boden, Mädchen«, kommandierte die Frau. »Ich hatte schon genug Schwierigkeiten damit, Euch wiederzufinden, ohne daß Ihr auch noch wie ein Vogel wegflattern müßt, wenn ich es endlich geschafft habe.« Plötzlich endete Egwenes Flug. Ihre Füße schlugen hart auf dem Pflaster auf, und sie kam ins Taumeln. Es war die Stimme der Aielfrau, doch dies hier war eine ältere Frau. Nicht ganz so alt, wie Egwene zuerst geglaubt hatte, da sie viel jünger aussah, als ihr weißes Haar andeutete, aber bei der Stimme und diesen scharf blickenden blauen Augen war sie sicher, daß es sich um dieselbe Frau handelte. »Ihr seid... anders«, sagte sie.
»Hier könnt Ihr sein, was Ihr wollt.« Die Frau klang verlegen, wenn auch nur ein wenig. »Manchmal erinnere ich mich gern... Aber das ist unwichtig. Ihr kommt von der Weißen Burg? Es ist schon lange her, daß sie eine Traumgängerin hatten. Sehr lange. Ich bin Amys von der Neun-Täler-Septime der Taardad Aiel.« »Ihr seid eine Weise Frau? Tatsächlich! Und Ihr kennt Euch mit Träumen aus, kennt Tel'aran'rhiod! Ihr könnt... Ich heiße Egwene. Egwene al'Vere. Ich...« Sie holte tief Luft. Amys wirkte nicht wie eine Frau, die man anlügen sollte. »Ich bin eine Aes Sedai. Von den Grünen Ajah.« Amys Gesichtsausdruck änderte sich nicht. Höchstens vertieften sich die Fältchen um ihre Augen ein wenig. Sie war wohl doch etwas skeptisch. Egwene sah kaum alt genug aus, um bereits zur Aes Sedai erhoben worden zu sein. Sie sagte dann aber nur: »Ich wollte Euch eigentlich nur in Eurer Haut stehenlassen, bis Ihr mich um angemessene Kleidung bittet. Einfach Cadin'sor anzuziehen, als wärt Ihr... Ihr habt mich damit überrascht, daß Ihr euch losreißen und meinen Speer gegen mich selbst wenden konntet. Aber Ihr seid noch ungeschult, nicht wahr, wenn auch sehr stark. Sonst wärt Ihr nicht so plötzlich in meine Jagd hineingeplatzt, wo Ihr offensichtlich gar nicht landen wolltet. Und diese Herumfliegerei? Seid Ihr nach Tel'aran'rhiod gekommen, wirklich nach Tel'aran'rhiod! —, um diese Stadt zu besichtigen, wie sie auch heißen mag?« »Das ist Tanchico«, sagte Egwene mit schwacher Stimme. Sie wußte es nicht! Aber wie war Amys ihr dann überhaupt gefolgt und hatte sie gefunden? Es war klar, daß sie bei weitem mehr über die Welt der Träume wußte als sie. »Ihr könnt mir helfen. Ich versuche, Frauen aufzuspüren, die zu den Schwarzen Ajah gehören. Schattenfreunde. Ich glaube, daß sie hier sind, und falls das stimmt, muß ich sie finden.« »Dann existiert sie also wirklich.« Amys flüsterte diese Worte fast. »Eine Ajah von Schattenläufern in der Weißen Burg.« Sie schüttelte den Kopf. »Ihr seid wie ein Mädchen, das gerade dem Speer angetraut wurde, und das nun glaubt, sie müßte mit Männern ringen und Berge überspringen. Für sie bedeutet das lediglich ein paar Schrammen und eine wertvolle Lektion, was Demut bedeutet. Für Euch könnte es den Tod bedeutet.« Amys sah sich unter den weißen Gebäuden in ihrer Nachbarschaft um und verzog das Gesicht. »Tanchico? In... Tarabon? Diese Stadt liegt im Sterben. Sie frißt sich selbst auf. Es gibt eine Dunkelheit hier, etwas Böses. Schlimmer, als Männer anrichten können. Oder auch Frauen.« Sie blickte Egwene forschend an. »Ihr könnt es nicht sehen oder fühlen, ja? Und Ihr wollt Schattenläufer in Tel'aran'rhiod jagen.« »Etwas Böses?« fragte Egwene schnell. »Das könnten sie sein. Seid Ihr sicher? Wenn ich Euch sage, wie sie aussehen, könnt Ihr dann sicher sein, daß es sie waren? Ich kann sie beschreiben. Eine kann ich Euch sogar bis hin zum kleinsten Zopf beschreiben.« »Ein Kind«, murmelte Amys, »das von seinem Vater unbedingt jetzt gleich einen silbernen Armreif haben möchte, obwohl es weder vom Handel noch von der Anfertigung von Armreifen etwas versteht. Ihr müßt noch soviel lernen. Viel mehr, als ich jetzt auch nur beginnen kann, Euch beizubringen. Kommt ins Dreifache Land. Ich werde unter den Clans die Weisung verbreiten, daß man eine Aes Sedai namens Egwene al'Vere zu mir in die Kaltfelsenfestung bringt. Gebt Euren Namen an und zeigt Euren Ring mit der Großen Schlange, dann läßt man Euch sicher durch. Ich bin jetzt nicht dort, aber ich werde aus Rhuidean zurückkehren, bevor Ihr ankommt.« »Bitte, Ihr müßt mir helfen. Ich muß einfach wissen, ob sie hier sind. Ich muß es wissen.« »Aber ich kann es Euch nicht sagen. Ich kenne weder sie noch diesen Ort, dieses Tanchico. Ihr müßt zu mir kommen. Was Ihr tut, ist gefährlich, viel gefährlicher, als Ihr annehmt. Ihr müßt... Wohin wollt Ihr? Bleibt!« Irgend etwas schien Egwene zu packen und sie in die Dunkelheit hineinzuziehen.