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»Es war nichts, was sie wirklich gesehen hat, um genau zu sein«, sagte Egwene bedächtig. »Ich glaube, sie hat es nicht gesehen. Sie sagte, in Tanchico lauere etwas Böses. Schlimmer, als es Menschen erfinden können. Es könnten die Schwarzen Ajah sein. Fang jetzt bitte keinen Streit an, Nynaeve«, fügte sie mit Entschlossenheit in der Stimme hinzu. »Träume muß man irgendwie deuten. Es könnte doch sehr wohl so sein.« Nynaeve hatte die Stirn gerunzelt, sobald Egwene etwas Böses in Tanchico erwähnt hatte, und aus dem bloßen Stirnrunzeln wurde ein wütender Blick, als Egwene ihr sagte, sie solle nicht streiten. Manchmal hätte Elayne am liebsten beide Frauen kräftig geschüttelt. So mischte sie sich schnell ein, bevor eine von beiden explodierte: »Es könnte durchaus sein, Egwene. Du hast also doch etwas gefunden. Mehr als Nynaeve oder ich glaubten. Stimmt's, Nynaeve? Glaubst du nicht auch?« »Könnte sein«, gab Nynaeve mürrisch zu.

»Es könnte sein.« Egwene klang auch nicht gerade glücklich. Sie atmete tief durch. »Nynaeve hat recht. Ich muß mehr über das erfahren, was ich tue. Wenn ich mir meines Weges sicher wäre, müßte mir niemand etwas über das Böse erzählen. Ich hätte vielleicht sogar das Zimmer finden können, in dem Liandrin wohnt, wo immer das auch sein mag. Amys kann mich unterrichten. Deshalb... Deshalb muß ich zu ihr.« »Zu ihr?« Nynaeve hörte sich entsetzt an. »In die Wüste?« »Aviendha kann mich direkt zu dieser Kaltfelsenfestung bringen.« Egwenes Blick, halb trotzig und halb ängstlich, wanderte von Elayne zu Nynaeve und zurück. »Wenn ich sicher wäre, daß sie in Tanchico sind, würde ich euch nicht allein hinlassen. Falls ihr euch dazu entschließt. Aber wenn mir Amys hilft, kann ich vielleicht herausbekommen, wo sie sind. Vielleicht kann ich... Das ist eben der springende Punkt: Ich weiß nicht einmal, was ich alles kann, nur bin ich sicher, es wird viel mehr sein als jetzt im Augenblick. Es ist ja nicht so, daß ich euch im Stich lassen will. Ihr könnt den Ring mitnehmen. Ihr kennt den Stein ja gut genug, daß ihr in Tel'aran'rhiod hierher zurückkehren könnt. Ich kann zu euch nach Tanchico kommen. Was ich auch bei Amys lerne, kann ich euch dann auch beibringen. Bitte sagt mir doch, daß ihr mich versteht. Ich kann soviel von Amys lernen und es dann benützen, um euch zu helfen. Das ist dann so, als würden wir alle drei von ihr unterrichtet. Eine Traumgängerin, eine Frau, die Bescheid weiß! Liandrin und die anderen werden dagegen wie Kinder dastehen; sie wissen kein Viertel von dem, was wir wissen.« Sie kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe herum. »Ihr glaubt doch nicht, daß ich euch im Stich lassen will, oder? Wenn es so ist, gehe ich nicht hin.« »Natürlich mußt du hingehen«, sagte Elayne zu ihr. »Ich werde dich vermissen, aber niemand hat uns versprochen, daß wir zusammenbleiben könnten, bis das alles vorbei ist.« »Aber ihr zwei... allein... Ich sollte mit euch kommen. Wenn sie sich wirklich in Tanchico aufhalten, sollte ich bei euch sein.« »Unsinn«, sagte Nynaeve kurz angebunden. »Du brauchst dringend eine richtige Ausbildung. Das wird uns auf lange Sicht viel mehr helfen als deine Anwesenheit in Tanchico. Und dabei wissen wir ja noch nicht einmal, ob sie sich wirklich dort aufhalten. Wenn es der Fall ist, ergänzen Elayne und ich uns sehr gut, aber vielleicht kommen wir auch dort an und finden heraus, daß dieses Böse lediglich der Krieg ist. Das Licht weiß, daß ein Krieg für jedermann schon böse genug sein sollte. Vielleicht sind wir schneller wieder in der Burg als du. Du mußt in der Wüste sehr vorsichtig sein«, fügte sie in geschäftsmäßigem Tonfall hinzu. »Es ist gefährlich dort. Aviendha, du wirst doch auf sie aufpassen?« Bevor die Aielfrau den Mund zur Antwort aufbekam, klopfte es an die Tür, und Moiraine trat, ohne zu warten, ein. Die Aes Sedai erfaßte sie alle mit einem Blick, der abwog, abschätzte und überdachte, was sie wohl getan hatten, doch nicht einmal ein Wimpernzucken verriet, zu welchem Schluß sie gekommen war. »Joiya und Amico sind tot«, verkündete sie lapidar.

»War das dann vielleicht der Grund für den Angriff?« fragte Nynaeve. »All das nur, um sie zu töten? Oder sie vielleicht dann zu töten, wenn man sie nicht befreien konnte? Ich bin sicher, daß Joiya nur deshalb soviel Selbstvertrauen zeigte, weil sie erwartete, gerettet zu werden. Sie muß eben doch gelogen haben. Ich habe ihrer Reue niemals getraut.« »Es war wohl nicht das Hauptziel des Angriffs«, erwiderte Moiraine. »Der Hauptmann war klug genug, während des Angriffs seine Männer unten in den Kerkern zusammenzuhalten. Sie haben dort keinen einzigen Trolloc oder Myrddraal angetroffen. Aber hinterher fanden sie die beiden tot auf. Jeder war ziemlich grob die Kehle durchgeschnitten worden. Nachdem man ihre Zunge an die Zellentür genagelt hatte.« Sie hätte ihrem Tonfall nach genausogut über ein Kleid sprechen können, das genäht werden mußte.

Elayne drehte sich bei der nüchternen Beschreibung fast der Magen herum. »Das hätte ich ihnen nicht gewünscht. Nicht so was. Das Licht leuchte ihren Seelen.« »Sie haben ihre Seelen vor langer Zeit dem Schatten verkauft«, sagte Egwene grob. Aber auch sie preßte beide Hände auf den Bauch. »Wie... wie ist das denn geschehen? Graue Männer?« »Ich bezweifle, daß selbst Graue Männer das fertiggebracht hätten«, sagte Moiraine trocken. »Es scheint, daß der Schatten noch Dinge auf Lager hat, die wir nicht kennen.« »Ja.« Egwene strich ihr Kleid glatt, das sie schnell übergeworfen hatte, und bemühte sich um einen ruhigen Tonfall. »Wenn man gar nicht erst versucht hat, sie zu retten, dürfte das bedeuten, daß beide die Wahrheit gesagt haben. Sie wurden getötet, weil sie geplaudert hatten.« »Oder um sie davon abzuhalten«, fügte Nynaeve grimmig hinzu. »Wir können nur hoffen, daß niemand weiß, was sie uns gesagt haben. Vielleicht hat Joiya wirklich etwas bereut, aber ich glaube nicht daran.« Elayne schluckte, als sie daran dachte, wie es wohl sei, in einer Zelle zu sitzen, und dann drückte jemand ihr Gesicht an die Tür, zerrte ihre Zunge heraus und... Sie schauderte, brachte aber wenigstens heraus: »Vielleicht hat man sie einfach deshalb umgebracht, weil man sie bestrafen wollte, daß sie sich gefangennehmen ließen.« Sie sprach ihren anderen Gedanken lieber nicht aus, daß man sie getötet haben könnte, damit sie glaubten, was Joiya und Amico ihnen gesagt hatten. Sie waren sich so schon nicht sicher, was sie unternehmen sollten. »Drei Möglichkeiten, und nur eine davon schließt ein, daß die Schwarzen Ajah wußten: Joiya und Amico haben ausgesagt. Da alle drei gleich wahrscheinlich sind, spricht einiges dafür, daß sie keine Ahnung haben.« Egwene und Nynaeve wirkten schockiert. »Um sie zu bestrafen?« sagte Nynaeve ungläubig.

In vieler Hinsicht waren beide zäher und härter als sie, und deshalb bewunderte sie die beiden auch, aber sie waren nicht im Schatten der ständigen Intrigen am Hof in Caemlyn aufgewachsen und hatten nicht die grausamen Folgen mitbekommen, wenn die Adligen aus Cairhien und Tear das Spiel der Häuser gespielt hatten.

»Ich glaube, die Schwarzen Ajah lassen niemandem auch nur den geringsten Fehler irgendwelcher Art durchgehen«, sagte sie zu ihnen. »Ich kann mir vorstellen, daß Liandrin so etwas angeordnet hat. Joiya wäre das sicher auch nicht schwer gefallen.« Moiraine warf ihr einen kurzen, anerkennenden Blick zu.

»Liandrin«, sagte Egwene mit absolut ausdrucksloser Stimme. »Ja, ich kann mir vorstellen, wie Liandrin oder Joiya einen solchen Befehl geben.« »Ihr hattet sowieso nicht mehr viel Zeit, sie zu verhören«, sagte Moiraine. »Morgen mittag hätten sie sich auf dem Schiff befunden.« In ihrer Stimme schwang ein wenig Zorn mit. Elayne wurde klar, daß Moiraine den Tod der Schwarzen Schwestern auch als eine Flucht vor der Gerechtigkeit ansah. »Ich hoffe, Ihr entscheidet Euch bald. Nach Tanchico oder zur Burg?« Elaynes Blick traf den Nynaeves, und sie nickte leicht.